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Vom Wallenstein zum Gustav-Adolf – 9€ Ticket sei Dank

Vorwort

  • Sonntag, 5. Juni 2022
  • 33,6 km + 280 HM
  • 3 h 36 min

Es sind ungewöhnliche Zeiten in Deutschland. So viel gesellschaftliche Bewegung und neue Flexibilität gab es in unserem Land schon lange nicht mehr. Das 9-Euro-Ticket gehört definitiv dazu! Um den Menschen den öffentlichen Nahverkehr schmackhaft zu machen, lässt man sie praktisch umsonst fahren. In Deutschland! Wo man sonst liebend gerne darüber debattiert, wer welches Privileg verdient hat. Verrückt…

Was stellt man nun als Läufer mit einem solchen Ticket an? Ganz einfach: An einem freien Tag in die S-Bahn steigen, bis zur Endstation fahren und zu Fuß nach Hause laufen! Simpel, aber genial. Die umgekehrte Variante hätte zwar den Vorteil, die unbekannteren Streckenabschnitte am Ende zu haben, würde aber das Risiko bergen, völlig verschwitzt am Bahnhof auf den Zug warten zu müssen. Dann doch lieber direkt den Heimweg unter die Sohlen nehmen!

Die knapp zwei Kilometer zum Bahnhof Schwabach-Limbach laufe ich in Begleitung meiner Frau Mareike, die von dort aus mit dem Rad weiterfährt. Pünktlich und ohne Überfüllung steige ich ein, ergattere problemlos einen Sitzplatz, lege mir einen Fotografie-Podcast auf die Ohren und entspanne 50 Minuten lang. Von überfüllten Waggons keine Spur – vermutlich hat die Presse mal wieder nur die sowieso schon überlasteten Pendlerstrecken herausgegriffen. Einfach mal machen, probieren und genießen!

Together mit vielen gut gelaunten Wanderern erreiche ich schließlich die Wallenstein-Stadt Altdorf.

Von Wallensteins Spuren über den Dünenweg ins Schwarzachtal

Altdorf lasse ich schnell hinter mir und folge für einige Kilometer den Pfaden des Fränkischen Dünenwegs. Ein Gedanke setzt sich sofort fest: Sollte ich diesen Trail irgendwann mal komplett an einem Stück laufen? Definitiv eine Option für die Merkliste!

Auf dem Weg nach Prackenfels passiert die Route ein enges, verwunschenes Tal mit etlichen Natursteinstufen – ich bin auf Anhieb begeistert! So nah an der Stadt hätte ich eine derart wilde Landschaft nicht erwartet. Ich entdecke Winkel, die mir völlig neu sind. Mobilität erzeugt zwar Probleme, aber sie löst eben auch welche: Sie erweitert den Horizont und schafft Verständnis für Land und Leute.

Nach Grünsberg führt ein gut fahrbarer Schotterweg entlang der Schwarzach. An mehreren Stellen kann man direkt ans Ufer absteigen, um Blicke auf diesen oft unterschätzten Fluss zu erhaschen. Schließlich zweigt der Wanderweg ab, führt durch ein wildromantisches Tal und quert den Bach über Trittsteine, bevor ungleiche Stufen direkt in den Ort spülen. Kleine Gedenksteine säumen den Pfad und laden immer wieder zum Innehalten ein.

Zu den kuriosesten Entdeckungen des Tages gehört die Sophienquelle: Mitten im dichtesten Wald liegt ein barocker Quellbereich, der wie ein kleines, zweistufiges Amphitheater angelegt ist. Faszinierend und surreal zugleich!

Weiter geht es über Altenthann in den Thanngraben – ein extrem beliebtes Naherholungsgebiet im Altdorfer Land. Über fantastische Trails vorbei an Bächen, Tümpeln und skurrilen Felsformationen spuckt mich der Wald schließlich am Fröschauer Weiher vor Rummelsberg wieder aus.

Kurz vor Ochsenbruck fordert mein persönliches „Every Single Street“-Projekt seinen Tribut: Ein kleiner Abstecher auf eine noch unbelaufene Straße muss sein! Um nicht umkehren zu müssen, schlage ich mich auf gut Glück durch einen unmarkierten Pfad – und stehe augenblicklich im hüfthohen, nassen Gras samt Brennnesseln. Umdrehen? Kommt nicht in Frage! Ich stapfe durch das Unterholz und erfreue mich des Läuferlebens.

Die Sophienquelle

Faszination Schwarzachklamm: Naturschutz & Geologie hautnah

Die Schwarzachklamm ist für mich kein Neuland, übt aber jedes Mal aufs Neue eine magische Anziehungskraft aus. Das Naturschutzgebiet Schwarzachklamm zählt zu den beeindruckendsten Geotopen Bayerns: Über Jahrtausende hat sich das Wasser der Schwarzach tief in den vierten Burgsandstein gegraben und eine atemberaubende Flussschlucht geschaffen.

Entlang des Ufers wechseln sich spektakuläre Felsformationen, überhängende Dächer und schmale Durchgänge ab. Mittendrin liegt die berühmte Gustav-Adolf-Höhle – eine gewaltige Hallenhöhle im Sandstein, in der nach der Schlacht bei Altdorf im Dreißigjährigen Krieg der schwedische König Gustav II. Adolf 1632 ein Dankgebet verrichtet haben soll.

Dass dieses sensible Ökosystem unter strengem Naturschutz steht, ist spürbar und enorm wichtig: Seltene Moosarten, Fledermäuse und eiszeitliche Reliktpflanzen finden in dem feuchtkühlen Mikroklima der Schlucht einen geschützten Rückzugsort. An diesem Pfingstsonntag ist die Klamm zwar gut besucht, aber alle Wanderer machen höflich Platz. Überhaupt begegne ich heute nur freundlichen Menschen – ein Tag, der den Glauben an das Gute im Mitmenschen stärkt!

Die Autobahn-Odyssee und der Heimweg

Beim historischen Brückkanal – einer 90 Meter langen Kanalbrücke aus dem 19. Jahrhundert, die die tiefer liegende Schwarzach überspannt – verlasse ich das Schutzgebiet. Hier beginnt die ungeplante Odyssee des Tages: Mein Ziel ist es, die Autobahn A9 zu unterqueren, um auf direktem Weg nach Hause zu laufen. Doch die Realität macht mir einen Strich durch die Rechnung:

  • Weg 1: Wegen Großbaustelle komplett gesperrt.
  • Weg 2: Wanderweg gesperrt.
  • Weg 3: Wanderweg gesperrt.
  • Weg 4: Gesperrt – und die ehemaligen Brücken existieren schlichtweg nicht mehr!

Erst kilometerweit südlich bei Sperberslohe finde ich über den fast verwunschenen Wanderweg Nr. 6 eine funktionierende Unterführung unter der Schnellstraße. In diesem Moment wird mir wieder drastisch bewusst, welch unüberwindbare Barriere Autobahnen für die Tierwelt darstellen.

Der ungeplante Schwenk nach Süden zwingt mich zu einer komplett neuen Route über Leerstetten, Penzendorf und schließlich zurück nach Schwabach. Auf den verbleibenden Kilometern durch monotonen Nadelforst – wo der Schatten spärlicher und die Luft spürbar wärmer ist als im Laubwald – stolpere ich unverhofft noch über die kleine Lohbachquelle und bewundere kunstvoll bemalte Häuserfassaden.

Am Ende stehen 33,6 Kilometer und 280 Höhenmeter in flüssigen 3 Stunden und 36 Minuten zu Buche. Ein rundum gelungenes Microadventure vor der eigenen Haustür!

Euer Thorsten

STRAVA

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