1. Vorwort
- Freitag, 24. April 2026
- 209 km + 600 Hm
- 27 h 56 min
- 395 Einzelstarter – 221 Finisher (inkl. Respekt-Zeit) – Platz 115
„No human is limited“
Eliud Kipchoge
Um an die Aussage von Kipchoge, dem von mir gewählten Mantra für die Stunden des Laufes in denen mein Geist wandern wollte, anzuschließen, möchte ich euch auch ermutigen, sich ein anspruchsvolles Ziel zu setzen, für das ihr brennt, welches nicht von außen an euch herangetragen werden muss, und dann gewissenhaft mit der nötigen Energie und Zeit euch darauf vorzubereiten – es kommt nicht nur auf das ob, sondern auch auf das wie an. Mit diesem Bericht möchte ich euch also nicht nur einen Rückblick auf „meinen“ Lauf rund um den Balaton liefern – obwohl dies natürlich der emotionalste Punkt dieser Geschichte ist – sondern das Augenmerk auf die Veranstaltung und die Teilnahme in der Gesamtheit werfen, da der Ultrabalaton definitiv mehr Aufmerksamkeit im deutschen Raum verdient hat: Stimmung, Organisation, Idee – das Paket stimmt. Das Training auf diesen Wettkampf habe ich aus Gründen des Umfangs in einen anderen Beitrag ausgelagert, um hier den Fokus direkt auf die Zeit vor Ort richten zu können: aber keine Angst – es bleibt noch genug zu erzählen.

2. Einleitung: Der Mythos lebt
2.1 Der Vibe: Die besondere Atmosphäre des 20-jährigen Jubiläums.
Das 20. Jubiläum des Ultrabalaton war kein gewöhnliches Sportevent – es fühlte sich an wie ein riesiges, 209 Kilometer langes Klassentreffen der europäischen Ultrastraßenlauf-Szene – und ich durfte Teil davon sein! Während dieser 28 Stunden ist mir wieder bewusst geworden, welches Privileg es ist, sowohl die körperlichen, finanziellen und auch politischen Möglichkeiten zu haben, ins Ausland zu reisen, um dort Laufen zu gehen. Dies ist keine Selbstverständlichkeit!
Mehr als 28.000 Läuferinnen und Läufer aus über 50 Ländern nahmen an diesem Jubiläum teil. Die meisten gingen in Staffeln von 2 bis 13 Personen auf die Strecke, nur knapp 400 wagten sich als Individualstarter auf die Reise (und ganz wenige liefen gesondert gleich zweimal um den See). Begleitet werden die Allermeisten von ihren Teams in Autos oder von ihren Radbegleitungen, die sehr oft mit Bluetoothboxen versehen waren – so wird es zu einer riesigen Party von Zehntausenden und ich mitten drin. Ohne Radbegleitung. Ohne Team. Aber mit dem festen Vorsatz meine Grenzen zu verschieben (auch wenn ich meine läuferische Heimat in den letzten Jahren auf den Trails gefunden habe) und mein Umfeld und mich für die zeitintensive Vorbereitung mit der Ziellinie zu belohnen.
Das „Gänsehaut-Gefühl“ am Startbogen
In Balatonfüred lag eine Spannung zwischen Party, Vorfreude und Nervosität in der Luft, die fast greifbar war. Zum Jubiläum wurde die Startzone noch imposanter gestaltet: Große Banner mit den Siegern der letzten zwei Jahrzehnte säumten den Weg. Wenn die Musik aus den Boxen dröhnte und der Moderator die Countdowns in den Himmel schrie (und noch einige weitere Anfeuerungen – mein Ungarisch ist jedoch nicht besonders gut 😉), mischte sich die Ehrfurcht vor der Distanz mit dem Stolz, Teil dieser 20. Ausgabe zu sein und zwischen all diesen Sportlern zu stehen – ein Gefühl von Ungenügen breitete sich in mir aus, dass sich erst nach dem ersten Marathon legte.
Eine Lichterkette der Gemeinschaft
Da das Teilnehmerfeld 2026 Rekordmaße annahm, riss der Strom der Läufer nie wirklich ab. Besonders in der Nacht verwandelte sich das Ufer des Plattensees von Zeit zu Zeit in eine glitzernde Perlenkette aus Stirnlampen. Wer nicht alleine laufen wollte, musste nicht alleine laufen. Es gab aber auch immer wieder Momente der Ruhe, der Einsamkeit, aber grundsätzlich sind die Ungarn kommunikativ gewesen. Die „Hajrá!“ Rufe der Einheimischen (die Teammitglieder und Supportcrew anderer Mitstreiter motivierten auch alle anderen Teilnehmer – Sportsgeist) musste ich jedoch erst im Nachgang nachschlagen: Los geht’s!
Grundsätzlich führt der Staffelcharakter aus meiner Perspektive als Einzelstarter zu einem stetigen Wechsel der Teilnehmer und Begleiter, weshalb es nie langweilig wurde.
Die „Balaton-Euphorie“ an den Checkpoints
Die Verpflegungspunkte waren 2026 oftmals kleine Festivals für sich. Die Helfer – viele von ihnen seit Jahren dabei – wussten genau, was wir Läufer und Läuferinnen benötigten und unterstützten uns bestmöglich. Ja, manche Starter hatten es sehr eilig sie zu passieren, aber die Teams und auch einige Anwohner sorgten für Leben und Stimmung – und dann noch die Musik auf der Südseite!
Ungarn von seiner besten Seite
Melancholie trifft auf Adrenalin
Es gab diese stillen Moment am Ostufer, wenn die Sonne langsam über den Hügeln aufging und den See wieder in Farben tauchte und das Gedränge der ersten Stunden einer möglichen Ruhe gewichen ist. Man spürte auch, dass dieser Lauf über 20 Jahre hinweg von einem kleinen Abenteuer mit Start auf Tihany zu einer Institution gewachsen ist. Es war dieser Mix aus Ehrfurcht vor der Distanz und der Party an den Wechselzonen. In dieser Form ist es etwas besonderes und im Ultrabereich die ganz große Außnahme.
Das Ziel: Ein emotionales Epizentrum
Der Vibe im Zielbereich war intensiv. Da es die ein besonderes Erlebnis war, blieben viele Finisher einfach im Zielbereich sitzen, um zu essen, zu quatschen und andere anzufeuern. Es herrschte eine Atmosphäre von Erschöpfung und Glück. Der Jubel, der Anblick der schweren Jubiläums-Medaillen (erstklassig!) und die glücklichen und erschöpften Gesichter bei der Zielankunft bildeten den perfekten Abschluss dieser Reise – obwohl meine Gefühlswelt unerwartet anders war, aber dazu später mehr.
2.2 Die Herausforderung: Einmal rund um den Balaton
Wenn man von der „Herausforderung“ beim Ultrabalaton spricht, meinen Außenstehende oft nur die schiere Distanz – und die ist angesichts der Größe des „ungarischen Meeres“ beeindruckend. Aber jeder, der an der Startlinie stand, weiß: Die wahre Herausforderung ist ein komplexes Puzzle aus Physis, Psyche und den Launen der ungarischen Natur.
Die nackten Zahlen (Die physische Hürde)
Die Distanz von 209 Kilometern ist schwer vorstellbar – das sind fünf Marathons am Stück (oder einfach auf direktem Weg von Schwabach zum Starnberger See).
Der Untergrund: Fast die gesamte Strecke verläuft auf Asphalt-Radwegen. Was anfangs nach „leichtem Rollen“ aussieht, wird nach 150 Kilometern zur Belastung für die Gelenke. Der harte Boden verzeiht nichts und jeder Schritt fühlt sich irgendwann wie ein Hammerschlag gegen die Fußsohlen an, wenn man dies nicht gewohnt ist. Augen auf bei der Schuhwahl.
Das Zeitlimit: Die Uhr tickt gnadenlos. Besonders für Einzelläufer ist das Zeitmanagement an den Verpflegungspunkten die heimliche Challenge – jede Minute Aufenthalt ist eine Minute, die man später mühsam erlaufen muss: und man muss laufen. Dies ist kein Ultratrail bei dem viel, unter Umständen sogar sehr viel gewandert werden kann. Es gibt keine Chance, mehr Zeit mit Wandern als mit Laufen zu verbringen. 31 Stunden sind als offizielles Zeitlimit gesetzt und es gibt noch einen Zuschlag von 2 Stunden für eine Respektzeit (mit einer Sondermedaille). Ich bin nach knapp 28 Stunden eingelaufen – fast exakt der Median aller Individualfinisher (bei einer Finishquote von 57%) und damit ohne großen Spielraum für stundenlanges Wandern. Bei allen 5 Kilometern einen Verpflegungspunkt muss der Aufenthalt dort auch zielgerichtet sein, weil sich die Minuten hier unweigerlich zu großen Summen aufaddieren.
Das Mikroklima des Plattensees (Die äußere Hürde)
Der Balaton ist berühmt-berüchtigt für seine Wetterkapriolen, und 2026 war keine wirkliche Ausnahme, allerdings blieben wir von extremen Ausprägungen in jeder Hinsicht verschont:
Die Hitze des Tages: Die pralle Sonne auf den flachen Passagen kann die Motivation (und den Elektrolythaushalt) in Rekordzeit verdampfen lassen (Tipp: Gewürzgurken in Salz tauchen – gab es an jedem VP). 18°C im Schatten bedeutet, dass man auf den langen Passagen ohne jeden Schatten knallhart gegen die Sonne läuft (Sonnencreme verwenden oder ihr verbrennt förmlich – ich habe schön Farbe bekommen und die Haut hat sich später geschält).
Der berüchtigte Wind: Oft weht eine steife Brise von den Bergen des Nordufers herab – dies kann ein mentaler Zermürbungskrieg (und bei den warmen Winden auch keine wirkliche Abkühlung) werden. 2026 hatten wir damit aber meistens Glück gehabt.
Die Kälte der Nacht: Das Thermometer fiel in der Nacht auf 8°C. Nach der Wärme des Tages fühlte es sich nun auf einmal frisch an. Hier muss rechtzeitig etwas übergestreift werden – und am Morgen auch wieder abgelegt werden, um einen Hitzestau zu vermeiden. Die Zeit hierfür ist gut investiert.
Die Topografie des Nord- und Ostufers (Die versteckte Hürde)
Während das Südufer flach und hypnotisch wirkt, wartet im Norden und Osten die „Hügel-Challenge“.
Zwischen dem Weingut Varga mit seiner berühmten Weinkellerpassage und Badacsony sammeln sich einige Höhenmeter an. Hier heißt es Ruhe bewahren, die Intensität nicht zu erhöhen, ggf. zu gehen und dies als willkommene Abwechslung zu betrachten.
Bei Balatonakarattya geht es für die meisten in der Nacht bzw. im Morgengrauen ein Stück weg vom See und hinauf in die Stadt. Nach der langen flachen Passage des Südufers wirken die Anstiege und die Höhe unwirklich, ermöglichen aber, wenn man noch ein Auge dafür hat, einen herrlichen Blick auf den von den Ufern aus beleuchteten See. Hier dürften die Meisten nun in den Anstiegen gehen – freut euch darüber, schließlich folgen noch zahlreiche flachen Kilometer bis Balatonfüred.
Die „Nacht der Wahrheit“ (Die mentale Hürde)
Die größte Herausforderung findet für viele zwischen 02:00 und 05:00 Uhr morgens statt.
Die Müdigkeit legt sich wie ein schwerer Schleier über den Geist, während die Monotonie der dunklen Radwege dazu führt, dass man beginnt, mit sich selbst zu verhandeln. Hier werden die Staffel-Autos seltener vorbeifahren, die Musik der Radbegleitungen nur noch gelegentlich hörbar sein, dafür darf man aber seinen eigenen Körper stärker wahrnehmen – begleitet vom gelegentlichen Rauschen des Sees.
Ein unglaubliches Gefühl beim ersten Erleben.
Das Logistik-Monster
Für die Staffeln und Supporter ist der Ultrabalaton eine logistische Meisterleistung.
Parkplatzsuche an den Wechselpunkten, punktgenaue Übergaben und die ständige Sorge um die richtige Verpflegung des Läufers. Die Challenge besteht darin, als Team auch nach 20 Stunden ohne Schlaf noch ruhig, konzentriert und freundlich zu bleiben.
Als Einzelstarter teilt man diese Herausforderung nur teilweise.
Der Trubel der Veranstaltung erfordert die Fokussierung auf den eigenen Körper, auf den eigenen Ist-Zustand, während man niemals während dieser langen Zeit seinen eigenen Rhythmus verlieren darf. Links und rechts von euch können die Läufer vorbeiziehen – ihr habt auch im Vorfeld die Pace gut überlegt und solltet nun nicht einfach schneller werden. Noch wichtiger ist für euch das Thema Ernährung, denn angesichts des Zeitlimits müsst ihr viel laufen, müsst ihr das meiste laufen und dies klappt nicht bei völlig leeren Kohlenhydratspeichern – also nutzt von Anfang an das dichte Netz an Verpflegungspunkten und zwingt euch zu Essen und zu Trinken. Lange Ultras sind auch ein Essensmarathon. Gleichzeitig nagt die Müdigkeit stärker an euch und ihr erkennt anhand der kilometerlangen Geraden am Südufer die Ausdehnungen des Balaton deutlich.
Fazit der Herausforderung:Der Ultrabalaton ist kein Lauf gegen andere. Es ist ein 209 Kilometer langer Dialog mit dem eigenen Körper. Die Challenge besteht darin, den Schmerz anzunehmen, die Müdigkeit als Begleiter zu akzeptieren und den See nicht als Gegner, sondern als Freund zu sehen. Der eigene Rhythmus muss gefunden werden, um nicht vorzeitig in den Bus steigen zu dürfen, das Training muss einen auf das lange Laufen auf Asphalt vorbereiten. Wer den Zielbogen erreicht hat, vergisst vielleicht die Empfindungen der vergangenen Stunden nicht, wird aber mit vielen weiteren positiven Emotionen belohnt.
2.3 Persönliches Ziel: Warum stand ich dieses Jahr an der Startlinie?
Das sportliche Ziel: Einfach ist die Frage nach dem angestrebten sportlichen Ziel zu beantworten: Innerhalb der regulären Zielzeit von 31 Stunden (und nicht der Respektzeit von 33 Stunden) wieder in Balatonfüred anzukommen. Ich ging von einem harten Kampf und stundenlangem Leiden aus, glaubte ab Kilometer 150 kaum noch laufen zu können und wollte nur irgendwie die Ziellinie erreichen. Der angedachte Wettkampfplaner sah deshalb folgendermaßen aus:
Die Motivation: Dieser Punkt ist deutlich schwerer zu beantworten. Warum bewegt sich der Mensch im Regelfall gerne? Warum bewegen sich manche Tierarten deutlich mehr als andere? Wenn ich an den ehemaligen Inhaber der 100 km Weltbestzeit, dem emeritierten Biologieprofessor Bernd Heinrich und Autor des Kultbuches Laufen: Geschichte einer Leidenschaft denke, dann ist die Bewegung Teil unserer Biologie und damit ein fester Bestandteil unseres Seins. Nein, dafür muss man keine Ultramarathons laufen, dafür müsste man nicht einmal dem Laufsport frönen – aber es ist auch kein anderes Lebewesen auf diesem Planeten so prädestiniert dafür, wie der Mensch.
Warum also`Laufen? Weil ich es kann und weil es sich einfach richtig anfühlt.
Warum der Ultrabalaton? Weil es einen perfekt organisierten Rahmen bietet. Weil ein Rennen einen zwingt, mehr aus sich heraus zu holen. Weil es eine völlig logische Streckenführung, bei einer völlig natürlichen Distanz ist – einmal um den Balaton.
3. Logistik & Startunterlagen: Der Puls steigt
3.1 Die Ankunft in Balatonfüred
Die Ankunft in Balatonfüred ist weit mehr als nur das Erreichen des Start- und Zielortes – es ist der Moment, in dem aus der bloßen Anmeldung, der monatelangen Vorbereitung durch den oft kalten und unwirtlichen Winter (Lange Läufe durch Schnee warteten mehr als einmal auf mich), der Vorstellung im Kopf ein reales Ereignis wird. 2026 verwandelte sich die „Hauptstadt des Nordufers“ zum 20. Jubiläum wieder in ein wahres Mekka für Läufer.
Das Epizentrum: Annagora Aquapark
Wie schon in den Vorjahren war der Annagora Aquapark das logistische Herzstück des Events. Schon hier spürst du sofort die Professionalität der ganzen Veranstlatung:
Parkplatz-Ballett: Ein gut koordiniertes Team weist die Tausenden von Fahrzeugen ein. Überall sieht man Autos mit dem markanten „UB“-Aufkleber und Fahrrädern am Heck. Die Besonderheit ist, dass man dieses Jahr, um mehr Platz zu haben, den Großparkplatz auf eine Wiese am Rande des Ortes in Richtung Tihany, fußläufig vom Gelände eingerichtet hat. Hier kam es speziell am Samstag zu Staus an der Einfahrt. Hintergrund ist: Freitagstart für die Individualläufer und die 2 bis 6 Personen Staffeln, während der Samstagstart für die teilnehmerstärkeren 7 bis 13 Personen Staffeln angesetzt ist. Es wird auch gebeten, dort nicht die Fahrzeuge über das ganze Wochenende stehen zu lassen. Ich hatte mich damit beholfen, dass an der besagten Ausfallstraße (auf der Parkverbot herrscht!) parallel ein asphaltierter Weg andockt der trotz Laufstrecke problemlos als Parkplatz genutzt werden kann (und auch empfohlen wurde) – in Ungarn ist man außerhalb von Budapest mit den Parkplätzen etwas entspannter unterwegs als in Deutschland.
Die Zeltstadt: Sponsoren, Sportartikelhersteller und Food-Trucks bilden eine bunte Meile, die dich direkt in die Welt des Laufens zieht. Speziell der große Stand mit bedruckten Shirts, Jacken, Hoodies usw. erfreut sich großer Beliebtheit. Ebenfalls befindet sich hier das große Veranstaltungszelt für den Empfang, das Briefing und die Siegerehrung. Start und Ziel der großen Staffel ist auch hier, nur die Individualläufer und die 2 bis 6 Personen Staffeln haben etwas unterhalb dieses Geländes ein eigenes kleines Veranstaltungsgelände bekommen, um ihnen die Aufmerksamkeit zu schenken und ihnen Respekt zu zollen – einer dieser vielen Punkte die mich staunen lassen.

Flanieren am See: Die Ruhe vor dem Sturm
Um den Kopf frei zu bekommen, zieht es die meisten Läufer vor dem Start noch einmal hinunter zum Wasser.
Tagore sétány (Tagore-Promenade): Ein Spaziergang entlang dieser berühmten und bezaubernden Promenade ist keine verschwendete Zeit. Hier, am glitzernden Wasser des Balaton, wirken die 209 Kilometer des Sees gar nicht so beeindruckend – bis man auf den letzten Kilometern dieser Reise genau hier entlang läuft.
Vitorlás tér: Der Platz am Segelhafen ist der perfekte Ort, um ein letztes „Vorher-Foto“ zu schießen. Die Atmosphäre ist hier etwas entspannter als am Aquapark – Touristen schlendern vorbei, während die Läufer an ihrem Wasser (oder an dem vorzüglichen ungarischen Wein) nippen und die Beine hochlegen.

Der Vibe in der Stadt
Balatonfüred atmet Ultrabalaton. Überall kann man Menschen mit Sportuhren und Laufschuhen sehen. Es herrscht eine nervöse und vorfreudige Stimmung, geprägt von gegenseitigem Respekt. Jeder weiß, was bevorsteht und das niemand dieses Finish geschenkt bekommt.
Die Ankunft in Balatonfüred 2026 war das perfekte „Warm-up“: top organisiert, emotional aufgeladen durch das Jubiläum und eingebettet in die wunderschöne Kulisse des Plattensees. Es war das Gefühl, genau am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu sein.
3.2 Die Situation der Unterkünfte zur Veranstaltung
Die Situation mit den Unterkünften beim Ultrabalaton ist ein faszinierendes Paradoxon: Du befindest dich in einer der touristischsten Regionen Ungarns, wahrscheinlich nach Budapest der touristischsten Region, aber da das Event vor der offiziellen Hauptsaison (die nicht vor Mai startet, da der See vorher noch nicht zu einem Badeurlaub einlädt) stattfindet, gelten ganz eigene Regeln.
Das „UB-Monopol“: Ausgebucht trotz Vorsaison
Obwohl die offizielle Badesaison noch nicht begonnen hat und viele Hotels eigentlich noch im „Frühlingsschlaf“ wären, ist Balatonfüred während des UB-Wochenendes komplett im Ausnahmezustand – ich sage nur mehr als 28.000 Teilnehmer.
Frühbucher-Wahnsinn: Erfahrene UB-Teilnehmer buchen ihre Unterkunft oft schon im September des Vorjahres, sobald der Termin feststeht. 2026 war das zum 20. Jubiläum und dem Rekord Starterfeld extremer denn je. Dies sei auch allen ausländischen Startern dringen angeraten.
Mindestaufenthalte: Da die Nachfrage riesig ist, verlangen viele Hotels und private Vermieter trotz Vorsaison einen Mindestaufenthalt von 2 bis 3 Nächten – als Individualstarter sollte dies aber selbstverständlich sein: Donnerstag Startunterlagenabholung, Freitag Start, Samstag Finish und dann passiert bis Sonntag gar nichts mehr.
Die Preisgestaltung: Vorsaison-Preise? Fehlanzeige.
Normalerweise ist der Mai am Balaton günstig. Zum Ultrabalaton ziehen die Preise jedoch spürbar an.
Event-Zuschlag: Viele Unterkünfte passen ihre Preise an das Niveau der Hauptsaison an.
Vorteil für Gruppen: Für Staffel-Teams oder einer Gruppe von Einzelstartern bzw. mit Begleitpersonen lohnt es sich oft, ganze Ferienhäuser etwas abseits des Zentrums zu mieten, da hier das Preis-Leistungs-Verhältnis noch am besten ist, jemand das Auto fahren kann (dazu später mehr) und man Selbstversorger ist – ganz zu schweigen davon, dass der Freitag im Hotel gar nicht und der Samstag nur zum Teil genutzt werden kann.
Die Hotellerie: Komfort vs. Logistik
Hotels: Große Häuser wie das Hotel Füred oder das Anna Grand Hotel bieten zwar Luxus und die Nähe zum Start/Ziel, sind aber oft schon Monate im Voraus belegt – wahrscheinlich durch Sponsoren oder Pro-Teams.
Die „Läufer-Pensionen“: Viele kleine Pensionen in den Seitenstraßen von Balatonfüred haben sich auf das Event spezialisiert. Hier herrscht oft ein toller Vibe, weil man beim Frühstück (das oft extra früh für die Läufer serviert wird) nur Gleichgesinnte trifft – allerdings ist eine Buchung über Portale wie Booking nicht immer einfach möglich
Die Alternative: Ausweichen ins Umland
Wenn Balatonfüred voll ist, weichen viele auf die Nachbarorte aus:
Tihany, Csopak oder Alsóörs: Diese Orte liegen nur 5–10 Autominuten entfernt. Hier ist es oft ruhiger und man bekommt auch kurzfristiger noch etwas – allerdings auch hier ohne Vorsaisonkonditionen.
Veszprém: Die Stadt liegt etwa 15–20 Minuten landeinwärts. Da sie kein direkter Kurort am See ist, sind die Preise hier oft stabiler und die Verfügbarkeit höher -allerdings ist die Fahrt von dort zum Veranstaltungsort nicht zu unterschätzen.
Tipp: „Wer im Mai in Füred schlafen will, muss im September klicken.“
Meine Verlobte und ich bekamen selbst im September zu keinem vernünftigen Preis mehr ein Zimmer in Balatonfüred in einem Hotel, weshalb wir auf den Club Tihany auswichen, der sich ca. 9 km vom Startgelände entfernt befand.
3.3 Das logistische Herzstück: Check-In & Effizienz trifft Vorfreude
Der Weg zur Startunterlagenabholung im Annagora Aquapark ist leicht zu finden und dank des verlegten Parkplatzes auch sehr entspannt – wenn man die Verlegung mitbekommen hat… Die gesteigerte Strahlkraft dieses Jubiläumslaufs erkennt man an den mittlerweile über 50 teilnehmenden Nationen, an den auf den Startnummern aufgedruckten Flaggen, die auf ganz Europa hinweisen. Wahrscheinlich ist das Teilnehmerfeld bei einem legendären Spartathlon internationaler und bunter, aber für eine Veranstaltung, die in den Medien so unter dem Radar läuft, ist dies hier erstaunlich bunt und vielfältig. Was vermutlich auch der Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Ungarn zu verdanken ist. Sobald man vor die Ausgabe tritt, wird man von einer perfekt geölten Organisationsmaschine empfangen. Trotz der tausenden Starter gab es 2026 kaum Wartezeiten; das System aus digitalem Vorab-Check-in per App (die App ist unerlässlich für die Abholung bzw. auch die Anmeldung) und zahlreichen Schaltern funktionierte tadellos. (Kleine Info: wir hatten meine Unterlagen sowohl dieses Jahr, als auch in 2024 gleich am Donnerstag zur Eröffnungszeit abgeholt – hier waren die Schlangen nicht der Rede wert, aber die Stände waren noch im erwachen)
Mehr als nur eine Startnummer: Beim Vorlegen des QR-Codes in der App erhält man nicht nur Papier, sondern auch das offizielle Teilnehmer-Armband für die Zeiterfassung. Das ganze Prozedere hat jedes mal fast etwas Rituelles – es ist das Zeichen: Ich gehöre dazu.
Das Jubiläums-Paket 2026 war wieder gut bestückt:
- Das Shirt: Ein hochwertiges Funktionsshirt von Mizuno mit dem „20. Anniversary“-Logo, das man sofort voller Stolz überstreifen möchte – das Finishershirt erhält man nach getaner Arbeit noch zusätzlich.
- Der Transponder: Ein kleiner, unscheinbarer Chip, der in den nächsten 15 bis 31 Stunden dein Begleiter auf der Strecke wird.
- Startnummer: Eine klassische Starnummer (noch nicht gelocht) mit Notfallnummer, Flagge und deinem Namen.
- Goodies: Von isotonischen Pulvern über Riegel bis hin zu einem Energy Drink – man freut sich immer über das eine oder andere, kann aber sicherlich darüber streiten.
Die Atmosphäre ist bei den Einzelstartern oder den Ultrastaffeln eine Mischung aus Vorfreude und Anspannung. Es gibt auch wieder diese wunderbaren großen Tafeln, auf denen die Ultrastarter namentlich verewigt sind – ein wunderbares Fotomotiv. Letztendlich läuft vor Ort alles top organisiert, freundlich, hilfsbereit (wie die Dame am „Schalter“ mir die Drop-Bags erklärt hat, die ich nicht genutzt habe – klasse) ab und dennoch suchte ich zu diesem Zeitpunkt nur die Ruhe. Der Fokus war so stark, dass ich kaum mehr empfänglich war.
Deshalb besuchte ich weder die Pasta-Party noch das Race-Briefing, obwohl beim Briefing die englische Sprache angeboten wurde. Mein Weg ging wieder zurück zum Hotel nach Tihany und ans Wasser, bevor das Abendessen dort eingenommen wurde.

4. Setup & Ausrüstung: Was mich durch den Tag, die Nacht und den nächsten Morgen trug
Angesichts der Streckenlänge, den Temperaturschwankungen, meiner fehlenden Crew und des geringen zeitlichen Spielraums für Fehler grübelte ich lange über die Ausrüstung – von Seiten des Veranstalters gab es nur zwei Vorgaben: ein Trinkbecher und eine Stirnlampe.
4.1 Die Bekleidung
In Sachen Bekleidung setzte ich auf das Prinzip ‚Never change a running system‘: Eine bewährte kurze Tight und eines meiner Lieblings-Shirts bildeten die Basis. Da ich wusste, dass das Shirt auch nach unzähligen Kilometern absolut reibungsfrei sitzt, blieb ein Wechsel komplett unnötig. Für die kühleren Phasen hatte ich dieses Mal (klappt nicht immer…) mein Schicht-System perfekt im Griff: Ein Buff-Tuch schützte den Hals in den frischen Morgenstunden, während eine hauchdünne Windjacke in der Nacht zum Schutz gegen das Auskühlen wurde. Da der Wetterbericht stabilen Sonnenschein versprach, traf ich die mutige, aber richtige Entscheidung, die Regenjacke im Hotel zu lassen – zwei Jacken wären schlichtweg unnötiger Ballast gewesen. Als Sicherheitsreserve gegen nächtliche Kreislauf-Absacker hatte ich noch ein dünnes Stirnband und Handschuhe im Gepäck. Letztere blieben zwar ungenutzt im Fach, aber es gab mir die nötige mentale Sicherheit für die einsamen, kalten Stunden. Rückblickend würde ich – bis auf die Handschuhe – exakt das gleiche Setup wieder wählen. Es war die perfekte Balance aus Leichtigkeit und Schutz.
Tipp: Je nach Rucksack würde ich die Bekleidung in einzelne Gefrierbeutel wasserdicht einpacken – feuchte Bekleidung ist keine Hilfe mehr.
4.2 Geglückte Schuhwahl
Bei der Schuhwahl vertraute ich voll und ganz auf den Brooks Aurora-BL, einem nicht alltäglichem Modell, und diese Entscheidung erwies sich als absolut goldrichtig, da ich keinerlei Schuhwechsel unterwegs eingeplant und vorgenommen habe. Dank der nicht zu weichen (heute leider häufig der Standard) aber trotzdem gut vorhanden Dämpfung meisterte der Schuh den harten ungarischen Asphalt so souverän, dass ich über die gesamte Distanz keine einzige Blase an den Füßen davontrug. Als gebranntes Kind (ich denke nur beispielsweise an den Istria 100 im Jahr 2024🙄), war für mich besonders beeindruckend, dass ich selbst im letzten Drittel der 209 Kilometer keinerlei Druckstellen oder fußbedingte Schmerzen an den Beinen aufwies – sie haben mich sprichwörtlich bis ins Ziel getragen.
4.3 Lichtgestalten für die Nacht
In der Nacht vertraute ich auf die Silva Trail Runner Free 2 – ein Leichtgewicht, dessen Vorgänger mir auch schon gute Dienste geleistet hat und mich am Kopf nicht stört. Interessanterweise nahmen es viele ungarische Starter mit der Stirnlampen-Pflicht nicht ganz so genau und liefen komplett ohne Licht, obwohl wir streckenweise auf öffentlichen Straßen unterwegs waren. Für mich war der Einsatz einer Stirnlampe jedoch nicht diskutabel, wobei dank der guten Straßenbeleuchtung am See immer die schwächste Lichtstufe ausreichte. Die Lampe lief absolut zuverlässig und ließ sich bei Tageslicht extrem platzsparend im Rucksack verstauen. Obwohl ich sicherheitshalber einen Ersatzakku dabeihatte (wasserdicht in einem kleinen Gefrierbeutel verpackt), hielt die erste Ladung problemlos durch.
4.4 Das Transport-Dilemma: Warum es doch der Rucksack wurde
Die Frage nach der Logistik war im Vorfeld vermutlich einer der schwierigsten Planungspunkte. Wer ein eigenes Support-Team im Rücken hat, kann das Rennen minimalistisch angehen – ein simpler Runningbelt für Smartphone, Trinkbecher und Taschentücher reicht in diesem Fall oft aus. Da ich jedoch ohne externe Unterstützung unterwegs war, musste ich abwägen: Reichen mir die örtlich fixierten Drop-Bag-Optionen für den Wechsel Tag-Nacht-Tag aus? Und wie sicher kann ich mich darauf verlassen, dass an den Verpflegungspunkten die benötigten Gels und Riegel immer angeboten werden?
Um die Autarkie zu steigern und meine Eigenverpflegung sicher mitzuführen, fiel die Wahl schließlich auf den Salomon Adv Skin 5.
Trotz seines Volumens von 5 Litern ist er ein Leichtgewicht, das sprichwörtlich wie eine zweite Haut am Körper anliegt. Auf die Softflasks habe ich bewusst verzichtet; stattdessen nutzte ich die vorderen Fächer als strategischen Stauraum für den schnellen Zugriff auf Kleinteile und Verpflegung.
Rückblickend war diese Entscheidung absolut richtig. Der Rucksack bereitete mir über die gesamte Distanz keinerlei Probleme. Das liegt sicher auch daran, dass ich das Tragen von Trailwesten seit Jahren gewohnt bin und zur Vorbereitung im Winter sogar regelmäßig lange Einheiten mit deutlich größeren, schwer beladenen Modellen inklusive Wechselkleidung absolviert habe. So fühlte sich die Weste am Renntag fast federleicht an.
4.5 Technik am Handgelenk: Die Rolle der Laufuhr
Ein bei Läuferinnen und Läufern stets präsentes Thema ist die Wahl der passenden Sportuhr. Um es pragmatisch einzuordnen: Für den Ultrabalaton ist eine Laufuhr streng genommen weder für die reine Bewältigung der Strecke noch für die Navigation zwingend erforderlich – die Route ist hervorragend markiert. Dennoch ist es natürlich wertvoll, die Daten zur späteren Analyse aufzuzeichnen und die Pace im Blick zu behalten, selbst wenn man das angestrebte Tempo im Training bereits verinnerlicht hat.
Ich vertraute bei diesem Lauf erneut auf die finnische Marke Suunto und setzte das Modell 9 Peak Pro ein – und wurde nicht enttäuscht.
Die Akkulaufzeit erwies sich als völlig unproblematisch; ich musste keinerlei Energiesparmodi aktivieren. Zwar hatte ich sicherheitshalber ein Ladekabel eingepackt, doch rückblickend war dies unnötiges Zusatzgewicht, auf das ich beim nächsten Mal verzichten würde. Auch die Navigationsfunktion mit dem vorab geladenen Track kam nicht aktiv zum Einsatz, da die Orientierung vor Ort selbsterklärend war – dennoch vermittelte die Karte auf der Uhr ein zusätzliches Gefühl der Sicherheit in den einsamen Nachtabschnitten.

4.6 Zusätzliche Ausrüstung und Sicherheits-Backups
Ergänzend zur Kernausrüstung befanden sich noch einige bewährte Gegenstände in meinem Setup, die sich teils aus Sicherheitsaspekten, teils aus langjähriger Erfahrung bei Ultratrails bewährt haben:
- Trinksystem & Energie: Ein faltbarer Silikon-Trinkbecher war für die Verpflegungsstationen essenziell – er begleitet mich bereits seit Jahren zuverlässig. Als energetisches Backup führte ich 18 Gels von Alpenpower mit, die ich im Wechsel mit der Verpflegung des Veranstalters nutzte. Da das Gewicht einer solchen Menge an Gels nicht unerheblich ist, war hier eine gute Gewichtsverteilung im Rucksack entscheidend. Zusätzlich hatte ich Salztabletten dabei, um bei der hohen Belastung Krämpfen und Elektrolytverlusten vorzubeugen, was angesichts der guten Ausstattung an den Verpflegungspunkten nicht nötig war.
- Technik & Sicherheit: Für das Smartphone führte ich eine kleine Powerbank samt Ladekabel mit, sicherheitshalber wasserdicht in einem Gefrierbeutel verpackt. Für Fotos während des Laufs setzte ich auf die GoPro Hero 7 Black. Auch wenn sie technisch nicht mehr auf dem neuesten Stand ist, bietet sie gegenüber dem Smartphone den Vorteil, dass sie auch mit verschwitzten Händen unkompliziert und schnell bedienbar ist.
- Kleidung & Essentials: Um das Funktionsshirt zu schonen und das An- und Ausziehen der Windjacke zu erleichtern, nutzte ich ein Startnummernband. Als Schutz gegen die Sonneneinstrahlung war eine Cap unverzichtbar. Abgerundet wurde das Gepäck durch notwendige Dokumente (Ausweis, Kreditkarte, Bargeld), die Hotel-Zimmerkarte, den Autoschlüssel sowie Taschentücher. Auch eine kleine Tube Sonnencreme war als Vorsichtsmaßnahme im Rucksack; sie kam letztlich jedoch nicht zum Einsatz, weil ich im Rennmodus sie nicht noch einmal herausholen wollte.
5. Der Rennverlauf: Ein See, tausend Emotionen
5.1 Vor dem Start: Die Stille vor der ersten Welle
05:00 Uhr. Das unerbittliche Klingeln des Weckers schneidet durch die kurze, unruhige Nacht. Die Aufregung hat einen festen Tiefschlaf verhindert; die Gedanken kreisten schon Stunden zuvor um die 209 Kilometer. Im fahlen Licht des Hotelzimmers stehen drei Brötchen bereit – ein pragmatisches Frühstück, da es für das Buffet noch zu früh ist. Doch der Magen spielt nicht mit. Die Kehle ist eng, der Appetit klein. Nur ein Brötchen lässt sich bezwingen, das zweite wird zur Wegzehrung für den Gang zum Start.
Während ich versuche zu essen, schließe ich meine Suunto ein letztes Mal an das Ladekabel an. Obwohl der Akku die Nacht gut überstanden hat, gibt mir das Wissen um die vollen 100 % eine zusätzliche Sicherheit für die kommenden Stunden. Es folgt die fast rituelle Vorbereitung des Körpers, ein stilles Abarbeiten altbekannter Handgriffe: Die Brustwarzen werden dick mit Hirschtalg eingerieben, mit Pflastern geschützt und – für den ultimativen Halt – mit Leukosilk fixiert. Ein kleiner, bewusster Schmerz für später, wenn das Ganze nach dem Lauf abgezogen wird, aber jetzt ein notwendiger Schutz. Auch im Schritt sorgt der Hirschtalg für den nötigen Gleitfilm gegen die drohende Reibung. Anschließend bekommt der Nacken, die Arme und die Beine Sonnencreme mit LF50 ab – ich ahne jetzt schon, dass dies nicht reichen wird und zweifle an, ob ich mich nachcremen werde. Die Sonnenschutzcreme wandert trotzdem in den Rucksack.
Nach einer langen, festen Verabschiedung von meiner Verlobten – ein stiller Ankerpunkt vor dem Sturm, weil sie mehr Vertrauen in meine Leistung hat, als ich sie selbst aufbringe – trenne ich die Uhr vom Strom, greife den schon am Vorabend gepackten Rucksack und fahre die neun Kilometer entlang der Ostküste der Halbinsel Tihany. Rechts der See, über dem im Osten die Sonne in einem zarten, fast zerbrechlichen Orange aufsteigt und das Wasser in ein goldenes Licht taucht – es wird ein sonniger, ein schöner Tag. Ein friedlicher Kontrast zu dem inneren Chaos. Wie geplant parke ich den Wagen 700 Meter vom Start entfernt. Der kurze Fußweg zur Startlinie ist gesäumt von hunderten Läufern; in der Hand das restliche Brötchen, im Kopf die bohrenden Fragen: Reicht die Vorbereitung wirklich? Bin ich gut genug für das, was jetzt kommt?
Überall um mich herum wirken die anderen Athleten durchtrainierter und bereiter. Um nicht in dieser Unsicherheit zu versinken, ziehe ich mich in einen mentalen Tunnel zurück. Die Welt um mich herum beginnt zu verblassen. Ich beschränke Gespräche auf ein höfliches Minimum, die Kamera bleibt in der Tasche. Die treibende Musik und die euphorische Stimme des Moderators dringen nur noch wie durch Watte an mein Ohr. Kein Klatschen, kein Jubeln – nur noch Fokus auf die Uhr am Handgelenk, die unaufhaltsam Richtung Morgenstunde tickt.
Dann, punkt 07:00 Uhr, das Signal. Ein kurzer Moment des Innehaltens, bevor die erste Bewegung erfolgt. Die Reise beginnt, die Zweifel verstummen, und plötzlich gibt es nur noch das Hier und Jetzt. Jeder Schritt zählt ab sofort.

5.2 Der Start: Wenn der Zug ins Rollen kommt
07:00 Uhr. Die Spannung entlädt sich in einer fast hektischen Bewegung, als sich die Masse der knapp 400 Einzelstarter in Bewegung setzt. Während die Staffeln erst fünf Minuten nach uns auf die Strecke geschickt werden, gehört der See in diesem Moment uns Solisten. Sofort schießt eine innere Hitze durch den Körper – das Adrenalin der ersten Meter. Die äußeren Bedingungen sind mit 9 °C noch empfindlich frisch, und ich bin in diesem Moment aufrichtig dankbar für das schützende Buff-Tuch um meinen Hals.

Um die schiere Ungemülichkeit der 209 km besser verarbeiten zu können, habe ich mir im Kopf einen altbekannten Trick zurechtgelegt: Ich laufe kein einzelnes, gigantisches Rennen. In meiner Vorstellung sind es drei fast gleichlange, separate Wettkämpfe, die ich nacheinander abarbeiten werde. Der erste führt mich von Balatonfüred nach Keszthely, der zweite von Keszthely nach Siófok und der dritte von Siófok zurück nach Balatonfüred ins Ziel. In diesem Moment existiert für mich nur das erste Drittel.
Die ersten zwei Stunden sind jedoch geprägt von einer spürbaren Unruhe im Feld. Viele starten mit einer Euphorie, die sie zu einem viel zu hohen Tempo verleitet. Erschwert wird die Situation durch einige Radbegleitungen, die auf den teilweise sehr engen Passagen der ersten Kilometer unbedingt dicht bei ihren Läufern bleiben wollen – ein Slalomlauf der Nerven. Doch ich schaffe es, die Ruhe zu bewahren. Statt mich von der Hektik anstecken zu lassen, bleibe ich strikt kontrolliert.
Meine Beine fühlen sich gut an, sie drängen nach vorn und wollen deutlich schneller als die angepeilte Pace von 6:30 min/km laufen. Doch ich erteile ihnen ein eisernes Verbot. Ich weiß: Sie werden in den kommenden mehr als 25 Stunden noch lange genug arbeiten dürfen. Die Strecke verläuft nun meist kerzengerade am Nordufer entlang in Richtung Westen. Während die Temperaturen deutlich schneller steigen als gedacht, konzentriere ich mich nur auf den ersten Abschnitt meines mentalen Dreiteilers. Ich freue mich auf die zweite Tageshälfte, wenn sich das Feld entzerrt und ich freier laufen kann. Nun rollt der Zug.

5.3 Der erste Akt: Von Balatonfüred nach Keszthely – das Nordufer
Die Kilometer am Nordufer ziehen unter meinen Füßen vorbei, während sich das anfängliche Gedränge allmählich auflöst. Das Teilnehmerfeld zieht sich wie ein buntes Band in die Länge, und endlich entsteht der Raum, den ich zum Atmen und Laufen brauche. Mein Plan, die für mich extrem lange Distanz in drei Etappen zu zerlegen, beginnt zu greifen: Der Fokus liegt nun einzig und allein auf dem Erreichen der Westspitze des Sees.
Nach der turbulenten und unruhigen Startphase findet mein Geist nun endlich den Anschluss an den Körper. Eine tiefe innere Ruhe kehrt ein. Mein Fokus liegt zu 100 % beim Lauf; die Gedanken kreisen um keine anderen Themen mehr, sondern sind ausschließlich auf die nächsten, unmittelbaren Handlungen gerichtet: Atmen. Pace halten. Verpflegen. Laufen. Es schleichen sich keine störenden Gefühle ein – alles fühlt sich absolut richtig und flüssig an.

Das Wetter schlägt währenddessen schneller um als erwartet. Aus den frischen 9 °C am Morgen werden rasch 18 °C – was auf dem Papier mild klingt, fühlt sich unter der gnadenlosen, unbewölkten Sonne auf dem fast völlig unbeschatteten Asphalt deutlich heißer an. Hier macht sich die Entscheidung für die Cap und die sorgfältige Flüssigkeitsplanung bezahlt.
Ein echtes Highlight bricht die Monotonie der geraden Uferwege: Die Passage am Hang von Badacsony. Hier fordert die Strecke zum ersten Mal echte Höhenmeter. Die Anstiege verlangen Konzentration, um die Intensität nicht steigen zu lassen, doch die Aussicht auf die glitzernde Wasserfläche des Balaton entschädigt für jede Anstrengung. Absolut „cool“ und ein unvergesslicher Moment ist der Weg durch den Weinkeller von Varga. Die Kellertreppe führt plötzlich in die Kühle der Kellergewölbe, das schummrige Licht und der aromatische Duft sind ein Fest für die Sinne, bevor es wieder hinaus in die gleißende Mittagssonne geht.


Trotz der steigenden Temperaturen und der ersten topografischen Herausforderungen arbeite ich wie ein Uhrwerk – der Wahnsinn! Ein Blick auf meine Suunto bestätigt immer wieder das gleiche Bild: Die Pace steht felsenfest. Während um mich herum die ersten Läufer dem frühen Tempo oder der Hitze Tribut zollen müssen, befinde ich mich in einem vollkommenen Flow-Zustand, in dem die Anstrengung fast unbemerkt in den Hintergrund tritt. Wie lange dies wohl anhalten wird?

Ich erreiche Keszthely – den Endpunkt meines ersten mentalen Rennens – deutlich leichter, entspannter und auch ein wenig schneller als ursprünglich kalkuliert. Meine Füße fühlen sich noch immer absolut frisch an. Das erste Drittel ist geschafft. Ich bin eins mit der Bewegung.
Keszthely markiert nicht nur einen geografischen Wendepunkt, sondern auch den psychologischen Startschuss für den zweiten Akt: Den Weg entlang des Südufers nach Siófok. Der Zug rollt nicht mehr nur – er hat jetzt seine volle Reisegeschwindigkeit erreicht.
5.4 Der zweite Akt: Rhythmus in der Dunkelheit
Mit dem Verlassen von Keszthely beginnt das zweite meiner drei „mentalen Rennen“. Das Westufer ist überraschend schnell umrundet, und ich finde mich auf den langen, schier endlosen Geraden des Südufers wieder. Es ist ein Abschnitt der Kontraste: Die Weite der Strecke fordert die Psyche, während die Beine noch immer in einem beeindruckenden Rhythmus arbeiten.

Die 100-Kilometer-Marke: Ein unerwarteter Meilenstein Nach etwa 12 Stunden passiere ich die 100-Kilometer-Marke. Ein kurzer Blick auf die Uhr löst erstaunen aus: Es ist meine zweitschnellste Zeit, die ich je über diese Distanz gelaufen bin – und das, obwohl ich bereits drei reine 100-km-Straßenläufe absolviert habe. Dass ich diese Zeit im Rahmen eines 211-km-Laufs erreiche, gibt mir einen enormen mentalen Schub. Ich bin deutlich vor meinem Zeitplan, doch die Freude darüber mündet nicht in Übermut; der Fokus bleibt scharf und auf das Hier und Jetzt gerichtet.

Während die Sonne langsam sinkt, taucht ein kurzer Strandabschnitt mit tiefem Sand die Szenerie in ein goldenes Licht. Das Laufen im Sand ist anstrengender als auf dem gewohnten Asphalt, aber die ästhetische Schönheit dieses Moments ist eine willkommene Abwechslung für den Kopf.

Mit dem Einbruch der Nacht verändert sich die Kulisse. Erstaunlicherweise ist man auch in der Dunkelheit nicht allein: Immer wieder stehen oder sitzen Menschen am Straßenrand, deren Anfeuerungsrufe aus der Stille auftauchen. Gelegentlich durchbrechen die Bluetooth-Boxen der Radbegleiter die Nacht mit Musik – kleine akustische Inseln, die für Abwechslung sorgen. Besonders beeindruckend ist die Rücksichtnahme der ungarischen Autofahrer: Obwohl wir auf den Radstreifen direkt auf der Fahrbahn laufen und der Gehweg oft frei wäre, wird uns mit großem Abstand und Respekt begegnet.

Obwohl das Feld nun weit auseinandergezogen ist, genieße ich die Ruhe. Viele Mitstreiter sind mittlerweile in den Gehmodus gewechselt, doch mein Körper verweigert den Stillstand. Zwar spüre ich mit Beginn der Nacht eine erste, leichte Erschöpfung und nehme die Pace kontrolliert auf eine 7er-Pace zurück, aber die Muskeln und Füße funktionieren weiterhin klaglos.
Die Navigation bleibt dank der Stirnlampe, der logischen Streckenführung, den Markierungen und den voraus laufenden Teilnehmern unkompliziert. Nur zweimal sorgt das Herauskaufen aus den hell erleuchteten Verpflegungspunkten für eine kurze Irritation im dunklen Streckenverlauf, doch der Flow trägt mich schnell wieder zurück auf den richtigen Pfad. Nur einmal biege ich an einer winzigen Brücke über einen kleinen Kanal eine Abzweigung zu früh ab, was ein Supporter eines anderen Läufers bemerkt und mir aus seinem Auto heraus die Lichthupe gibt – Danke dafür.
Nach etwa 160 Kilometern erreiche ich schließlich Siófok. Der dortige Verpflegungspunkt ist gewaltig: Laute Musik, eine mitreißende Stimmung und helle Lichter wirken wie ein Adrenalinkick. Es ist das Ziel meines zweiten Rennabschnitts. Ich bin noch immer durchgängig am Laufen, die Verpflegung greift, und der Rucksack fühlt sich auch nach so vielen Stunden noch an wie ein Teil von mir (er wird aber auch leichter).
Der zweite Akt ist abgeschlossen. Jetzt trennt mich nur noch das letzte Drittel von Balatonfüred. Der Zug hat an Geschwindigkeit verloren, aber er rollt unaufhaltsam weiter.
5.5 Der dritte Akt: Stolz und die Straße nach Hause
Nach 24 Stunden passiere ich die 180-Kilometer-Marke. Mein dritter und letzter mentaler Abschnitt hat längst begonnen. Bis Kilometer 190 gelingt es mir, eine konstante 8er-Pace zu halten – eine Leistung, die mir mittlerweile alles abverlangt. Es sind keine Schmerzen, die mich bremsen, sondern die schlichte Tatsache, dass nach über einem Tag Dauerbelastung die Kraftreserven langsam zur Neige gehen. Mein Geist bleibt jedoch klar und ohne jedes mentale Tief. Ich beginne zu rechnen, ab wann ich die Restdistanz theoretisch gehen könnte, doch der Wille treibt mich weiter: Ich laufe von Ort zu Ort, immer der aufgehenden Sonne entgegen.
Was mich in dieser Phase am meisten erstaunt, ist die Effizienz meines Körpers. Trotz der enormen Mengen an Iso-Getränken, Gels und Energieriegeln gibt es keinerlei Magenprobleme. Ich setze meine Verpflegungsstrategie weiterhin konsequent um – ein Plan, der erstklassig funktioniert und mich davor bewahrt, in ein energetisches Loch zu fallen.
Am Eingang zum Ostufer, in Balatonakarattya, hält die Strecke eine unerwartete Überraschung bereit: Ein steiler Aufstieg führt uns hinauf auf den Hügel. Hier brennen nicht etwa die Beine; es ist vielmehr die schwindende Kraft, die jeden Höhenmeter zur Herausforderung macht. Doch der Ausblick entschädigt: Wir laufen ein langes Stück oberhalb des Sees durch den Ort, während unter uns die letzten Lichter der Nacht auf der Wasseroberfläche glitzern und im Osten der zweite Sonnenaufgang dieses Rennens den Himmel verfärbt.
Der Samstagmorgen erwacht. Wir laufen durch eine Einkaufsstraße, in der die Einwohner ganz alltäglich ihr Frühstück einkaufen. Es ist ein surrealer Kontrast: Hier die Normalität des Alltags, dort wir, die wir seit über einem Tag und einer Nacht unterwegs sind.

Hinter der 190-Kilometer-Marke fordert die Distanz schließlich ihren Tribut. Der flüssige Laufschritt weicht erst einem Wechsel aus Gehen und Laufen, bis er schließlich ganz in ein entschlossenes Gehen übergeht. Die letzten 14 Kilometer nach Balatonfüred trete ich nicht mit Erschöpfung, sondern mit einer tiefen, unerschütterlichen Gewissheit an. Ich hole meine Kopfhörer heraus und lasse mich von einem Podcast begleiten – ein bewusster Rückzug in meine eigene Welt auf den letzten Metern.
In mir breitet sich ein gewaltiges Gefühl von Stolz aus. Stolz auf das, was mein Körper und mein Geist hier leisten. Gleichzeitig empfinde ich eine enorme Dankbarkeit für die Chance, hier zu sein, und für die Möglichkeiten, die mir diesen Lauf erlaubt haben. Die Vorfreude auf die Ziellinie wird mit jedem Schritt greifbarer.
Während ich stetig Richtung Ziel „spaziere“, beobachte ich die Szenerie. Ich sehe Radbegleiter, die mittlerweile erschöpfter wirken als ihre Läufer, und andere Athleten, die eine besorgniserregend schiefe Körperhaltung eingenommen haben. Ich hingegen fühle mich – trotz der totalen Erschöpfung – schmerzfrei und getragen von einer inneren Freude. Zwar erreiche ich keine 5 km/h Wandergeschwindigkeit mehr, aber angesichts des riesigen Puffers zum Zeitlimit spielt das keine Rolle.
Hin und wieder werde ich überholt, meist von frischen Staffelläufern. Zu diesem Zeitpunkt ahne ich noch nicht, wie weit vorne ich im Feld tatsächlich liege. Ich bin einfach nur glücklich und voller Vorfreude. Die Welt fühlt sich unwirklich an, während Balatonfüred mit jedem Schritt näher rückt.
5.6 Verpflegung und Zeitnahme: Die Logistik hinter dem Flow
Hinter dem emotionalen Erleben des Laufs stand ein präzises Gerüst, das mich über die 209 Kilometer getragen hat. Während die Zeitnahme für die nötige Transparenz nach außen sorgte, war die konsequente Verpflegungsstrategie der eigentliche Motor, der den Erfolg dieses Rennens erst möglich gemacht hat.
Ein Ernährungs-Marathon an der Grenze Dass ich bis Kilometer 190 laufen konnte, verdanke ich meiner Magen-Disziplin. Meine Strategie ist punktgenau aufgegangen und war die Antwort auf schmerzhafte Lehren vergangener Rennen. Um eine Wasservergiftung (Hyponatriämie) – wie ich sie beim Transgrancanaria (selbstverschuldet) erleben musste – zu vermeiden, blieb ich konsequent:
- Flüssigkeit: An jedem Punkt trank ich mindestens einen Becher Iso, bei mehr Durst entsprechend mehr. Nur ganz selten griff ich zu einem Iso-Wasser-Gemisch. So hielt ich den Elektrolythaushalt stabil und hatte dennoch genug Flüssigkeit zum Schwitzen.
- Salz & Festes: In den ersten Stunden nahm ich bei jedem Verlassen eines Punktes einen Energieriegel mit. Als Geheimwaffe gegen den Salzverlust in der Tageshitze erwiesen sich Gewürzgurken, die ich zusätzlich großzügig in Salz eintauchte.
- Die Gel-Taktik: In den ersten sechs Stunden nahm ich drei Gels, danach steigerte ich die Frequenz auf eines pro Stunde. Ab Kilometer 150 wurde es zum absoluten Kraftakt: Alle 30 Minuten oder bei jedem Verpflegungspunkt zwang ich mir ein Gel und einen Riegel auf. Dabei wechselte ich dann zwischen meinem eigenen Gel und den Gels des Sponsors ab. Im Nachgang betrachtet, hätte ich mich auch komplett auf die gestellten Gels verlassen können.
Es war ein regelrechter Essensmarathon an der Grenze dessen, was körperlich machbar ist. Irgendwann muss man sich zwingen, die süßen Sachen und die bescheidene Konsistenz der Gels noch zu schlucken. Doch diese Hartnäckigkeit zahlte sich aus: Ich hatte jederzeit genug Kohlenhydrate parat, um nicht vollständig in die deutlich langsamere Fettverbrennung abzusinken. Ohne diese Zufuhr hätte ich die Laufbewegung schon viel früher gegen das Gehen tauschen müssen.
Das beruhigende Piepsen der Zeitnahme: Parallel dazu lieferte die Zeitnahme die nötige Orientierung. Sie erfolgte über ein Armband am Handgelenk, das etwa alle zehn Kilometer an den Verpflegungspunkten von Helfern gescannt wurde. Dieses kurze, helle Piepsen des Geräts hatte eine enorme beruhigende Wirkung – es war die Bestätigung, dass ich offiziell registriert und noch immer Teil des Rennens war.
Diese Daten wurden direkt ins Internet übertragen. Auch wenn es kein echtes Live-GPS-Tracking war, bot es meiner Verlobten und meinen Freunden eine hervorragende Möglichkeit, meinen Fortschritt und meine Platzierungen auf der Homepage zu verfolgen. Es war das virtuelle Band nach Hause, das mir Sicherheit gab, während mein Körper den Brennstoff verarbeitete.

6. Das Finish: Der letzte Meter Einsamkeit und der große Empfang
6.1 Zwischen Alltag und Ausnahmezustand
Der Weg führt mich schließlich durch Csopak. Während ich am Strandbad vorbeispaziere, fangen die Anfeuerungsrufe der Zuschauer mich wieder ein. Die Sonne hat mittlerweile wieder ihre volle Kraft entfaltet und sticht vom Himmel, doch mein Blick klebt an der weiten, glitzernden Fläche des Balatons.
Auf der Promenade in Balatonfüred sind mittlerweile viele Menschen und Familien unterwegs. Mein Fokus lässt auch jetzt nicht locker; er ist starr auf das Ziel gerichtet. Die letzten knapp zwei Kilometer führen über einen Radweg – rechts die Straße, links der Fußweg. Als ich die letzte Zeitnahme kurz vor dem Ziel passiere, treffe ich eine bewusste Entscheidung: Ich verstaue meine Kopfhörer. Ich schalte den Podcast aus und packe die Technik weg, um das Umfeld und die Atmosphäre dieses Moments nach über einem Tag mentaler Isolation wieder vollends wahrzunehmen.
Bereits jetzt, kurz vor dem Bogen, mischt sich in den Tunnelblick eine tiefe Dankbarkeit. Ich denke an das halbe Jahr der Vorbereitung, an jede einzelne Stellschraube, an der ich gedreht habe. Das hier ist nicht nur ein Ankommen; es ist die Vollendung einer monatelangen Arbeit.
Plötzlich weitet sich der Blick und ich sehe das Zielareal. Um mich herum herrscht Trubel: Staffelläufer der großen Teams, die erst heute Morgen gestartet sind, sprinten mit frischen Beinen an mir vorbei. Kurz vor dem eigentlichen Ziel treffe ich auf eine weitere Helferin für die Zeitnahme. Ein kurzes Piepsen. Warum hier, so kurz vor dem Ende? Ich verstehe es in diesem Moment noch nicht. Eine kurze Irritation macht sich breit, wo genau der Weg verläuft, doch ein Helfer spricht mich sofort an und weist mir den Weg – ein paar Schritte über das Gras, um eine letzte Kurve und hinein in den Zieltunnel.
Eine kleine Anekdote: Der Helfer, ein junger Mann von vielleicht Mitte 20, welcher mir den Weg zum Zieltunnel zeigt, weißt mit einem Lachen auf einen anderen Helfer hinüber und sagt sinngemäß auf Englisch und mit einem Grinsen im Gesicht: Siehst du meinen Freund dort drüben? Who looks like an idiot? Dort bist du richtig.
Ja, auch ich musste in diesem Moment grinsen…
Nun tauche ich in eine andere Welt ein: Der Zieltunnel ist gesäumt von leuchtend blauen Banden, und unter meinen Füßen liegt ein schwerer, blauer Teppich. Im Tunnel dringt die Welt wieder zu mir durch. Ich höre den Jubel und das Klatschen ganz bewusst. In diesem Moment stehe ich hier alleine auf dem blauen Teppich; die Rufe gelten nur mir. Es ist kein Gefühl der Zerstörung, sondern eines von unbändigem Stolz. Ich habe mir diesen Moment nicht unter Qualen erkämpft – ich habe ihn mir erarbeitet.
Dann sehe ich den gewaltigen Zielbogen. Zwei Helfer spannen ein Zielband quer über die Strecke. Als ich näherkomme, erkenne ich mein personalisiertes Zielbanner mit meinem Namen darauf. Jetzt weiß ich, warum kurz zuvor noch einmal die Zeit genommen wurde – man hat sich auf meine Ankunft vorbereitet. Ich laufe nicht mehr an. In tiefer Ruhe und mit der Gewissheit, meine Strategie perfekt umgesetzt zu haben, gehe ich auf das Band zu, greife es und reiße es in die Höhe.
Ich bin angekommen. 209 Kilometer. 27 Stunden und 56 Minuten. Ein Moment für die Ewigkeit.

6.2 Nach dem Beben: Die Stille im Trubel
Kurz nach dem Überqueren der Linie hängt man mir eine große, schwere Medaille um den Hals. Ich erhalte mein Finishershirt und Essensgutscheine für das Buffet direkt auf dem Gelände. Ich nicke nur noch, nehme alles mit einem Lächeln entgegen, das wahrscheinlich alles andere als entspannt wirkt, und suche mir einen Platz.
Ich lasse mich auf eine einsame Bierbank am Rand nieder, schnappe mir etwas zu trinken und sitze einfach nur da. Um mich herum herrscht ein gewaltiger Trubel – so viele Menschen, so viele Stimmen. Und hier passiert das Paradoxe: Zum ersten Mal in diesen anderthalb Tagen fühle ich mich einsam. Nicht in der Nacht, nicht auf den endlosen Geraden im Süden, nicht beim Gehen auf den letzten 14 Kilometern – nein, hier im Trubel der Glückseligkeit fühle ich mich isoliert. Meine Gefühlswelt ist anders.
Ich verstaue das Shirt und mein Zielbanner, das wir als Trophäe behalten dürfen, im Rucksack und leere die Flasche in einem Zug. Ich denke an den Transponder und das Pfand; zum Glück kann ich ihn direkt im Areal abgeben. Dann tippe ich eine Nachricht an meine Verlobte, meine liebe Mel: FINISH🤩🍻🏆
Als ich versuche, von der Bank aufzustehen, durchzuckt es mich: Jetzt spüre ich zum ersten Mal Schmerzen. Jede Faser meines Körpers scheint plötzlich zu begreifen, dass die Arbeit getan ist. Ich lasse das Buffet links liegen, gebe den Transponder ab und schlurfe mit der baumelnden Medaille ganz langsam aus dem Areal die 700 Meter zurück zum Auto.

Während ich so dahinziehe, wird mir klar, was dieses Mal anders ist als bei all meinen anderen Finishes bedeutender Läufe. Es ist nicht das Bedürfnis, vor Überwältigung zu weinen, und auch nicht die totale Müdigkeit. Ich bin auf eine ruhige, ganz unerwartete Art emotional.
In 15 Jahren als Ultraläufer ist mir so etwas noch nie in dieser Perfektion gelungen. Ich freue mich, dass ich all jene, die an mich geglaubt haben – selbst als ich es nicht tat – nicht enttäuscht habe. Es war schlicht und ergreifend ein perfektes Rennen.
5.3 Die ersten Stunden: Zwischen Erschöpfung und Unruhe
Die kurze Fahrt über die neun Kilometer zurück zum Hotel gestaltete sich als eine spannende, fast schon grenzwertige Herausforderung. Obwohl ich mich nicht klassisch müde fühlte, war eine deutliche, bleierne Unkonzentriertheit spürbar. Es war rückblickend keine gute Entscheidung, mich selbst hinter das Steuer zu setzen, doch glücklicherweise ging die Fahrt ohne Zwischenfälle vorüber.
Ankunft und Hilfe: Noch auf dem Hotelparkplatz im Auto sitzend, kontaktierte ich Mel. Sie kam sofort nach draußen und half mir, meine wenigen, aber nun tonnenschwer wirkenden Habseligkeiten auf das Zimmer zu tragen. In diesem Moment war ich zutiefst froh, dass jemand da war, der ein wachsames Auge auf mich hatte. In der Abgeschiedenheit des Zimmers offenbarten sich die körperlichen Grenzen: Die staubigen Schuhe ließen sich kaum noch alleine von den Füßen streifen. Mel übernahm das Ausziehen der Schuhe und der durchgeschwitzten Socken ganz selbstverständlich. Obwohl ich es aus einem letzten Rest Stolz zunächst abgelehnt hatte, war ich für diese wortlose Unterstützung unendlich dankbar.
Die schmutzigen Laufklamotten wurden ordentlich in einem Sack verstaut, bevor ich mich unter die wohltuende Dusche schleppte. Ein kleines Glas Belohnungswein sollte den Übergang in die Ruhephase einleiten. Doch der Plan vom erholsamen Mittagsschlaf scheiterte kläglich; der massive, pochende Druck auf die strapazierte Beinmuskulatur verursachte drückende Schmerzen. Ein „Mittagessen“ in Form einer Ibu 400 war die einzige Lösung, um die Zeit im Halbschlaf und Dämmerzustand bis zum Abend zu überbrücken.
Die unruhige Regeneration Das Abendessen war geprägt von einem kühlen Bier, reichlich Nahrung und tiefgründigen Gesprächen über Gott und die Welt mit Mel. Es war ein ruhiger Ausklang, gefolgt von einer Dokumentation im TV und einem weiteren Glas Wein. Da der Körper jedoch weiterhin unter Hochspannung stand und das Einschlafen unmöglich schien, folgte zur Nacht eine weitere Ibu 400.
Die Nacht selbst war alles andere als geruhsam. Das vegetative Nervensystem war durch die vorangegangene Tortur völlig aus dem Gleichgewicht geraten. Heftige Schweißausbrüche, abrupte Warm-Kalt-Wechsel und eine messbar zu niedrige Herzfrequenzvariabilität (HRV) machten die Erholung zur Schwerstarbeit für den Organismus.
Der Morgen danach Am nächsten Morgen offenbarte das Tageslicht die Spuren des Laufs: Ein ordentlicher Sonnenbrand war ein Geschenk der Tage zuvor, er tat nicht weh, aber ich war rot und die Haut begann sich an Ohren, Armen und Beinen abzuschälen (teilweise erst Tage später), und die Bettwäsche zeugte von der Intensität der Kilometer. Zwischen den Pobacken hatte ich mich trotz aller Vorsicht wund gerieben; das ausgetretene Wundsekret hinterließ Spuren und einen unangenehmen Geruch – wir reisten an diesem Tag so oder so ab, hatten aber gegenüber den Zimmermädchen ein schlechtes Gewissen und ließen ein „Trinkgeld“ da. Nach einer weiteren Dusche fühlte ich mich zumindest oberflächlich wiederhergestellt und war bereit, mit heißhungriger Vorfreude über das Frühstücksbuffet herzufallen.
7. Fazit & Ausblick: Das Delta der Erkenntnis
Wenn ich heute auf die Ziellinie in Balatonfüred blicke, sehe ich mehr als nur ein Ergebnis. Ich sehe eine Entwicklung. Schon 2024 stand ich hier um 07:00 Uhr an der Startlinie, fieberte dem Rennen entgegen – und scheiterte mit Knieschmerzen bei Kilometer 45. Was ich damals nicht ahnte? Wie groß das Delta zwischen bloßem Wunsch und der harten Notwendigkeit war. Erst während dieses diesjährigen Rennens ist mir bewusst geworden, welcher enorme Leistungsstand tatsächlich nötig ist und wie präzise die gezielte, 28-wöchige Vorbereitung auf diesen Punkt hingewirkt hat.
7.1 Die nackten Zahlen und die Lehren
Das Ergebnis schwarz auf weiß: Platz 115 von 225 im Ziel. Dass von 395 gestarteten Einzelstartern nur 225 das Zielband sahen – eine Finisherquote von gerade einmal 57 % – unterstreicht die Herausforderungen dieses Laufs und unterstreicht mein Gefühl, dass ich vieles vorher und währenddessen richtig gemacht habe.
Drei wesentliche Erkenntnisse nehme ich für meine zukünftigen Ultratrails und Ultramarathons mit:
- Ernährung: Die Strategie war für mich schlichtweg perfekt. Diese Erfahrung der konsequenten Zufuhr werde ich eins zu eins auf die Trails übertragen, selbst wenn dort die Abstände zwischen den Stationen länger sind – über die Umsetzung muss ich natürlich im Einzelfall grübeln.
- Equipment & Schutz: Die Suunto hat tadellos durchgehalten, doch für das absolute Sicherheitsgefühl und um das Ladekabel künftig getrost daheim zu lassen, schiele ich für das nächste Mal auf ein Modell mit noch längerer Akkulaufzeit😉 Natürlich wäre eine bessere Kamera für Fotos unterwegs auch nice to have – aber ich bin ja zum schwitzen und arbeiten dort gewesen und nicht für ein Shooting 😉 Zudem weiß ich nun exakt, wo Hirschtalg unverzichtbar ist – beim nächsten Mal auch konsequent zwischen den Pobacken.
- Support: Das Thema Sonnencreme bleibt eine Schwachstelle. Ich blende sie im Tunnel aus. Eine Crew könnte hier helfen, aber ich scheue das Risiko: Die Störung meines mentalen Fokus und der zusätzliche äußere Druck könnten schwerer wiegen als ein Sonnenbrand.
7.2 Was wäre, wenn?
Die Vorbereitung war so lückenlos, dass ich im Nachgang nichts hätte besser machen können. Wollte ich darauf aufbauen, müsste ich das Grundtempo im Training leicht erhöhen und dem Krafttraining mehr Raum geben. Mit einem höheren Trainingsumfang in den ersten Wochen der Vorbereitung könnte ich den Anstieg in den Spitzenwochen flacher halten und den Trainingsreiz so noch besser verarbeiten. Ob ich allerdings das Körpergewicht weiter reduziere, was in einem gewissen Rahmen in meinem Fall leistungssteigernd sein würde, indem ich Süßigkeiten und Alkohol komplett streiche, wage ich zu bezweifeln – ein wenig Lebensqualität darf bleiben.
7.3 Der Blick nach vorn: Ein Luxusproblem
Seit 2021 trage ich den Wunsch nach den 200 Kilometern in mir. Drei Versuche beim JUNUT, die Meldung beim Transgrancanaria 360°, der Abbruch hier 2024 – nun hat es endlich perfekt geklappt. Mein Plan war eigentlich klar: Danach wieder schneller trainieren, kürzere Wettkämpfe mit höchstens einer Nacht laufen, bei denen das Finish keine ungewisse Sache ist. Das hatte ich mir vorgenommen und so kommuniziert.
Doch nun sitze ich hier und bin unsicher. Warum? Weil es so perfekt lief, dass die Frage nach dem „Was ist noch möglich?“ laut an die Tür klopft. In früheren Jahren träumte ich vom legendären Spartathlon – dem historischen Lauf über 246 Kilometer von Athen nach Sparta, bei dem man innerhalb von 36 Stunden die Statue von Leonidas erreichen muss. Ein Rennen mit brutalen Cut-off-Zeiten und dem berüchtigten Aufstieg über den Sangas-Pass.
Bisher war ich meilenweit von den nötigen Qualifikationsleistungen entfernt, die den geforderten Leistungsstand absichern sollen. Doch nun habe ich diese Qualifikation völlig unerwartet und deutlich erbracht. Ich könnte mich für 2027 oder 2028 über die DUV melden. Der „kleine Mann im Kopf“ hat die Diskussion bereits eröffnet. Doch die Konsequenz wäre immens: Über 1.200 € allein für Anmeldung und Logistik, insgesamt wohl eher 2.000 € (und dann hätte ich Mel noch nicht mit eingerechnet), massiver Zeitaufwand und ein erneuter, enormer Leistungsdruck, den ich mir machen müsste, um auch mit dem nötigen Fokus teilzunehmen.
Steht der Wunsch, mir das selbst noch einmal zu beweisen, über dem Preis, den ich dafür zahlen müsste? Ist dieses Gefühl des Ultrabalatons überhaupt noch steigerbar oder würde ich nur versuchen, es zu wiederholen – was gar nicht möglich ist. Ich schwanke zwischen der Angst, eine einmalige Gelegenheit verstreichen zu lassen, und dem Wunsch, mich wieder Projekten mit weniger Druck des grundsätzlichen Scheiterns zu widmen oder liegt diese permanente Suche nach meinen körperlichen Grenzen in mir. Die Entscheidung ist aufgeschoben. Vorerst widme ich mich meinem alten Herzensprojekt: dem Erleben aller Wanderwege des Fränkischen Albvereins. Dort warten noch einige sehr lange Wege auf mich – ganz ohne Zeitdruck, aber mit der neuen Gewissheit im Rücken, dass ich 200 Kilometer und mehr schaffen kann, wenn ich bereit bin daran zu arbeiten.
Es war, in jeder Hinsicht, das perfekte Rennen.
Euer Thorsten


