Vorwort
- Samstag, 14. Januar 2023
- 47 km + 2100 HM
- 8 h 32 min
Welcher Lebendige, Sinnbegabte,
Liebt nicht vor allen Wundererscheinungen
Des verbreiteten Raums um ihn,
Das alles belebende Licht
Mit seinen Farben, seinen Strahlen und Wellen;
Seine milde Allgegenwart,
Sein erquickendes Erwärmen?
„Hymnen an die Nacht“ von Novalis
Kennt ihr diese magischen Momente? Man entdeckt eine neue Wandermarkierung im Internet, hält kurz inne, hört ganz tief in sich hinein und die Route flüstert leise: „Lauf mich!“ Und weil man ein absolut treuer Freund ist, ruft man sofort den Freund an, um ihn in dieses Verderben mit hineinzuziehen. Danke an Andy, der an diesem Samstag spontan Ja zu unserem neuesten Experiment sagt!
Die Vorgeschichte: Mareike und ich verbringen im letzten Herbst nach dem Arberland Ultratrail ein paar Tage zum Entspannen in Bodenmais. Statt die Füße einfach nur hochzulegen, stolpere ich über ein Schild: 7 Summits Bodenmais. Das Handy wird gezückt und das Prospekt verspricht geschmeidige 45 Kilometer und 1.400 Höhenmeter. Schön und gut – aber die Prospekt-Autoren haben beim Berechnen der Höhenmeter anscheinend akute Mathe-Schwäche! Am Ende stehen bei uns nämlich stolze 47 Kilometer und dezente 2.100 Höhenmeter auf der Uhr. Aber hey – wer die Trails im Bayerwald rocken will, der darf bei den Höhenmetern eh nicht pingelig sein. Ein bisschen Schwund ist immer!

Wissenswertes zu den „7 Summits Bodenmais“
Wer die Tour rund um den Bayerwald-Ort selbst in Angriff nehmen möchte, findet hier die offiziellen Hintergrunddaten:
- Infrastruktur: Entlang des Weges befinden sich mehrere Einkehrmöglichkeiten wie die Harrlachberger Alm oder die Chamer Hütte, die allerdings saisonale Öffnungszeiten haben. Im Winter herrscht ab ca. 900 Metern über Normalnull oft eine geschlossene Schneedecke, was die Orientierung und das Vorankommen deutlich erschwert.
- Das Konzept: Die Tour wurde von der Tourist-Information Bodenmais als sportliche Premium-Wanderung entwickelt. Das Ziel ist es, die prägnantesten Gipfel und Aussichtspunkte der Region in einer großen Schleife zu verbinden.
- Die offiziellen Gipfel: Die Route führt regulär über den Silberberg, den Riederinfelsen, den Kronberg, die Harrlachberger Spitze, den Sternknöckel, den Kleinen Arber und den Großen Arber. Das Mittagsplatzl liegt als landschaftlich spektakulärer Aussichtspunkt (mit Blick auf den Großen Arbersee) ebenfalls direkt an der Strecke und bildet das heimliche achte Gipfelkreuz.
- Beschilderung: Der Weg ist durchgehend mit einem eigenen Logo markiert – einer roten „7“ über drei stilisierten Berggipfeln auf weißem Grund. Die Beschilderung ist ausschließlich für die Laufrichtung im Uhrzeigersinn ausgelegt.
- Anforderung & Wege: Die Tour bietet einen hohen Anteil an naturnahen Pfaden und anspruchsvollen Single-Trails (insbesondere auf dem Goldsteig-Abschnitt). Sie erfordert absolute Trittsicherheit und eine hervorragende Grundkondition.

Pleiten, Pech und keine Stöcke am Start
Um 9:00 Uhr geht es am Wanderparkplatz Schönebene los. Unser Geheimtipp: Man spart sich die Parkgebühren in Bodenmais, hat abends beim Umziehen im Gebüsch seine Ruhe und startet trotzdem direkt auf der offiziellen Route. Es hat frostige 3°C, die Sonne blinzelte – perfektes Laufwetter.
Doch der Tag startet direkt mit einem Drama in drei Akten: Meine nagelneuen Leki-Trailrunningstöcke lassen sich einfach nicht auseinanderziehen. Nach dem fünften Einsatz schon festgefressen! Ich bin dezent angefressen, beruhige mich aber mit dem Gedanken: „Ach, bei den versprochenen 1.400 Höhenmetern brauche ich die eh nicht…“ Ein klitzekleiner Irrtum, wie sich noch zeigen wird.
Zu allem Überfluss schleppe ich noch eine leichte Erkältung und Husten mit mir herum. Der Plan steht fest: Gemütliches Wohlfühltempo ohne Druck im Komfortmodus. Da die Route ausschließlich im Uhrzeigersinn ausgeschildert ist, laufen wir genau in diese Richtung los.

Gipfel-Hopping von 1 bis 5
Wir rollen los, die Wege sind einfach zu laufen und erstaunlich trocken. So können wir uns voll auf die herrlichen Wälder konzentrieren. Leichte Waldwege wechseln sich mit Schotterpassagen im welligen Auf und Ab ab – so könnte es den ganzen Tag vorwärts gehen. Wir steuern direkt auf den Hausberg von Bodenmais zu:
- Der Silberberg: Normalerweise von Touristen überrannt, taucht die Sonne den Berg heute in ein herrliches Licht und wir haben ihn komplett für uns allein. Ein Traum!
- Der Riederinfelsen: Ein echtes Highlight, das man nur über eine stählerne Leiter erklimmen kann. Auf einer schmalen Felsspitze gelegen, war er früher nur für Kletterer erreichbar und ist heute ein absoluter Ruhepol.
- Der Kronberg: Ein idyllisches, einsames Gipfelkreuz mitten im Wald. Er ist mir völlig unbekannt und bietet zwar nur eine leichte Fernsicht, ist aber eine wunderschöne kleine Entdeckung. Ich bin schon jetzt positiv angetan!
- Die Harrlachberger Spitze: Hier wartet eine hervorragende Aussicht auf die gesamte Gebirgskette vom Eck bis zum Arber. Wir stoßen immer wieder auf Wanderer einer lokalen Wanderveranstaltung, wechseln ein paar Worte und erfreuen uns des Lebens. Die traumhaft gelegene Harrlachberger Alm lassen wir allerdings links liegen. Warum? Wir sind komplett durchgeschwitzt, haben keine Wechselkleidung im Rucksack und wollen nicht zum Eiszapfen mutieren. Frei nach dem Motto: Lieber leicht und schneller weiterlaufen, als für alles ausgerüstet und träge zu sein!
- Der Sternknöckel: Nun ja. Gewinnt definitiv keinen Schönheitspreis. Ein langweiliger Aufstieg durch einen Forst macht Nummer 5 zum uninteressantesten Abschnitt der Runde. Spätestens hier vermisse ich meine streikenden Stöcke schmerzhaft und stapfe bergauf deutlich langsamer als Andy. Laufen in der Ebene geht gut, die Trittsicherheit ist da, nur die Herzfrequenz muss wegen der Erkältung unten bleiben.


Willkommen im Winter-Wunderland (und in der Realität)
Vorbei am beeindruckenden Hochfall Wasserfall geht es nun an den längsten Aufstieg hinauf zum Goldsteig zwischen Enzian und Kleinem Arber. Das ist der trailigste Abschnitt der Tour. Hunderte von Höhenmetern machen schnell klar, dass die Prospekt-Angaben vorn und hinten nicht stimmen. Ich muss kämpfen, die Erkältung ist spürbar und ich nehme noch mehr Druck heraus, um den Körper zu schonen.
Ab ca. 900 Höhenmetern verwandelt sich die Landschaft in ein echtes Winter-Wunderland mit einer dünnen, aber geschlossenen Schneedecke. Nach vollen 7 Kilometern Dauer-Bergauf-Stapfen erreichen wir Gipfel Nummer 6: Den Kleinen Arber. Das ist mein absoluter Lieblingsarber, weil er einfach nicht so stark frequentiert ist. Hier hängen dicke Eiszapfen und ein garstiger Wind hat den Schnee in wilde, faszinierende Formen umgestaltet. Die Wolkendecke schließt sich langsam und das Licht der untergehenden Sonne wird rötlich.

Schnell weiter zur Chamer Hütte, wo uns die Wanderer für unsere dünnen Trailrunning-Klamotten etwas irritiert anschauen. Wir wechseln ein paar Worte, ziehen vorsorglich die warmen Jacken aus dem Rucksack und laufen weiter zum Großen Arber (Gipfel Nummer 7)! Oben angekommen, sehen wir tatsächlich noch die Alpen! Ein Sonnenuntergang über Schnee und Bergen – egal wie anstrengend es bis hierhin war: Dieser Moment entschädigt für alles und ist Grund genug für den ganzen Lauf. Da keine Bergbahn mehr fährt und es für normale Wanderer zu spät ist, sind wir die einzigen auf dem Gipfel. Der Wind pfeift allerdings so garstig, dass die Finger eiskalt werden und die Knie zittern. Also nichts wie runter.

Wer kann zählen? Das Finale im Dunkeln
Über verschneite und rutschige Pfade laufen wir abwärts und hinein in die Dunkelheit. Nach einem leichten Gegenanstieg stehen wir plötzlich im höheren Schnee vor einem weiteren Gipfelkreuz am Mittagsplatzl. Kurz nachgezählt: Eins, zwei, drei… das ist Gipfel Nummer acht! Ja, ich kann zählen, und ja, die 7 Summits haben anscheinend einen blinden Passagier. Wir genießen die – wegen der Dunkelheit nicht vorhandene – Aussicht auf den Arbersee und werfen einen letzten Blick auf das beleuchtete Bodenmais im Tal.

Andy packt seine Stirnlampe aus. Meine? Habe ich natürlich daheim vergessen. Also laufe ich im fahlen Schein seiner Lampe vorneweg. Nach einer Weile erreichen wir wieder schneefreies Gelände, das dafür mit viel Matsch und Eiswasser aufwartet. Gut, nun sind die Füße eben auch noch nass und kalt. Um das Ganze abzurunden, renne ich im Dunkeln prompt in einen Ast und ramme ihn mir direkt ins Auge. Autsch! Das Auge wird mir später daheim noch ordentlich schmerzen, aber zum Glück ist nichts Schlimmeres passiert.





Als uns die völlige Dunkelheit umschließt, wechseln wir endgültig ins Wandern, quatschen in aller Ruhe und erreichen etwas später als gedacht wieder unseren Parkplatz. Was für ein genialer, abwechslungsreicher Tag! Die Strecke ist so schön, dass die Route trotz aller Pannen sofort nach einer Wiederholung schreit.
Euer Thorsten






