„Svjetlo je uvijek na kraju tunela.“ (Das Licht ist immer am Ende des Tunnels.)
— Kroatisches Sprichwort
Auf einen Blick
DatumMittwoch, 8. September 2021
Strecke16 km
Höhenmeter+290 HM
Dauerca. 4 Std. 30 Min.
BegleitungMareike
Ausrüstung/CharakterKultur- & Landschaftsrundweg über die Parenzana-Bahntrasse, kühle Tunnel, Geisterdorf Završje & Panoramahügel Sveti Juraj
Faszination Istrien: Wo das Meeresrauschen auf hügelige Einsamkeit trifft
Schon bei meinen ersten Läufen und Urlaubskombinationen in den Jahren 2016 und 2018 habe ich mein Herz an diese Halbinsel verloren. Istrien besitzt einen ganz eigenen, unwiderstehlichen Zauber: Da ist zum einen die lebendige Küste mit ihren malerischen Hafenstädtchen, dem kristallklaren, türkisblauen Meer und der mediterranen Leichtigkeit.
Zum anderen öffnet sich nur wenige Kilometer landeinwärts eine völlig andere Welt: Das trockene, hügelige Landesinnere, durchzogen von Eichenwäldern, Olivenhainen und zypressengesäumten Wegen. Auf den Kuppen der Hügel thronen die markanten, festungsartigen Steinbebauungen, die wie Zeitkapseln aus vergangenen Jahrhunderten wirken. Die Gastfreundschaft der Menschen, die exzellente regionale Küche und diese einmalige Verbindung aus Küstenflair und rauer Hinterland-Romantik machen Istrien für Läufer, Wanderer, Radfahrer und Genießer zu einem absoluten Paradies.
Im strahlenden Sonnenlicht wirkt die Landschaft extrem trocken
Parkplatz-Odyssee in Grožnjan & Start in der Sommerhitze
Ein strahlender, makellos blauer Himmel ohne das geringste Wölkchen über Grožnjan – was eigentlich nach Postkarten-Idylle klingt, kündigt im istrischen Spätsommer vor allem eines an: einen verdammt heißen Tag auf dem Trail!
Bevor wir allerdings die ersten Meter unter die Sohlen nehmen konnten, stellte uns die lokale Infrastruktur auf die Probe. Der Parkautomat im beliebten Ausflugsort akzeptierte weder Scheine noch Kreditkarten, unser Münzgeld reichte nicht aus und die an sich geniale parkplatzübergreifende Park-App streikte auf dem Smartphone. Nach einer Viertelstunde Geduldsprobe und wildem Herumkaspern ging es schließlich endlich los.
Infobox: Kultur & Lage – Das Künstlerdorf Grožnjan
Venezianische Festung auf der Hügelkuppe: Grožnjan (italienisch Grisignana) liegt auf 289 Metern Höhe über dem fruchtbaren Mirna-Tal. Im Mittelalter als strategische Festung ausgebaut, prägen bis heute wuchtige Natursteinmauern und historische Stadttore das Ortsbild.
Rettung durch die Kunst: Nach massiver Landflucht in der Nachkriegszeit wurde der Ort ab 1965 von Bildhauern, Malern und Musikern wiederbelebt. Heute beherbergen die romantischen Gassen Dutzende Galerien, Sommer-Ateliers und das internationale Musikzentrum der Jeunesses Musicales.
Auf den Spuren der historischen Parenzana
Schon nach wenigen Schritten bogen wir auf die Trasse der ehemaligen Parenzana ein. Auch wenn heute keine Gleise mehr auf dem Weg liegen, ist die Eisenbahngeschichte auf Schritt und Tritt greifbar: Alte Meilensteine säumen den Weg, imposante Steinbrücken überspannen Täler und die ehemaligen Bahnhofsgebäude sind heute zu Wohnhäusern umfunktioniert.
Ein absolutes Highlight ist der längste Tunnel dieses Abschnitts: Er ist mit einer automatischen Beleuchtung per Bewegungsmelder ausgestattet. Ohne Licht wäre die Felsröhre stockdunkel – ein genial-kühlender Kontrast zur brennenden Mittagssonne!
Gefühlt durch ganz Istrien zog sich die Parenzana
Infobox: Historie – Die Parenzana (Schmalspurbahn TPC)
Wirtschaftliche Lebensader (1902–1935): Die Parenzana (offiziell Trieste–Parenzo–Canfanaro) war eine 123 km lange Schmalspurbahn mit 760 mm Spurweite, die das isolierte istrische Hinterland mit den Hafenstädten Triest und Poreč verband. Sie diente dem Transport von Olivenöl, Wein, Salz aus den Salinen von Sečovlje und Kalkstein.
Ingenieurkunst & heutige Nutzung: Mit 9 Tunnels, 11 Brücken und 6 Viadukten galt die Trasse als meisterhafte Ingenieursleistung. Heute ist sie als grenzüberschreitender Rad- und Wanderweg („Weg der Gesundheit und Freundschaft“) durch Italien, Slowenien und Kroatien neues Leben eingehaucht worden.
An einem kleinen Aussichtspunkt…….ist Zeit für eine kurze Rast
Završje: Zwischen Ruinenromantik und Landflucht
Nach etwas über der Hälfte der Strecke verließen wir die Bahntrasse bei Završje und stiegen in den Ort auf. Završje ist eines jener typischen istrischen Hügelstädtchen: früher von massiven Festungsmauern umschlossen und komplett aus rustikalem Naturstein erbaut.
Das Bild vor Ort fasziniert und stimmt zugleich nachdenklich: Die fortschreitende Landflucht hat viele Häuser in verfallene Ruinen verwandelt, während nur noch wenige Gebäude liebevoll restauriert und bewohnt sind. Eine fast schon mystische Halb-Geisterstadt, wie man sie in Deutschland kaum finden würde.
Am Eingang zum längsten Tunnel der Wanderung……lässt sich schon Blödsinn treibenDer Wanderführer hatte noch eine Taschenlampe/Stirnlampe empfohlen
Aufstieg zum Sveti Juraj: Technische Moderne trifft auf historische Ruinen
Von Završje aus verengte sich der Pfad zunehmend und führte uns in schweißtreibenden Serpentinen steil bergauf. Die Spätsommerhitze brannte unbarmherzig auf den Trockenhang, sodass jeder Höhenmeter im Anstieg zum Sveti Juraj ordentlich Körner kostete.
Infobox: Geografie & Architektur – Der Panoramahügel Sveti Juraj
Höhenpunkt & Infrastruktur: Der Sveti Juraj ist eine markante Erhebung im zentralen Flysch-Hügelland Istriens. Auf dem Gipfelplateau befindet sich ein strategischer Hochbehälter der regionalen Wasserversorgung, der die umliegenden Orte im trockenen Karstgebiet sichert.
Historische Ruine & Moderne: Etwas unterhalb der Kuppe liegen die verwitterten Steinmauern der alten St.-Georgs-Kirchenruine (Sveti Juraj). Direkt daneben bildet die Ruine zusammen mit exklusiven, modernen Ferienvillen und Poolanlagen ein außergewöhnliches Ensemble aus historischem Zerfall und neuem Luxustourismus.
Der Traktor ist, wie der Ort, nicht mehr das jüngste Baujahr
Der Sveti Juraj ist eine weitläufige, markante Hochfläche und markiert den höchsten Punkt unserer Wanderung. Hier bietet sich ein faszinierendes Zusammenspiel aus Funktion, Historie und Luxus:
Das Wasserwerk: Auf dem Plateau befindet sich eine zentrale Wasserversorgungsanlage – ein technisches Herzstück für die Region, denn Trinkwasser ist im karstigen Hinterland Istriens seit jeher ein kostbares Gut.
Das Panorama: Der Ausblick von der Hochfläche ist schlichtweg atemberaubend. Der Blick schweift ungehindert über das grüne Mirna-Tal, die sanften Hügelketten Nordistriens und die umliegenden historischen Festungsdörfer.
Die Kirchenruine & der Luxus-Kontrast: Nur ein Stück unterhalb des Gipfels liegt die historische romanische Kirchenruine Sveti Juraj mit ihren alten Steinmauern. Direkt daneben ergibt sich ein surrealer Kontrast: Die alten Gemäuer werden unmittelbar von zwei modernen, exklusiven Ferienvillen mit glitzernden Swimmingpools und edlen Fahrzeugen vor der Tür flankiert. Alt trifft auf Neu, Einsamkeit auf modernen Luxustourismus.
Mitten im bewohnten Ort stehen solche Häuser
Entspannter Ausklang in Grožnjan
Der Rückweg nach Grožnjan verlief entspannt auf einem flachen Höhenrücken ohne große Steigungen. Ein kaltes Eis und ein frischer Kaffee im Künstlerort Grožnjan rundeten diesen gelungenen Tag perfekt ab. Istrien ist einfach eine Landschaft, die ins Herz geht!
Am Gipfel des Sveti Juraj
Inspiration & Dank: Der Rother Wanderführer „Istrien“
Auf diese fantastische Runde aufmerksam geworden sind wir durch den Rother Wanderführer „Istrien“ aus dem Bergverlag Rother. Das Buch war für unsere Tourenplanung im Hinterland eine unschätzbare Hilfe: Die Streckenrecherche ist absolut hochklassig, die Tour detailliert geschildert und die praktischen Hinweise haben sich als Gold wert erwiesen. Dazu punktet der Führer mit spannenden Hintergrundinformationen zu Land, Leuten und Geschichte.
Euer Thorsten
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