Auf einen Blick
- Datum: Samstag, 5. Juni 2021
- Strecke: 69 km (ursprünglich berechnet: 67 km)
- Höhenmeter: ca. 2.400 HM (ursprünglich berechnet: 2.000 HM)
- Dauer: 11 Std. 42 Min.
- Begleitung: Andy (Laufpartner) & Mareike (Support & Verpflegung)
- Charakter: Extrem abwechslungsreicher Ultra-Trail durch die Fränkische Schweiz – steile Singletrails, Felsformationen, Stufen-Downhills, Höhlenpassagen und alpine Anklänge.
"Gehen ist des Menschen beste Medizin."
Hippokrates
Vorab: Wenn Pläne sich wandeln & alte Kameradschaft zählt
Manchmal läuft es eben anders, als man denkt… Die ursprüngliche Idee und der Termin stammten von einem Lauffreund von mir. Als er aus privaten Gründen kurzfristig absagen musste, fragte ich meinen langjährigen Freund und Mitstreiter für die ganz langen Kanten: den guten Andy. Manche von euch kennen ihn bestimmt noch von gemeinsamen Abenteuern wie dem Paul-Pfinzing-Weg oder dem Transalpine Run (TAR). Spontan angefragt, ein paar Eckdaten geschickt, und im Handumdrehen kam die Zusage. Unkompliziert und direkt – genau so, wie man es sich wünscht!
Ein riesiger Dank gebührt auch wieder Mareike: Sie bot sofort an, uns als Supporterin zur Seite zu stehen und an ein bis zwei Verpflegungspunkten mit kalter Cola, frischem Wasser, alkoholfreiem Bier, Salami und ihren legendären kanarischen Salzkartoffeln zu erwarten. Bessere Voraussetzungen kann man sich nicht wünschen!
Für die Zeitplanung griff ich auf meine bewährte Berechnungsmethode der Leistungskilometer aus dem Wanderbereich zurück: Bei angenommenen 67 km, 2.000 HM und einer Flachland-Durchschnittsgeschwindigkeit von 7:00 min/km kalkulierte ich gut 10 Stunden Dauer. Ein Optimismus, der sich im Tagesverlauf noch als ziemlicher Trugschluss herausstellen sollte…

📌 Infobox: Der Verein FS Trailissimo e.V. & die Route 66
- Der Verein: FS Trailissimo e.V. ist ein fränkischer Trailrunning-Verein, der sich der Förderung des naturnahen Laufsports in der Fränkischen Schweiz verschrieben hat.
- Die Strecken: Neben der klassisch perfekt markierten 22-km-Runde hat der Verein mit der „Route 66“ eine lange, fordernde Schleife entworfen, die die landschaftlichen Highlights der Region miteinander verbindet. Mein Dank gilt hier auch Robert Stein für seinen ehrenamtlichen Einsatz.
- Orientierung: Im Gegensatz zur Kurzdistanz ist die Route 66 nur spärlich markiert. Eine Orientierung per GPS-Track auf der Laufuhr oder dem Smartphone ist zwingend erforderlich.

Tag X: Start in Muggendorf & steile Impressionen
Pünktlich um 8:00 Uhr morgens starten wir am Bahnhofsparkplatz in Muggendorf. Wir entscheiden uns, die Strecke wie vom Trailverein angedacht gegen den Uhrzeigersinn zu laufen. Fast ohne Aufwärmphase geht es direkt hinein in den ersten Aufstieg zur Burg Gaillenreuth. Noch bewegen wir uns auf breiten, gut zu laufenden Wegen.
Ab Burg Gaillenreuth wandelt sich der Charakter schlagartig: Der Weg schlängelt sich über wunderschöne Singletrails und unzählige Stufen hinauf zum Schlossberg. Vom angekündigten Unwetter fehlt noch jede Spur, doch die Luft wird von Minute zu Minute drückender und schwüler. Ich bleibe frohen Mutes, laufe kontrolliert und genieße jeden Schritt in der Natur. Für Andy – mit seinem beachtlichen Plus an Laufkilometern, Höhenmetern und absolvierten Skitouren – läuft die Nummer natürlich etwas geschmeidiger ab als für mich. Aber zum jetzigen Zeitpunkt ist alles noch vollkommen smooth.

📌 Infobox: Die Wiesent & Burg Gößweinstein
- Die Wiesent: Der Hauptfluss der Fränkischen Schweiz prägt mit seinen tief eingeschnittenen Tälern, dolomitischen Felswänden und mäandernden Flussläufen das Landschaftsbild der Region.
- Burg Gößweinstein: Die hochmittelalterliche Höhenburg thront auf einem steilen Felsriff oberhalb des Wiesenttals. Sie könnte problemlos als Richard Wagners Gralsburg im „Parsifal“ durchgehen.

Nach rund 12 Kilometern erreichen wir wieder die Wiesent. Über den Buttenweg – einen steilen, mit Natursteinstufen versehenen Pfad vorbei an faszinierenden Felsformationen – nähern wir uns Gößweinstein sozusagen von hinten. Steil und wunderschön! Oder wie man im Trailrunner-Jargon sagt: Jetzt wird es steil, und steil ist geil!
In einer kleinen Schleife laufen wir durch den Ort, passieren die beeindruckende Basilika Gößweinstein und steigen auf der gegenüberliegenden Seite hoch zum Kreuzberg. Die Zeit für diesen Einkehr- und Aussichtsmoment muss einfach sein. Der Blick in die Landschaft ist atemberaubend, und wir wollen ihn in aller Ruhe aufsaugen. Ja, wir möchten zügig vorankommen, aber vor allem ist es unser freier Tag – ein Tag voller Freude und Dankbarkeit für die Natur.

📌 Infobox: Die Wallfahrtsbasilika Gößweinstein
- Bedeutung: Die Basilika SS. Trinitatis ist der größte Trinitätswallfahrtsort Deutschlands.
- Architektur: Der beeindruckende Barockbau wurde nach den Plänen des berühmten Baumeisters Balthasar Neumann zwischen 1730 und 1739 errichtet und prägt die Silhouette des Wiesenttals massiv.

Dem Unwetter entgegen: Über die Luisenterrasse nach Engelhardsberg
Über verschlungene Pfade, Stufen und mit unzähligen Sinneseindrücken im Gepäck verlassen wir Gößweinstein und laufen stetig weiter zum Aussichtspunkt Luisenterrasse bei Kilometer 19. Ab und an entdecken wir Markierungen der Route 66. Dennoch zeigt sich schnell: Ohne elektronische Orientierungshilfe ist dieser Weg kaum lückenlos zu finden.
Mittlerweile brennt die Sonne spürbar von oben herab, und die Luft ist furchtbar drückend geworden – wahrlich kein einfaches Laufwetter. Aber Jammern hilft nicht und ändert nichts an der Lage. Also genießen wir die herrlichen Pfade, so gut es geht, und sind einfach dankbar für die vielen traumhaften Orte entlang der Strecke.

Der Ort Engelhardsberg bietet sich als zentraler Kreuzungspunkt der Schleifen ideal für eine kurze Rast an. Am Dorfbrunnen füllen wir unsere Flaschen auf und atmen kurz durch. Nun folgt eine Schleife Richtung Muggendorf, die sogar ein minimal alpines Anmuten hat: Ein schmaler Singletrail führt direkt an der Felskante entlang und bietet sogar eine kurze Drahtseilsicherung. Adventure Light mitten in Franken!
Vor dem Abschluss der Schleife treffen wir auf den Adlerstein – eine markante Felsformation mit einem herrlich beruhigenden Blick in die Landschaft. Eine kleine Rast auf der Holzbank ist hier Ehrensache. Die Zeit verrinnt uns auf diesen technisch anspruchsvollen Strecken zwar wie Sand durch die Finger, aber das ist uns vollkommen egal.

Höhlenzauber & Stufenrausch: Riesenburg und Oswaldhöhle
Die bevorstehende Riesenburg motiviert mich ungemein. Dort angekommen, rennen wir mit fast schon unvernünftiger Geschwindigkeit die unzähligen Stufen im Downhill hinab. Wir lachen, werden von verdutzten Wanderern komisch gemustert und erfreuen uns schlichtweg am Leben! Der anschließende, elendig lange Aufstieg – der längste des heutigen Tages – fordert enorm viel Kraft, lässt sich aber noch flüssig bewältigen.

📌 Infobox: Geologie der Versturzhöhle Riesenburg & Oswaldhöhle
- Riesenburg: Ein natürliches Karstgebilde und Überrest einer einstigen Riesenhöhle, deren Decke im Laufe der Jahrtausende einstürzte. Heute bilden die gewaltigen Kalksteinbögen eine imposante Naturbrücke.
- Oswaldhöhle: Eine Durchgangshöhle im Ehrenbürg-Massiv. Sie ist auf dem Wanderweg ohne klettertechnische Ausrüstung begehbar und weist im Mittelteil eine Zone absoluter Dunkelheit auf.

Der anschließende Trail in Richtung Oswaldhöhle entpuppt sich als echter Traum: steinig, stellenweise steil und ein Singletrail erster Güte. Nicht extrem schnell, technisch fordernd, aber genau richtig portioniert. Mit unseren Handys als Taschenlampen durchqueren wir die Oswaldhöhle. Andy kennt sie noch nicht und ist absolut begeistert. Im Inneren der Höhle ist die Luft wohltuend kühl und frisch – am liebsten würden wir hier glatt eine längere Pause einlegen!

Die Kräfte schwinden: Über den Guckhüll zum Hummelstein
Bei Kilometer 38, nördlich von Muggendorf, treffen wir zum ersten Mal wieder auf Mareike. Kein Stress jetzt: Ein wenig erzählen, gemeinsam lachen, essen und trinken. Unser ursprünglicher Zeitplan ist an diesem Punkt längst Makulatur, da wir deutlich mehr Höhenmeter gelaufen sind als angenommen.
Über schier endlose Kilometer verläuft die Route nun auf Trails und Pfaden – Asphalt gibt es praktisch überhaupt nicht. Im langen Aufstieg hinüber zum Gipfel des Guckhüll muss ich Andy das erste Mal ziehen lassen. Meine Oberschenkel beginnen leicht zu krampfen, und ich wünsche mir inständig meine Laufstöcke herbei (beim nächsten Mal sind sie garantiert im Gepäck!).
Bei Kilometer 45, unterhalb der Binghöhle bei Streitberg, treffen wir zum zweiten und letzten Mal auf Mareike. Ich rechne auf unsere Zielzeit gedanklich noch eine Stunde drauf und fülle alle Trinkflaschen auf. Hier wird uns endgültig klar, dass die angepeilten 2.000 Höhenmeter nicht zu halten sind.
Direkt an der Binghöhle führt der Wanderweg an einem touristischen Kassenbereich vorbei. Der Betreiber fordert uns auf, für ein Stück von 30 Metern eine Maske aufzusetzen. Wir sind allerdings als Trailläufer in der freien Natur unterwegs und keine Höhlentouristen – kurzum laufen wir unter kritischen Blicken einfach weiter. Wer denkt sich solche Vorschriften für den Außenbereich aus? Ganz sicher kein Praktiker aus dem Sportbereich.
Die Wege werden spürbar zäher, und ich merke, wie meine Reserven langsam zur Neige gehen. Irgendwann erreichen wir den Hummelstein – eine faszinierende Hochfläche mit einem unvermuteten, steil abfallenden Panoramablick. In der Ferne grollt immer wieder Donnergrollen, doch noch bleibt es trocken. Die Hochfläche begeistert mit einer eigenen, ganz speziellen Vegetation, die völlig anders wirkt als die umliegenden Mischwälder.

Der harte Endkampf: Über den Büßerweg zurück nach Muggendorf
Im langen Downhill auf einfachen Wegen geht es hinab nach Gasseldorf und anschließend flach nach Westen Richtung Ebermannstadt. Unspektakulär, aber für uns eine willkommene Abwechslung, um im flachen Terrain Meter zu machen und durchzuatmen. Mehr als ein 7:00 min/km Schnitt ist bei mir allerdings nicht mehr drin.
Der anschließende Aufstieg Richtung eines Friedwalds verläuft über einen steilen Büßerweg. Ich kämpfe mit jedem Schritt, bleibe zwar nicht stehen, pfeife aber sprichwörtlich aus dem letzten Loch. Die Steine und Bildstock-Darstellungen mit den Inschriften über den Leidensweg Jesu wecken in mir das Gefühl einer ganz eigenen, sportlichen Leidenszeit. Nicht nachgeben, einfach immer weiter aufwärts! Ich beginne, die verbleibenden Kilometer rückwärts zu zählen.
Auf einer weiteren Hochfläche können wir zumindest noch ein paar Kilometer flach laufen. Doch kurz vor der Ruine Neideck bricht die endgültige Gewissheit durch: Die angedachten 67 Kilometer und 2.000 HM stimmen hinten und vorne nicht. Die Strecke ist spürbar länger und reißt die Höhenmeter-Marke deutlich.
Wir könnten abkürzen – aber kurz vor dem Ziel die Notausfahrt nehmen? Nein! Ich würde mich daheim nur ärgern, wäre enttäuscht von mir selbst und hätte das Gefühl, ohne Not kapituliert zu haben. Also beißen wir die Zähne zusammen. Da die Schmerzen in den Oberschenkeln brutal werden, müssen wir jeden weiteren Downhill gehend bewältigen. Selbst den wunderschönen Finalabstieg hinab nach Muggendorf kann ich nicht mehr laufen.
Nun setzt endlich der angekündigte Regen ein – aber so spät am Tag und ohne nennenswerte Konsequenz, dass ich einfach nur voller Dankbarkeit nach oben blicken möchte.
Nach fast 12 Stunden erreichen wir schließlich wieder unseren Ausgangspunkt. Während wir im Auto sitzen, unser gekühltes alkoholfreies Jever Fun genießen, dem Regen auf der Windschutzscheibe zuschauen und uns leise unterhalten, breitet sich in uns beiden eine tiefe, ehrliche Zufriedenheit aus. Genau so sieht ein durch und durch erfüllter Tag in der Natur aus.
Euer Thorsten
GPS-Track & Routenkarte auf Outdooractive
Damit ihr diese grandiose Runde in der Fränkischen Schweiz problemlos nachlaufen oder nachwandern könnt, wurde die gesamte Route auf Outdooractive bereitgestellt. Da der Weg vor Ort nicht durchgängig markiert ist, empfehle ich euch dringend, den Track auf eure GPS-Uhr oder Smartphone-App zu laden:


