„Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.“
— Friedrich Nietzsche
Das Projekt Ultrabalaton: Vom Haken-Setzen zum 209-km-Finish
Der NN Ultrabalaton in Ungarn gehört zu den faszinierendsten und zugleich unerbittlichsten Ultraläufen Europas – und in Deutschland trotz seiner Größe kaum bekannt. Einmal komplett rund um den Plattensee – das bedeutet 209 Kilometer auf Asphalt, Radwegen und durch viele Orte, am Tag und in der Nacht, ausgesetzt der Hitze, der Monotonie und dem fortwährenden Kampf gegen den eigenen Geist.
Meine persönliche Geschichte mit diesem Lauf lässt sich nicht isoliert in einem einzelnen Rennbericht erzählen. Sie ist der Prozess eines zweijährigen Reifeprozesses, der 2024 mit einem schmerzhaften, aber lehrreichen Ausstieg (DNF) begann und April 2026 im (fast) perfekten Zieleinlauf beim 20-jährigen Jubiläum gipfelte.
- Veranstaltungsort & Strecke: Einmalige, vollständige Nonstop-Umrundung des Plattensees (Balaton) in Ungarn mit Start und Ziel in Balatonfüred (Nordufer).
- Distanz & Profil: 209 Kilometer am Stück auf nahezu durchgehend asphaltierten Radwegen, Fußgängerpromenaden und verkehrsarmen Nebenstraßen. Das Profil ist weitgehend flach bis sanft wellig am Nord- und Ostufer (ca. +1.000 HM gesamt).
- Wettkampf-Formate & Teilnehmende: Großveranstaltung mit mehreren Tausend Aktiven. Neben den Einzelläuferinnen und Einzelläufern (Einzeldistanz 209 km) bilden Multi-Etappen-Teams, 2er- bis 13er-Staffeln sowie Begleitradfahrer den Hauptteil des Teilnehmerfeldes.
- Teilnehmerzahlen (Einzelstarter): Bei den Solo-Einzelläufern treten jährlich etwa 300–400 Starter an. Die Finisher-Quote variiert stark nach Witterung (2026 erreichten 221 von 395 Einzelstarter das Ziel innerhalb des Zeitlimits (inkl. Respektzeit).
- Zeitlimit & Cut-Offs: Das maximale Zeitlimit für die Gesamtdistanz beträgt 31 Stunden (33 Stunden Respektzeit). Entlang der Strecke sind strikte Zwischenzeit-Limits an festgelegten Verpflegungspunkten zu beachten.
- Organisation & Infrastruktur: Professionell organisiertes Groß-Event mit lückenloser elektronischer Zeitmessung, medizinischer Notfallversorgung und im Schnitt alle 3 bis 5 Kilometer eingerichteten Verpflegungsstationen (Wasser, Iso, Früchte, Riegel, Brühe, Gels).
- Supportmöglichkeiten:
- Mit Support: Eigene Begleitfahrzeuge (PKW) an definierten Haltepunkten oder einer durchgehenden Rad-Begleitung (mit offizieller Begleit-Startnummer) ist regelkonform zugelassen.
- Autark / Solo: Teilnahme als autarker Einzelstarter ohne Crew/Radbegleitung möglich, gestützt auf die offiziellen Verpflegungspunkte des Veranstalters und eigene Ausrüstung (z. B. Trailweste).
- Besondere Herausforderungen: Hohe Hitzeexposition tagsüber, extreme Belastungsmonotonie durch den harten Asphaltuntergrund, nächtliche Orientierung/Müdigkeit sowie Windanfälligkeit entlang der freien Uferzonen.
2024: Das DNF als unverzichtbarer Lehrmeister
Als ich im Mai 2024 zum ersten Mal an der Startlinie des Ultrabalaton stand, endete das Rennen nach 45,95 Kilometern. Körperliche Probleme und unvorhergesehene Faktoren erforderten den Ausstieg.
Im ersten Moment fühlt sich ein DNF (Did Not Finish) wie eine Niederlage an. Doch im Rückblick war dieser vorzeitige Abbruch keine Schande, sondern die nötige Konsequenz und das Fundament für den späteren Erfolg:
- Ernährungs- und Pacing-Fehler analysieren: Die Monotonie des flachen Terrains rund um den See stellt völlig andere Anforderungen an die Beinmuskulatur und den Magen-Darm-Trakt als hügelige Trailläufe. Das DNF legte die Schwachstellen schonungslos offen.
- Mentale Demut gewinnen: Der Balaton lässt sich nicht erzwingen. Man muss ihn respektieren. Das Jahr 2024 lehrte mich die Geduld, die man für 200+ Kilometer auf der Straße benötigt.
- Die Zusage an mich selbst: Statt das Thema ad acta zu legen, stand fest: Einen Haken setzen und nach vorne schauen. Aus dem DNF erwuchs der unerschütterliche Entschluss, mit einer völlig überarbeiteten Strategie zurückzukehren.
- Trainingsaufwand: Von nichts kommt nichts – große Ziele erfordern einen großen Aufwand.
2026: Die Reifeprüfung und das Finish beim Jubiläum
Mit einer akribischen 28-wöchigen Vorbereitung, die auf einer individuellen Anpassung des Trainingskonzepts aus dem Werk Uphill Athlete: Training für Skibergsteiger und Bergläufervon Kílian Jornet, Steve House und Scott Johnston basierte und in mehrere strukturierte Phasen gegliedert war, trat ich zwei Jahre später erneut an. Völlig auf mich allein gestellt – ohne Fahrradbegleitung durch Mel und ohne eigene Support-Crew – verließ ich mich auf der 209 km langen Solo-Umrundung ausschließlich auf die offiziellen Verpflegungspunkte sowie die Gels und Ausrüstungsgegenstände in meiner eigenen Trailweste.
Jeder Kilometer des Jahres 2026 baute auf den Lehren von 2024 auf. Das Ergebnis: 209,0 Kilometer nonstop, bewältigt in einem kontrollierten Rennen und gekrönt mit dem 115. Platz von 221 Finishern im offiziellen Zielareal. Das DNF von 2024 war der harte Preis, den ich zahlen musste, um die körperliche und mentale Reife für das Finish 2026 zu erlangen.
Ausblick: Spartathlon-Qualifikation und das ewige Mehr
Mit dem erfolgreichen Finish des Ultrabalaton 2026 schließt sich nicht nur ein Kreis – es öffnet sich gleichzeitig die Tür zu neuen Horizonten. Die erbrachte Distanz und die gesammelte Erfahrung werfen zwangsläufig die Frage nach der nächsten sportlichen Grenze auf: Die Spartathlon-Qualifikation und das ewige Suchen nach dem Mehr im Ultrasport.
Wie weit kann der eigene Weg führen, wo liegt die individuelle Belastungsgrenze, und wie bewahrt man dabei die Balance zwischen Ehrgeiz, Gesundheit und Lebensfreude? Die Antworten darauf werden die kommenden Projekte und Berichte auf Laufend-Glücklich.de prägen.
Die Beitrags-Sammlung zum Ultrabalaton-Projekt
Hier findest du alle Artikel, Trainings-Logbücher, Rennberichte und Analysen rund um die beiden Ultrabalaton-Startversuche chronologisch gebündelt:
Chronologie der Beiträge: Ultrabalaton 2024 & 2026
- Trainingsaufbau 2024: 100 Miles of Istria & Ultrabalaton-Vorbereitung — Einblicke in die erste Vorbereitungsphase und das Grundlagen-Training.
- Istria 100 Red Course: Ein Blick in die Vergangenheit und ein Ausblick in die Zukunft — Standortbestimmung und mentale Ausrichtung vor dem ersten Startversuch.
- Ultrabalaton 2024: Ein DNF und trotzdem ein Gewinn — Der ehrliche Rennbericht zum Abbruch nach 46 km und die ersten Lehren für die Zukunft.
- Ultrabalaton 2026: Trainingsanlauf Nr. 2 — Die 28-wöchige Akribie, Pacing-Konzepte und das Ernährungs-Setup für den zweiten Anlauf.
- 209 Kilometer Leidenschaft & Arbeit: Ultrabalaton 2026 – Das 20-jährige Jubiläum — Der große Haupt-Erfahrungsbericht zum erfolgreichen Finish nach 209 km Nonstop.
- Die Spartathlon-Qualifikation und das ewige Mehr: Wo liegt die Grenze im Ultrasport? — Das Resümee nach dem Finish und die Perspektive auf kommende Qualifikations-Ziele.
Euer Thorsten

