Auf einen Blick:
- Datum: Samstag, 10. Juli 2021
- Strecke: 8,5 km
- Höhenmeter: +300 HM
- Dauer: 1 Std. 58 Min.
- Typ: Rundweg
- Charakter: Abwechslungsreiche Genussrunde mit verwunschenen Querfeldein-Passagen, kunstvoller Rastmöglichkeit, steil abfallenden Aussichtsfelsen und Singletrails in der Fränkischen Schweiz.
„Ein Schnäpschen in Ehren kann niemand verwehren.“
Verirrt im Grün: Spontane Pfade & kleine Abenteuer
Eigentlich sollte an diesem Samstag nur eine kleine, entspannte Runde auf dem Plan stehen. Ein paar Kilometer, um sich nach der Woche etwas die Beine zu vertreten und ganz nebenbei im Nachbarort von Wichsenstein ein schönes Geschenk zu besorgen: Für den Geburtstag meines Bruders am Sonntag sollte es sein geliebter Schnaps von der regionalen Brennerei Brück sein. Was liegt also näher, als das Nützliche mit dem Schönen zu verbinden und eine kleine Erkundungstour daraus zu machen?
📌 Infobox: Die Brennerei Brück & regionale Genusskultur
- Tradition & Handwerk: Die Fränkische Schweiz ist bekannt für ihre extrem hohe Dichte an Magerwiesen, Streuobstbeständen und traditionellen Kleinbrennereien.
- Erzeugnisse: Regionale Familienbetriebe wie die Brennerei Brück verarbeiten heimisches Obst – von der Fränkischen Karsche (Kirsche) über Zwetschgen bis hin zu alten Apfel- und Birnensorten – zu feinen Bränden und Geist-Spezialitäten.
- Tipp für Wanderer & Läufer: Ein regionaler Brand eignet sich hervorragend als Mitbringsel nach einer ausgiebigen Tour durch die fränkische Hügellandschaft😉
Kurzerhand habe ich per Komoot ein paar Wege zusammengeklickt und wir sind voller Vorfreude gestartet. Die Realität holte uns allerdings schnell ein: Schon nach wenigen Schritten hörte der geplante Wanderweg im undurchsichtigen, dicht gewachsenen Grün einfach auf. Weiterweg? Fehlanzeige! Also hieß es kurzerhand: Querfeldein durchschlagen und den eigenen Weg suchen. Mareike konnte sich ein Schmunzeln natürlich nicht verkneifen – meine Tourenplanungen sind schließlich für ihre gewissen „Überraschungsmomente“ bekannt. Aber genau diese unverhofften Abwege machen das Draußensein doch erst recht lebendig.

Ein Zaubergarten zum Verweilen: Entschleunigung pur
Nach dem Abstecher durchs Unterholz wartete eine echte Überraschung auf uns, die jede Mühe des Suchen sofort vergessen ließ. Der strahlende Sonnenschein verzauberte einen wunderschön angelegten Garten voller kreativer Tonfiguren (die man sogar erwerben kann). Ein Ort, der förmlich dazu einlädt, den Rucksack abzusetzen und tief durchzuatmen.
Hätten wir heute nicht noch mehr vor gehabt, ich hätte mich auf der Stelle hingesetzt und einfach stundenlang ins Grüne geschaut. Das Leben kann so wunderbar einfach und erfüllt sein, wenn man die kleinen Wunder am Wegesrand aufmerksam wahrnimmt.

📌 Infobox: Rastkultur in der Fränkischen Schweiz – Die Vertrauenskasse
- Gastfreundschaft auf Fränkisch: An vielen Wander- und Radwegen in der Fränkischen Schweiz finden sich liebevoll gestaltete private Rastplätze, Obststände oder Getränkestaffeleien.
- Prinzip Vertrauenskasse: Erfrischungen (oft gekühlte Getränke aus dem Fass oder Erfrischungslimonaden) stehen für Vorbeireisende bereit. Die Bezahlung erfolgt auf ehrlicher Basis in eine kleine Kasse vor Ort.
- Verhaltenskodex: Solche Orte leben vom gegenseitigen Respekt. Fairer Obolus und achtsames Hinterlassen des Rastplatzes sichern den Erhalt dieser fränkischen Gemütlichkeit.
Der gesamte Garten darf frei betreten werden. Gemütliche Tische und Stühle stehen bereit, und ein Getränkeverkauf direkt aus einem kühlen Fass heraus – betrieben über eine klassische Vertrauenskasse – macht den Aufenthalt herrlich kurzweilig. Eine kleine Oase der Entschleunigung! Doch die Natur ruft und nach einer erfrischenden Rast ziehen wir dankbar weiter.

📌 Infobox: Die Tradition der Schnapsbrennerei in der Fränkischen Schweiz
- Herkunft & Geschichte: Die Fränkische Schweiz gilt mit über 300 aktiven Brennereien als eines der dichtesten Obstanbau- und Brennereigebiete der Welt. Die Tradition reicht bis in das 17. Jahrhundert zurück. Da der felsige Kalk- und Magerrasenboden der Region für klassischen Ackerbau oft zu karg war, nutzten die Landwirte die sonnigen Hanglagen für den Streuobstbau. Um die Ernte haltbar zu machen, entstand das Handwerk der Brennerei.
- Besonderheit & Rohstoffe: Gebrannt werden vor allem heimische Stein- und Kernobstsorten wie Süßkirschen („Fränkische Karsche“), Zwetschgen, Mirabellen sowie alte Apfel- und Birnensorten. Das Handwerk wird oft seit Generationen in Familienbetrieben weitergegeben und prägt bis heute die Kulturlandschaft und das Brauchtum der Region.

Fernsicht & Singletrails: Vom Schneiderstein zum Wichsenstein
Wenig später stehen wir auf dem Schneiderstein. An der steil abfallenden Felswand genießen wir die spektakuläre Fernsicht über die sanften Hügelketten. Hier oben stellt sich augenblicklich dieses tiefgreifende Gefühl von Freiheit und Leichtigkeit ein: Die Welt breitet sich vor einem aus wie eine bunte Landkarte. Schon wieder packt einen der Wunsch, sich einfach auf den Fels zu setzen, die Sonnenstrahlen auf der Haut zu spüren und durchzuschnaufen.

Über etliche Kilometer schlängelt sich der Pfad nun weiter. Es geht über feine Singletrails, knackige Schotterwege, vorbei an vollhängenden Kirschbäumen, immer wieder ein Stückchen runter und wieder rauf. Nichts Spektakuläres oder Wildes, aber unheimlich beruhigend für die Seele. Langweilig wird es zu keinem Zeitpunkt.

Selbst der letzte, recht steile Anstieg hinauf nach Wichsenstein stört nach diesen vielen Sinneseindrücken überhaupt nicht mehr. Die vielen Steinstufen hoch zum Gipfelkreuz nehmen wir mit Freude als selbstverständlich genutzte Gelegenheit wahr, noch einmal einen grandiosen Rundumblick über unsere fränkische Heimat zu genießen. Herz, was willst du mehr? Dankbar für diesen wunderschönen Tag im Grünen schließen wir die Runde ab

📌 Infobox: Geologische Einordnung des Wichsensteins
- Gestein & Entstehung: Der Wichsenstein ist ein markanter Felsstock aus Frankendolomit (Malm Gamma/Delta), der vor etwa 150 Millionen Jahren im Jurameer als Schwammstufen-Riffkomplex entstand.
- Topografie & Landschaftsform: Mit einer Höhe von 585 m ü. NHN gehört der Felsen zu den bekanntesten Aussichtspunkten der Fränkischen Schweiz. Geomorphologisch handelt es sich um einen sogenannten Härtling (oder Zeugenberg), der durch die Verwitterung des weicheren umliegenden Kalkgesteins als isolierter Riffkegel stehen geblieben ist.
- Aussicht: Über mehr als 30 privat und öffentlich angelegte Steinstufen lässt sich die Gipfelplattform mit dem Gipfelkreuz besteigen. Sie bietet einen Rundumblick über die Kuppenlandschaft der Fränkischen Schweiz.
Euer Thorsten


