Manchmal läuft ein Rennen so perfekt, dass man sich danach plötzlich mit Luxusproblemen konfrontiert sieht, die man eigentlich gar nicht auf dem Zettel hatte. Genau das ist mir passiert: Nach meinem mehr als geglückten Ultrabalaton hielt ich auf einmal die Qualifikation für den legendären Spartathlon in den Händen.
Und da stand sie nun im Raum, die große Frage: Nutze ich die Chance und starte 2027 oder 2028 in Griechenland?
Seien wir ehrlich: Weder der Ultrabalaton noch der Spartathlon sind Trail-Rennen. Viele in meinem direkten Umfeld sind absolut auf Ultratrails fokussiert und können mit flachen Asphalt-Schlachten wenig anfangen und dies kann ich auch nachvollziehen, obwohl ich es ein klein wenig schade finde. Aber die Grundsatzfrage bleibt doch die gleiche, egal ob Straße oder Trail: Müssen unsere sportlichen Ziele eigentlich immer länger, herausfordernder und extremer werden?
Oder um es mit Oscar Wilde zu sagen:
„Das Ziel des Lebens ist Selbstverwirklichung.“
Exkurs: Was ist eigentlich der Spartathlon?
Für alle, die in der Trail-Welt zu Hause sind und beim Namen Spartathlon erst einmal an griechische Mythologie denken: Dieses Rennen ist einer der geschichtsträchtigsten und härtesten Straßen-Ultramarathons der Welt. Die Strecke führt über 246 Kilometer von Athen auf den Spuren des antiken Booten Pheidippides nach Sparta. Gelaufen wird bei oft sengender Hitze, primär auf Asphalt und entlang von Nationalstraßen, garniert mit sehr harten Cut-offs an jedem einzelnen der 75 Kontrollpunkte. Wer hier finisht und am Ende die Füße der Statue von König Leonidas berührt, hat sportlich zweifellos etwas Monumentales geleistet.
Der Wandel der Zeit: Als 100 Kilometer noch eine andere Welt waren
Blenden wir ein Stück zurück: Als ich 2011 meinen ersten Ultra in Biel über die 100 km auf der Straße gelaufen bin, war der klassische Marathon für die meisten Läuferinnen und Läufer bereits das absolute Nonplusultra. Ich selbst habe übrigens 1999 mit dem Laufen angefangen – ich habe mir also gute zwölf Jahre Zeit gelassen, um mich an diese Distanzen heranzutasten. Damals waren die 100 km von Biel (die ich letztendlich dreimal gelaufen bin: 2011, 2012 und 2016) oder der Swissalpine in Davos (die alte Strecke gibt es 2026 aufgrund sinkender Nachfrage nicht mehr) zwar feste Begriffe in der Szene, aber sie lagen völlig außerhalb des Blickwinkels der breiten Masse. Die wenigsten wagten den Sprung vom Marathon auf die Ultradistanz.
Zehn Jahre später sah die Laufwelt anders aus. Ultra wurde das neue Marathon. Es stand gefühlt nicht mehr die Frage im Raum, ob man die magischen 42,2 Kilometer überschreitet, sondern nur noch, wie lang die Strecke danach bitteschön werden soll.
Heute, im Jahr 2026, hat sich daran wenig geändert. Außer, dass selbst 100-km-Rennen keine Seltenheit mehr sind. Sie haben sich lediglich bevorzugt auf die Trails verlagert. Das kommt vielen entgegen, da die Cut-offs dort oft etwas großzügiger bemessen sind als bei den unbarmherzigen Straßen-Ultras, der Kopf mehr Abwechslung hat und die Landschaften meist attraktiver sind. Trotzdem bleiben es sehr, sehr lange Distanzen mit erheblichen körperlichen Herausforderungen.
Die Suche nach dem „Mehr“: Fünf vorsichtige Hypothesen
Versteht mich nicht falsch: Ich nehme mich hier selbst nicht aus. Ich bin bei Veranstaltungen jahrelang am liebsten die längste angebotene Distanz gelaufen. Ich stand oft an den Startlinien von 100-km-Rennen, habe dreimal die 100 Meilen gefinisht und nun eben auch die 200-km-Marke geknackt.
Aber wenn ich beobachte, wie schnell gerade junge Athleten heute auf diese extremen Distanzen schielen, frage ich mich schon nach den Ursachen. Belastbare Studien dazu gibt es kaum, daher möchte ich ein paar ganz vorsichtige Hypothesen in den Raum stellen:
- Hypothese 1: Der visuelle Einfluss von Instagram. Beeindruckende Bilder von epischen Trails transportieren eine starke Romantik des Leidens. Dass hinter diesen Momentaufnahmen monatelanges, oft eintöniges Training steckt, geht im glänzenden Feed manchmal unter.
- Hypothese 2: Die Faszination der YouTube-Dokumentationen. Wer kennt sie nicht? Hochprofessionell produzierte, emotionale Dokumentationen auf YouTube, die uns tief in die Extremrennen hineinziehen. Ich muss gestehen: Diese Videos faszinieren mich selbst total. Sie wecken sofort diesen tiefen Impuls, genau das auch erleben zu wollen.
- Hypothese 3: Eine wachsende gesellschaftliche Ungeduld. Vielleicht ist es ein Spiegel unserer Zeit, dass wir glauben, alles immer schneller, früher und sofort erreichen zu müssen. Das bewusste, jahrelange Aufbauen einer soliden Basis wirkt daneben fast schon altmodisch.
- Hypothese 4: Die selektive Wahrnehmung durch Medien. Podcasts und Laufmagazine berichten primär von immer härteren und längeren Rennen. Das verschiebt die Wahrnehmung dessen, was in unserer Wahrnehmung als „normal“ gilt.
- Hypothese 5: Die moderne Suche nach Zugehörigkeit. Früher war die Sache klar: Man ging in einen Verein. Heute ist der große Wunsch nach einer klassischen Vereinszugehörigkeit stark zurückgegangen – man möchte sich verständlicherweise nicht mehr so starr und fest binden. Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Identifikation ist jedoch genauso groß wie eh und je. Man sucht sich diese Gemeinschaft nun eben in der globalen Trail- und Ultra-„Community“. Aber ganz bewusst etwas überspitzt formuliert: Manchmal verbirgt sich hinter diesem schönen Begriff eben auch ein subtiler Gruppendruck, dem man sich nur schwer entziehen kann.
Ob dieser Trend immer sinnvoll ist? Für den eigenen Körper, den aktuellen Trainingsstand und den ganz normalen Lebensalltag? Die Antwort lautet wahrscheinlich viel zu oft: Nein.
Mein perfektes Rennen – und das bewusste Zurückrudern
Ich hatte diesen einen großen Wunsch: Ich wollte einmal im Leben über die 200 Kilometer laufen. Dieses Projekt habe ich erfolgreich beendet und für mich ein absolut perfektes Rennen ins Ziel gebracht.
Mein Plan für die Zeit danach stand eigentlich fest: Ich wollte mich wieder auf Rennen unter 100 km fokussieren. Aus gutem Grund, denn sie liegen mir körperlich einfach besser und lassen sich wesentlich harmonischer in die Rahmenbedingungen meines Lebens integrieren – in das Training, andere Hobbys, die Zeit mit Freunden, meiner Partnerin und den Beruf.
Und dann öffnet sich durch die Qualifikation plötzlich die Tür zum Spartathlon. Sollte ich nun schwach werden? Nach Griechenland reisen, nur aus Angst, eine einmalige Gelegenheit zu verpassen? Aus reiner FOMO – der „Fear of missing out“?
Ja, vielleicht verpasse ich dieses Erlebnis. Und trotzdem sage ich Stand heute ganz bewusst: Nein.
Finde deine eigene Wohlfühldistanz – ganz ohne Rechtfertigung
Versteht mich nicht falsch: Das hier soll kein Plädoyer gegen das Ausprobieren sein. Es ist etwas Wunderschönes, neugierig zu bleiben, die eigenen Grenzen auszuloten und zu schauen, was der Körper und der Geist zu leisten imstande sind. Wenn dich der Ruf der 100 Kilometer oder der Trails fasziniert, dann folge ihm! Probiere dich aus, wage das Abenteuer und genieße den Weg dorthin.
Entscheidend ist am Ende nur eines: dass es dein Weg bleibt. Es geht nicht darum, was auf Instagram glänzt, was im Podcast gefordert wird oder welche Distanz die Laufbuddies gerade planen. Es geht darum, was dir guttut, was sich harmonisch in dein Leben fügt und was dir ein Lächeln ins Gesicht zaubert.
Ob das am Ende ein knackiger Zehner im Wald, ein solider Marathon auf der Straße oder ein epischer Hunderter in den Bergen ist, spielt überhaupt keine Rolle. Das größte Privileg, das wir als Läuferinnen und Läufer haben, ist die Freiheit zu wählen. Am Ende des Tages zählt nicht die Anzahl der Kilometer auf der Uhr, sondern die Freude an der Bewegung und die Begeisterung am Leben.
Laufen als Teil des Lebens, nicht als Selbstzweck
Ich werde nicht beim Spartathlon starten. Stattdessen freue ich mich auf etwas anderes: auf schnellere Trails, auf weiterhin ausgiebiges, aber ausgewogenes Training und vor allem auf ein gesundes, gutes Gefühl im Körper.
Laufen macht mich glücklich und ist ein wunderbarer Teil meines Lebens. Ich werde mich auch in Zukunft nicht zwischen Trail und Straße entscheiden müssen. Beides geht zusammen, beides gehört zu mir und beide Welten profitieren voneinander.
Dem Ultrasport bleibe ich definitiv erhalten. Aber ich löse mich ganz bewusst vom Zwang des „immer höher, immer weiter“.
(Obwohl… ein kleines bisschen schneller möchte ich schon noch werden! 😉)
Wie seht ihr das? Fesseln euch die epischen YouTube-Dokus auch so sehr, dass ihr am liebsten sofort die Laufschuhe schnüren wollt? Und wo zieht ihr eure persönliche Grenze beim „Immer-Mehr“? Ich freue mich auf eure Gedanken in den Kommentaren!
Euer Thorsten

