Der Sturm heult immer laut in den Kaminen
Und jede Nacht ist blutigrot und Himmel.
Die Häuser recken sich mit leeren Mienen.
Nun wohnen wir in rings umbauter Enge,
Im kargen Licht und Dunkel unserer Gruben,
Wie Seiler zerrend grauer Stunden Länge.
Die Tage zwängen sich in niedre Stuben,
Wo heisres Feuer krächzt in den Öfen.
Wir stehen an den ausgefrornen Scheiben
Und starren schräge nach den leeren Höfen.
— Georg Heym („Der Winter“)
Anspruch
Überwiegend einfache, teils asphaltierte Waldwege. Der Abstieg von der Wülzburg über einen unmarkierten Pfad ist steil und erfordert – besonders bei Schnee und Eis – eine gute Portion Trittsicherheit.
Die Kombination aus der historischen Altstadt von Weißenburg, der beeindruckenden Festungsanlage Wülzburg und dem markanten Bismarckturm macht diese Rundwanderung extrem abwechslungsreich. Wer unterwegs einkehren möchte, hat in der lebendigen Weißenburger Altstadt die besten Chancen. Die Gaststätte im Innenhof der Wülzburg hatte bei unserem Ausflug leider geschlossen, und auch die Einkehrmöglichkeit kurz vor dem Bismarckturm sollte man vorab prüfen.



Start an der Stadtmauer: Geschichte auf Schritt und Tritt
Es ist Januar. Das Thermometer kratzt am Gefrierpunkt, aber es ist trocken und windstill – bestes Wetter also für eine ausgiebige Winterwanderung. Auch wenn das typisch deutsche Winter-Grau die Stimmung nicht gerade anheizt, hält uns das nicht auf. Wir starten am kostenfreien (!) Parkhaus am Rande der Altstadt von Weißenburg und folgen zunächst der imposanten, mittelalterlichen Stadtmauer.
Weißenburg liegt zwar abseits der großen Autobahnen, glänzt aber mit einer faszinierenden historischen Bausubstanz. Wer noch tiefer in die Geschichte eintauchen will: Die Region ist eng mit dem Limes und dem Imperium Romanum verknüpft; ein nachgebautes Römerlager befindet sich ganz in der Nähe. Die Dimensionen der alten Stadtmauer lassen schnell erahnen, welche Bedeutung dieser Ort einst hatte. Heute ist es eine charmante Kreisstadt im Herzen Bayerns.
Mittelalterliche Freie Reichsstadt: Weißenburg in Bayern stieg im Spätmittelalter zur Freien Reichsstadt auf und unterstand somit direkt dem Kaiser. Die weitgehend erhaltene Stadtmauer mit ihren Wehrtürmen und dem berühmten Ellinger Tor zeugt bis heute vom einstigen Wohlstand und Verteidigungswillen der Bürger.
Römisches Erbe am Limes: Die Ursprünge der Besiedlung reichen weit über das Mittelalter hinaus. Als Teil der Grenzbefestigung des Imperium Romanum lag nahe dem heutigen Stadtgebiet das Kastell Biriciana. Die Römischen Thermen und das nachgebaute Nordtor des Kastells gehören zu den bedeutendsten archäologischen Zeugnissen am UNESCO-Welterbe Rätischer Limes.


Der Aufstieg zur Festung Wülzburg
Wir lassen die Stadt hinter uns und wandern auf asphaltierten Wegen Richtung Osten. Vor uns liegt der erste von zwei nennenswerten Anstiegen des Tages. Sobald wir in den Wald eintauchen, zieht die Steigung an. Über Stufen geht es knackig bergauf, bis plötzlich die Wülzburg vor uns aufragt.
Wer hier eine klassische, romantische Ritterburg erwartet, wird überrascht sein. Die Anlage stammt aus dem 18. und 19. Jahrhundert – einer Ära, in der bereits mit modernen Kanonen gekämpft wurde. Statt Schießscharten dominieren hier massiv angeschrägte Mauern und ein sternförmiger, rein zweckdienlicher Grundriss. Ein extrem beeindruckendes Bauwerk, wie man es in Franken aufgrund der militärhistorischen Entwicklung eher selten findet.
Nach einer Runde um die Festungsmauern – bei der wir den eisigen Ausblick genossen haben (im Sommer laden hier tolle Bänke zum Verweilen ein) – wählen wir einen unmarkierten Weg für den Abstieg. Der frisch gefallene Schnee verwandelt den steilen Pfad prompt in eine Rutschpartie. Mareike und mir macht das im Tippelschritt riesigen Spaß, aber die Routenführung von Komoot erfordert hier definitiv Konzentration und ist nicht jedermanns Sache.
Der Pentagon-Grundriss: Die Wülzburg wurde ab 1588 unter Markgraf Georg Friedrich von Brandenburg-Ansbach anstelle eines ehemaligen Benediktinerklosters zu einer hochmodernen Festung umgebaut. Sie gehört zu den ganz wenigen komplett erhaltenen Renaissance-Festungen in Pentagonalform (Fünfeck) im deutschsprachigen Raum.
Architektonische Wehrhaftigkeit: Anstelle hoher, anfälliger Mauern dominieren extrem breite, stumpfwinklig angeschrägte Erd- und Steinwälle (Bastionen Rossmühle, Kavalier, Jungfrau, Krebs und Rosskopf). Diese Bauweise bot Belagerungsgeschossen kaum Angriffsfläche und ermöglichte den Verteidigerinnen und Verteidigern eine lückenlose Bestreichung der Gräben mittels Kreuzfeuer.

Jura-Kalktafel der Südlichen Frankenalb: Die Festung liegt auf einer exponierten Bergnase (630 m ü. N.N.) aus hartem Weißjura-Kalkstein (Malm). Die stark verkarstete Natur des Gesteins führte dazu, dass Regenwasser im Berg sofort abfloss und auf der Höhe keinerlei natürliche Quellen existierten.
Das Brunnen-Meisterwerk: Um eine Belagerung zu überstehen, trieb man zwischen 1601 und 1610 den spektakulären Wülzburger Brunnen von Hand durch das massive Kalkgestein. Mit einer Tiefe von gut 143 Metern zählt er zu den tiefsten handgegrabenen Festungsbrunnen Deutschlands.
Über den Bismarckturm zurück nach Weißenburg
Wieder auf festem Boden steuern wir das zweite Etappenziel an: den Bismarckturm. Diesmal bleiben wir auf dem offiziellen Wanderweg und stapfen gemütlich, aber stetig bergauf durch den Winterwald. Der Aussichtsturm wurde zu Ehren des geschichtsträchtigen Reichskanzlers Otto von Bismarck errichtet – eine bis heute streitbare, aber unbestreitbar prägende Figur der deutschen Geschichte.


Der Turm selbst wirkt aus der Nähe eher abweisend und schmucklos, auch wenn die Aussicht über die innenliegende Wendeltreppe bei klarer Fernsicht sicher fantastisch ist.
Denkmalkultur der Jahrhundertwende: Zwischen 1869 und 1934 wurden im damaligen Deutschen Reich und auf verschiedenen Kontinenten über 240 Bismarcktürme als monumentale Ehrenmale errichtet. Der Weißenburger Bismarckturm auf dem Rohrberg entstammt der Hochphase dieser Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Baucharakteristik: Typisch für viele dieser Bauwerke ist die wuchtige, fast trutzige Steinarchitektur aus heimischem Naturstein (im Fall Weißenburgs aus Kalk- und Bruchstein), die oft mit einer Eisenfeuerschale auf der Zinnenplattform versehen wurde, um an nationalen Feiertagen Weithochfeuer zu entzünden.





Für uns ist es Zeit für den Rückweg. Der Wanderweg führt uns auf originelle Weise mitten durch eine Kleingartenkolonie, bevor wir wieder die Altstadt von Weißenburg erreichen. Nach gut 13 Kilometern in den Beinen lassen wir den Tag bei einem gemütlichen, warmen Essen ausklingen.
Euer Thorsten







