Vorwort
- Samstag, 25. September 2022
- 20 km + 150 HM
- 5h 25min
- Rundweg
„Das Wort ist frei. Die Tat ist stumm, der Gehorsam blind.“
„Walleinstein“ von Friedrich Schiller: Wallensteins Tod, Akt 2, Auftritt 2
Keine Lust auf Laufen! Die Lust auf Natur, Bewegung und neue Eindrücke ist zwar da, aber heute habe ich einfach keine Lust, die Laufschuhe zu schnüren. Ist das für mich ungewöhnlich? Vielleicht ein wenig, aber es kommt von Zeit zu Zeit einfach vor und nun ist es wieder soweit: eingebettet zwischen dem Trailmarathon Heidelberg am letzten Wochenende und dem Arberland Ultratrail am kommenden Wochenende reicht es mir 😉
Also schmiede ich schon bei den ersten Schlucken Kaffee am Samstagmorgen einen Plan: Heute wird gewandert, und dafür lege ich am Sonntag einen schnellen Lauf auf den „Goldenen Meilen“ von Schwabach hin. Ich möchte für die Tour nicht allzu weit fahren, aber dennoch Strecken erkunden, die ich noch nicht kenne. Erstaunlicherweise fällt meine Wahl ohne langes Zögern auf den Erlebnisweg Wallensteins Lager rund um Zirndorf, Oberasbach und Stein. Dieser rund 20 Kilometer lange, hervorragend aufbereitete Historienweg zeichnet den genauen Verlauf der äußeren Befestigungslinie des einstigen Söldnerlagers von 1632 nach. Mit seinen insgesamt 28 aufwendig gestalteten Themen- und Hörstationen verbindet er heute ruhige Naturabschnitte im Rednitztal mit fundierter Geschichtsvermittlung – eine ideale Kombination, wenn die Tourenauswahl sonst gar nicht so einfach ist!
Kurzerhand frage ich meine Eltern, ob sie Lust haben mitzukommen. Gegen Mittag starten wir gemeinsam am Wanderparkplatz unterhalb der Alten Veste.

Startschwierigkeiten und Orientierung am Wegesrand
Die ersten zwei Kilometer gestalten sich etwas zäh: Was ich nicht wusste ist, dass die Beschilderung der Tour zwischen dem Druck meines Flyers und unserem Wandertag komplett überarbeitet wurde. Auch der hinterlegte Track auf Komoot weicht stellenweise ab, sodass ich mehr als einmal stutzig werde und grübeln muss.
Doch irgendwann macht es endlich „Klick“: Wir verinnerlichen das neue Beschilderungssystem, und ab da geht es stetig und flüssig vorwärts. Die Markierung ist zwar nicht an jeder Ecke perfekt, aber größtenteils kann das Smartphone im Rucksack bleiben. Stattdessen wandert der Blick entspannt in die Landschaft und auf die zahlreichen Infotafeln entlang der Strecke. Diese Tafeln sind erstaunlich attraktiv gestaltet und fassen die historischen Themen kurz, prägnant und hochinteressant zusammen. In der heutigen Natur und Kulturlandschaft sind die physischen Reste des riesigen Lagers zwar kaum noch mit bloßem Auge zu erkennen, doch die Geschichte erwacht auf den Schilderungen zum Leben.

Wallensteins Lager bei Zirndorf: Das größte Feldlager des Dreißigjährigen Krieges
Um die Ausmaße dieser Tour zu begreifen, lohnt sich der Blick zurück in das Jahr 1632. Das Lager, dessen Außengrenzen wir auf den 20 Kilometern heute nachwandern, war kein gewöhnliches Feldlager, sondern eine gigantische, befestigte Zeltstadt. Im Sommer 1632 belagerten sich hier über zwei Monate lang die Truppen des schwedischen Königs Gustav II. Adolf (verschanzt in und um Nürnberg) und des kaiserlichen Feldherrn Wallenstein.
Wallenstein ließ auf den Anhöhen um Zirndorf und der Alten Veste ein riesiges Areal von über 16 Kilometern Umfang mit Gräben, Schanzen und Palisaden sichern. Auf diesem Areal lebten auf engstem Raum schätzungsweise 50.000 Soldaten – zusammen mit fast ebenso vielen Zivilisten, Trossbegleitern und zehntausenden Pferden. Die hygienischen Zustände waren katastrophal, Krankheiten brachen aus und die Versorgung brach zusammen. Das Lager blockierte alle Handelswege nach Nürnberg und führte in der Stadt zu einer verheerenden Hungersnot. Die verlustreiche Schlacht an der Alten Veste im September 1632 brachte schließlich die Entscheidungslosigkeit auf die Spitze, bevor beide Armeen entkräftet abzogen.




Albrecht von Wallenstein: Der schillernde Feldherr des Dreißigjährigen Krieges
Dass dieses Lager überhaupt in dieser Dimension entstehen konnte, ist eng mit der Personalie Albrecht von Wallenstein (eigentlich Albrecht Wenzel Eusebius von Waldstein) verknüpft. Er war zweifellos eine der schillerndsten, mächtigsten und umstrittensten Figuren des Dreißigjährigen Krieges. Als genialer Logistiker und kompromissloser „Kriegsunternehmer“ stellte er dem katholischen Kaiser Ferdinand II. auf eigene Kosten riesige Armeen zur Verfügung – ein System, das sich durch die gnadenlose Eintreibung von Kontributionen (Zwangsabgaben) aus den besetzten Gebieten selbst finanzierte („Der Krieg ernährt den Krieg“).
Wallenstein war kein religiöser Fanatiker, sondern ein kühler strategischer Kopf, der von Macht, Astrologie und persönlichem Aufstieg angetrieben wurde. Für den Kaiser war er unersetzlich, aber aufgrund seines enormen Reichtums, seiner Eigenmächtigkeit und seines unermesslichen Einflusses auch höchst verdächtig. Seine politische Unberechenbarkeit und geheime Friedensverhandlungen führten schließlich dazu, dass er 1634 auf Betreiben des Kaisers in Eger ermordet wurde.





Zurück im Hier und Jetzt auf den gut begehbaren Wegen rund um Zirndorf genießen wir das ruhige Wandertempo. Die Natur und die unerwarteten historischen Einblicke lassen die Zeit wie im Fluge vergehen. Bei einem gemütlichen, gemeinsamen Abendessen in einer regionalen Gaststätte lassen wir diesen unerwarteten – und wahrscheinlich genau deshalb so schönen – Herbsttag entspannt ausklingen.
Euer Thorsten



