„Am Ende hängt doch alles an der Ausdauer und der Geduld; wer den alten Wegen mit Treue folgt, wird von der Geschichte reich belohnt.“
— Theodor Fontane
Vorwort: Die Faszination und Härte des Plattensees
Der NN Ultrabalaton in Ungarn ist schlichtweg ein Brett. Eine 209 Kilometer lange See-Umrundung auf durchgehend flachem bis leicht welligem Terrain rund um das „Ungarische Meer“ verspricht auf dem Papier ein rasantes Tempo, entpuppt sich in der Realität jedoch schnell als mentale und körperliche Zerreißprobe. Nachdem ich mich Wochen zuvor beim Istria 100 über 169 harte Trailkilometer gekämpft hatte, sollte der Ausflug nach Ungarn das Frühjahrs-Highlight werden.
Doch Ultralauf lässt sich nicht auf dem Papier planen. Am 3. Mai 2024 endete mein erster Versuch am Balaton vorzeitig nach 45,95 Kilometern und 5:09:13 Stunden. Ein Ausstieg – ein DNF (Did Not Finish) – der im ersten Augenblick schmerzt, bei genauerem Hinsehen jedoch der entscheidende Lehrmeister für die Zukunft sein sollte.
Es sollte eigentlich für eine ganze Weile der letzte lange Lauf über 100 km werden, also zusammen mit Istrien den Abschluss einer schönen Phase von sehr langen Läufen, die ich zwischen 2018 und 2024 erleben durfte, bilden. Dem Ultra bleibe ich treu, aber zweistellige Kilometerangaben kommen mir einfach entgegen, fühlen sich für mich im Kopf stimmiger an, weil mein Körper damit besser klar kommt.
Meine bezaubernde Lebensgefährtin Mel begleitete mich ebenfalls nach Balatonfüred, dem Kurort am See und dem Ort meiner Sommerferien in der Kindheit, um mit mir anschließend den Urlaub am ungarischen Meer, wie ihn die Einheimischen manchmal nennen, zu genießen und eine gute Zeit zu haben, weshalb ich trotzdem frohen Mutes, aber mit leichten Zweifeln anreiste.
Die Veranstaltung war sehr gut organsiert, die Ungarn sehr freundlich und alles wirkte und war professionell und sehr gut aufgezogen. Ein Kompliment geht raus. Als Erinnerung gönnte ich mir eine Mizuno UB Jacke – ich bin für diese Sachen sehr empfänglich. Ich verzichtete auf die mögliche und häufig gewählte Fahrradbegleitung und packte mir eine Regenjacke und ein Shirt in einen kleinen Laufrucksack und los ging es auf regennassen Straßen und bei schwülen Bedingungen.
Der Rennverlauf: Wenn der Rhythmus bricht
Der Startschuss im Rennzentrum Balatonfüred entließ ein riesiges Feld auf die Straßen und Wege des Nordufers. Begleitet von erstaunlich vielen Mitstreitern und ihren Begleitern auf dem Fahrrad startete ich motiviert in die ersten Abschnitte. Doch schon nach den ersten zwei Stunden zeichnete sich ab, dass der Körper die gewaltige Belastung des vergangenen Ultratrails in Istrien noch nicht vollständig verarbeitet hatte. Die Beine fühlten sich von Beginn an ungewohnt schwer an, und die flache Monotonie des Asphalts verlangte den Sehnen ein unnachgiebiges, immer gleiches Bewegungsmuster ab.
Als die Temperaturen am späten Vormittag spürbar anzogen und die Sonne auf die weiten Radwege brannte, traten zunehmend Beinprobleme auf. Im Grunde genommen spürte ich schon seit Anfang des Jahres immer mal wieder im linken Bein am Knöchel, Schienbein, Knie, Oberschenkel Schmerzen, die mal mehr oder mal weniger waren. Die mich Nachts erwischten oder auch einfach nur beim Sitzen nervten. Meist war es kein großes Thema, selten hatte ich deswegen schlaflose Stunden in der Nacht und noch seltener einen Grund einen Lauf zu verkürzen.
Und nun kamen sogar zwei Dinge zusammen:
1) Ab km 35 begann ich den Oberschenkel zu spüren, welcher ab 40 sehr deutliche Schmerzen bereitete. Ich hätte Schmerzmittelt, für den Fall, dass ich gegen Ende des Rennens welche bräuchte, dabei gehabt, aber in der Vergangenheit hatte ich die Einnahme dieser vor oder während eines Rennens immer abgelehnt. Entweder mein Körper schafft es oder er schafft es nicht. Nun stand ich hier und musste mir überlegen, ob ich bei meinem letzten richtig langen Rennen meinen eigenen Vorgaben untreu werden wollte oder nicht.
2) Mein Kopf wollte sich für die Strecke, für die nötige Qual nicht motivieren. Ich war an diesem Tag nicht mehr bereit, diese Herausforderung anzunehmen und umzusetzen.
Glücklich und zufrieden blicke ich in die Zukunft (mit lauter Ideen im Kopf), die wieder vielfältiger geworden ist, als ich geahnt hatte.
Statt den Körper durch die verbleibenden 160 Kilometer zu quälen und langfristige Verletzungen oder einen gesundheitlichen Kollaps zu riskieren, traf ich nach 45,95 Kilometern die schwere, aber richtige Entscheidung: Ich zückte das Handy und rief Mel an – Rennabbruch.
Was habe ich gewonnen?
Einen weiteren Urlaubstag mit meiner Liebsten. Einen entspannten und ordentlichen Lauf. Zusätzlich eine positive und glückliche Grundstimmung, die ich angesichts des Rennabbruchs nicht gedacht hätte.
Die prophylaktische oder akute Einnahme von frei verkäuflichen Schmerzmitteln (wie Ibuprofen, Diclofenac oder Aspirin) vor oder während extremer Belastungen birgt gravierende gesundheitliche Gefahren:
• Nierenschädigung & Entgiftungsstörung: Unter hoher körperlicher Beanspruchung und Flüssigkeitsverlust schränkt der Körper die Nierendurchblutung ein. Schmerzmittel hemmen die Synthese von Prostaglandinen, die für die Nierendurchblutung essenziell sind. Dies kann akut zu einem schweren Nierenversagen führen.
• Magen-Darm-Traktschäden: NSAR (Nichtsteroidale Antirheumatika) greifen die Magenschleimhaut an. In Kombination mit der verringerten Magen-Darm-Durchblutung beim Ultrasport erhöht sich das Risiko für schwere Magenkrämpfe, Magengeschwüre und gastrointestinale Blutungen drastisch.
• Unterdrückung von körpereigenen Warnsignalen: Der Schmerz ist ein lebenswichtiges Alarmsystem. Wer ihn chemisch unterdrückt, riskiert unbemerkt schwere Überlastungsschäden an Sehnen, Bändern, Gelenken und der Muskulatur (bis hin zur Rhabdomyolyse).
Fazit: Schmerzmittel sind keine Leistungserbringer oder Hilfsmittel für das Finish, sondern erhöhen das Komplikationsrisiko bei Ausdauerbelastungen extrem.
Warum das DNF 2024 der Schlüssel für den Erfolg war
Im Zielbereich stellt sich rasch die mentale Aufarbeitung ein. Ist ein vorzeitiger Ausstieg eine Niederlage? Nein, ganz im Gegenteil.
Wie ich später im Zuge der Vorbereitungen auf den zweiten Versuch feststellen sollte, legte genau dieses DNF den Grundstein für den späteren Erfolg.
Ohne die sportlich nicht sonderlich erfolgreichen 45 Kilometer von 2024 wäre der spätere Erfolg beim 20-jährigen Jubiläum nicht möglich gewesen. Es galt schlichtweg: Einen Haken setzen, die Lehren mitnehmen und den Blick nach vorne richten!
Glücklich und zufrieden blicke ich in die Zukunft (mit lauter Ideen im Kopf), die wieder vielfältiger geworden ist, als ich geahnt hatte.
Euer Thorsten
📌 Projekt-Kontext: Dieser Beitrag ist Teil des Projekts Ultrabalaton. Eine Gesamtübersicht aller Vorbereitungen, Rennen und Rückblicke findest du auf der zentralen Seite: Ultrabalaton (2024 & 2026) – Chronik.



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