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MIUT – extrem viele Stufen, extrem fordernd und extrem schön

  • Samstag, 22. April 2017
  • 83,3 km 5000 HM+
  • 18 H 12 min 47 sec

Was bin ich vor dem Start um 7 Uhr aufgeregt! So viele Rennberichte habe ich gelesen, so oft den Streckenplan und das Höhenprofil studiert und mich gedanklich mit den unzähligen Stufen der Strecke befasst, dass ich weiß, wie hart die Nummer heute werden wird. Ob ich es schaffe? Ich bin mir nicht so sicher…

Höhenprofil ausgiebig studieren

Seit einigen Tagen sind wir nun auf der Insel, habe die Gelegenheit des Rennens für einen schönen Urlaub genutzt und sind von den Menschen, der Landschaft, dem Leben und der Küche einfach nur fasziniert. Madeira kommt dem Paradies schon sehr nahe!
Auf den Bustransfer nach Sao Vicente zum Start haben wir verzichtet; Mareike fährt mich lieber mit dem Auto dorthin. Irgendwie sehe ich hier nur Portugiesen, Spanier und Franzosen. Andere Nationen sind bei diesem Rennen, angeblich eines der besten Trailrennen der Welt, nicht spürbar vertreten. Zeitvorstellungen habe ich mir nicht genacht. So lange ich es schaffe, ist alles gut, denn ursprünglich habe ich mich für die Marathondistanz angemeldet, dann aber mutig gefühlt, den Veranstalter angeschrieben und auf die Ultradistanz (also den kürzeren der beiden Ultaläufe) umgemeldet. Hoffentlich habe ich mir nicht zu viel vorgenommen, aber der geniale Abschnitt zwischen dem höchsten und dritthöchsten Gipfel der Insel bleibt einfach den zwei längeren Kanten vorbehalten (landschaftlich verpasst man mit der Ultradistanz nichts zum Hauptlauf mit ca. 115 km).

Mal wieder zu früh am Start

Mit der Morgendämmerung geht es bei ohrenbetäubender Musik los. Sofort arbeiten wir uns die ersten hunderte Höhenmeter aufwärts. Stufen lassen auch nicht lange auf sich warten und es wird von Anfang an klar, dass diese ganz unterschiedlich sein können: hoch, flach, steinig, rutschig, breit, schmal – aber nie, wie wir es in Deutschland gewohnt sind!!! Madeira kennt keine Serpentinen. Aufwärts geht es immer auf direktem Weg.
Eigentlich bin ich gut dabei, fühle mich fit. Die Passagen durch die unbeleuchteten Tunnels machen mir auch nichts aus und es läuft rund. Die Nervosität lägt sich auf den ersten 10 km und der Fokus richtet sich ausschließlich auf die Natur und meine Bewegung darin.
Bei km 12 kommt die berüchtigte Wasserleitung. Ein dickes Wasserrohr, welches einem steilen Hand ohne Biegungen aufwärts verlegt wurde – und die Stufen folgen diesem Rohr! Einmal links, einmal recht, ducken, steil hoch, zum Teil gewaltige Tritte. Unzählige Höhenmeter aufwärts. Hier merke ich meine Uphill Schwäche wieder, fühle mich unter Druck gesetzt. Der flachere Abschnitt im Anschluss entschädigt mich und ich laufe wieder flüssig. Die Wege sind jedoch schmal und überholen fällt zu diesem frühen Zeitpunkt nicht leicht. Ich sorge ich noch immer um die Cut-Offs, obwohl ich gut ins Rennen gefunden habe.
Curral da Freiras bei km 25 ist der erste große VP mit Cut-Off – und ich habe hier doch einen vernünftigen Puffer. Ich esse in Ruhe (das Buffet ist so reichhaltig und vielfältig, dass ich in einem Restaurant nicht besser speisen könnte), fülle alles auf und stelle fest, dass es unterwegs tatsächlich keine KM Schilder gibt und an den VP`s aber immer eine Tafel platziert ist, auf der die KM und Höhenmeter (auf und ab) zum nächsten Punkt aufgeführt werden. Klasse Idee! Das ist für meinen Kopf einfacher zu verdauen.
Hier werden wir beim verlassen der Halle noch einmal auf Wasser und Handy kontrolliert, weil wir nun ohne Zwischenstation hoch zum Pico Ruivo aufsteigen müssen. 12 knallharte Kilometer mit dem längsten Anstieg des Rennens (gut 1100 HM), auf dem es keine Unterstützung von außen gibt und wir im schönsten Gelände alleine unterwegs sind. Spätestens hier zieht sich das Teilnehmerfeld auseinander und die ersten Läufer sitzen im Anstieg erschöpft am Wegesrand. Nicht stehen bleiben lautet hier meine Devise. Ich lasse mich gerne überholen, will aber keine Rast einlegen. Im Nachgang sah ich, dass ich für diesen Abschnitt 3 Stunden benötigt hatte. Stunden, die ich praktisch nur gehend verbracht hatte und mich an den Rand der Belastbarkeit geführt haben. Die großen Tritte machen mir zu schaffen. Zuerst steigen wir durch einen grünen Wald aufwärts, während die Sonne unbarmherzig in den Rücken brennt. Gegen Ende betreten wir einen Bereich am Berg, der durch einen früheren Waldbrand vernichtet wurde. Weiße, abestorbene Baumgerippe stehen dicht an dicht und wirken gespenstisch. Ich schalte die Uhr auf die Höhenmeteranzeige und freue mich über jede 100 Meter, die ich aufwärts komme. Jedes Zeitgefühl geht verloren. Die Hütte knapp unterhalb des Gipfels mit Wasser und Essen ist die Erlösung.
Den nun folgenden Abschnitt zum Pico de Areeiro mit seiner hässlichen Radaranlage kenne ich schon von einer Wanderung ein paar Tage zuvor. Die Königswanderung auf Madeira!
Alles Singletrails, enge und dunkle Tunnel, ein schmaler Grat (mit Geländer), unzählige extrem steile Metallstufen, eine karge, fast alpine Landschaft und immer wieder sehr schmale Stellen. Einfach ein Traum von einem Trail und so unglaublich schön. Alleine hierfür hat sich der Ultra gelohnt! Die Wanderer bestaunen einen mit einer Mischung aus Verwunderung, Neugier und Ungläubigkeit. Ich unterhalte mich ein paar Kilometer mit einem Läufer aus Polen, der begeistert von seinem letztjährigen Start auf dieser Strecke erzählt – und von seinen tagelangen Schmerzen in den Beinen danach. Nun hat er sich für die längere Hauptdistanz gemeldet…
Sympathisch verrückt.
KM 43 bringt mich zum Checkpoint auf dem Gipfel des höchsten Berges von Madeira. Jetzt weiß ich, dass es erstmal lange Zeit nur abwärts geht, bevor der letzte Anstieg des Rennens wartet. Ich rufe Mareike an, berichte ihr kurz (sie hat mir auf der Startnummer mit dem aufgedruckten Höhenprofil die Stellen markiert, an denen ich Rückmeldung geben soll). Etwas vewirrt verlasse ich das Gebäude, suche vor lauter Touristen den Weg und werde freundlich von zwei Mädchen, die als Streckenposten helfen, auf den richtigen Pfad gelotst. Nun geht es zwischen faszinierenden und mir unbekannten Sträuchern im leichten Gelände abwärts. Die langsam schwächer werdende Sonne (es ist gegen 17 Uhr) tauch die Landschaft in ein wunderbares Licht und lässt mich in einer Traumlandschaft laufen. 10 Kilometer geht es nun abwärts und ich spüre die muskuläre Belastung immer stärker, kann nicht so schnell abwärts laufen, wie ich gerne wollte und werde überholt. Der Kopf ist willens, die Energie ist da, die Muskulatur allerdings langsam Brei. Der finale letzte Anstieg ist dann nur noch ein langsames Gehen – obwohl es nicht mehr steil ist. Ist mir aber egal. Ich weiß nun, dass ich es in der vorgebenen Zeit schaffen werde und bin einfach nur unendlich dankbar, dass ich die Gesundheit, Zeit, das Geld habe und von meiner Frau unterstützt werde, die mir immer wieder den Rücken für das Training freigehalten hat. Ich bin ein wandernder Glückspilz. Nach 58 km sind praktisch alle Höhenmeter im Aufstieg geschafft! Wahsninn!!! Über 4500 Höhenmeter auf nicht einmal 60 km. Das findet man selbst in den Alpen bei Veranstaltungen praktisch nicht.
Es ist nun kurz nach 20 Uhr und ca. 1500 HM muss ich noch zum Ziel hinunter. Die Downhills fallen mir nun immer schwerer und die Treppenstufen, welche man springen müsste, stoßen mir durch den platten Oberschenkel. Ich packe auf dem letzten Drücker die Stirnlampe aus und schiebe mich langsam vorwärts. Kurz vor dem nächsten VP stehe ich auf einmal vor zwei Läuferinnen und wundere mich über ihr extrem langsames Tempo und gedenke schon, sie zu bitten, mich vorbeizulassen. Zum Glück fällt mir im letzten Moment auf, dass die eine praktisch kollabiert ist und sich nur noch mit der Hilfe der Anderen auf den Beinen halten kann. Meine Hilfe wird für die letzten 100 Meter vor dem VP nicht benötigt, also bleibe ich brav hinter ihnen. Dorten wird sie schon von Helfern in Empfang genommen. Ich stehe etwas verwirrt auf der Terasse und suche etwas zum Trinken. Ein junges Mädchen nimmt mir den Becher ab und fragt, was ich will. Im Hintergrund sitzt eine ganze Gruppe Jugendlicher, die den VP betreuen. Hier scheint der Lauf von den Einheimischen geliebt und unterstützt zu werden (auch später im Hotel werde ich vom Personal ausgefragt – in Deutschland irgendwie nur schwer vorstellbar). Nach ca. 71 km biegen wir auf einen Pfad an einer der höchsten Steilküsten der Welt ein – zu diesem Zeitpunkt marschiere ich nur noch – nur bekomme ich davon nicht mehr viel mit. Es ist so stockdunkel und die Stirnlampe scheint gar nicht bis zum Meer hinab. Ich höre nur ein gewaltiges Rauschen und unbekannte Vögel. Alles seltsam und fremd, weshalb ich einige Kilometer lang darüber wundere und gar nicht merke, wo ich gerade unterwegs bin. Eigentlich lache ich jetzt nur noch innerlich und freue mich über mein bevorstehendes Finish. Kilometer 75 zweigt die Strecke nach Süden ins Hinterland ab und bald stoßen wir auf eine Levata, ein typischer Wasserlauf Madeiras. Hier beginne ich wieder zu traben. Mittlerweile gibt es immer wieder Momente, in denen ich keine andere Menschenseele zu Gesicht bekommen. Ein starker Kontrast zum Start heute Morgen. Oberhalb von Machico werden wir aus der Nautr ausgespuckt und sehen unter uns direkt am Meer die Veranstaltungshalle und die Promenade des Ortes mit dem Ziel. Über eine letzte steile, dunkle und mit Steinen gespickte Wiese geht es abwärts in den Ort. Ich will laufen, komm aber hier kaum in den Laufschritt. Auf der Straße angekommen fällt es mir dafür umso leichter. Langsam aber flüssig biege ich durch die Gassen und treffe auf die Promenade. Unter Applaus und begleitet vom Meeresrauschen laufe ich kurz nach 1 Uhr Nachts ins Ziel.

Die letzten Meter

Wahnsinn! Neben dem TAR im letzten Jahr ist dies das beeindruckendste Rennen, dass ich erleben durfte. Bis in das letzte Detail erstklassig organsiert (zum Beispiel auch die Streckenmarkierungen: man sieht immer eine vor sich oder hinter sich, alle mit reflektierenden Materialien ausgestattet!), hilfsbereite Insulaner und eine beinharte, aber traumhafte Strecke. Diese Insel wird mich definitiv wiedersehen.

Euer Thorsten

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