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Follow the River – die Pegnitz und ihre Geister

„Oft saßen sie am Abend gemeinsam beim Ufer auf dem Baumstamm, schwiegen und hörten beide dem Wasser zu, welches für sie kein Wasser war, sondern die Stimme des Lebens, die Stimme des Seienden, des ewig Werdenden.“

— Hermann Hesse („Siddhartha“)

Auf einen Blick
DatumFreitag, 30. Juni 2023
Strecke96,7 km
Höhenmeter+500 HM
Dauer13,5 Stunden
BegleitungSololauf (Support: Eltern)
Ausrüstung/CharakterLaufweste, 3L Wasser, Finisherbier, Nachtlauf, Asphalt & Wiesenpfade

Frühere Gedankenspiele: Die Philosophie des Flusslaufens

Flusslaufen – irgendwie hat sich diese Spielart des Landschaftslaufs still und leise zu einem meiner absoluten Favoriten entwickelt. Immer von der Quelle zur Mündung, vom Ursprung zum Übergang in etwas Neues, eine stetige Entwicklung von der Geburt bis hin zum Aufgehen in ein größeres Ganzes. Laufen als praktische Philosophie. Etwas hochtrabend? Ja, vielleicht ein wenig, aber wer kilometerlang allein an plätschernden Ufern unterwegs ist, hat beim Laufen reichlich Zeit, um über Gott und die Welt nachzudenken.

Nachdem ich schon einige kürzere und längere Flüsse abgelaufen bin, nachdem der Schwesterfluss Rednitz und die große Regnitz erkundet wurden, fehlte schlichtweg noch DER Nürnberger Fluss: die Pegnitz.

Ursprünglich wollte ich sie zusammen mit Mareike entdecken. Sie entspannt auf dem Rad und ich zu Fuß an ihrer Seite. Unterwegs eine nette Pension, ein gutes Abendessen und das Ganze genussvoll auf zwei Tage aufgeteilt. Ja, das war der ursprüngliche Wunsch. Muss nun aber alles irgendwie in den eigenen Rucksack verfrachtet werden…

Die Pegnitz: Lebensader Mittelfrankens

Die Pegnitz ist ein rund 113 Kilometer langer Fluss in Franken, der einer Karstquelle in der gleichnamigen Stadt Pegnitz am Hang des Schlossberges entspringt. Auf ihrem Weg nach Südwesten durchquert sie landschaftlich reizvolle Gebiete wie den Naturpark Fränkische Schweiz/Veldensteiner Forst sowie die Hersbrucker Schweiz, bevor sie die Städte Lauf, Nürnberg und Fürth durchfließt. Im Norden von Fürth vereint sie sich schließlich mit der Rednitz zur Regnitz, deren Wasser über den Main und den Rhein in die Nordsee gelangt.

Historisch gesehen besaß die Pegnitz eine enorme wirtschaftliche Bedeutung für die Region: Seit dem Mittelalter trieb ihre Wasserkraft zahlreiche Mühlen, Hammerwerke und im 14. Jahrhundert sogar die erste Papiermühle nördlich der Alpen an. Obwohl der Fluss nie schiffbar war, wird seine Kraft heute noch punktuell zur umweltfreundlichen Stromgewinnung über Laufwasserkraftwerke genutzt. Zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten entlang ihres Verlaufs gehören die mittelalterlichen Stadtensembles von Lauf und Nürnberg – mit Highlights wie der historischen Fleischbrücke oder dem Wöhrder See – sowie die im Jahr 2021 eröffnete Surfwelle „Fuchslochwelle“.

In puncto Wasserqualität gilt die Pegnitz heute als fischreiches Gewässer, das Lebensraum für rund 28 Fischarten (darunter Forellen und Barben) bietet. Während der Fluss in den ländlichen Oberläufen eine gute Gewässergüte aufweist, ist er im urbanen Ballungsraum Nürnberg-Fürth durch historische Begradigungen, Wehre und urbane Einflüsse stark verändert. Großflächige Renaturierungen und moderne Hochwasserschutzanlagen haben das Pegnitztal in den letzten Jahrzehnten jedoch wieder in ein wertvolles Naherholungsgebiet und wichtiges Naturschutzgebiet verwandelt.

Infobox: Ingenieurskunst – Die Eisenbahnbrücken & Tunnels im Oberen Pegnitztal

Meisterleistung der k.bay.St.B.: Die 1877 eröffnete Fichtelgebirgsbahn (Nürnberg–Pegnitz–Bayreuth/Hof) gilt als eine der kühnsten Ingenieursleistungen des späten 19. Jahrhunderts in Bayern. Um den eng mäandernden Flusslauf der oberen Pegnitz im felsigen Juradurchbruchstal zu überwinden, mussten die Ingenieure der Königlich Bayerischen Staatseisenbahnen auf engstem Raum sieben Tunnel und insgesamt über 30 eiserne Pegnitzbrücken errichten.

Gitterträger & Denkmalschutz: Charakteristisch für den Streckenabschnitt zwischen Vorra, Rupprechtstegen und Neuhaus waren die historischen Fischbauch- und Gitterträgerbrücken aus Eisen- bzw. Stahlfachwerk. Viele dieser imposanten Kunstbauten prägen bis heute das Landschaftsbild der Pegnitz-Alb und stehen aufgrund ihrer bau- und verkehrstechnischen Bedeutung unter Denkmalschutz.

Die Aktion: Taktik, Nachttemperatur & Verpflegungslogistik

Die Vorzeichen haben sich, wie bereits in meinem Laufbericht zum UTLW erwähnt, geändert: Der Fluss wird mir auf dieser langen Distanz alleine gehören. Aber wie geht man mit einem über 90 Kilometer langen Lauf vorbei an Orten voller Erinnerungen um? Wie verarbeitet man die vielen Rückblicke?

Mir ist zuerst nur klar, dass ich trotzdem laufen möchte, nach vorne schauen möchte und beginne über die konkrete Umsetzung nachzudenken. Welche Herausforderung wird die größte sein? Ganz klar: Die stetige Versorgung mit Essen und ausreichend Wasser. Ich könnte nun früh am Morgen starten (im ländlichen Raum kommt dafür realistischerweise nur Montag bis Freitag in Frage) und versuchen, den ganzen Fluss im Lauf eines einzigen Tages zurückzulegen. Dann müsste ich aber mit den sengenden Mittags- und Nachmittagstemperaturen klarkommen.

Die Alternative: Ich laufe durch die Nacht hindurch. Dadurch kann ich nur einmal am frühen Abend in einem Supermarkt etwas besorgen und müsste im Zweifelsfall nachts auf offene Friedhöfe oder Brunnen hoffen. Dafür erwarten mich aber spürbar angenehmere Temperaturen – obwohl auch dies nicht immer zutreffen muss, wie ich beim BETHANG am eigenen Leib erfahren durfte.

Ich entschied mich schließlich für die reizvolle Kombination: Nachmittags starten, durch die Nacht hindurchlaufen und hinein in den Sonnenaufgang geraten – vom Dunkeln ins Licht, vom Ende zum Anfang, durch die alten Erinnerungen hindurch zu etwas Neuem. Schon wieder so eine Laufphilosophie.

Zum Geburtstag wenige Wochen zuvor wünschte ich mir von meiner Familie Unterstützung für dieses Projekt: Eine unkomplizierte PKW-Abholung am Zielpunkt und ein anschließend entspanntes Abendessen in „meiner“ Vereinsgaststätte beim TSV Katzwang 05.

Infobox: Logistik & Akku-Management beim Ultralauf

Powerbank & Kabelführung: Bei Ultra-Distanz-Läufen über die Nacht ist die permanente Stromversorgung essenziell. Neben einer leistungsstarken Stirnlampe (mindestens 400–600 Lumen im Trailschritt) gehört eine kompakte Powerbank samt passendem Ladekabel in den Trailrucksack, um das Smartphone (Orientierung, Fahrkarte, Notruf) im Zweifelsfall nachzuladen.

Wasserstellen-Infrastruktur: Auf dem Land sind Friedhöfe oft die verlässlichste Wasserquelle für Trailläufer. Im Sommer empfiehlt es sich, Vorab-Erkundungen oder Notfall-Brunnen im GPS-Track als Point of Interest (POI) abzuspeichern, um dehydrationbedingte Leistungseinbrüche zu vermeiden.

Start in Pegnitz: Das obere Pegnitztal im Regenschauer

Mit der S-Bahn von Schwabach nach Nürnberg und dann mit dem Regionalexpress weiter nach Pegnitz – die Anreise gestaltet sich völlig unkompliziert und geht erstaunlich schnell. Dazu kommt der wirklich faszinierende Streckenverlauf der Eisenbahnlinie durch das obere Pegnitztal mit imposanten Brückenbauwerken und schattigen Tunnels, so weit das Auge reicht.

Die Quelle der 113 km langen Pegnitz erreiche ich vom Bahnhof der gleichnamigen Stadt aus nach wenigen Minuten. Gut markiert und schön eingefasst stellt sie um 15:30 Uhr einen ausgesprochen hübschen Startpunkt für meine Aktion dar.

Im Ort muss ich erst noch etwas die elektronische Navigation bemühen, um meinen Fluss nicht versehentlich mit der Fichtenohe (dem eigentlich wasserreicheren Zufluss der Pegnitz) zu verwechseln. Aber sobald die Ortsgrenze hinter mir liegt, ist der eigentliche Streckenverlauf selbsterklärend. Die Navigation läuft auf der Sportuhr trotzdem immer mit, damit ich stets auf der angedachten Flussseite unterwegs bin, um so nah wie menschenmöglich am Uferverlauf bleiben zu können.

Der Verlauf bis kurz vor Hersbruck ist durch die enge, steile Tallage der Hersbrucker Alb geprägt, durch welche sich das kühle Wasser mäandernd seinen Weg durch den Kalkstein bahnt. Wirklich ein absoluter Traum. Hier kann ich auch größtenteils noch im Tageslicht laufen. Allerdings werde ich permanent von dunklen Regenwolken eingeholt und bin vom ersten Kilometer an schon von oben bis unten völlig durchnässt. In den kurzen Regenpausen wartet tiefes, nasses Gras auf mich und erinnert mich bei jedem Schritt daran, dass dies heute wahrlich kein gemütlicher Spaziergang werden soll. Die blasenübersäten Füße waren später ein klares Ergebnis dieser feuchten Bedingungen – aber am Ende nur ein kleines, notwendiges Übel. Und irgendwie fühlt es sich auch gut an, wenn ein Trail nicht ganz so leicht zu haben ist…

Infobox: Geologie & Hydrologie – Die Karstquelle der Pegnitz

Karsthydrologie des Oberen Jura: Die Pegnitz entspringt am Hang des Schlossberges in Pegnitz aus den kalkigen und dolomitischen Gesteinsschichten des Malm (Weißer Jura). Niederschlagswasser sickert im stark zerklüfteten Untergrund der Fränkischen Alb ab und tritt an stauenden Ton- und Mergelschichten schlagartig als ertragreiche Seichtquelle an die Oberfläche.

Quell-Konfluenz mit der Fichtenohe: Der historisch gefasste Austritt bildet hydrologisch nicht die einzige Wasserzufuhr. Direkt im Ortsgebiet vereinigt sich das junge Wasser mit der Fichtenohe, die zwar oberirdisch einen längeren Fließweg aufweist, hydrologisch jedoch als Zufluss der karstreichen Pegnitz klassifiziert wird.

Vielfältige Eindrücke auf den ersten 30 km: Von der Burg Veldenstein nach Ottensoos

Alle möglichen Friedhöfe, Supermärkte mit genauen Öffnungszeiten und Bahnhöfe mit exakten Kilometerangaben habe ich mir vorsorglich herausgesucht und notiert – vorausschauende Vorbereitung ist im Ausdauersport nie die schlechteste Idee. Dazu kommen 3 Liter Flüssigkeit plus einige Energieriegel im Rucksack – die Dose Finisherbier nicht eingerechnet, die ich seit dem Startschuss eisern mitschleppe!

Als ersten und vielleicht einzigen Verpflegungsstopp sehe ich bei Kilometer 21 den EDEKA in Neuhaus an der Pegnitz mit seiner bekannten, hoch aufragenden Burg Veldenstein vor. Mehr brauchte ich am Ende auch nicht, weil ich später in Ottensoos, kurz vor Lauf an der Pegnitz, mitten in der Nacht einen Brunnen mit frischem Trinkwasser fand, an dem ich mich problemlos bedienen konnte. Alles in allem hatte ich rückblickend etwas zu viel Flüssigkeit mitgeschleppt und den Rucksack dadurch unnötig schwer gemacht.

Infobox: Historie – Burg Veldenstein & Das obere Pegnitztal

Kaiserliche Höhenburg: Burg Veldenstein erhebt sich auf einem markanten Dolomitfelsen über Neuhaus an der Pegnitz. Die Gründung geht auf das 11. Jahrhundert unter dem Bistum Bamberg zurück. Über Jahrhunderte diente die imposante Festungsanlage als Grenz- und Schutzburg an der Handelsstraße durch das obere Pegnitztal.

Frühindustrielle Wasserkraft: Das enge Tal der oberen Pegnitz bot ideale Bedingungen für die Nutzung der Wasserkraft. Mühlen, Drahtziehereien und Hammerwerke nutzten die stetige Strömung des Mittelgebirgsflusses bereits im Spätmittelalter und legten den Grundstein für den historischen Wohlstand der Pegnitz-Alb.

Kurz nach dem Start erwischte ich dann allerdings die einzige Stelle des gesamten Laufes, bei der die gewählte Streckenführung schlichtweg nicht gut war: Auf völlig zugewachsenen Wegen kämpfte ich mich durch dichtes Gestrüpp und musste am Ende über eine hohe Leitplanke steigen. Nein, das geht bestimmt auch schöner!

Danach wurde der Weg aber um Längen besser laufbar, als ich es im Vorfeld gedacht hatte. Viel ebener Asphalt, feste Wanderwege und nur selten mühsame Pfade über nasse Wiesen. Dadurch komme ich spürbar schneller vorwärts, als es der ursprüngliche Zeitplan vorsah. Die ersten Überlegungen, die ich im Vorfeld mit Flo angestellt hatte, sahen ca. 15 Stunden Gesamtzeit vor, und dies war auch meinen Eltern als Ankunftszeit für Samstagmorgen mitgeteilt worden.

Normally sind die Wege auf meinen Ultra-Projekten in den letzten Jahren immer schwieriger geworden und hatten ungewohnte Herausforderungen bereitgehalten. Dass es aber auch einmal genau andersherum laufen kann, ist mir bisher noch nie passiert – bis jetzt. Deshalb müssen meine Eltern nun schon gegen drei Uhr nachts aufstehen, um sich fertig zu machen, etwas zum Essen und Trinken einzupacken und mich rechtzeitig am Zielpunkt in Empfang nehmen zu können. Wow, dafür nochmal ein riesiges, tief empfundenes Dankeschön!

Die kurze Nacht, Wegewahl & die Geisterstunde

Bei der ursprünglichen Streckenplanung stand ich vor der Wahl, mich mehr an den asphaltierten Radwegen oder mehr an den naturnahen Wanderwegen zu orientieren. Ich entschied mich bewusst für die Wanderwege, weil sie deutlich näher am Flussufer bleiben – eine Grundprämisse all meiner Flussläufe. Im Nachgang betrachtet wären die ebenen Radwege für die dunkle Nacht sogar geschickter gewesen, weil sich dort mit der Stirnlampe leichter ein gleichmäßiger Lauf-Flow einstellt. Ich würde die Strecke mit der heute gemachten Erfahrung aber trotzdem nur punktuell verändern.

Und meine Geister? Die tauchten an vielen Stellen auf – an sehr vielen Stellen.

Das Kanufahren aus früherer Zeit, gemütliche Landgasthäuser, vertraute Umtragestellen an alten Wehren, das bunte Altstadtfest in Hersbruck, die Therme Hersbruck, die schimmernden Wasserflächen des Wöhrder Sees in Nürnberg, Erinnerungen an den BETHANG und die mächtige Theodor-Heuss-Brücke.

Kilometer für Kilometer lief ich durch meine eigenen Erinnerungen und vergangenen Ereignisse. Mein Gedächtnis arbeitet extrem visuell und präsentierte mir Film für Film aus meinem bisherigen Leben. Und dann begannen pünktlich die ersten Vögel im Ufergehölz zu zwitschern. Etwas später dämmerte es Schritt für Schritt – ein neuer Tag brach an.

Von Nürnberg nach Fürth: Der Einlauf am Zusammenfluss

Durch die erwachenden Parkanlagen von Nürnberg und die grünen Auenlandschaften zwischen den Schwesterstädten verfliegen die letzten Kilometer. Um genau halb fünf morgens stehe ich schließlich am Zusammenfluss von Rednitz und Pegnitz im Norden von Fürth.

Ich öffne mein inzwischen gut geschütteltes Finisherbier, blicke auf das sanft strömende Wasser der neu entstandenen Regnitz und bin über diesen Lauf mehr als froh. Der Kreis hat sich geschlossen.

Euer Thorsten

📌 Flusslaufen: Dieser Beitrag ist Teil des Projekts Flusslaufen – Laufend die Welt entdecken. Eine Gesamtübersicht aller „Reisen“ findest du auf der zentralen Seite: ☛ Flusslaufen: Von der Quelle bis zur Mündung

Hand von Thorsten hält eine Dose Stiegl Bier vor einem Holzsteg am Wasser in der Morgendämmerung
Finish

STRAVA

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