Auf einen Blick
- Samstag, 2. Oktober 2021
- 145-150 km
- ca. 580 HM
„Heute abend hätte ich können in Verona sein, aber es lag mir noch eine herrliche Naturwirkung an der Seite, ein köstliches Schauspiel, der Gardasee, den wollte ich nicht versäumen, und bin herrlich für meinen Umweg belohnt.“
"Italienische Reise" von Johann Wolfgang von Goethe
📌 Infobox: Der Gardasee – Historie, Natur & Wirtschaft
- Geografie & Natur: Der Lago di Garda ist mit 370 km² der größte See Italiens. Er wurde in der Eiszeit durch den Etschgletscher geformt. Im Norden prägen steile, alpine Felswände der Gardaseeberge das Bild, während sich der Süden flach in die Po-Ebene öffnet. Das submediterrane Mikroklima sorgt für milde Winter und heiße Sommer.
- Historie: Von den Römern (Lacus Benacus) über die Herrschaft der venezianischen Skaliger bis hin zu den napoleonischen Kriegen war der See strategisches Nadelöhr zwischen Nord- und Südeuropa. Davon zeugen noch heute imposante Skaligerburgen wie in Malcesine oder Sirmione.
- Wirtschaft: Tourismus ist der dominierende Wirtschaftsfaktor der Region. Landwirtschaftlich ist der Gardasee berühmt für seinen Olivenanbau (nördlichstes Olivenanbaugebiet Europas), den Zitronenanbau (Limonaien) sowie Spitzengewächse des Weinbaus (z. B. Bardolino, Lugana).
📌 Infobox: Die Seeumrundung – Klassiker auf Rädern, Exot für Läufer
- Der Mythos auf Rädern: Die Gardesana-Uferstraßen (SS249 im Osten, SS45 im Westen) zählen zu den legendärsten Panoramastraßen Europas. Jährlich umrunden Zehntausende Rennradfahrer, Biker und Autofahrer den See auf den Spuren der Klassiker-Touren.
- Zu Fuß um den Gardasee? Während Rad-Marathons oder Trailruns in den Bergen rund um den See (wie der Garda Trentino Trail) etabliert sind, ist eine Nonstop-Laufumrundung direkt am Ufer (ca. 150 km) ein absolutes Raritäts- und Pionier-Projekt. Google und Lauf-Datenbanken schweigen sich zu Nonstop-Laufversuchen entlang der Küste weitgehend aus. Das Fehlen durchgehender Gehwege und die langen Autotunnel machen die Laufumrundung an einem Stück zu einer extrem seltenen, privat organisierten Grenzerfahrung.
Die Geburtsstunde einer Verrücktheit: Idee auf einer Papierserviette
Wie kommt man eigentlich auf die Idee, den gesamten Gardasee am Stück zu Fuß zu umrunden? Ganz einfach: Durch eine Papierserviette!
Das ist vielleicht nicht der gewöhnlichste Ursprung für ein solches Ultra-Abenteuer, aber definitiv einer der besten. Flo saß an seinem Lieblingssee – seiner zweiten Heimat am Gardasee – in einem Restaurant und las auf seiner Serviette die gedruckten Fakten zum See durch. Ein Wert stach sofort ins Auge: Küstenlänge 160 km. Verdammt lang, aber keineswegs unmöglich! Der Samen war gepflanzt. Es wurde viel diskutiert, geplant und gedanklich feingeschliffen. Gut ein Jahr später sollte die Idee schließlich Realität werden.

Unbekanntes Terrain & Das Morgenspaziergang-Trio
Zu dritt machten wir uns an das Projekt: Flo, Hansi und meine Wenigkeit – das komplette „Morgenspaziergang-Team“ war am Start! Im Hintergrund hatten wir großartige Unterstützung durch meine liebe Mareike und Flo’s wunderbare Mama Brigitte.
Bei der Recherche zeigte sich schnell: Mit dem Rad oder Auto haben viele den See umrundet, aber laufend? Google schwieg sich aus. Auf Strava gab es zwar einen Planungs-Track, aber keine gelaufene Einheit. Wir betraten also echtes Neuland – ein Umstand, der unseren Ansporn nur noch mehr anstachelte. Ich liebe es einfach, solche Projekte von Grund auf zu planen, Verpflegungspunkte zu tüfteln und Ausrüstung abzuwägen.
Unser Hauptquartier bezogen wir auf einem malerischen Weingut bei Torbole – fantastischer Wein, frisch renovierte Zimmer und beste Laune inklusive. Für die Regeneration im Anschluss war bereits ein Hotel in Bardolino gebucht, schließlich sollte der Müßiggang nicht zu kurz kommen.

Die Hürden der Streckenplanung & Der Routen-Wechsel
Eine Seeumrundung klingt auf der Karte simpel: Immer am Ufer entlang. Die Realität sah deutlich komplexer aus. Nicht überall gibt es Gehwege, Sirmione bildet einen langen Stichweg, Privatgrundstücke versperren Küstenabschnitte und bei Riva fallen die Felswände senkrecht ins Wasser.
Ursprünglich sah unsere Planung vor, die felsige Nord- und Westhälfte über technische Wanderwege im Gebirge zu umgehen (mit gut 3.300 HM und 160 km). Doch während des Laufs reifte die Erkenntnis: Im kaputten Zustand nachts über steile Bergsteigen zu wandern, war schlicht zu gefährlich. Aus Sicherheits- und Kräftegründen entschieden wir uns daher für die flache Variante direkt entlang der Wasserlinie über die Uferstraße und durch die berüchtigten Tunnels der Gardesana. Um dem Verkehr in den engen Röhren am Ostufer zu entgehen, setzten wir die Startzeit unerbittlich auf 4:00 Uhr morgens fest.
🎒 Infobox: Mein Fastpacking-Setup (Ultimate Direction Fastpack 30)
Während Flo und Hansi mit leichten Trailrucksäcken liefen und auf Dropbags setzten, wollte ich das Projekt vollautark absolvieren:
| Kategorie | Ausrüstungsgegenstände |
| Flüssigkeit & Verpflegung | 2-Liter-Trinkblase, Riegel-Vorrat für die Nacht, Salztabletten |
| Bekleidung | Regenjacke, warmes Oberteil, dünne Handschuhe, Lauf-Tight, frisches Wechsel-Shirt, Buff |
| Sicherheit & Nacht | Stirnlampe + Wechselakku, leuchtstarke Warnweste, blinkendes Rücklicht |
| Elektronik & Personalien | Powerbank + Ladekabel, Smartphone, GoPro, Geld, Personalausweis, Corona-Maske |
| Pflege & Sonstiges | Papiertaschentücher, Glücksbringer (Geschenk von Mareike außen am Rucksack) |
⚠️ Sicherheits-Warnbox: Nachtpassage auf der Gardesana Occidentale
- Höchste Vorsicht: Die Gardesana ist eine viel befahrenen Hauptverkehrsstraße ohne durchgehenden Fußgängerweg!
- Nur in der Nacht laufen: Das Durchqueren der Tunnels zu Fuß ist nur in den verkehrsarmen Nachtstunden vertretbar.
- Sicherheitsausrüstung Pflicht: Leuchtstarke Stirnlampen, rote Blink-Rücklichter, Reflektoren und eine reflektierende Warnweste über dem Rucksack sind zwingend erforderlich.
- Verhaltensregeln: Stets konsequent gegen den Verkehr laufen. Vor unbeleuchteten oder unübersichtlichen Kurven in Tunnels anhalten und Scheinwerfer abwarten, um Autofahrer nicht zu überraschen oder zu blenden.
- Rechtliches: Prüft immer erst den aktuellen Stand der Verkehrsregeln, bevor ihr die Tunnel betretet – hier kann es zu Änderungen kommen.

Start um 4 Uhr morgens: Scheppernde Platten & Reiz der Nacht
Um 3:00 Uhr morgens scheuchte uns der Wecker aus den Betten. Ein schneller Kaffee, das Frühstück wollte noch nicht recht runter, und kurz nach 04:00 Uhr ging es hinaus in die stockdunkle Nacht von Torbole in Richtung Malcesine.
Die Straßen waren absolut leer. Wir genossen die nächtliche Stille und das Rauschen der Wellen zu unserer Rechten. Auf der Gardesana Orientale passierten wir abenteuerliche Abschnitte: Freischwebende Fußgängerstege aus Metallbrettern, die auf eigene Gefahr genutzt werden, schepperten unter unseren Schritten im Schein der Stirnlampen. Ein magisch-aufregender Auftakt!
Vorbei an der dunklen, unbeleuchteten Burg von Malcesine ging es weiter Richtung Torri del Benaco – zwei Orte, die ich von einem anderen Laufprojekt in sehr guter Erinnerung behalten habe: Sea to Sky to Sea – während im Osten langsam die ersten Sonnenstrahlen das Himmelszelt erhellten.

🥛 Praxis-Tipp: Verpflegungs-Logistik & Öffnungszeiten am Gardasee
- Tag vs. Nacht: Tagsüber ist die Dichte an Supermärkten und Cafés an der Promenade enorm. Nachts bricht die Versorgung jedoch komplett ein.
- Achtung bei Tankstellen: Italienische Tankstellen besitzen nachts im Gegensatz zu Deutschland meist keine geöffneten Shops, sondern reine Kassenautomaten. Genügend Eigenverpflegung und Flüssigkeit für die Nachtstunden sind Pflicht!
- Wasserquellen nutzen: In fast allen Ortschaften gibt es öffentlich zugängliche Trinkwasserbrunnen (Fontanelle). Hier lassen sich Softflasks und Trinkblasen kostenlos nachfüllen.

Frühstücken mit Hindernissen & Reifende Kilometer
Flo kämpfte am Morgen mit Magenproblemen, weshalb wir das Tempo anpassten und ihm die nötige Zeit gaben. Zu dritt gestartet, zu dritt ins Ziel – das war unser eiserner Grundsatz!
In Torri del Benaco gestaltete sich die Verpflegungssuche schwierig: Kein Supermarkt in Sicht und im einzigen offenen Café wurden wir von der Bedienung schlichtweg ignoriert. Kurzentschlossen verlegten wir das Frühstück nach Garda. Entlang der Hauptstraße, teils auf schmalen Simsen direkt am Wasser oder durch tiefen Schotter, machten wir Kilometer. Die italienischen Autofahrer erwiesen sich dabei als überraschend rücksichtsvoll und entspannt.
In Garda gab es endlich die ersehnte Stärkung: Ein lokaler Supermarkt versorgte uns mit Fanta Lemon, Cola, Schokohörnchen und einem riesigen Frische-Baguette. Eine nette ältere Dame beobachtete uns am Seeufer ungläubig: „Ihr umrundet den See? Zu Fuß? Wo sind eure Fahrräder?!“

Hitze, Menschenmassen & Der Tiefpunkt am Südufer
Entlang der traumhaften Promenaden über Bardolino nach Lazise traf uns der volle Touristen-Trubel. Schlangenlinien-Laufen durch Menschenmassen, brütende Hitze und keine freien Toiletten – die Ruhe der Nacht fehlte uns spürbar.
Auf dem Weg nach Peschiera setzte mir die Sonnenhitze ordentlich zu. Ich fiel etwas zurück, behielt die Jungs aber immer in Sichtweite. Nach einer kurzen Pause an einem Trinkwasserbrunnen am Hafen glichen wir die Energietanks in einer kleinen Strandbar bei Sandwiches und kalter Limonade aus. Auch Flo nutzte die Pause, um sich erschöpft ins Gras zu legen.
Über Nebenstraßen umgingen wir die Sirmione-Halbinsel und steuerten Salò an. Mit schwindenden Kräften und fortschreitender Dämmerung ging es über den Hügel von San Felice del Benaco. Über Feld- und Schotterwege bahnten wir uns im Licht der Stirnlampen den Weg. Da die Zeit knapp wurde, rief ich Mareike an, die in letzter Minute kurz vor Ladenschluss die Nacht-Verpflegung für uns im Supermarkt kaufte – ein Retter in der Not!
Unterhalb von Salò schlängelte sich die Straße in endlosen Serpentinen durch den Abendverkehr hinab zum Hafen. Ein spektakulärer, aber hochgefährlicher Abschnitt, bei dem höchste Vorsicht geboten war.


Tunnels statt Bergpässe: Die Nacht auf der Gardesana Occidentale
In Salò trafen wir auf unsere Supporterinnen und stärkten uns bei einem gemütlichen Abendessen. Hier fiel die endgültige Entscheidung: Wir laufen die berüchtigte Gardesana Occidentale bei Nacht durch die Tunnels!
Mit Warnweste als Schlussläufer, reflektierender Kleidung und blinkenden Rücklichtern machten wir uns gegen Mitternacht auf den Weg. Wir wollten das nächtliche Verkehrsminimum ausnutzen.
Was folgte, war ein wildes, fast surreales Abenteuer:
- Wir liefen konsequent gegen den Verkehr.
- Vor unbeleuchteten oder kurvigen Tunnels warteten wir kurz, bis Scheinwerfer passiert waren.
- Im längsten Tunnel (über 3 km!) hallten unsere Stimmen beim Singen von „Highway to Hell“ und „Stairway to Heaven“.
- Zwei Streifen der Carabinieri passierten uns wortlos – das Spektakel schien niemanden zu wundern.

Schattenseiten der 150 km: Die persönlichen Krisen unseres Trios
Auf einer Extremdistanz wie den 150 Kilometern um den Gardasee bleibt niemand von Tiefpunkten verschont. Die Strapazen trafen jeden von uns dreien auf ganz eigene Weise und stellten unser Trio phasenweise auf eine harte Probe:
- Flo: Kämpfte bereits seit den frühen Morgenstunden mit hartnäckigen Magenproblemen und absoluter Appetitlosigkeit. Stundenlang fast ohne feste Nahrung unterwegs zu sein, raubte ihm massiv Körner. Immer wieder zwangen ihn Erschöpfungsschübe zu Gehpausen und kurzen Schlaf-Stopps auf Rasenflächen oder im Auto.
- Thorsten: Mein stur mitgeführter, vollgepackter 30-Liter-Fastpack forderte mit den Kilometern seinen Tribut und hinterließ schmerzhafte Spuren am Rücken. Zudem setzte mir die Sonnenhitze am Südufer extrem zu – ein mentales Tief, bei dem ich mich völlig in mich selbst zurückzog und zeitweise einfach nur stumm für mich laufen wollte.
- Hansi: Über drei Viertel der Strecke wirkte er wie der absolute Fels in der Brandung und schien von der Distanz völlig unbeeindruckt. Doch die schlaflose Nacht, die Monotonie und die harten Asphaltkilometer durch die Tunnels forderten schlussendlich auch bei ihm ihren Tribut, sodass er auf den letzten Kilometern vor Limone spürbar angeschlagen war.
- Die Belastungsprobe für das Team: Wenn Müdigkeit und Schmerzen überhandnehmen, leidet die Rücksichtnahme. Auf den steilen Serpentinen oberhalb von Salò riss der Sichtkontakt zwischenzeitlich ab, weil die Tempovorstellungen und die Sehnsucht nach Gehen versus Traben auseinanderdrifteten. Am Ende überwog jedoch der Teamgeist: Wir haben uns wieder gesammelt, aufeinander gewartet und das Projekt gemeinsam zu Ende gebracht.
Der Schlusssprint über den Skywalk nach Riva
Gegen 05:00 Uhr morgens erreichten wir das Verpflegungs-Depot in Limone, das Mareike für uns eingerichtet hatte. Nach ein paar Minuten nahrhafter Ruhe im Stehen ging es auf die letzten Kilometer.
In Limone wartete ein absolutes Highlight auf uns: Der spektakuläre, freischwebend an der Felswand aufgehängte Rad- und Gehweg! Das Glitzern des Wassers im ersten Dämmerlicht war die Entschädigung für alle Strapazen.
Der letzte lange Tunnel vor Riva verlangte uns noch einmal alles ab. Auf schmalen Betonsimsen schlängelten wir uns an den Pfosten vorbei, ehe uns das Tageslicht am Ortseingang von Riva del Garda wieder in die Arme schloss.
Gegen 07:15 Uhr morgens schloss sich der Kreis. Über 150 Kilometer, rund 27 Stunden unterwegs. Eine lange Umarmung, unendliche Erleichterung und ein kühles Weizenbier am Morgen besiegelten ein unvergessliches Abenteuer.
📲 GPX-Track & Route auf Outdooractive
Scanne einfach den QR-Code mit deinem Smartphone, um direkt zur Tour auf Outdooractive zu gelangen und den Track für deine GPS-Uhr herunterzuladen: (Hinweis: Die GPX-Datei entspricht nicht der von uns gelaufenen Tunnel-Variante entlang des Ufers, sondern der ursprünglichen Planung).

Euer Thorsten


