„Viel Wandern macht bewandert.“
— Peter Sirius
Vorwort & Das geburtstägliche Laufprojekt
Ich liebe das lange Laufen, ich liebe Punkt-zu-Punkt-Strecken, ich liebe das Unterwegssein. Ich liebe die reine, unverfälschte Bewegung in der Natur. Also war es naheliegend, mir zu meinem Geburtstag genau dies zu wünschen: Ein weiterer Wanderweg von meiner persönlichen Wunschliste – meine Mission: FAV-Wanderwege erleben – Das Netz unserer Heimat verstehen!
Eventuell lag eine kleine Unterstützung bei der Durchführung im Raum, wobei ich eine akute Notwendigkeit im Vorfeld eigentlich gar nicht erwartete. Ein vertrautes „Taxi“ für die Heimfahrt am Abend schadete jedoch nie (aus Bequemlichkeit und, wie sich im Nachgang herausstellen sollte, als extrem hilfreicher Ankerpunkt). Ein leckeres Abendessen zum würdigen Abschluss rundete die Idee ab – schließlich haben wir mit dem vorzüglichen griechischen Restaurant als Vereinsgaststätte beim TSV Katzwang 05, „meinem“ Heimatverein, die perfekte Anlaufstelle direkt vor der Haustür.
Es war nicht das erste Mal, dass ich mir ein solches Laufprojekt zum Geburtstag wünschte. Dieses Mal erschien das Vorhaben sportlich deutlich leichter (dachte ich zumindest im Vorfeld) und frei von jeglicher emotionaler Tragweite. Wie der Dichter Emanuel Geibel einst treffend schrieb: „Wer die Wege der Heimat misst, findet nicht nur Land, sondern zu sich selbst.“
Kühle Stunden am Morgen nutzen: Der Auftakt an der Alten Linde
Der Rangau Ostweg ist der offizielle Wanderweg Nr. 24 des Fränkischen Albvereins. Er startet im Westen meiner Heimatstadt Schwabach, der weltbekannten Goldschlägerstadt, an der geschichtsträchtigen Alten Linde. Von dort aus schlängelt sich die Route am Rande des Rangau Richtung Höchstadt an der Aisch.
Die ersten drei Kilometer von meiner Haustür zum offiziellen Startpunkt an der Schwabach konnte ich entspannt zum Warmlaufen nutzen. Die eigentlichen 65 Kilometer und die laut Online-Portal ausgewiesenen 600 Höhenmeter sollten normalerweise kein größeres Problem darstellen. Dass die Uhr am Ende des Tages eher 1370 Höhenmeter anzeigte, verbuche ich humorvoll unter der Rubrik „Messtoleranz“ der digitalen Tourenportale wie Komoot – ein Phänomen, das jedem Trailrunner wohlvertraut ist😉
Goldschlägerstadt Schwabach: Schwabach blickt auf eine mehr als 500-jährige Tradition der Blattgoldherstellung zurück. Das Edelmetall ziert unter anderem das Goldene Dachl in Innsbruck und den Schwabacher Rathausturm.
Der Rangau: Ursprünglich eine mittelalterliche Gaubezeichnung, ist der Rangau heute eine kulturhistorische Region westlich von Nürnberg und Fürth. Historisch eng verknüpft mit dem Verwaltungssitz des Deutschen Ordens in Ellingen sowie den Zollernburgen, wird der Begriff heute vor allem für die sanfte Hügellandschaft zwischen Rednitz, Bibert, Zenn und Aisch genutzt.



Streckenverlauf & Highlights: Von Süd nach Nord durch den Rangau
Der Rangau Ostweg quert das mittelfränkische Becken in einer sauberen Süd-Nord-Achse und verbindet mehrere prägende Flussteilnetze. Die Route gliedert sich in vier prägnante Etappenabschnitte:
- Schwabach bis Roßtal: Der Auftakt verläuft ab der Alten Linde in Schwabach nordwestwärts über Buchschwabach in den historischen Marktflecken Roßtal.
- Roßtal bis Cadolzburg: Weiter geht es durch das idyllische Biberttal in Richtung Cadolzburg, wo die mächtige Hohenzollernburg weithin sichtbar über der Landschaft thront.
- Cadolzburg bis Langenzenn: Über das sanft geschwungene Zenntal erreicht man die historische Klosterstadt Langenzenn mit ihrer eindrucksvollen Stadtkirche und dem denkmalgeschützten Kreuzgang.
- Langenzenn bis Höchstadt an der Aisch: Der finale Abschnitt führt durch das Aurachtal (Münchaurach) und die weitläufige Karpfenweiher-Landschaft bei Weisendorf und Mohrhof, bevor der Weg schließlich im Aischgrund in Höchstadt endet.
Krypta St. Laurentius (Roßtal): Die Hallenkrypta unter der Roßaler Pfarrkirche St. Laurentius stammt aus dem Jahr 1025 (frühromanisch) und zählt zu den ältesten erhaltenen Sakralbauten dieser Art in Süddeutschland.
Hohenzollernburg Cadolzburg: Erstmals 1157 erwähnt, diente die gewaltige Höhenburg vom 13. bis zum 15. Jahrhundert als Sitz der Burggrafen von Nürnberg aus dem Hause Hohenzollern. Die mächtigen Sandsteinmauern prägen bis heute das Bild des Biberttals.
Charakteristik der Strecke: Flussteile und leise Pfade
- Landschaftsform: Geprägt durch den stetigen Wechsel von sanften Hügelketten des Keuperlands, fruchtbaren Feldern, schattigen Mischwäldern und den typischen mittelfränkischen Flusstälern (Rednitz, Bibert, Zenn, Aurach und Aisch).
- Anspruch & Profil: Da abgesehen von den Kanten der Fluss terrassen keine alpinen Steigungen zu bewältigen sind, eignet sich die Strecke bei moderaten Witterungsbedingungen hervorragend für Genusswanderer, Fastpacker und Ultraläufer.
Der Untergrund des Rangaustrichs wird dominiert von den Sedimenten des Mittleren Keupers (Burgsandstein und Blasensandstein). Diese kieseligen Sandböden bilden sanfte Erhebungen und leicht zu belaufende Waldpfade. Im nördlichen Abschnitt treffen die Sandsteinschichten auf wasserundurchlässige Ton- und Lettenböden (Aischgrund). Diese geologische Besonderheit nutzten Teichwirte seit dem Mittelalter zur Anlage der berühmten mittelfränkischen Karpfenweiherlandschaften rund um Mohrhof.


Kaffeestraße – Ein kühles Getränk wäre mir jetzt lieber!
Was mir an diesem Tag jedoch einen gründlichen Strich durch meine ursprüngliche Marschtabelle machte (ich hatte realistisch mit 8 bis 9 Stunden Reiner Laufzeit kalkuliert), war der Umstand, dass sich der 29. Juni zu einem der heißesten Tage des gesamten Jahres entwickelte. Thermometerwerte weit über 30 °C und brennender Sonnenschein brannten gnadenlos vom Himmel.
Ohne den kleinsten Luftzug stand die Hitze förmlich über den Feldern und brutzelte mich Schritt für Schritt weg. Der Wetterbericht hatte exakt vor dieser extremen Hitzewelle gewarnt. Aber das Projekt stand seit Wochen fest, das Support-Team war organisiert und die Vorfreude einfach viel zu groß, um den Start abzusagen.




Freude findet man überall: Raus in die Landschaft
Wasser wurde im Tagesverlauf zum absoluten Mangelware-Gut. Das Wegenetz ist hier zwar wunderbar dicht und die Schilder des FAV leiten zuverlässig den Weg, aber die sengende Sonne forderte ihren Tribut. Franken ist – außerhalb von Fürth – durch und durch Club-Land, was sich an vielen liebevoll dekorierten Gartenhäusern und kleinen Schildern am Wegesrand zeigte.
Kühlung gab es überall dort, wo sich eine Gelegenheit bot: Öffentliche Brunnen, Gartenschläuche freundlicher Anwohner oder schattige Waldpassagen wurden dankbar mitgenommen.
Und trotz der enormen Hitze hatte die Tour unfassbar viel Spaß bereitet! Die Strecke war technisch nicht übermäßig schwierig, allerdings gab es immer wieder stark zugewachsene Passagen durch meterhohe Büsche, Gebüsch und brennende Brennnesseln, die meine Schienbeine malträtierten und einen unschönen Ausschlag erzeugten. Nette Menschen und extrem freundliche Worte begegneten mir entlang der gesamten Route. Schöne historische Orte und liebliche Pfade wechselten sich flüssig ab. Ein absolut lohnenswertes Stück Fränkische Heimat!
Die letzten 11 Kilometer: Der große Kampf im Aischgrund
Noch mehr Freunde unterwegs, ein lachender Waldkindergarten am Wegesrand – klasse Idee! – und die Ruhe der Natur gaben Kraft. Wer hat schon Angst im Dunkeln oder vor der Einsamkeit?😉



Die letzten 11 Kilometer wurden jedoch zu einem riesigen mentalen und körperlichen Kampf, der mir absolut alles abverlangte. Nach einer extrem nötigen Abkühlung in einem Weiher – bei der ich kurzerhand in kompletter Laufmontur einfach ins kühle Nass stieg, um die Körperkerntemperatur irgendwie herunterzukühlen – folgte eine von Krämpfen geplagte Waldpassage. Jeder Schritt verlangte eiserne Willenskraft.
Doch als die Kirchturmspitzen von Höchstadt an der Aisch schließlich am Horizont auftauchten und die Uhr nach 9 Stunden und 46 Minuten stoppte, wich der Erschöpfung einer tiefen, unendlichen Dankbarkeit.
Geburtstagsgeschenke dieser Art würde ich jedes Mal wieder voller Freude annehmen – nur vielleicht das nächste Mal minimal kühler, wenn ich es mir denn aussuchen darf!
Euer Thorsten
📌 FAV-Wanderwege: Dieser Beitrag ist Teil des Projekts FAV-Wanderwege erleben. Eine Gesamtübersicht aller bereits absolvierten Wegenetze, Etappen, interaktiven Karten und GPX-Tracks findest du auf folgender Seite: ☛ FAV-Wanderwege


