„Die Städte wachsen, und die Häuser steigen.
Wir laufen durch die Straßen, suchen Licht
und finden unter Pflastersteinen Schweigen,
das uns von alten, fernen Zeiten spricht.“
— Erich Kästner („Großstadtgesang“)
Vorwort: Eine ungewöhnliche Idee am Kaffeetisch
Eine wirklich lustige und wunderbare Idee – die von meiner lieben Kollegin auf den Tisch gelegt wurde: Wir könnten doch einfach mal den Streckenverlauf der U-Bahnlinien oberirdisch ablaufen und so die Stadt aus einer völlig neuen Perspektive erkunden! Wie ich darauf geantwortet habe? Bin dabei, wann geht’s los?
Als Läufer liebt man gewöhnlich die schattigen Pfade in den Wäldern, verträumte Flusstäler oder knackige Trails im Mittelgebirge. Doch der Reiz des Urban Runnings liegt genau im Gegenteil: Im bewussten Wahrnehmen von Infrastruktur, Architektur und Stadtgeschichte, die man sonst nur im Vorbeifahren aus dem Fenster der Waggons wahrnimmt. Was als flüchtige Idee in einer Kaffeepause begann, entwickelte sich schnell zu einem akribisch geplanten Projekt.
Von der Straßenbahn zur Untergrundbahn: Die Nürnberger U-Bahn ist das jüngste der vier deutschen U-Bahn-Systeme (neben Berlin, Hamburg und München). Der erste Spatenstich erfolgte im Jahr 1967 am Bauernfeindstraße-Tunnel. Am 1. März 1972 wurde der erste Streckenabschnitt der U1 zwischen Langwasser Süd und Bauernfeindstraße feierlich eröffnet.
Städtebauliche Bedeutung: Das Netz verbindet heute nicht nur die beiden Großstädte Nürnberg und Fürth nahtlos miteinander, sondern erschließt historische Altstadtkerne, moderne Gewerbeparks, das Messezentrum sowie den internationalen Flughafen Albrecht Dürer.
Die Aufgabe: Das Nürnberger U-Bahn-Netz im Detail
Das U-Bahn-Netz in Nürnberg besteht aus drei Hauptlinien (U1, U2 und U3), die die Städte Nürnberg und Fürth verbinden. Es ist eines der modernsten Systeme in Deutschland, da die Linien U2 und U3 komplett fahrerlos betrieben werden.
Die Linien im Überblick
- U1 (Fürth Hardhöhe ↔ Langwasser Süd): Die längste und älteste Linie des Netzes (ca. 18,5 km). Sie verbindet das Fürther Stadtgebiet von der Hardhöhe über die Fürther Freiheit, durchquert die Nürnberger Altstadt (Lorenzkirche), passiert den Hauptbahnhof, die Messe Nürnberg und endet schließlich im Süden im Stadtteil Langwasser.
- U2 (Röthenbach ↔ Flughafen): Verläuft vom Südwesten (Röthenbach) über den Hauptbahnhof direkt zum Flughafen im Norden. Eine besonders wichtige Schienenanbindung: Vom Hauptbahnhof erreicht man den Flughafen in nur ca. 12 Minuten.
- U3 (Großreuth bei Schweinau ↔ Nordwestring): Die neueste Linie im Netz, die sich weite Teile der zentralen Stammstrecke (zwischen Rothenburger Straße und Rathenauplatz) mit der U2 teilt. Sie erschließt stetig wachsende Wohn- und Gewerbegebiete im Nürnberger Norden und Südwesten.
Technologischer Meilenstein: Unter dem Projektnamen RUBIN (Realisierung einer automatischen U-Bahn in Nürnberg) wurden die Linien U2 und U3 als erstes vollautomatisches U-Bahn-System Deutschlands realisiert, bei dem fahrerlose Züge und konventionelle Züge zeitweise auf derselben Stammstrecke im Mischbetrieb fuhren.
Sensorik & Sicherheit: Statt Bahnsteigtüren setzen die VAG Nürnberg und Siemens auf ein hochkomplexes Hochfrequenz-Radarsystem sowie Infrarotschranken im Gleisbereich, um Hindernisse im Gleisbett sofort zu erkennen und Notbremsungen auszulösen.
Zahlen und Fakten (Stand 2024/2026)
- Gesamtlänge: Ca. 42 km Streckennetz.
- Stationen: 49 barrierefreie U-Bahnhöfe.
- Besonderheit: Die U2 und U3 sind die ersten vollautomatischen U-Bahnen in Deutschland (RUBIN-Projekt).
Vorbereitung & Streckenplanung: Präzision vor Ästhetik
Also daheim hingesetzt, die Daten gesammelt und mit Komoot die Routen geplant. Dort werden sie glücklicherweise auf der Karte leicht angezeigt und ich konnte versuchen, die Laufstrecke so gut es geht exakt auf die unterirdische Linie zu legen, auch wenn es dann nicht immer eine Schauseite von Laufstrecke ergibt. Schönheit ist bei dieser Idee aber wahrlich kein Bestandteil! Genauigkeit ist hier viel entscheidender.
Wer Städte erläuft, merkt schnell: Straßennetze verlaufen selten starr parallel zu tief gebohrten Tunnelröhren. Oft mussten wir Haken schlagen, Kreuzungen überqueren, Gewerbegebiete umrundeten oder entlang von Bahnlinien auf schmalen Bürgersteigen laufen.
Unterwegs auf dem Asphalt: Gespräche, Pflaster & Stadtgeschichte
Ja, die Strecke war über weite Abschnitte hässlich – vorbei an Hauptverkehrsachsen, Parkplatzflächen, Lüftungsschächten der U-Bahn und Betonbauten. Aber die Zeit mit der Kollegin beim Durchqueren der Stadt hat sich mehr als gelohnt, weil die Gespräche einfach gut waren. Wenn der Untergrund starr und asphaltiert ist, rückt die Umgebung in den Hintergrund und der Austausch zwischen zwei Laufbegeisterten gewinnt eine eigene Dynamik.
Wir passierten die oberirdisch sichtbaren Eingänge der Stationen, machten kurze mentale Häkchen an den Bahnhofsschildern und staunten über die wechselnden Gesichter der Metropolregion – vom geschäftigen Treiben rund um den Nürnberger Hauptbahnhof über die historischen Sandstein-Ensembles der Altstadt bis hin zu den grünen Ausläufern in Langwasser oder den Pegnitzauen an der Stadtgrenze zu Fürth.
Historischer Verkehrskorridor: Die Verbindung zwischen Nürnberg und Fürth zählt zu den ältesten Verkehrswegen Deutschlands. Bereits 1835 fuhr hier mit dem „Adler“ auf der Ludwigseisenbahn die erste deutsche Eisenbahn.
Überlappung der Systeme: Die heutige U1 folgt zwischen Nürnberg Hauptbahnhof und Fürth Hauptbahnhof weitgehend der historischen Trassenführung der Straßenbahn bzw. der alten Eisenbahnlinie und bildet die verkehrstechnische Lebensader der Städteachse.
Am Ende standen über 42 Kilometer auf unseren GPS-Uhren – ein unechter, aber voller Urban-Marathon quer durch den Untergrund-Plan zweier Großstädte! Nun schielen wir schon in Richtung der Straßenbahnlinien…
Euer Thorsten

