„Zu fällen einen schönen Baum, braucht’s eine halbe Stunde kaum. Zu wachsen, bis man ihn bewundert, braucht er, bedenkt es, ein Jahrhundert!“
— Eugen Roth
Samstagmorgen: Tempo nach Eschlsaign
Nicht lange trödeln! Die Morgensonne lacht, das Wetter ist angenehm kühl und der erste Kaffee wartet schon geduldig auf das Finish. Also auf, auf in den Wald!

Vom Start weg geht es steil bergauf Richtung Eschlsaign – und ich kann stolz vermelden: Ich muss fast keinen einzigen Schritt gehen! Stattdessen heißt es schwitzen, keuchen, kämpfen und dieses unvergleichliche Gefühl spüren, wie der Körper unter Volllast auflebt. Oben angekommen bleibt kurz Zeit zum Durchschnaufen im Morgenlicht, bevor es mit Blick auf die aufgehende Sonne steil und schnell wieder abwärtsgeht – erst über naturbelassene Waldpfade, dann flüssig auf der Straße. Der Weg fliegt in Richtung Frühstück nur so unter den Laufschuhen dahin. Genau so müsste Laufen eigentlich viel öfter sein. Kaffee, ich komme!

STRAVA
Selbstverständlich muss auch der restliche Samstag optimal genutzt werden. Mir geistert schon den ganzen Morgen der „legendäre“ Seewandsteig durch den Kopf.
Gemeinsam mit meinen Eltern und meiner lieben Mareike starten wir am Parkplatz am Großen Arbersee. Wie zu erwarten war, ist hier bei dem Traumwetter ordentlich was los. Das stört uns jedoch wenig, denn wir steigen direkt auf den Goldsteig ein, um den Großen Arber zu erklimmen. Was für ein genialer Fernwanderweg! Der Pfad schlingert wurzelig, steinig und wunderbar abwechslungsreich nach oben – keine Spur von langweiligen Forststraßen. Knapp unterhalb des Gipfels kehren wir in eine der Gaststätten ein, um die Energiespeicher aufzufüllen.

📌 Infobox: Die Gipfel-Giganten – Großer Arber & Die Osser-Zwillinge
- Großer Arber (1.456 m): Als „König des Bayerischen Waldes“ ist der Arber die höchste Erhebung des gesamten Böhmerwald-Massivs. Die markanten Radarkuppeln prägen den felsigen Gipfelbereich, von dem sich bei klarer Sicht ein atemberaubendes Panorama über das Nebelmeer der Umgebung erstreckt.
- Großer (1.293 m) & Kleiner Osser (1.266 m): Die imposanten Doppelgipfel im Lamer Winkel faszinieren durch ihre spitzen, alpinen Silhouetten direkt an der tschechischen Grenze. Der Große Osser gilt mit seinen steilen Felsriegeln und dem urigen Osserschutzhaus als einer der markantesten Aussichtsberge der Region – und mein Lieblingsberg 🤩

Anschließend halten wir uns Richtung Mittagsplatzl, ehe wir in den unmarkierten Seewandsteig abzweigen – und unseren Augen kaum trauen. Was für ein Traum von einem Wanderweg! Schmal, feucht-rutschig, ständig über umgestürzte Baumstämme hinweg und an einer Stelle sogar mit einer knackigen Kraxelei gespickt. Wir kommen nur langsam voran, aber genießen jeden einzelnen Schritt in dieser wilden, unberührten Natur. Das bittere Ende: Jeder schöne Steig endet irgendwann – in diesem Fall am wieder dicht bevölkerten Ufer des Großen Arbersees.

📌 Infobox: Naturschutz & Sperrfristen am Arber-Seewandsteig
- Strenges Schutzgebiet: Der Seewandsteig durchquert das geschützte Kerngebiet des Naturschutzgebietes am Großen Arber. Um Störungen der sensiblen Ökosysteme zu vermeiden, ist die Begehung streng auf den Zeitraum vom 1. Juli bis 31. Oktober reglementiert.
- Schutz des Auerhuhns: Die dichten, unberührten Hangwälder bieten den letzten wilden Populationen des vom Aussterben bedrohten Auerhuns (Tetrao urogallus) ein Rückzugsgebiet. Außerhalb der Sommer- und Frühherbstfristen gilt ein absolutes Betretungsverbot, um den Vögeln während der Balz- und Aufzuchtphase die nötige Ruhe zu gewähren.
- Ungemarker Trail: Der Steig ist bewusst nicht mehr durch Wanderzeichen markiert, um den Massentourismus abzulenken. Orientierungsvermögen und alpine Trittsicherheit sind Grundvoraussetzung.
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Sonntag: Schlamm-Schlacht zur Simmereinöd & Familientour zum Schwellhäusl
Wer rastet, der rostet! Ein kleiner Lauf vor dem Frühstück ist einfach die feinte Sache, um den Tag zu begrüßen. Also raus aus den Federn und über völlig vermatschte Waldwege hinüber zur Simmereinöd – einem historischen Ort, der früher für sein Ausflugscafé mit fantastischem Kuchen bekannt war. Der Plan war eigentlich, ordentlich Tempo zu bolzen, was der tiefe Schlamm allerdings gekonnt vereitelt. Egal, der Spaßfaktor war trotzdem riesig.

STRAVA
Am Nachmittag schalten wir einen Gang zurück. Das Tierfreigelände bei Ludwigsthal dient uns als Startpunkt für eine entspannte Familienwanderung. Zu Beginn schlendern wir durch das Gehege und beobachten Auerochsen sowie Wildpferde (die es übrigens auch ganz in der Nähe von Erlangen im Gehege zu sehen gibt – was erstaunlich wenige wissen!).

Anschließend geht es auf lieblichen Waldwegen in Richtung Zwieslerwaldhaus. Der Bayerische Wald zeigt sich hier von seiner saftig-grünen Seite – definitiv kein trockener Steckerlaswald wie bei uns daheim in Franken! Am Schwellbach angekommen, quillt der Weg vor Spaziergängern schier über. Ziel ist das zauberhaft gelegene Schwellhäusl, wo wir nach einfacher Schotterstrecke gemütlich einkehren und den Nachmittag ausklingen lassen.

📌 Infobox: Wildnis, Schwellbäche & Urwald-Relikte im Bayerwald
- Reiches Wassernetz: Die Natur des Bayerischen Waldes ist geprägt von feuchtem Mikroklima. Einzigartige Hochmoore, Quellbäche und künstlich angelegte Schwellbäche (ehemals für die Holztrift genutzt) speisen die reißenden Wildbäche der Region.
- Urwaldnahe Strukturen: Im Gegensatz zu Monokulturen zeichnet sich der Bayerwald – insbesondere im Nationalparkbereich – durch urwaldnahe Mischwälder mit extrem hohem Totholzanteil aus. Zerfallende Baumriesen dienen als Nährboden für seltene Pilze, Flechten, Moose und Insekten.
- Urwüchsige Vegetation: Dichte Moosteppiche, mächtige Farnwälder und von Bächen durchzogene Schluchten verleihen dem Wald seine saftige, fast urzeitliche Kulisse.

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Montag: Trail-Rausch am Osser – Von Arrach über die Lohberghütte nach Lam
Das verlängerte Wochenende verlangt nach einem würdigen Finale! Nach kurzer Absprache bekomme ich grünes Licht für eine Trail-Einheit: Ich laufe direkt von der Unterkunft in Arrach auf den Großen Osser, während meine Eltern und Mareike mit dem Auto zum Sattelparkplatz fahren, um von dort entspannt zum Osserschutzhaus zu wandern.
Nach dem Frühstück laufe ich zügig los. Über Asphalt geht es flüssig bis nach Lam. Erst auf dem Tierparkweg zwischen Lam und Lohberg biege ich auf naturbelassene Pfade ein. Als Aufstiegsvariante wähle ich den Weg ab dem Wanderparkplatz Lohberghütte. Diese Route ist deutlich steiler, verblockter und schwieriger als der klassische Anstieg von Lam aus – hier trifft auch die Strecke des UTLW (Ultra Trail Lamer Winkel) auf den Steig.
Mit ordentlich Druck in den Beinen marschiere ich nach oben, sammle andere Wanderer mit deutlichem Tempoüberschuss ein und lege meinen bisher schnellsten Aufstieg zum Osser hin. Trotz meines Zick-Zack-Kurses bin ich sogar noch vor meiner Familie am Osserschutzhaus! Die Belohnung: Zwei kühle Weizen im strahlenden Sonnenschein bei bester Hüttenstimmung.

Der Vollgas-Downhill über den Kleinen Osser
Und dann folgt die Zugabe, auf die ich mich schon das ganze Wochenende gefreut habe: Der Downhill!
Während die Familie den direkten Rückweg zum Auto nimmt, brettere ich rüber zum Kleinen Osser. Schnell hoch auf den Gipfel, Foto knipsen, runter über die wunderschöne Osserwiese und dann mit aller Kraft und Leidenschaft in den steinigen Abstieg werfen! Ich fliege über den Trail, finde traumhaft die Tritte, bleibe mutig auf dem Gas und überhole unterwegs meine Familie sowie einige ungläubig schauende Wanderer.
Über den Sattelparkplatz nehme ich kaum Druck raus und stiefele weiter bergab Richtung Maria Hilf. Nach einer kurzen Schrecksekunde durch eine falsche Abzweigung korrigiere ich die Route und nehme wieder volle Fahrt auf: Zeitgleich mit dem Auto biege ich auf dem Marktplatz in Lam ein. Was für ein fantastischer Abschluss für ein rundum gelungenes Bayerwald-Wochenende!


💡 Equipment-Tipp für Bayerwald-Trails:
Auf den feuchten, verblockten Wurzel- und Felswegen am Osser sowie auf dem Seewandsteig ist ein reinrassiger Trailschuh mit aggressiver Vibram-Mischung Gold wert. Normale Straßenlaufschuhe oder sohlenglatte Leichtwanderschuhe rutschen auf dem nassen Stein gnadenlos weg.
Euer Thorsten
📌 Regions-Guide: Dieser Beitrag ist Teil des Regions-Guides Bayerischer Wald. Eine Gesamtübersicht aller Berichte, Etappen und Routen findest du auf der zentralen Hub-Seite: Link

