„Wohlauf, die Luft geht frisch und rein,
Wer lange sitzt muß rosten.
Den allerschönsten Sonnenschein
Läßt uns der Himmel kosten.
Jetzt reicht mir Stab und Ordenskleid
Der fahrenden Scholaren,
Ich will zu guter Sommerszeit
Ins Land der Franken fahren!“
— Aus „Das Lied der Franken“ von Viktor von Scheffel (1826–1886)
Etappe 6: Neusorg – Arzberg
Der Wecker klingelt – 05:30. Es ist früh, vielleicht auch zu früh, wenn ich an Freitag Abend denke. Trotzdem raus aus den Federn, Kaffeemaschine starten und entspannt frühstücken. Ohne Energie wird der Tag heute nicht klappen, wird es nicht auf dem Fränkischen Gebirgsweg laufen. Zeit mit den Jungs in der Natur ist für mich immer ein kleines, ja, vielleicht auch ein großes Geschenk. Die Vorfreude ist riesig.
6:59 geht’s los. Mit dem Zug von Schwabach nach Nürnberg und von dort mit einem weiteren Umstieg kurz vor dem Fichtelgebirge nach Neusorg – 2 Stunden Fahrtzeit. Uns ist klar, dass wir die letzten zwei Etappen in diesem Jahr an einem Wochenende mit Übernachtung erledigen werden, um die Reisezeit zu reduzieren.


Vom Bahnhof geht es ein Stück zurück zur Strecke und dann sehr schnell in den Anstieg zum einzigen ernsthaften Gipfel des heutigen Tages, den Hansi und ich schlagartig laufend und nicht gehen erreichen wollen, während Flo im schnellen Marschschritt das Ganze vernünftiger angeht: Der Platte auf 946 Meter. Über leichte Trails und Forstwege geht es hinein in den Naturpark Steinwald und hinauf zum Gipfel mit seinem erstaunlich hohen Aussichtsturm, auf den Hansi und ich hochsteigen – verdammt windig und kalt hier oben. Immer wieder finden wir schöne kleine Plätze, Felsformationen und liebliche Landschaften. Weniger die spektakulären Highlights dominieren den Tag, sondern vielmehr die Schönheit im Kleinen.
Der Naturpark Steinwald bildet ein markantes Granitmassiv an der Übergangszone zwischen dem Fichtelgebirge und dem Oberpfälzer Wald. Geologisch wird die Region durch metamorphe und magmatische Gesteinsformationen geprägt. Der Verwitterungsprozess des Granits (die sogenannte Wollsackverwitterung) hat im Laufe der Jahrmillionen bizarren Felsburgen und imposante Felsformationen wie den Hackelstein geformt.
Die Platte (946 m ü. NHN) ist die höchste Erhebung des Steinwalds. Auf ihrem bewaldeten Gipfelplateau steht der 33 Meter hohe Oberpfalzturm – eine markante Holz-Stahl-Konstruktion. Wer die Stufen auf sich nimmt, wird mit einer weitläufigen Panoramaaussicht über das Fichtelgebirge, das Stiftland bis hinüber in die Tschechische Republik belohnt.




Im Abstieg zieht sich der Weg vorbei an den letzten Schneeresten, kleinen Eisplatten und in Richtung oberpfälzisches Stiftland, auf dem wir an der zugänglich gemachten Ruine Weißenstein vorbei kommen und mit einem Abstecher auf den Bergfried beehren. Deutsch-tschechische Tafeln (die Grenze ist gefühlt nur einen Steinwurf entfernt) erläutern die ehemaligen Räumlichkeiten und die ganze Anlage ist mit vielen Stufen, Brücken etc. gut zugänglich gemacht. Während die Temperaturen langsam höhere Gefilde erklimmen, steigen wir kurz danach noch auf den Hackelstein, bevor wir kurz nach der Hälfte der Strecke in Fuchsmühle zur Mittagspause einkehren. Käsespätzle und Bier vom Fass sind Gold wert und helfen die etwas niedrigen Energiespeicher zu füllen.



















Man erkennt nun anhand des zurückgehenden Baumbestands, der vielen kleinen Hügeln, der grünen Wiesen, dass wir den Naturpark Steinwald hinter uns lassen und in das Stiftland laufen. Nächster Halt Waldsassen und seine Basilika (mit der größten Sammlung barocker Reliquien nördlich der Alpen). Ein Besuch in dieser ist Ehrensache und die Zeit für das Entzünden von Kerzen für uns nahe stehenden Menschen wird sich genommen.











Die Stiftsbasilika Waldsassen zählt zu den bedeutendsten Barockkirchen Süddeutschlands. Erbaut zwischen 1682 und 1704 (unter Mitwirkung bekannter Baumeister wie Georg Dientzenhofer), beeindruckt sie durch ihre monumentale Deckenmalerei, prächtiges Stukkaturwerk und die berühmte Gruft. Weltweit einzigartig ist die im Kirchenraum ausgestellte Sammlung kunstvoll verzierter Ganzkörper-Reliquien („Heilige Leiber“).
Nur wenige Kilometer entfernt steht auf dem Glasberg die berühmte Wallfahrtskirche Kappl (Heilige Dreifaltigkeit). Sie gilt als architektonisches Meisterwerk des Barock: Das gesamte Gebäude ist konsequent der Zahl Drei gewidmet – symbolisch für die Trinität. Der Grundriss zeigt drei Halbkugeln, das Äußere wird von drei Türmen geprägt und im Innenraum finden sich drei Altarblöcke sowie drei Fünfeck-Nischen.
Die Sonne neigt sich langsam dem Horizont entgegen, während wir uns der beeindruckenden Wallfahrtskapelle in Kappl nähern. Ein kurzer Abstecher in der benachbarten Gaststätte muss sein – und siehe da, sie haben noch Bier von Lang-Bräu da! Die Brauerei stellt ihren Betrieb in wenigen Wochen leider ein. Wir trinken ein, dann ein zweites Bier und alle sind happy und glücklich. Ich zücke das Kaninchen aus dem Hut. Wir könnten heute ca. 5km abkürzen und beim nächsten Mal dranhängen und schneller und einfacher zum Bahnhof laufen: Ein Grinsen breitet sich aus – kein Druck und Stress. Als der mit dem größten Rucksack kriege ich noch Flaschenbier für die Heimfahrt in den Rucksack gestopft und los geht’s hinaus in die Dunkelheit. In Arzberg nehmen wir den RE mit direkter Fahrt nach Nürnberg. Nach einer guten Stunde trennen sich unsere Wege am Hauptbahnhof (sie wollten noch weiter, ich nach Hause) und zufrieden, müde und glückliche komme ich wieder in Schwabach an.
Euer Thorsten
📌 Fränkischer Gebirgsweg: Dieser Beitrag ist Teil unseres Projekts Fränkischer Gebirgsweg und gehört zu den vielfältigen Abenteuern rund um den Morgenspaziergang. Eine Gesamtübersicht aller absolvierten Etappen und Berichte, findest du auf unserer zentralen Übersichtsseite: ☛ Fränkischer Gebirgsweg
📌 Morgenspaziergang: Dieser Beitrag ist Teil der vielfältigen Aktivitäten rund um den Morgenspaziergang. Eine Gesamtübersicht aller unserer Ausflüge und Touren findest du hier: ☛ Morgenspaziergang
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