„Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt; dem will er seine Wunder weisen in Berg und Wald und Strom und Feld.“
— Joseph von Eichendorff
Anlauf nehmen: Ein Wiedersehen mit der Halbinsel und der Ruf der 100 Meilen
Istrien ist für mich längst mehr als nur eine malerische Urlaubskulisse. Wenn das Meeresrauschen der historischen Küstenstädte langsam hinter den bewaldeten Höhenzügen verstummt und die scharfen, felsigen Pfade des Landesinneren unter den Trailrunningschuhen knirschen, fühlt es sich jedes Mal wie ein Heimkommen an. Doch meine Beziehung zu dieser Halbinsel war nicht frei von Misserfolgen: Nachdem ich vor einigen Jahren beim 100 Miles of Istria – Green Course aus Vernunftgründen wegen starker Hitze und drohendem Hitzeschlag aussteigen musste, brannte das Feuer für das Finish der langen Kante unbarmherzig weiter in mir – obwohl ich nicht mehr der Mensch von früher war.
Der Istria 100 Red Course – mit seinen unerbittlichen 169 Kilometern und fast 6.900 Höhenmetern die absolute Königsdistanz der kroatischen Halbinsel – fordert von jedem Athleten eine tief empfundene, respektvolle Demut, eine exakt getaktete Pacing-Strategie und ein unerschütterliches Grundvertrauen in das eigene Können. Es sind hier nicht die wilden, technischen Pfade der Alpen, nicht die steilen Anstiege wie auf Madeira, aber es ist ein stetiges Auf und Ab und da sehr viel laufbar ist, muss man auch Laufen. Nun Glückte mir der Streich erneut – wobei es weniger Glück war, sondern mehr Wille und die Erfahrung und Gelassenheit im Umgang mit Problemen. Nach diesem Finish 2018, der Abschluss der „wilden“ Jahre zwischen 2015 und 2018, in denen ich eine neue Freude am Laufen, am freien Laufen ohne Druck in der Natur (wieder-)entdeckt habe, in denen ich das Gefühl hatte, dass es immer länger, wilder und spektakulärer geht. Jahre, in denen nicht ich, sondern wir, meine (Ex-)Frau und ich, ins Ausland gefahren sind, um dort Sport und Urlaub zu verbinden und neue Welten zu entdecken. Jahre, in denen ich das Gefühl hatte, dass mein Körper keine Grenzen kennt, die ich nicht überwinden kann.
Ruhe und Kontrolle beim Start, passende Verpflegung, Vernunft und Rhythmus auf den technischen Passagen halfen. Die Überhitzung des Körpers am Samstag konnte gelöst werden, der Schmerz in den von jeweils einer über die ganze Fußsohle ziehenden Blase durch leichte Anpassungen des Laufstils und der Hilfe der Stöcke im Downhill erträglich gestaltet werden. Der Lohn war, dass die letzten vier Kilometer ins Ziel wieder gelaufen werden konnten.
Aber der Reihe nach

Vorbereitung & Ausrüstung: Das Prinzip der kompromisslosen Verlässlichkeit
Wenn man sich darauf einstellt, weit über 30 Stunden nonstop auf naturbelassenen Pfaden unterwegs zu sein, verzeiht die Ausrüstung nicht viele Fehler – und vor allem nicht die Füße. Bei der Schuhwahl griff ich daher ohne Zögern auf mein bewährtes Arbeitsgerät zurück: Der Brooks Cascadia 16 bot mit seiner Stabilität und seinem nicht zu tiefem Profil exakt die richtige Kombination aus robuster Dämpfung für längere, rollende Passagen und gutem Grip auf dem steinigen Untergrund. Für alles was kommen sollte, konnten sie nichts dafür
Eine mehr oder weniger akribische Trainingsstruktur war das Fundament eines solchen Unterfangens. Die Vorbereitung 2024: 100 Miles of Istria & Ultrabalaton lief nicht immer planmäßig und auch nicht immer beschwerdefrei, aber sie legte den Grundstein für diesen Neustart.





Die Halbinsel Istrien gliedert sich geologisch in drei Zonen. Der Red Course führt durch zwei davon: Das „Weiße Istrien“ besteht aus hochalpinem, verkarstetem Jura- und Kreidekalkstein (Učka-Gebirge), der durch extreme Riffkanten und Klüfte geprägt ist. Das „Graue Istrien“ des Hinterlandes wird dagegen von weichen, wasserundurchlässigen Flysch-Schichten (Mergel und Sandstein) gebildet. Diese verwandeln sich bei Nässe in extrem klebrigen, schweren Lehm und fordern die Oberschenkelmuskulatur auf völlig andere Weise.
Warum bin ich überhaupt hier?
Ohne meinen guten Freund Andy, seiner Lebensgefährtin Phine und seinen Schwiegereltern in spe wäre ich dieses Jahr nicht hier in Istrien gewesen.
Im Zuge der Scheidung wollte und konnte ich mir teure Auslandsreisen nicht einfach leisten – obwohl ich über den Lauf lange und mehrmals nachgedacht hatte, weil er den Abschluss einer langen Überlegung, einer langen Reise darstellen könnte.
Und dann ruft Andy mich eines Tages an, erzählt mir etwas von einer Mitfahrgelegenheit und einem Bettchen in der Ferienwohnung: Ja, Ja und nochmal Ja. Ich bin dabei.
Phine auf den 68 km, Kristina und Dirk auf den 110 km und Andy und ich auf den 100 Meilen – so gingen wir an den Start. An den Start eines wunderbaren Rennens als lustige und liebenswerte Gruppe, mit der ich jederzeit wieder reisen würde.

Die Streckenführung des Red Course ist eine Zeitreise durch die venezianische Vergangenheit Kroatiens. Labin (Albona) liegt auf einem 320 m hohen Hügel und blickt auf eine Bergbautradition zurück. Buzet, die inoffizielle Hauptstadt des Trüffels, liegt spektakulär im Mirna-Tal und bildet den zentralen Haupt-Check-in des Rennens. Motovun schließlich thront auf einem 277 m hohen Steilhügel, umschlossen von intakten Festungsmauern aus dem 13. Jahrhundert – das Erklimmen der jahrhundertealten Pflasterstein-Treppen gehört zu den ikonischsten Abschnitten der Route.
Die Veranstaltung
Der Istria 100 ist das größte Trailrunning-Event Kroatiens und führt uns quer durch die Halbinsel Istrien – von der Ostküste (Labin) durch das hügelige Hinterland bis an die Westküste nach Umag.
Dabei ist der Istria 100 mehr als nur ein Wettlauf gegen die Uhr – er ist eine kleine Zeitreise durch das „toskanische Herz“ Kroatiens. Von der rauen Ostküste in Labin erklimmen wir die kargen, windumtosten Gipfel des Učka-Gebirges, die spektakuläre Panoramablicke über die tiefblaue Kvarner-Bucht bieten (zumindest im Sonnenuntergang, wenn man nicht zu den Schnellsten gehört). Sobald das Hochgebirge hinter einem liegt, taucht man ein in eine mystische Welt aus mittelalterlichen Hügelstädten: Man durchläuft das winzige Hum (je nach Streckenvariante), die offizielle kleinste Stadt der Welt, und passiert die festungsartigen Gassen von Motovun, während der Duft von Trüffeln aus den Wäldern des Mirna-Tals aufsteigt. Der Weg führt über die Parenzana (die man auch perfekt ablaufen kann😉), eine historische Bahntrasse, durch Tunnel und über Viadukte, bis die rote Erde des Hinterlands schließlich den sanften Wellen der Adria in Umag weicht (endlich wieder ein Zieleinlauf am Meer🤩).
Die Wettbewerbe von Istria 100 by UTMB unterscheiden sich drastisch in ihrer Distanz, den zu bewältigenden Höhenmetern sowie im landschaftlichen Charakter: Während die extremen Ultradistanzen das alpine Učka-Gebirge mit den feuchten Flysch-Tälern des Hinterlandes verbinden, führen die kürzeren Strecken flüssig über die hügeligen Karsttrassen bis an die Küste nach Umag.
Gegenüberstellung der Distanzen & Landschaften- Red Course (100M): ca. 171 km | +6.900 HM | Zeitlimit: 42 Std. (Siegerzeit ca. 18–19 Std. / Thorstens Finish: knapp 39 Std.)
Landschaftliche Highlights: Start im mittelalterlichen Labin, kompletter Aufstieg und Gratpassage über das hochalpine Učka-Massiv (Vojak, 1.401 m) mit Blick auf die Kvarner Bucht, schlammige Flysch-Gräben bei Buzet, Festungsmauern von Motovun und flache Küstenabschnitte bis Umag. - Blue Course (100K): ca. 110 km | +3.800 HM | Zeitlimit: 27 Std. (Siegerzeit ca. 9–10 Std.)
Landschaftliche Highlights: Start in der Trüffel-Hauptstadt Buzet; lässt die alpinste Učka-Passage aus und steigt direkt in den ständigen Wechsel aus verkarsteten Ridge-Trails, den Weinbergen von Motovun und den Passagen der historischen Parenzana-Schmalspurbahn ein. - Green Course (50K): ca. 69 km | +2.400 HM | Zeitlimit: 15 Std. (Siegerzeit ca. 5–6 Std.)
Landschaftliche Highlights: Start im Künstlerort Grožnjan oder Motovun; geprägt von schattenlosen Anstiegen im Mirna-Tal, offenen Passagen rund um den Stausee Butoniga sowie sonnenverbrannten Trockenhängen im Hinterland. - Yellow Course (20K): ca. 21 km | +400 HM | Zeitlimit: 4 Std. 30 Min. (Siegerzeit ca. 1 Std. 20 Min.)
Landschaftliche Highlights: Schnell und flüssig laufbare Strecke vom Hügelstädtchen Grožnjan über sanfte Karstrücken, alte Bahnviadukte der Parenzana und schattige Olivenhaine hinab ans Meer nach Umag. - White Course (10K): ca. 10 km | +200 HM | Zeitlimit: 2 Std. 30 Min. (Siegerzeit ca. 35–40 Min.)
Landschaftliche Highlights: Einsteigerfreundlicher Trail-Sprint entlang der istrischen Küstenpromenaden, Parkanlagen und Kiefernwälder direkt im Umland von Umag.





Vom Start in Labin bis in die Dunkelheit am Učka-Kamm
Vom Start weg war ich vorsichtig und langsam und marschierte ohne großen Druck die Anstiege hinauf (die mir zum Glück im Lauf der Jahre immer leichter fallen). Ich sortierte mich im hinteren Feld ein und versuchte ganz alleine meinen Rhythmus, mein Renngefühl zu finden und fand es. Unklar war mir nur, wie meine Muskulatur im linken Bein funktionieren würde, nachdem diese in den letzten Wochen immer mal wieder Probleme und Schmerzen bereitet hatte (Entwarnung: außer einem kurzen Moment in der ersten Nacht auf einem langen, leicht abfallenden Stück über gut laufbare mehrere Kilometer war es überhaupt kein Thema und funktionierte wunderbar – im Gegensatz zum Ultrabalaton in ungefähr einem Monat später…). Es ging hinein in die erste Nacht, ich wechselte rechtzeitig auf warm, die Stirnlampe war griffbereit (alles klappte dieses Mal mit der Ausrüstung wunderbar, war griffbereit, funktionierte planmäßig, war gut ausgewählt), der Anstieg zum höchsten Punkt des Rennens zum Teil sehr, sehr steil, ich schnaufte, behielt aber das gute Gefühl bei. Ich lief, was zu laufen war, wechselte am Morgen etwas zu spät auf luftigere Klamotten, blieb locker in den Beinen und merkte Vormittags, wie praktisch alle anderen Starter auch den sehr großen Temperaturunterschied zwischen der Nacht und dem Sonnenschein tagsüber: der Körper überhitzte stetig immer mehr.





Lösungssuche am Samstag
Die einzige Lösung war, in jeden Bach, den ich irgendwo finden konnte, zu steigen und mich komplett abzukühlen – und es funktionierte. Der Preis dafür? Nasse Füße und am Ende pro Fuß eine Blase über die ganze Fußsohle, die schon das Gehen sehr schmerzhaft machten und das Laufen auf den Steinen fast unmöglich. Im Nachgang sifften die Blasen, eiterten, mussten bandagiert werden und bereiteten noch tagelang Schmerzen in den Schuhen und beim Schlafen. Aber das war der Preis für das Finish und die einzige Chance die Überhitzung des Körpers zu verhindern – und ich war bereit ihn zu bezahlen.





Der Samstag verstrich, ich arbeitete mich die Hügel hinauf und hinunter, die Schmerzen tauchten auf, die Kraft war da und ich ging in die zweite Nacht hinein. Ich lernte einen netten Polen kennen, quatschte viel mit ihm und wurde in Motovun (der wahrscheinlich beeindruckendsten Stadt im Landesinneren von Istrien) von ihm auf ein Bier eingeladen, dass wir entspannt im Sitzen in einem Restaurant einnahmen.
Eintauchen in die längste Nacht & Erwachen am Morgen
Die Nacht lief weiter, nur ich lief nicht mehr oder nicht mehr viel. Wandern war angesagt und die Kilometer verstrichen sehr langsam. Sonntag Morgen stand ich zwischen Buje, dem letzten VP, und Umag, dem Ziel, auf meinen Stöcken gestützt da und schlief ein. Ein lieber Italiener weckte mich auf, wechselte ein paar Worte mit mir und ich halluzinierte, schwankte. Ich musste trotz aller Schmerzen in den Fußsohlen irgendwie wieder laufen, um nicht sofort am Wegesrand umzufallen und zu schlafen – es klappt. Ich erreiche Umag laufend, arbeite mich zur Promenade vor, laufe durch den sehr langen Zielkanal am Meer entlang hinein in die Altstadt auf der Halbinsel und stehe mit einem Lächeln im Ziel. Mit einem Lächeln, dass mir 2018 vor Erschöpfung nicht mehr richtig geklappt hat.



Damit kann ich zufrieden den Abschnitt der ganz langen Ultratrails im Wettkampfmodus jenseits der 100 km abschließen, den Blick in Richtung des Ultrabalatons im Mai werfen und damit auf den letzten sehr, sehr langen Ultra, den Fokus auf kürzere Wettkämpfe diesseits der 100 km legen, den Fokus auf eigene Projekte richten. Keine Aufgabe des Laufens, kein Nein zu Trails, kein Abgesang auf Ultras, aber eine Neuausrichtung, wie ich sie schon lange nicht mehr hatte. Abschließen kann ich auch den Abschnitt Istrien, den gescheiterten Lauf 2021, die schwierigen Jahre 2020 bis 2023, die gemeinsamen Urlaubs-Wettkampfreisen mit Mareike, die mich schon dreimal an diesen Ort gebracht haben. Danke für die schöne Zeit und die Möglichkeiten.
Glücklich und zufrieden geht ein Kapitel zu Ende
Euer Thorsten
📌 Projekt-Kontext: Dieser Beitrag ist Teil des Projekts Ultrabalaton. Eine Gesamtübersicht aller Vorbereitungen, Rennen und Rückblicke findest du auf der zentralen Seite: Ultrabalaton (2024 & 2026) – Chronik.



[…] einzige Blase an den Füßen davontrug. Als gebranntes Kind (ich denke nur beispielsweise an den Istria 100 im Jahr 2024), war für mich besonders beeindruckend, dass ich selbst im letzten Drittel der […]
[…] und schaue gleichzeitig auf mein letztes erfolgreiches Finish eines sehr langen Ultras, dem Istria 100, dem größten kroatischen Trailevent, und dessen durchwachsene Vorbereitung. Die Motivation ist […]
[…] vorbereitet, sondern beispielsweise auf Wettkämpfe wie den legendären Rennsteiglauf oder den 100 Miles of Istria, findet hier das perfekte […]
[…] schlaflose Stunden in der Nacht und noch seltener einen Grund einen Lauf zu verkürzen. Die 100 Meilen in Istrien liefen trotzdem gut und ich hatte unterwegs mit keinerlei Schmerzen dieser Art zu kämpfen, aber […]
[…] Istrien – ein Landstrich der mich immer und immer wieder fasziniert hat. Die sanften Hügel, das dünnbesiedelte Zentralistrien, die süßen, kleinen Küstenstädte, die Menschen, das Essen, das Klima und auch die relative Nähe zu meiner Heimat – all diese Dinge ließen mich ein ums andere Mal nach Kroatien fahren. Dreimal bin ich dort an den Start gegangen: 2016 über die 69 km, 2018 über die 100 Meilen und 2021 wieder über die 69 km (leider mit einem DNF) und 2023 dann mit meinen Morgenspaziergang Jungs privat die berühmte Parenzana gelaufen.Es sollte nun eigentlich genug sein, oder? Ich hatte mit der Anmeldung auch gehadert. Nur für einen Lauf so weit fahren? Das liebe Geld? Schon wieder Istrien? Auf der anderen Seite habe ich nun die Freiheit, dies auch zeitlich zu unternehmen, losgelöst von irgendwelchen Erwartungen. Letztendlich wurde mir die Entscheidung ein Stück abgenommen, nachdem der liebe Andy mich kurz nach der Eröffnung der Anmeldung gefragt hatte, ob ich auch schon gemeldet sei, ich bei ihnen (Lebensgefährtin und deren Eltern plus ihn) in der Ferienwohnung schlafen möchte (Donnerstag auf Montag, d.h. zwei Nächte schlafe ich, zwei Nächte laufe ich) und ich ab München auch bei ihnen im Auto mitfahren könnte. Also in die Hände gespuckt und ran ans Werk. Istrien Anfang April, der Ultrabalaton Anfang Mai, das ruft nach einer vernünftigen Vorbereitung, um die Kombination eines sehr langen Ultratrails mit einem noch längeren Ultramarathon finishen zu können. Die Vorfreude ist da. Die Gewissheit einen neuen Abschnitt mit neuen Erfahrungen und Momenten vor mir zu haben, weckt die Lebensgeister in mir – und funktionierte letztendlich zumindest für den Trail. […]