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BETHANG – wir hatten noch eine Rechnung offen

Vorgeschichte

  • Samstag, 18. Juni 2022
  • 132 km + 780 HM
  • 23h 59min 19sec

Wie viele Läufer haben sich schon an dieser nicht kurzen Strecke – dem Wanderweg rund um die Städte Nürnberg, Fürth und Erlangen – probiert? Spontan fallen mir, mich eingeschlossen, fünf ein, die den Versuch gewagt haben. Sogar mit Presse und Zeitungsartikeln wurde ein Versuch dokumentiert – gebracht hat es am Ende leider nichts. Solche Distanzen außerhalb einer organisierten Veranstaltung mit Verpflegungsstellen, Streckenposten und Drop-Bags zu bewältigen, sind schlichtweg kein Selbstläufer.

Ich musste bei meinem ersten Versuch wegen einer starken Migräneattacke am Abend vorher bereits nach 20 Kilometern abbrechen. Meine beiden Laufkollegen Hansi und Flo wollten die Runde ohne mich nicht beenden – und landeten stattdessen auf dem Erlanger Berg. Das ist allerdings eine andere, äußerst unterhaltsame Geschichte über Freundschaft und die Lust am Leben…

Damals liefen wir die Strecke im Uhrzeigersinn und ärgerten uns massiv über die mangelhafte Beschilderung. Aufgeben? Niemals! Der Weg führt direkt an unserem Vereinsgelände vorbei, ist also quasi unsere Hausrunde. Ein neuer Versuch musste her!

Exkurs: Was steckt hinter BETHANG?

Für alle, die sich fragen, was es mit diesem Namen auf sich hat: BETHANG ist weit mehr als nur ein extrem langer Wanderweg rund um die Region. Die Strecke basiert auf einer faszinierenden Idee des Nürnberger Konzeptkünstlers Karsten Neumann.

Schon vor vielen Jahren entwarf er die Utopie einer zusammenwachsenden Großstadt – einer visionären Kunststadt namens BETHANG, zusammengesetzt aus den Silben von NürnBErg, FürTH und ErlANGen. Um diesen räumlichen Gedankengang greifbar zu machen, entwickelte Neumann das Konzept eines „Grenzgangs“ entlang der gemeinsamen Außengrenzen dieser drei Städte.

Der Fränkische Albverein (Weg Nr. 231) nahm diese Vision auf und machte daraus einen offiziellen, rund 132 Kilometer langen Rundwanderweg. Das eigens dafür geschaffene BETHANG-Symbol markiert seither den Weg durch Wälder, Felder und städtische Randgebiete. Eine geniale Verbindung von moderner Konzeptkunst, regionaler Heimatliebe und knallhartem Ausdauersport – und für uns Ausdauerathleten die wohl beeindruckendste Art, Kunst am eigenen Körper zu erfahren!

Wegmarkierung des Fränkischen Albvereins mit pinkem Wanderer-Symbol und drei Ringen auf grünem Grund

Willkommen im Jetzt: Hitzewelle und Solo-Logistik

Im Gegensatz zu vielen anderen Projekten stand mir diesmal keine mobile Verpflegung zur Verfügung. Ich musste mich komplett selbst versorgen – bei einer solchen Distanz eine echte Herausforderung.

Zusätzlich war eine drückende Hitzewelle angekündigt: tagsüber über 30 °C in der prallen Sonne (und davon gibt es bei wolkenlosem Himmel reichlich), nachts nicht unter 20 °C. Die Getränkeversorgung bereitete mir schon im Vorfeld heftiges Kopfzerbrechen: An einem Sonntag hat schließlich kein Supermarkt geöffnet. Tankstellen? Bäcker? Ungewiss.

Diesmal wählte ich die Richtung gegen den Uhrzeigersinn – ganz in der Tradition der Leichtathletik. So hatte ich am nördlichsten Punkt bereits mehr als die Hälfte geschafft und konnte die letzten 30 Kilometer auf mir bestens vertrauten Pfaden zurücklegen. Zudem bot die Route auf dem Schlussabschnitt die Option, bei meinen Eltern vorbeizuschauen.

Dass ich am Freitag auf einem 60. Geburtstag mit ordentlich Getränken und wenig Schlaf in einer Pension nicht die beste Regeneration hatte, war zwar suboptimal, ließ sich zeitlich aber nicht ändern. Ich startete alleine, ohne Support an der Strecke, fokussiert auf meinen eigenen Körper.

Samstag kurz vor 13 Uhr ging es los. Die Sonne brannte unbarmherzig. Drei Liter Flüssigkeit steckten zusammen mit Stirnlampe, Ersatz-Akkus, GPS-Gerät, Powerbank und Wechselkleidung in einem schweren Rucksack. Ich musste von Beginn an extrem viel trinken, um die Kühlung aufrechtzuerhalten. Anstiege wurden konsequent gegangen. Bis zur Nacht kalkulierte ich rund einen Liter Flüssigkeit pro Stunde – ein Vorhaben, das nur durch die ständige Einnahme von Salztabletten funktionierte. Einen körperlichen Zusammenbruch wie 2020 auf Gran Canaria wollte ich zwingend vermeiden.

Über den Glaserberg schlängelte sich der Weg in den Reichswald, durch Laufamholz und weiter Richtung Erlangen. Die Strecke war technisch gut zu belaufen, aber das Rucksackgewicht lag wie Blei auf den Schultern. Zweimal musste ich in Supermärkten nachkaufen und schleppte zeitweise bis zu vier Liter Wasser mit mir herum.

Nachtschicht: Biergarten-Glück, Glühwürmchen und Tanken am Friedhof

Beim Sonnenuntergang nahe des Nürnberger Flughafens stieg die Sorge: Würde das Wasser für die gesamte Nacht reichen? Öffnungszeiten von Tankstellen oder zugängliche Friedhöfe waren in der Dunkelheit ungewiss.

In Neunhof entdeckte ich kurz vor 21 Uhr noch einen geöffneten Biergarten. Keine fünf Minuten später war die bestellte Radlermaß geleert – sehr zur Irritation der Bedienung. Wasser auf der Toilette aufgefühlt, und rein ging es in die einbrechende Nacht.

Ein Glas Radler und ein Hoka-Sonnenhut auf einem Holztisch im Biergarten

Nördlich von Erlangen wurde es zäh. Mein Schritt wandelte sich zunehmend in einen Marsch. Die Körperhaltung neigte sich spürbar nach vorne. Stechmücken attackierten die Beine pausenlos. Ein wunderschöner Ausgleich: unzählige Glühwürmchen im Unterholz und aufmunternde WhatsApp-Nachrichten meiner Frau.

Ich stapfte durch die Dunkelheit, mal mit leichtem Frösteln vor den Waldgeräuschen, im nächsten Moment völlig bei mir selbst. Die Fußsohlen brannten, die Müdigkeit drückte. Doch Aufgeben war keine Option mehr. Die vergangenen Monate hatten so viele unvorhergesehene Veränderungen gebracht, dass der alte Thorsten wieder durchbrechen musste: Stehenbleiben gibt es nicht, es geht vorwärts bis ins Ziel.

Da die Beschilderung im Norden spärlich war, hielt ich mein GPS-Gerät permanent in der Hand. Das Dauerwasser schmeckte irgendwann monoton, weshalb ich in den Ortschaften nach Verpflegungsautomaten Ausschau hielt. Mitten in einem kleinen Dorf zwischen Erlangen und Fürth entdeckte ich um 4 Uhr morgens einen eisgekühlten Hofautomaten – und gönnte mir ein Capri-Eis. Wie ein kleines Kind packte ich die Erfrischung aus und genoss jeden Bissen. Ein absoluter Traum!

Die Wende am Morgen: Treffen mit Flo

Gegen Morgen dämmerte es langsam. Flo meldete sich unerwartet und bot an, Verpflegung zu bringen. Obwohl ich abwinkte, setzte er sich ins Auto. In Burgfarrnbach stieß ich kurz vor 7 Uhr auf einen geöffneten Friedhof und füllte die Vorräte auf vier Liter auf.

Kurz darauf tauchte Flo auf – der Meister der Überraschungen – und hatte kühles Bier im Gepäck! Alkohol während einer Ausdauerleistung ist zwar sportlich grenzwertig, doch in diesem Moment war das kurze Verweilen, Reden und Lachen mit einem guten Freund psychologisch unbezahlbar.

Mit neuem Schwung ging es durch den Fürther Stadtwald hinüber nach Stein. Die Sonne brannte ab 8 Uhr morgens wieder unbarmherzig. Der Rucksack hatte die Haut am unteren Rücken wundgescheuert; die Beininnenseiten brannten trotz Hirschtalg. Die Rückenmuskulatur war derart verspannt, dass ich den Rucksack zeitweise in der Hand tragen musste. Mein Schwager und mein Bruder erkundigten sich regelmäßig nach meinem Zustand – der Rückhalt aus dem Umfeld tat unglaublich gut.

Der Endspurt: Kampf gegen die 24-Stunden-Marke

Ich schleppte mich weiter an der Rednitz entlang in Richtung Katzwang. Beim Versuch, einen umgestürzten Baum zu unterqueren, gab das Gleichgewicht nach und ich landete auf den Knien. Ich musste lachen, krabbelte ein Stück weiter, stand auf und marschierte weiter.

Ein bis zwei Kilometer vor dem Ziel rief Flo erneut an: Er wartete bereits am Vereinsgelände im Biergarten mit einem kühlen Weizen. Der Ehrgeiz erwachte neu: Ich wollte die 24-Stunden-Marke knacken!

Ich nahm noch einmal Schwung auf, trabte an. Vornübergebeugt wankte ich über die letzte ausgedörrte Wiese, über den finalen Sandweg und überquerte nach 23 Stunden, 59 Minuten und 19 Sekunden die Ziellinie.

132 Kilometer und 780 Höhenmeter lagen hinter mir. Dieser Lauf gab mir ein großes Stück Selbstbewusstsein zurück und zeigte einmal mehr, wie wertvoll echte Freundschaft ist.

Euer Thorsten

PS: Wenige Monate später sind die geschätzten Laufkollegen Ingo und Michael die Runde bei angenehmeren Bedingungen in unter 18 Stunden gelaufen – eine FKT 😉 Glückwunsch zur starken Leistung!

PPS: Weitere Fotos findet ihr auf NIKON Image Space

STRAVA

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