„Wohlauf, die Luft geht frisch und rein,
Wer lange sitzt muss rosten.
Den allersonnigsten Sonnenschein
Lässt uns der Himmel kosten.
Jetzt reicht mir Stab und Ordenskleid
Der fahrenden Scholaren,
Ich will zu guter Sommerszeit
Ins Land der Franken fahren!“
— Viktor von Scheffel („Frankenlied“, 1859)
Fränkischer Gebirgsweg – Etappe 1
Einen kompletten Fernwanderweg als Team abzulaufen, war eigentlich keine langgehegte Idee von uns. Der Gedanke faszinierte uns jedoch sofort: neue Strecken entdecken, die Natur genießen und die Gemeinschaft mit besonderen Menschen teilen. Unsere Wahl fiel nach kurzer Überlegung auf den Fränkischen Gebirgsweg – vor allem, weil die ersten Etappen logistisch viel leichter für uns zu handhaben sind, wenn wir die Laufrichtung umdrehen und in Hersbruck starten. Das senkte die Hemmschwelle für den Einstieg enorm.
Der Fränkische Gebirgsweg umfasst offiziell ca. 428 Kilometer und führt gewöhnlich in 21 Tagesetappen vom Unteren Pegnitztal über das Fichtelgebirge und den Frankenwald bis zum Rennsteig nach Blankenstein. Durch das Zusammenlegen von drei regulären Wanderetappen zu einem einzigen Tagestrip reduziert das Trio die Route auf kompakte Fastpacking-Abschnitte. Die Umkehrung der Laufrichtung (Süd-Nord-Traverse) erlaubt eine verkehrstechnisch optimale Schienenanbindung über den Großraum Nürnberg.


Die Planung: Logistik und Höhenmeter-Überraschungen
Die Detailplanung rund um Streckenlänge, Höhenmeter, Start- und Zielpunkte sowie die Wasserversorgung war zwar etwas langwieriger, aber für fast jede Herausforderung lässt sich mit etwas Nachdenken eine solide Lösung finden.
Für die An- und Abreise setzten wir konsequent auf den ÖPNV. Von Nürnberg aus ist Hersbruck mit der Bahn perfekt erreichbar, und auch die Heimfahrt von Pegnitz mit der Regionalbahn gestaltete sich unkompliziert. Das ist nicht nur entspannter, sondern ermöglicht auch ein wohlverdientes Feierabendbier, ohne dass man umständlich zwei Autos an der Strecke deponieren muss. Die größte logistische Herausforderung war letztendlich das Packvolumen: Trockene, warme Wechselkleidung für die Zugfahrt verlangt nach Platz, aber wir wollten ungern auf schwere, klobige Rucksäcke umsteigen. Bei herbstlichen Temperaturen ist ein warmer Fleece über dem frischen Shirt nach dem Lauf für mich jedoch unverzichtbar.
Digitale Tourenplaner wie Komoot greifen bei Höhenberechnungen häufig auf grobmaschige digitale Höhenmodelle (DEM) zurück. In stark zerklüfteten Karstlandschaften wie der Hersbrucker Alb werden schmale Kerbtäler, kleine Felsstufen und kurze, verblockte Gegenanstiege von den Höhendatenrastern oft geglättet. Die Folge sind eklatante Abweichungen von bis zu 30–40 % gegenüber barometrisch gemessenen GPS-Uhren vor Ort.






Ein wichtiges Wort zu Komoot (und meinen speziellen Erfahrungen damit): Während die Distanzangabe gewohnt präzise war, erwiesen sich die Höhenmeter-Angaben leider als unbrauchbar. Angekündigt waren knapp 1.300 Höhenmeter, weshalb ich im Gegensatz zu Hansi und Flo auf Stöcke verzichtete. Am Ende zeigten unsere drei Uhren und das GPS-Handgerät über 1.800 Höhenmeter an. Hier habe ich meine Leki-Stöcke schmerzlich vermisst – das war definitiv keine normale Toleranzabweichung mehr!

Unterwegs im Trail-Paradies
Die Wander-Markierung ist in beide Richtungen hervorragend umgesetzt. Wir hatten zwar technische Orientierungshilfen dabei, brauchten sie aber eigentlich nicht. Unterwegs trafen wir sogar einen ehrenamtlichen Streckenpaten beim Erneuern der Markierungen. Flo sprach ihn direkt an, und wir kamen ins Gespräch. Leider ist Vandalismus selbst im ländlichen Raum ein Thema – Schilder werden geklaut, verdreht oder beschmiert. Ein Verhalten, das sich mir einfach nicht erschließt…
Die Landschaft der Hersbrucker Alb gehört geologisch zum Nördlichen Frankenjura. Das Fundament bilden Ablagerungen des Weißen Jura (Malm), die vor rund 150 Millionen Jahren in einem flachen Meeresbecken entstanden. Durch Schwammstetengeflechte bildete sich massiver Schwammsteten-Dolomit, der widerstandsfähiger gegen Verwitterung ist als weichere Kalkschichten. Der berühmte Eibgrat bei Plech stellt einen durch Verkarstung und Erosion herauspräparierten, messerscharfen Dolomit-Felsgrat dar, der alpine Trittsicherheit verlangt.




Die Strecke selbst bietet ein wunderschönes Stück Frankenland: kaum Asphalt, dafür viele Wald- und Wiesenwege, knackige Trails und jede Menge Highlights. Auf dieser ersten Etappe, die wir aus drei regulären Wandertagesetappen zusammengelegt haben, reihte sich ein Highlight an das nächste: die Burg Hohenstein mit dem legendären Windbeutelcafé, der Eibgrat, Betzenstein, faszinierende Felsformationen, Aussichtstürme und mehrere Höhlen – darunter eine fantastische Durchgangshöhle. Eine absolut kurzweilige Angelegenheit!






Verpflegung und fränkische Gastfreundschaft
Die Verpflegung gestaltete sich Ende Oktober etwas knifflig. Einkaufsmöglichkeiten entlang der Strecke sind rar, und auf den Friedhöfen war das Wasser bereits abgedreht. Mit etwas Weitsicht war es jedoch machbar. Ich hatte zwei Liter in der Trinkblase, die Jungs jeweils drei 500-ml-Softflasks dabei. Ergänzt wurde das Ganze durch Energieriegel, Lebkuchen (ob das vor St. Martin überhaupt schon erlaubt ist?), hochkonzentrierte Zuckersüßigkeiten und eine Dose Red Bull, die wir uns brüderlich teilten. In solchen Situationen zählt einfach nur pure, nahrhafte Energie.




Die Menschen, die wir trafen, waren durchweg bestens gelaunt, entspannt und extrem gesprächig – eigentlich fast untypisch für Franken! Es muss also an uns gelegen haben 😉




Der gemütliche Ausklang
Kurz vor Pegnitz steuerten wir eine von Hansi herausgesuchte Gaststätte an, auf die wir uns schon kilometerweit gefreut hatten. Das dort ausgeschenkte Bier einer seltenen regionalen Brauerei verleitete uns zu einer kleinen Verkostung: Weizen, Pils und Helles kamen auf den Tisch. Zwei feine Schnäpse zur Abrundung zeigten auf den leeren Magen schnell Wirkung, aber diese gemütliche Runde wollte keiner von uns missen. Wir kamen auch sofort mit dem Nachbartisch ins Gespräch. Die Tischnachbarn konnten sich zwar nicht ganz vorstellen, was genau wir da eigentlich treiben, waren aber ehrlich interessiert und neugierig.
Die Grenzregion zwischen Mittelfranken und der Oberpfalz bzw. Oberfranken weist eine der höchsten Dichten an handwerklichen Privatbrauereien weltweit auf. Kleine Landgasthöfe servieren unfiltrierte Kellerbiere, Dunkle und Spezialitätenbrauungen direkt vom Fass. Diese Gaststätten sind seit Jahrhunderten soziale Ankerpunkte der Dörfer und bieten Wanderern wie Trailrunnern eine unkomplizierte, vollwertige Kohlenhydrat- und Elektrolytzufuhr nach langen Mittelgebirgsetappen (und nicht nur Bier 😉).








Dank einer vorsorglich eingepackten Stirnlampe legten wir die letzten 3,5 Kilometer nach Pegnitz im Dunkeln problemlos zurück. Da wir bereits in unseren trockenen Zivilklamotten steckten, gingen wir diesen Restweg ohnehin in ganz ruhigem Tempo an.






Eine kleine Verspätung bei der geplanten Zugverbindung zwang uns in Pegnitz noch zu einem schnellen Zwischenstopp in einer Rockkneipe nahe dem Bahnhof, wo wir erneut für ein paar irritierte, aber freundliche Gesichter sorgten. Die anschließende Heimfahrt im Zug wurde zu einer ruhigen, gemütlichen Reise. 60 Kilometer in den Beinen spürt man irgendwann immer – egal wie gut die Form ist. Auf der Rückfahrt wurden bereits die Pläne für die zweite Etappe geschmiedet, bevor sich alle müde, aber glücklich verabschiedeten.




Danke für die gute Zeit!
Euer Thorsten
📌 Projekt-Kontext: Dieser Beitrag ist Teil unseres Projekts Fränkischer Gebirgsweg und gehört zu den vielfältigen Abenteuern rund um den Morgenspaziergang. Eine Gesamtübersicht aller absolvierten Etappen und Berichte, findest du auf unserer zentralen Übersichtsseite: ☛ Fränkischer Gebirgsweg
📌 Projekt-Kontext: Dieser Beitrag ist Teil der vielfältigen Aktivitäten rund um den Morgenspaziergang. Eine Gesamtübersicht aller unserer Ausflüge und Touren findest du hier: ☛ Morgenspaziergang
📌 Projekt-Kontext: Dieser Beitrag ist Teil des Projekts FAV-Wanderwege erleben. Eine Gesamtübersicht aller bereits absolvierten Wegenetze, Etappen, interaktiven Karten und GPX-Tracks findest du auf folgender Seite: Link



[…] stand nun der zweite von insgesamt vier Ultras an vier aufeinanderfolgenden Samstagen an – Nummer eins war geschafft, aber drei und vier wegen Nummer zwei riskieren? Vor allem die Läufe drei und vier […]