Die Rehlein beten zur Nacht,
hab acht!
Halb neun!
Halb zehn!
Halb elf!
Halb zwölf!
Zwölf!
Die Rehlein beten zur Nacht,
hab acht!
Sie falten die kleinen Zehlein,
die Rehlein.
— Christian Morgenstern („Das Gebet“)
Der Neujahrsspaziergang: Traditionen und der Schritt vor die Haustür
Traditionen können auch etwas Wunderschönes sein – wie ein ehrlicher Neujahrsspaziergang. Jahr für Jahr stand er fest auf meinem Zettel: Das alte Jahr verabschieden, die müden Knochen nach der Silvesternacht lüften und den ersten Tag des neuen Jahres mit frischer Luft in der Lunge begrüßen. Manchmal klappte es, manchmal eben nicht. Die Gründe dafür sind vielfältig, die Begründungen im Rückblick stets nachvollziehbar – und trotzdem wollen wir sie ab jetzt nicht mehr gelten lassen! Also: Raus aus den Federn und hinein in die warmen Schuhe und winterfesten Klamotten!
Um nach den Feierlichkeiten am Neujahrsmorgen möglichst wenig Zeit mit der An- und Abreise zu verschwenden und den CO₂-Fußabdruck flach zu halten, wählten wir den S-Bahn-Halt Rednitzhembach als idealen Start- und Zielpunkt dieses Unterfangens. Schließlich ist Silvester bekanntermaßen kein Abend, an dem man früh im Bett liegt und zeitig aufsteht – von anderen Begleitumständen sprechen wir an dieser Stelle lieber nicht weiter…
Die ÖPNV-Anbindung über die S-Bahn-Linie S2 (Nürnberg – Roth) erweist sich hier als absoluter Trumpf: Taktsicher, entspannt und ohne Parkplatzsorgen steigt man mitten im Geschehen aus.

Freiluft-Galerie im Wandel: Auf dem Kunstweg Rednitzhembach
Ab dem Bahnhof geht es sofort auf dem offiziellen Kunstweg im Uhrzeigersinn los. Was heute als weitläufiges Freiluftmuseum eine ganze Gemeinde prägt, nahm vor Jahrzehnten seinen Anfang: Mit zwei Kunstwerken in den Jahren 1994/1995 gestartet, wurde der Weg durch zwei große Bildhauersymposien in den Jahren 2000 und 2003 endgültig zum namhaften Kunstweg ausgebaut.
Das faszinierende Konzept dahinter: Die Kunstwerke sind keineswegs starr für die Ewigkeit gedacht. Ausbesserungen, witterungsbedingte Veränderungen, natürlicher Verfall und stetiger Wandel gehören hier explizit zum künstlerischen Prozess dazu. Die Exponate aus Holz, Stein, Stahl und Bronze fügen sich harmonisch in die Uferauen und Parkanlagen ein.
Wer die Augen offenhält, bemerkt auf den Etappen durch die fränkische Heimat immer wieder das gelungene Zusammenspiel aus Kultur und Natur. Wie schon der Dichter Theodor Fontane über das treue Erwandern der Heimat schrieb: „Am Ende hängt doch alles an der Ausdauer und der Geduld; wer den alten Wegen mit Treue folgt, wird von der Geschichte reich belohnt.“

Gedankenflusse & Orientierung: Mit Gelassenheit ins neue Jahr
Die Markierungen entlang der Route sind vorbildlich und gut angebracht, sodass der Track auf der Sportuhr im Grunde überflüssig bleibt – trotzdem ist es für uns Läufer und Outdoor-Enthusiasten immer ein gutes Gefühl, eine verlässliche GPS-Lösung auf der Suunto oder Garmin in der Hinterhand zu haben!
Die einzige Anpassung, die wir an diesem Tag vornehmen, betrifft den Punkt-zu-Punkt-Abschnitt im Ortskern von Rednitzhembach. Dort stünden zwar manche sehr interessante Werke wie beispielsweise der imposante Wolfmann, doch wir lassen diesen Abstecher heute bewusst aus und beschränken uns voll und ganz auf den entspannten Rundkurs.
Die Wege bleiben durchgehend breit, nennenswerte Anstiege sind schlicht nicht vorhanden, und so sind wir an diesem frischen Neujahrstag naturgemäß nicht die Einzigen, die hier gemütlich unterwegs sind. Spaziergänger, Familien und Gleichgesinnte nutzen die ruhigen Stunden. Ja, ich gebe ehrlich zu: Bei manchen modernen Kunstwerken erschließen sich mir die tiefen Gedanken ihrer Erschaffer nicht auf den ersten Blick – aber genau dieses gemeinsame Nachdenken und Philosophieren darüber ist erstaunlich unterhaltsam und macht den Kopf auf wunderbare Weise frei.

Rückkehr & Fazit
Zufrieden, durchgelüftet und schlussendlich doch etwas kalt erreichen wir nach knapp zwei Stunden wieder unseren Ausgangspunkt am Bahnhof. Das Timing könnte kaum besser sein: Wir stolpern in die genau zwei Minuten später einfahrende S-Bahn, lehnen uns entspannt zurück und freuen uns bereits riesig auf den wohlverdienten, heißen Glühwein zu Hause!
Ein perfekter, unaufgeregter Start in ein neues Jahr voller Laufkilometer, Erkundungen und gemeinsamer Wege.
Euer Thorsten















