Zum Inhalt springen

10. Trailmarathon Heidelberg – eine gelungene Renneinteilung

„Das Klassische nenne ich das Gesunde und das Romantische das Kranke. Und da sind die Nibelungen klassisch wie der Homer, denn beide sind gesund und tüchtig. Das meiste Neuere ist nicht romantisch, weil es neu, sondern weil es schwach, kränklich und krank ist, und das Alte ist nicht klassisch, weil es alt, sondern weil es stark, frisch, froh und gesund ist. Wenn wir nach solchen Qualitäten Klassisches und Romantisches unterscheiden, so werden wir bald im reinen sein.“

— Johann Wolfgang von Goethe an Eckermann, 2. April 1829

Auf einen Blick
DatumSonntag, 18. September 2022
Strecke42,14 km
Höhenmeter+1.712 HM
Dauer5 Std. 2 Min. 33 Sek.
BegleitungWettkampf
Ausrüstung/CharakterLaufjacke, Trinkrucksack, Trailrunningschuhe; waldreich, Sandsteintreppen, Schlossgarten & Pflaster-Finale

Rückkehr an den Neckar: Formkurve, Gelassenheit und die Magie früherer Jahre

2015 und 2018 stand ich bereits an der Startlinie in Heidelberg beim Trailmarathon. Beide Starts fielen mitten in die Phase meiner bisher größten läuferischen Leistungsfähigkeit. Damals war ich schnell, fokussiert und voller Wille, mich auf der Strecke komplett zu quälen. Nach den darauffolgenden Jahren, die privat wie beruflich ordentlich an den Kräften gezehrt hatten, war der alte Speed erst einmal weg. Doch der Kopf ist ruhiger geworden: Die Freude am Laufen kehrte Schritt für Schritt zurück, der Geist wurde freier und auch das Tempo entwickelte sich wieder.

Zwar bin ich sportlich noch nicht ganz auf dem Niveau von damals, aber die Formkurve zeigt nach oben. In meinen „Glanztagen“ blieb ich in Heidelberg knapp unter der magischen 5-Stunden-Marke. Für dieses Jahr war das Ziel gesteckt: Eine Zeit unter 5:30 Stunden, erzielt mit einer klugen Renneinteilung, ohne totalen Krampf. Im Uphill wollte ich möglichst viel laufen, die Downhills kontrolliert und muskelschonend angehen und mich keinesfalls von den „Wilden“ mitreißen lassen.

Infobox: Historie & Kulturraum – Heidelberg & Die Epoche der Romantik

Residenzstadt & Dichterstadt: Heidelberg, eingerahmt vom tief eingeschnittenen Neckartal und den dicht bewaldeten Höhen des Kleinen Odenwaldes, gilt als das literarische Zentrum der deutschen Romantik. Dichter wie Achim von Arnim, Clemens Brentano und Joseph von Eichendorff fanden hier Inspiration für ihre Werke.
Das Heidelberger Schloss: Die imposante Schlossruine aus rotem Neckartäler Buntsandstein dominiert seit dem 13. Jahrhundert das Stadtbild. Nach den Zerstörungen im Pfälzischen Erbfolgekrieg (1689/1693) wandelte sich die ehemalige Residenz der Kurfürsten von der Pfalz zum weltweiten Sinnbild romantischer Geschichtsbetrachtung.

Startnummer 340 für Thorsten beim Gelita Trail Marathon Heidelberg

Strategie geht auf: Leiden an der Himmelsleiter

Und was soll ich sagen? Der Plan ging perfekt auf!

Am Start war ich bei frischen 8 °C und Wind mit meiner Jacke zwar etwas zu warm eingepackt und musste sie schon im ersten Anstieg ausziehen, aber der angekündigte Regen blieb glücklicherweise aus. An den Anstiegen rollte es überraschend gut. Sogar die berühmt-berüchtigte Himmelsleiter – diese schier endlose Sandsteintreppe hinauf zum Königstuhl – kam ich schneller hoch als je zuvor. Natürlich habe ich dort gekämpft und gelitten, aber die Beine spielten mit.

Bergab ließ ich bewusst etliche Läufer ziehen, joggte locker hinunter und sparte wertvolle Körner. Diese Taktik zahlte sich auf den letzten Kilometern aus: Während viele andere mit verrammelter Oberschenkelmuskulatur kämpften, konnte ich den finalen Abstieg hinunter nach Heidelberg noch einmal richtig ballern. Ein fantastisches Gefühl!

Am Ende blieb die Uhr bei 5 Stunden, 2 Minuten und 33 Sekunden stehen. Der Abstand zu meinen früheren Bestzeiten war damit deutlich kleiner als gedacht – ein klarer Beweis für eine rundum gelungene Renneinteilung.

Infobox: Geologie & Topografie – Neckartaler Buntsandstein & Der Königstuhl

Geologische Formation: Der Odenwald im Raum Heidelberg gehört geologisch zur Südwestdeutschen Schichtstufenlandschaft. Vor rund 250 Millionen Jahren lagerten mächtige Fluss- und Delta-Sedimente den eisenhaltigen, intensiv rot gefärbten Buntsandstein ab. Dieser bildet das widerstandsfähige Fundament für die steilen Hänge des Neckartals.
Topografie Königstuhl: Der Königstuhl bildet mit 567 m ü. N.N. den höchsten Punkt im Kleinen Odenwald. Die Himmelsleiter überwindet auf direkter Linie knapp 270 Höhenmeter. Die ungleichen Stufenhöhen verlangen höchste Konzentration und stellen eine erhebliche biomechanische Belastung für die Waden- und Gesäßmuskulatur dar.

Streckencharakter: Tempo, Wald und ein grandioses Finale

Gegenüber meinen früheren Starts hat sich die Streckenführung leicht verändert und gefühlt den einen oder anderen Höhenmeter dazugewonnen. Insgesamt bleibt der Trailmarathon Heidelberg aber ein extrem gut laufbarer Kurs ohne ernsthaft technische Passagen. Die Route führt größtenteils durch schattige Wälder und lebt vor allem von ihrem hohen Grundtempo. Sie zieht daher traditionell eher die schnellen Straßenläufer an, die Lust auf Trailluft haben, als die eingefleischten Alpinspezialisten.

Die drei Verpflegungsstellen lagen streckentechnisch etwas ungleichmäßig verteilt, was durch die Empfehlung zum Tragen eines Trinkrucksacks aber gut machbar war.

Infobox: Technik & Biomechanik – Downhill-Muskelbelastung & Schuhwerk

Exzentrische Belastung: Schnelle Bergabpassagen fordern die Oberschenkelmuskulatur (M. quadriceps femoris) durch exzentrische Kontraktionen. Dabei verlängert sich der Muskel unter hoher Krafteinwirkung, was ohne konservatives Pacing zu Mikrotraumata und vorzeitiger Ermüdung führt.
Ausrüstungs-Tipp: Auf dem Wechsel von weichen Waldwegen, Sandsteinstufen und festem Altstadt-Pflaster bewähren sich dynamische Trailrunning-Schuhe mit vielseitigem Grip.

Lächelnder, verschwitzter Läufer präsentiert seine Medaille des Gelita Trail Marathon Heidelberg

Das absolute Highlight des Kurses bleibt unbestritten der finale Downhill vom Königstuhl hinab: Zuerst geht es über grobes Steinpflaster, dann durch den imposanten Schlossgarten und schließlich auf Asphalt hinein in die belebte Altstadt. Wer sich seine Kräfte gut eingeteilt hat, schießt hier im Höchsttempo an den staunenden Heidelberg-Touristen vorbei ins Ziel und darf sich für ein paar Minuten ein kleines bisschen wie Kilian Jornet fühlen. Einfach herrlich!

Euer Thorsten

📌 TSV Katzwang 05 ULTRASPORT: Dieser Beitrag ist Teil der vielfältigen Aktivitäten rund um die Ultrasportabteilung. Eine Gesamtübersicht aller unserer Ausflüge und Touren findest du hier: ☛ TSV Katzwang 05 ULTRASPORT

Ein lächelnder Thorsten in blauer Sportkleidung erklimmt einen steilen, bewaldeten Pfad beim Trail Marathon Heidelberg
Der letzte Anstieg – die Himmelsleiter

STRAVA

2 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert