„Wer die eigene Grenze anerkennt, besitzt die Freiheit, sie zu einem anderen Zeitpunkt neu zu ziehen.“
— Johann Wolfgang von Goethe
Wenn die Hitze das Kommando übernimmt
Es gibt solche und solche Tage im Läuferleben. Und heute ist definitiv einer jener Tage, die absolut nicht nach Plan verlaufen.
Schon vor dem Start war klar: Es wird heiß. Bis zu 27 °C im Schatten waren vorhergesagt – wobei die Formel auf dem Trail schlicht lautet: Wer den Schatten findet, darf ihn behalten! Ich habe mich eigentlich vorbildlich vorbereitet: brav und viel getrunken (und zwar keineswegs nur reines Wasser), reichlich Sonnencreme aufgetragen und eine ordentliche Kopfbedeckung aufgesetzt. Nutzt nur alles nichts, wenn der Motor von innen heraus kollabiert.
Das 2013 gegründete Event 100 Miles of Istria (heute Istria 100 by UTMB) ist Kroatiens größtes Trailrunning-Spektakel. Die Rennstrecken führen quer über die Halbinsel von Südosten nach Nordwesten – vorbei an verkarsteten Gebirgen, feuchten Flysch-Gräben und mittelalterlichen Festungsstädten bis ans Meer nach Umag.
Mich verbindet eine lange Geschichte mit dem Event: Ich absolvierte bereits erfolgreich den Green Course sowie die 171 km lange Königsdistanz Red Course. Die Strecken erfordern Trittsicherheit auf Kalkstein und akribisches Flüssigkeitsmanagement.
Druck auf den Ohren & Warnsignale hinter Motovun
Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen heizte sich der Körper mit jedem Kilometer unerbittlich weiter auf. Schon nach dem ersten Verpflegungspunkt am Stausee Butoniga war zu spüren, wie aggressiv die Sonne brannte. Auf dem Weg zum zweiten VP hinter der malerischen Kulisse von Motovun setzten die Probleme dann richtig ein: Druck auf den Ohren, eine leichte Orientierungslosigkeit und – noch viel schlimmer – eine massive Übelkeit, sobald ich nur einen Schluck trinken wollte.
Dabei lagen die meisten Höhenmeter eigentlich schon hinter mir. Die Strecke wäre ab jetzt flüssiger und einfacher zu laufen gewesen. Doch die verbleibenden Höhenmeter hätte ich in der immer noch drückenden Hitze fast vollständig auf dem Weg zu VP3 bewältigen müssen.

Stausee Butoniga (Jezero Butoniga): Dieser 1988 fertiggestellte künstliche Stausee im zentralen Hinterland Istriens dient als wichtigstes Trinkwasserreservoir der Region. Die baumlosen Uferzonen und flachen Erdwälle verwandeln das Becken an heißen Sommertagen in einen thermischen Kessel ohne jeglichen Windschutz.
Festungsstadt Motovun: Das weltberühmte Kulturdenkmal thront auf einem 277 Meter hohen Steilhügel über dem Mirna-Tal. Geprägt von einer doppelten Ringmauer aus der venezianischen Epoche (13./14. Jahrhundert), gilt Motovun als Herzstück der istrischen Trüffelregion. Der historische Aufstieg über Pflastersteine ist landschaftlich spektakulär, verlangt Läufern bei Hitze jedoch einiges an Energie ab.
Der Schatten der Vergangenheit: TGC-Erinnerungen
In solchen Momenten schaltet sich der Kopf ein. Mir hängt noch immer das damalige Finish beim Transgrancanaria (TGC) tief im Gedächtnis – inklusive Wasservergiftung, temporärem Hörverlust und Sehstörungen im Zielbereich. Damals hatte ich den Wettkampf zwar irgendwie über die Ziellinie gewandert, aber um welchen Preis? Mit welchem unverantwortlichen Risiko?
Wäre es hier möglich gewesen, das Ding im Zeitlimit irgendwie ins Ziel zu wandern? Wahrscheinlich schon. Aber will ich das? Definitiv nein!
Ich habe meiner Frau versprochen, immer auf mich aufzupassen – und dieses Versprechen schließt selbstverständlich auch den Sport mit ein. Finisher-Medaillen sind wertlos, wenn man dafür seine Gesundheit aufs Spiel setzt.
Wärmestau & Überhitzung: Bei extremer Sonneneinstrahlung und hohen Umgebungstemperaturen stoßen die körpereigenen Kühlungsmechanismen (Schweißverdunstung) an Grenzen. Steigt die Kernkörpertemperatur ungehindert an, folgen Koordinationsstörungen, Druckgefühl im Kopf und drastische Leistungseinbrüche.
Hyponatriämie (Wasservergiftung): Trinken Läufer bei starkem Schweißverlust exzessiv elektrolytarmes Wasser, fällt der Natriumspiegel im Blut stark ab. Dies führt zu intrazellulären Ödemen, Übelkeit, Sehstörungen und Hörverlust. Tritt beim Trinken plötzlicher Ekel oder Übelkeit auf, ist dies ein klares Notsignal des Körpers.
Abschied aus Istrien & Danke an die Helfer
Heute sage ich diesem wunderschönen Ultratrail in Istrien vorzeitig Auf Wiedersehen. Ich habe mich direkt beim Orga-Team ordnungsgemäß abgemeldet, damit niemand im Feld nach mir suchen muss.
Auch wenn das Rennen für mich früher zu Ende war als erhofft: Ein riesiges Dankeschön geht an all die freundlichen, lieben Helferinnen und Helfer an den VPs und an der Strecke!
Euer Thorsten
📌 TSV Katzwang 05 ULTRASPORT: Dieser Beitrag ist Teil der vielfältigen Aktivitäten rund um die Ultrasportabteilung. Eine Gesamtübersicht aller unserer Ausflüge und Touren findest du hier: ☛ TSV Katzwang 05 ULTRASPORT
Tritt ein Läufer während eines Ultratrails aus (DNF – Did Not Finish), muss der Ausstieg ausnahmslos an einer offiziellen Stelle (erfährt man im Vorfeld) gemeldet werden. Die Meldung schützt vor Fehlalarmen und unnötigen Suchaktionen der Bergrettung. Die Rückführung ins Hauptzielareal (in diesem Fall Umag) erfolgt über organisierte Rücktransport-Shuttles oder den Besenwagen der Rennorganisation.


