Auf einen Blick:
- Datum: Freitag, 10. September 2021
- Strecke: 7,3 km
- Höhenmeter: +220 HM
- Dauer: ca. 2 Std. 30 Min.
- Begleitung: Meine Frau Mareike
- Charakter: Abenteuerliche Flussbett-Wanderung, steile Kraxeleien, surreale Kalkstein-Mergel-Formationen, versteckte Ruine
“Man muss reisen, um zu lernen.”
Mark Twain
Willkommen im Nirgendwo: Ein Flussbett im Wandel der Jahreszeiten
Auf der Suche nach einer abenteuerlichen Wanderung abseits der touristischen Hochburgen am Meer? Willkommen bei diesem kurzen, aber extrem wilden Ausflug durch das istrische Hinterland!
Unser Startpunkt liegt auf einer kleinen Schotterfläche irgendwo im Nirgendwo, oberhalb des Flusses Grdoselski Potok – dem Gewässer, dem wir in der zweiten Hälfte stromaufwärts folgen werden. Die erste Gumpe wartet direkt am Start auf uns.
Wie sich diese Wanderung anfühlt, hängt extrem von der Jahreszeit ab: Im Frühjahr oder nach ergiebigen Regenfällen führen die tiefen Naturpools kristallklares Wasser, die Wasserfälle stürzen ins Tal und bieten herrliche Bademöglichkeiten – nasse Füße sind dann garantiert! Im Spätsommer und Herbst hingegen sorgt die langanhaltende Hitze dafür, dass der Bach fast vollständig trockenfällt. Was erst einmal schade klingt, eröffnet ein ganz eigenes Abenteuer: Erst wenn das Wasser weg ist, lässt sich die Schlucht direkt im ausgetrockneten Flussbett durchwandern. Während der weiße Kalkstein im gleißenden Sonnenlicht strahlt, bleibt die Kulisse faszinierend und wild.

📌 Infobox: Das „Graue Istrien“ & der faszinierende Flysch
- Geologische Besonderheit: Während die bekannten Küstenregionen Istriens vom roten Boden (Rote Erde) und weißem Kalkstein geprägt sind, besteht das Hinterland rund um Pazin und Grdoselo vorwiegend aus Flysch (Mergel, Sand- und Tonstein). Wegen der gräulichen Färbung dieses Gesteins spricht man auch vom „Grauen Istrien“.
- Bizarre Landschaften: Der Flysch ist sehr weich, wasserundurchlässig und erodiert extrem schnell. Dadurch entstehen im Laufe der Zeit tief zerfurchte, karge Hügelketten – sogenannte Badlands –, die in starkem Kontrast zur sonst so üppigen Vegetation stehen.
- Dynamischer Wasserhaushalt: Da der Flysch kein Wasser speichert, reagieren die Bäche im Hinterland extrem dynamisch auf das Wetter: Nach Regenfällen schwellen die Rinnen binnen kurzer Zeit zu reißenden Bächen an, während sie in den heißen Sommermonaten fast vollständig austrocknen.

Mars-Landschaften und brennende Sonne
Auf steinigen, staubigen Forst- und Wanderwegen geht der erste Abschnitt zügig von der Hand. Nach etwas über zwei Kilometern stoßen wir auf die surreal wirkenden Kalkstein-Mergel-Formationen. Der Wanderweg führt mitten durch diese karge Landschaft aus tiefen Furchen, steilen Rängen und kahlen Hügeln. Man wähnt sich kurzzeitig auf dem Mars und nicht mitten im sonst so grünen Istrien. Der Schweiß rinnt in Strömen, während die Sonne gnadenlos vom Himmel brennt. Wie soll das erst morgen beim Wettkampf werden? Ich schiebe den Gedanken schnell zur Seite und genieße den Moment.

Über Grdoselo zur versiegten Malenica-Quelle
Das kleine Dorf Grdoselo ist schnell erreicht. In Istrien reiht sich eine winzige Siedlung an die nächste – ganz anders als die größeren Orte bei uns daheim.
Direkt nach einem Trafohäuschen liegt der versteckte Einstieg ins Flusstal: der eigentliche Abenteuerspielplatz unserer Tour. Wir tauchen ein in eine schwüle, tiefgrüne Flusslandschaft, die einen faszinierenden Kontrast zur ausgedörrten Umgebung bildet. Wir folgen dem Bachlauf bis zur Quelle des Malenica – samt liebevoll angelegter Holzschaukel, auch wenn die Quelle derzeit kein Wasser führt. Der Weg wird nun steiler und rutschiger. Zum Glück wurden die alten, baufälligen Holzbrücken von lokalen Wanderfreunden vor Kurzem ausgetauscht, sodass das Überqueren wieder richtig Spaß macht.


Ruine Zelengrad & Das Abenteuer im Flussbett
Vor der Mündung des Zuflusses steigen wir steil zur Ruine Zelengrad auf. Da von der einstigen Burgruine im Wesentlichen nur noch eine einzige Außenmauer steht (die man allerdings erklettern kann), verweilen wir nicht lange und steigen sehr steil direkt hinab in das ausgetrocknete Hauptflussbett des Grdoselski Potok.
Was folgt, ist ein absolutes Wander-Highlight: Wir laufen direkt im steinigen Flussbett stromaufwärts! Wir springen über Felsblöcke, passieren verwaiste Naturpools und klettern an einer tieferen Gumpe an der Felswand entlang. Wir suchen die spärlichen Markierungen und genießen jeden Meter. Eine der spektakulärsten und abenteuerlichsten Wanderungen, die Mareike und ich je erleben durften. Wow!

💡 Equipment- & Schuh-Tipp: Untergrund & der richtige Grip
Der Untergrund auf dieser Runde ist extrem vielseitig und tückisch: Feiner, trockener Mergelstaub wechselt sich mit glatten, rundgeschliffenen Felsblöcken im Flussbett und steilen, feuchten Erdeinlagen ab.
Für solche Abenteuer-Wanderungen nutze ich am liebsten griffige Trailrunningschuhe mit einer tiefen Profilsohle (z. B. mit Vibram-Grip). Sie bieten auf trockenem Staub und glatten Steinen den perfekten Halt und lassen den Fuß flexibel arbeiten, wenn es im Flussbett ans Kraxeln geht. Klobige Wanderstiefel braucht man für diese Tour meiner Meinung nach definitiv nicht – leichte, griffige Schluppen reichen völlig aus und machen auf den Kraxelpassagen einfach deutlich mehr Spaß!
Inspiration & Dank: Der Rother Wanderführer „Istrien“
Auf dieses versteckte Naturjuwel aufmerksam geworden sind wir übrigens durch den Rother Wanderführer „Istrien“ aus dem Bergverlag Rother. Das Buch war für unsere Tourenplanung im Hinterland ein absoluter Glücksgriff: Die Tour ist herausragend gut recherchiert und so detailliert geschildert, dass man sich selbst auf kniffligen Kraxelpassagen bestens orientieren kann. Dazu punktet der Führer mit wertvollen Hintergrundinformationen zu Geologie, Geschichte und Kultur der Region. Wer Istrien abseits der ausgetretenen Pfade am Meer entdecken will, kommt an diesem Standardwerk nicht vorbei!
📲 GPX-Track & Route auf Outdooractive
Da die Markierungen vor Ort sehr spärlich und in den Flussabschnitten kaum vorhanden sind, ist eine Orientierung per GPS dringend zu empfehlen. Scanne einfach den QR-Code mit deinem Smartphone, um direkt zu meiner Tour auf Outdooractive zu gelangen und den Track herunterzuladen:

Euer Thorsten


