Vorwort
- Samstag, 21. Januar 2023
- 72,3 km + 1350 HM
- 13 Stunden – inklusive einer seeeehr ausgiebigen Pause
Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt.
Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.
Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.„Mondnacht“ von Joseph von Eichendorff
Kurz gesagt: Das Bier war lecker, der Weg war eisig und die Oberschenkel brennen immer noch.
Die legendäre „Morgenspaziergang-Gang“ hat sich für diese epische XXL-Etappe hochkarätige Verstärkung geholt: Marc war mit an Bord, und es war uns ein Fest! Nachdem wir beim letzten Mal unfreiwillig in Hochstahl die Segel streichen mussten, stand fest: Dieses Mal ziehen wir es durch. Auch wenn das bedeutete, dass die Strecke auf über 70 Kilometer anwuchs. Im tiefsten Januar. Bei Dauerfrost, Schneebergen und versteckten Eisbahnen. Aber es half ja alles nichts – das Ziel hieß Creußen, und der letzte Zug wartet nicht.
Um 8 Uhr morgens startete unser Vierergespann samt Edel-Chauffeurin Richtung Hochstahl. Ein riesiges Dankeschön an Mareike, die sich über zwei Stunden hinter das Steuer setzte, nur damit wir uns im Gefrierfach der Fränkischen Schweiz die Beine in den Bauch laufen durften!
Mit im Gepäck: Jede Menge Schichten warme Klamotten, tonnenweise Essen, Wasser und unsere drei treuesten Fans: Die Plüschteddys Balu, Fränki und Pu. Die Jungs hatten zu Weihnachten ihre ganz persönlichen, offiziellen Wandermarkierungen aus Metall geschenkt bekommen (inklusive der Biere aller Brauereien entlang des über 400 Kilometer langen Gesamtweges). Stolz am Rucksack montiert, ging es ab in die Kälte.

Was ist der Fränkische Gebirgsweg?
Für alle, die den Fränkischen Gebirgsweg noch nicht auf dem Schirm haben: Dieser zertifizierte Qualitätswanderweg erstreckt sich über rund 428 Kilometer durch einige der schönsten Mittelgebirgslandschaften Frankens. Vom Frankenwald über das Fichtelgebirge und den Steinwald führt er bis in die Fränkische Schweiz – nur in unserem Fall entgegen der genannten und üblichen Richtung, also von Süd nach Nord. Wanderer und Trailrunner erwarten hier nicht nur knackige Höhenmeter und wilde Felsformationen, sondern auch eine unschlagbare Dichte an historischen Burgen, Schlössern und – typisch fränkisch – traditionellen Brauereien (und bevor ihr fragt: ja, die Kombination Trailrunning und Brauerei ist etwas ungewöhnlich😉).

Auf der Suche nach Wegmarkierungen und Weltrekorden
Locker, flockig und bei klirrender Kälte liefen wir los. Die ersten Kilometer führten uns gemütlich vorbei an der berühmten Kathi-Bräu in Heckenhof – einem Ort, an dem sich im Sommer die Motorradfahrer tummeln, der im Januar aber im tiefen Winterschlaf lag. Weiter ging es nach Aufseß. Die Gemeinde ist weltberühmt und steht sogar im Guinness-Buch der Rekorde: Kein anderer Ort der Welt hat eine höhere Brauereidichte pro Einwohner!
Leider war die offizielle Wegmarkierung auf den ersten 20 Kilometern im Schneechaos so gut wie unsichtbar. Ohne GPS und technische Hilfsmittel würden wir wahrscheinlich heute noch im Kreis laufen. Trotzdem ließen wir uns die Laune nicht verderben. Die wunderschönen Schlösser Unteraufseß (die älteste bewohnte Burg im Aufseßtal) und Oberaufseß passierten wir im Eilschritt.
Hier zeigte sich mal wieder das klassische Dilemma: In einer genialen Gruppe wie unserer mit Hansi, Flo und Marc fliegt die Zeit durch tiefgründige Gespräche und flache Witze nur so dahin. Man hat kaum Zeit, die Kamera für ein paar verträumte Landschaftsfotos zu zücken. Aber ganz ehrlich? Die geniale Gemeinschaft und das gemeinsame Lachen im Frost waren jeden verpassten Schnappschuss wert.


LKW ohne ABS in Hollfeld
Bei Kilometer 15 erreichten wir das beschauliche Städtchen Hollfeld mit seinem historischen Ensemble rund um den Marienplatz. Für uns vor allem wichtig: Es war die absolut letzte Möglichkeit, Vorräte aufzustocken. Im fränkischen Winter herrscht im Nirgendwo nämlich rigorose Winterruhe. Bäcker zu, Wirtshäuser dicht – wer hier hungert, verliert.
Während Hansi und Marc den Bäcker stürmten, hatten Flo und ich nur ein Ziel: Ein ehrliches LKW ohne ABS (Leberkäsweckla ohne a bisserla Senf). Flo stellte sich in der warmen Metzgerei an, während ich draußen bibbernd wie ein Schaufensterpuppen-Wächter Wache hielt. Eine ältere Dame beäugte meinen gigantischen Laufrucksack von oben bis unten und schüttelte fassungslos den Kopf. Sie dachte wohl, ich merke es nicht – aber die Schaufensterspiegelung verrät alles! Wer von uns beiden in diesem Moment der Exot war? Die Antwort bleibt wohl ein fränkisches Geheimnis.

Pirouetten auf Spiegelglatteis und der Alte Fritz
Wir liefen weiter an plätschernden Bächen entlang, über tief verschneite Trails. Das kostet Kraft. Das Geheimnis bei diesem Dauerfrost: Gerade so schnell laufen, dass man warm bleibt, aber bloß nicht ins Schwitzen gerät. Ohne Wechselklamotten im Rucksack wird der eigene Schweiß in der Kälte sonst schnell zum Endgegner.
Bei Schnackenwöhr (Kilometer 20) passierten wir die beeindruckende Felsformation Alter Fritz – ein echter Hingucker im verschneiten Wald. Danach nahmen wir die Marathonmarke ins Visier: Obernsees. Feldwege, Stille, keine Menschenseele. Perfekt zum Abschalten.
Dass unter dem unschuldigen weißen Pulverschnee oft blankes Eis lauert, durfte ich kurz darauf am eigenen Leib erfahren. Es folgte eine hochakrobatische Flugeinlage, die jeder Eiskunstlauf-Gala zur Ehre gereicht hätte. Dank meines gut gepolsterten Rucksacks ging die wilde Nummer ohne Blessuren aus. Note: 10,0 für die B-Note und die allgemeine Erheiterung von Flo, Hansi und Marc. Bitteschön, gern geschehen!
Zur Stärkung gab es danach kanarische Salzkartoffeln, die Feinschmecker Hansi extra vorbereitet hatte. Einziger Haken: Es fehlte Salz. Aber unser Survival-Experte Flo zog eiskalt einen echten Salzstreuer aus der Tasche. Teamwork par excellence!




Die Stelzenhütte und das Obernsees-Dilemma
Kurz vor dem Ort wartete der erste echte Anstieg zur Knockhütte. Die Hütte thront auf einem Hügel, bietet eine phänomenale Fernsicht und wurde – warum auch immer – ohne bauliche Notwendigkeit auf Stelzen errichtet. Genialer Anblick! Leider hatte der Gastrobetrieb Winterpause, und der Getränkeautomat spuckte ohne Münzen nichts aus. Nach zehn Minuten trieb uns die kriechende Kälte auch schon wieder weiter.
In Obernsees (bekannt für seine Therme) kam es, wie es kommen musste: Die anvisierte Gaststätte machte erst viel später auf als im Internet angegeben. Die Therme hatte keinen Außenverkauf. Was tun? Entweder runter von der Route oder Zähne zusammenbeißen und die Brauerei Krug in Weiglathal bei Kilometer 60 anpeilen. Die Entscheidung fiel einstimmig: Auf zur Brauerei! Eine klassische Fehleinschätzung, was das Timing angeht…




Kameradschaft im Schneesturm
Die Kilometer forderten ihren Tribut. Einer aus unserer Mitte geriet in den roten Bereich und musste extrem beißen. Das Tempo sank, während die Dunkelheit hereinbrach und der Schneefall immer dichter wurde. Im Schein unserer Stirnlampen tanzten die Flocken, der Wald wurde totenstill – eine absolut magische, herrlich epische Atmosphäre.
Wir teilten uns logischerweise auf: Flo und Marc liefen voraus, um in der Brauerei den Tisch zu sichern und nicht zu erfrieren. Ich blieb als psychologische und moralische Stütze beim geschlauchten vierten Mann. Dass wir am Ende eine Stunde Differenz haben würden, ahnte keiner, aber in der Situation hält man als Team zusammen.
In Weiglathal angekommen, war der Schmerz sofort vergessen. Warme Stube, ein legendäres Ur-Stoff-Bier, das es nur hier vor Ort gibt, und deftiges Schmalzbrot mit Bratwürsten. Unsere Teddys Balu, Fränki und Pu bekamen den Ehrenplatz auf dem Tisch. Wir lachten, wärmten die steifen Glieder auf und genossen das Leben.





Der finale Sprint und der unbarmherzige Boden
Der letzte Zug nach Nürnberg ging um 22:37 Uhr ab Creußen – und wir hatten noch 12 Kilometer vor uns. Taktischer Beschluss: Hansi bricht mit unserem tapferen Kämpfer etwas früher auf. Flo und ich? Bleiben sitzen, bestellen noch ein Bier und quatschen mit den neugierigen Tischnachbarn, die unser „Sport-trifft-Bier-Outfit“ sichtlich faszinierend fanden.
Als „Startgruppe 2“ schossen Flo und ich schließlich in die eisige Nacht hinaus. Beim Verlassen der warmen Stube schlug uns der Frost wie eine Wand ins Gesicht. Also: Tempombolzen! Wir flogen förmlich durch den immer höher werdenden Schnee. Die Orientierung saß, das Adrenalin pumpte, der Zug rief.



Und schwupp – lag ich. Schon wieder.
Dieses Mal ohne B-Note, ohne Kunstflug. Schnörkellos, ungebremst und direkt auf die Seite. Die Ursache: Eine spiegelglatte Eisplatte unter dem Neuschnee. Dieses Mal tat es richtig Schläge. Ich blieb kurz liegen, während Flo mich einsammelte. Diagnose: Ein blauer Fleck, der mich die nächsten Nächte nur auf der rechten Seite schlafen lassen wird. Drei Kilometer vor dem Ziel eigentlich unnötig, aber hey – die Show muss weitergehen!




Das Finale in Creußen
Völlig ausgepowert, aber glücklich erreichten wir den Bahnhof in der historischen Stadt Creußen (berühmt für ihren Krügemuseum und die alte Stadtmauer). Hansi und unser Finisher warteten bereits – mit einem wohlverdienten Wegbier!
Wir stiegen in den letzten Waggon des Zuges ein und trafen auf die absolute Antithese zu unserem Zustand: Drei Mädels auf dem Weg von Bayreuth ins WON nach Nürnberg, bewaffnet mit Wodka, dröhnender Musik und Tanzmoves. Sie starrten unsere Laufklamotten und die Plüschteddys an, als wären wir frisch vom Mars gelandet. Wir wiederum fanden ihre Party-Moves im schwankenden Zug eher gewöhnungsbedürftig. Alles eine Frage der Perspektive.
72 Kilometer Fränkischer Gebirgsweg im härtesten Winter – wir haben dir die Stirn geboten!
Euer Thorsten







