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The Grand Tour – der Nationalpark im Woid

Der Nationalpark im Woid – Wildnis erleben

Wildnis pur: Unterwegs auf der Nordroute des Goldsteigs (Nationalpark-Spezial)

Wer an epische Fernwanderwege in Deutschland denkt, kommt am Goldsteig nicht vorbei. Mit seinen rund 660 Kilometern ist er der unangefochtene Riese unter den deutschen Prädikatswegen. Doch das wahre Herzstück für Abenteurer und Wildnisliebhaber liegt im Nationalpark Bayerischer Wald.

Genauer gesagt: die Nordroute. Während die Südroute eher gemütlich durch sanfte Hügel rollt, zeigt die Nordroute hier ihre Zähne – im positivsten Sinne. Es geht über die berühmten Tausender-Gipfel, durch unberührte Urwaldreste und über Pfade, die Trittsicherheit fordern.

Das Herzstück im Nationalpark: Rachel und Lusen

Der Abschnitt, der mitten durch den ältesten Nationalpark Deutschlands führt, ist Naturkino der Extraklasse. Das Motto des Parks lautet „Natur Natur sein lassen“. Das Ergebnis? Ein faszinierender Waldwandel, bei dem aus altem Totholz neues, sattes Leben entsteht.

  • Der Große Rachel (1.393 m): Der zweithöchste Berg des Waldes fordert dich mit einem knackigen Aufstieg heraus, belohnt dich aber mit dem mystischen Blick hinab auf den tiefschwarzen Rachelsee.
  • Der Lusen (1.373 m): Ein absolutes Highlight. Der Gipfel besteht aus einem riesigen, wilden Blockmeer aus Granitgestein. Der Aufstieg über die „Himmelsleiter“ (steile Steinstufen) bringt den Puls hoch, das 360°-Panorama oben lässt ihn kurz stocken.

Die Gretchenfrage: Hauptroute oder Alternativweg?

Mitten im Nationalpark stellt dich der Goldsteig vor eine Entscheidung. Du hast die Wahl zwischen der klassischen Hauptroute (über die rauen Gipfel) und der offiziellen Alternativroute.

Hier ist der direkte Vergleich:

KriteriumHauptroute (Nord)Alternativweg (Nationalpark)
CharakterAlpin, fordernd, felsigWaldreich, sanfter, idyllisch
HighlightsRachel-Gipfel, Lusen-Gipfel, BlockmeerFilze (Hochmoore), Schachten (historische Waldweiden)
AnspruchHoch (viele Höhenmeter, oft steinig/steil)Moderat (konditionell einfacher, weichere Wege)
WetterabhängigkeitHoch (Gipfel bei Sturm/Nebel ungemütlich)Geringer (gut geschützt im Wald- und Moorgebiet)

Aber warum nicht beides kombinieren? Warum nicht ein langes Wochenende auf den Trails einrichten?

Tag 1: Von Frauenau nach Neuschönau und hinauf auf den Lusen, über den Rachel und über die Trinkwasserstalsperre zurück

  • Samstag, 24. Juni
  • 70 km + 2100 HM
  • 12,5 Stunden

Zwei Uhr nachts. Der Wecker reißt uns aus dem Schlaf. Halb drei: Frühstück. Kurz nach drei: Abfahrt. Ja, das wird ein verdammt langer Tag. Aber von Müdigkeit ist keine Spur. Dafür ist die Vorfreude auf dieses Wochenende, auf die gemeinsamen Erlebnisse und die gute Zeit viel zu groß – es fühlt sich einfach genau richtig an.

Schon länger schwirrte Andy und mir die Idee im Kopf herum, den Nationalpark Bayerischer Wald über den Goldsteig und seine offizielle Alternativroute in einer großen Runde zu umwandern. Als perfekter Zwischenstopp war das relativ neue, wunderschön umgebaute Schutzhaus auf dem Großen Falkenstein eingeplant. Die Tour stand, die Vorfreude wuchs – doch wir hatten die Rechnung ohne die Unterkunft gemacht.

Wie wir schmerzhaft erfahren mussten, waren alle Wochenenden für das gesamte Jahr 2023 bereits seit dem Vorjahr restlos ausgebucht. Klar, rechtzeitiges Buchen gehört dazu, aber wer plant denn bitte sein komplettes Sportjahr ein ganzes Jahr im Voraus? Ob Übernachtungen oder Events: Alles soll immer früher fixiert werden. Ich verstehe die Anbieter ja ein Stück weit, aber irgendwann verliert diese extreme Vorplanung jeden Bezug zur Lebenswirklichkeit. Was ist, wenn das Leben dazwischengrätscht und die Pläne über den Haufen wirft? Eine Entwicklung, die ich ehrlich gesagt ziemlich kritisch sehe.

Also hieß es: Umplanen! Mit Komoot – meiner absoluten Lieblings-App dafür – bastelten wir an einer Alternative. Und obwohl wir schon ahnten, dass die Realität am Ende wieder ordentlich von den berechneten Kilometern und Höhenmetern abweichen würde (Spoiler: Es wurde eine sehr ordentliche Abweichung!), stand schließlich der neue Plan. Wir konstruierten die Route als große Acht mit Frauenau als Schnittpunkt. Der geniale Nebeneffekt: Wir konnten uns den schweren Gepäcktransport im Rucksack sparen. Eine Lösung, die zwar aus der Not geboren war, sich im Nachhinein aber als absoluter Glücksgriff herausstellen sollte.

Start ist um 6:00 Uhr bei leichter Wolkendecke am kostenfreien Großparkplatz direkt in Frauenau. Ich folge den blauen Markierungen für den Alternativweg des Goldsteigs in Richtung Mauth. Die Schilder sind definitiv nicht auf das Tempo von Läufern ausgelegt und längst nicht so häufig angebracht wie auf dem Hauptweg. Das eine oder andere Mal bin ich deshalb verdammt froh, den Track auf der Uhr zu haben.

Im welligen, aber technisch nie schwierigen Gelände komme ich Kilometer für Kilometer zügig vorwärts. Während die Beine ihren Rhythmus finden, wandern die Gedanken frei umher – über den Sport, das Leben, die Ehe, über Wünsche und Träume. Die Zeit verfliegt im Laufschritt, und im Kopf stellt sich diese tiefe Zufriedenheit ein: Alles ist genau so, wie es sein sollte.

Kapelle auf dem Wagensonnriegel
Kleine Kapelle auf dem Wagensonnriegel (und irgendwann auch einmal mit Sonnenschein)


Wir passieren umgestürzte Bäume, laufen über lange Holzbohlenwege mitten durch einen weitläufigen Filz und schlagen uns auf kleine Höhenzüge hinauf. Im Downhill vom Wagensonnriegel verfransen wir uns prompt – genau hier hatte ich mich übrigens schon bei meinem Goldsteig-Projekt 2019 verlaufen. Manche Ecken ändern sich wohl nie… Währenddessen verdrängt die Sonne langsam die Wolkendecke.

In Neuschönau nutzen wir einen kleinen Edeka für einen schnellen Boxenstopp, um unsere Vorräte an Getränken und Essen aufzufüllen (ohne Schokolade geht bei mir einfach nichts). Frisch verpflegt schlagen wir anschließend den Weg Richtung Lusen ein – dem ersten der drei markanten Gipfel, die uns im Nationalpark noch bevorstehen.


Damit ist das Einrollen erledigt und der eigentliche Nationalpark liegt vor uns. Vorbei an der Sagwassersäge, einem alten Triftkanal, geht es auf anfangs noch leichten Pfaden stetig bergauf – hinein in den längsten Anstieg des Tages. Ein echter Rhythmusbrecher sind allerdings die unzähligen Bäume, die nach einem jüngsten Sturm quer über dem Trail liegen. Immer und immer wieder heißt es: drüberklettern oder unten durchtauchen. Auf die zwei Tage hochgerechnet dürfte sich das locker auf eine stattliche zweistellige Summe addiert haben. Das geht zwar gut in die Beine, kostet aber massiv Zeit.

Genauso wie die Erkenntnis, die uns bei der Ankunft am Lusenschutzhaus dämmert: Die Komoot-Prognose für Kilometer und Höhenmeter war definitiv zu optimistisch – wir haben jetzt schon deutlich mehr auf der Uhr. Zeit für eine kurze Pause. Wir holen uns ein paar kühle Getränke, ziehen die Jacken gegen den eisigen Wind da oben an und machen es uns auf der Terrasse bequem. Dank der unkomplizierten Selbstbedienung geht der Boxenstopp zum Glück super zügig.

Direkt nach dem Gipfelkreuz wartet das Highlight: der Abstieg über die berühmte Himmelsleiter und das markante Blockmeer. Hier ist volle Konzentration gefragt – denn ja, auch als Trailläufer muss man sich im Granit-Labyrinth jeden Tritt mühsam suchen. Zumindest dann, wenn man nicht gerade Kilian oder Jim heißt.

Endlich sind wir genau da, wo wir den ganzen Tag schon hinwollten: auf dem echten Goldsteig. Wir folgen der ikonischen Wandermarkierung über die Schachten, durch dichte Wälder, mal auf einfachen, mal auf technisch knackigen Pfaden. Es geht unaufhörlich rauf und runter, verpackt in eine unberührte, wunderschöne Natur, die von der Nachmittagssonne grandios in Szene gesetzt wird. Sobald man den engen Publikumsradius rund um die Hauptgipfel verlässt, wird es schlagartig ruhig. Wir treffen kaum noch Menschen und haben die Wildnis fast für uns allein.

Unser nächstes Ziel ist der Große Rachel, der zweithöchste Berg im „Woid“ – nur eine Handvoll Meter niedriger als der Große Arber, der sonst immer das ganze Rampenlicht bekommt. Wir kommen gut vorwärts, aber in diesem Gelände dauern die Kilometer einfach. Das ist etwas, womit man sich als Trailläufer erst einmal anfreunden muss. Ich musste das auch lernen, weil es sich so extrem vom klassischen Straßenlauf unterscheidet: An Tagen wie heute reicht die Pace locker von unter 5 Minuten im glatten Downhill bis hin zu 20 Minuten pro Kilometer im steilen, verblockten Uphill.

Der Aufstieg zum zweiten großen Gipfel des Tages in der prallen Nachmittagssonne wird richtig heiß – und das Fundament für einen ordentlichen Sonnenbrand ist gelegt. Am Gipfelkreuz angekommen, herrscht pure Idylle: Völlig allein sitzen wir oben und köpfen unsere letzte Cola. Die Racheldiensthütte hat leider seit Jahren geschlossen, da sie kernsaniert werden müsste – eine echte Einkehr fällt also flach. Langsam fangen wir an, uns Sorgen um unser Abendessen in Frauenau zu machen. Der Ort ist schließlich keine Großstadt, in der man nach 20:00 Uhr an jeder Ecke problemlos noch was Warmes bekommt.

Wir müssen weiter. Noch zehn Kilometer – und der technisch schwierigste Abschnitt des Tages liegt direkt vor uns! Hinter dem Kleinen Rachel fällt der Goldsteig über einen alpinen Steig ab, der so auch eins zu eins in den Alpen liegen könnte. Ein absolutes Highlight der Tour, aber eben auch extrem zeitaufwendig. Erst als endlich die Abzweigung zur Trinkwassertalsperre kommt, flacht das Gelände ab und der Weg wird nach einer gefühlten Ewigkeit wieder richtig laufbar.

Gipfelkreuz Großer Rachel
Am Gipfelkreuz


Jetzt heißt es: Beine in die Hand nehmen! Wir flitzen auf dem Trail südlich am Becken vorbei und jagen über Oberfrauenau hinunter in den Zielort. Für die gewaltigen Wassermassen der Talsperre haben wir heute keinen Blick mehr übrig – der Fokus liegt voll auf dem Endspurt.

Als wir schließlich nach Frauenau einlaufen, zeigt die Uhr kurz nach 18:00 Uhr. Das Abendessen ist gerettet, die Beine brennen, und wir sind in diesem Moment ganz sicher die glücklichsten Läufer im ganzen Bayerischen Wald.

Tag 2: Von Frauenau zur Seebachschleife, hinüber zum Schwellhäusl und hinauf auf den Falkenstein

  • Sonntag, 25. Juni
  • 52 km + 1300 HM
  • 9,5 Stunden

Wie schwer werden die Beine sein? Wie sehr würde sich der lange Vortag bemerkbar machen? Ich bin extrem gespannt…

Nach einem ausgiebigen Frühstück – und das für uns fast schon unverschämt spät um 8:00 Uhr! – rollen wir in Frauenau locker an. Langsam, aber stetig laufen wir uns auf dem Alternativweg des Goldsteigs ein. Es geht über größtenteils asphaltierte Wege, über sanfte Hügel und durch kleine Dörfer hinein nach Zwiesel. Die Beine scheinen zu wollen, der Motor läuft überraschend rund und so verstreichen die ersten Kilometer wie im Flug. Bis wir plötzlich wieder vor einer massiven Wand aus Windwurf stehen. Minutenlang schlagen wir uns durchs dichteste Unterholz, um das Hindernis zu umgehen. Trotz des ungeplanten Zeitverlusts: Genau das verleiht der Tour diesen herrlich wilden Abenteuer-Charakter.

Hinter Zwiesel ändert sich die Kulisse komplett. Von nun an geht es stetig auf naturnahen Pfaden direkt am Großen Regen entlang. Der Fluss schlängelt sich schwungvoll durch sein breites Bett, vorbei an kleinen Filzen, und verströmt eine unglaublich friedliche Atmosphäre. In diesem Flow könnten wir gefühlt ewig weiterlaufen – bis uns der Trail an der Seebachschleife abrupt wieder auf der Straße ausspuckt. Macht aber nichts: Dieser Flussabschnitt war ein absoluter Traum, den wir jederzeit wieder laufen würden!

Beim Dahingleiten am Ufer kommen mir prompt Gedanken an mein zukünftiges Pegnitz-Projekt in den Kopf – Flusslaufen hat einfach eine unheimlich beruhigende, fast meditative Wirkung.

Der erste echte Anstieg des Tages bringt uns zu einem sehr beliebten Ausflugsziel: dem Schwellhäusl. Die alte Triftstation ist heute ein uriges Lokal mit einem wunderschönen Biergarten, der Menschen aller Altersgruppen anzieht. Da der Tag schon jetzt verdammt warm ist und der Schweiß läuft, genehmige ich mir erst einmal eine Russenmaß, um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen. Da es auf dem restlichen Teil der Tour keine klassischen Einkaufsmöglichkeiten mehr geben wird, müssen wir solche Gelegenheiten einfach beim Schopf packen.

Frisch gestärkt lassen wir den Trubel hinter uns. Ab jetzt ändert sich auch das Symbol an den Bäumen – die Markierung heißt von nun an wieder: Goldsteig Hauptroute!


Dem „Goldenen S“ folgen wir nun auf dem flott laufbaren Schwellsteig. Hier teilen wir uns den Weg noch mit sehr vielen Wanderern und Spaziergängern, bevor es in den stetigen, aber nie steilen Aufstieg hinauf zum Ruckowitzschachten geht. Der Moment, in dem man aus dem dichten Wald heraustritt und plötzlich auf dem Schachten steht, ist jedes Mal wieder faszinierend: Ein extrem abrupter Wechsel des Landschaftsbildes, der Vegetation, der Temperaturen und sogar der Luft. Allein für diese magischen Kontraste liebe ich den „Woid“ einfach.

Biergarten des Schwellhäusl
Beim Schwellhäusl

Die letzten Schritte hinauf zum Gipfelkreuz des Großen Falkensteins sind unkompliziert und fühlen sich ganz anders an als die verblockten Aufstiege zum Lusen oder Rachel. Dank der neuen, modern ausgebauten Schutzhütte und der gut befestigten Schotterwege ist der Berg auch mit dem Rad leicht zu erreichen. Entsprechend blickt man hier oben eher in die Gesichter von entspannten Ausflüglern und Familien als auf den anderen beiden, deutlich raueren Gipfeln des Nationalpark-Trios.

Wir nutzen die Zivilisation für eine kurze Einkehr, und ich genehmige mir direkt zwei kastrierte Weizen auf einmal. Herrlich, wie das kühle, alkoholfreie Getränk den staubtrockenen Rachen hinunterläuft – in dem Moment gibt es einfach nichts Besseres.

Der technisch anspruchsvollste Abschnitt des Tages wartet jetzt auf uns: der Steig hinab zum Höllbachgespreng. Er führt uns über unzählige Stufen und Tritte, vorbei an riesigen Felswänden, die von leuchtend gelben Schwefelflechten überzogen sind. Unten angekommen, treffen wir auf den wilden, beeindruckend schnell dahinrauschenden Höllbach, den es erst einmal zu durchqueren gilt.

Nach diesem Kraxel-Spezial wird das Gelände irgendwann gnädiger und wir können die Bremsen lösen. Endlich laufen wir wieder zügiger abwärts – bis wir in Buchenau abrupt vor einer unerwarteten Straßensperrung stehen: Eine komplette Kuhherde wird genau vor uns durch den Ort getrieben. Als eine Touristin den Hirten ganz neugierig fragt, ob das denn eine echte bayerische Rasse sei, folgt die Antwort im feinsten, trockenen Dialekt:

„Na, das ist kein Bayer, das ist ein Preiß!“

Irgendwann löst sich der tierische Stau auf und es geht weiter. Mittlerweile setzt die Müdigkeit ein, und wir freuen uns langsam, aber stetig auf die Ankunft im Ziel. Kurz vor Schluss wartet aber noch ein echtes optisches Highlight: die Dammkrone der Trinkwassertalsperre Frauenau. Aus dieser Höhe wirkt das Bauwerk noch einmal extrem beeindruckend – und im Gegensatz zum Vorabend haben wir heute auch endlich den Kopf und die Muße, die Aussicht richtig zu genießen.

Danach warten nur noch die letzten gut zwei Kilometer hinab in den Ort auf uns. Die Beine rollen aus. Geschafft!

Ein wunderbares, wildes Wochenende im „Woid“ geht zu Ende. Die Speicher sind leer, aber die mentalen Akkus randvoll. Der Blick richtet sich ab jetzt wieder nach vorn – auf die nächsten Projekte, die Trails und all die schönen Momente, die da noch kommen.

Euer Thorsten

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