„Das Gipfelglück ist nur ein Wunsch der Untengebliebenen.“
— Reinhold Messner
Der Vorlauf: Eine Reise durch die Zeit und das Wachsen an Herausforderungen
Mein erster und bis dato einziger Start beim Transalpine Run liegt lange zurück – es war im Jahr 2016. Gefühlt ist das ein anderes Leben, gelebt in einer völlig anderen Zeit. Seitdem ist unendlich viel Wasser die alpinen Täler hinuntergeflossen, und wie die alte Weisheit schon besagt: Man steigt nie zweimal in denselben Fluss. Weder privat noch beruflich und erst recht nicht im Laufsport.
Mein Leben ist nicht mehr das von damals. 2016 war der TAR absolutes Neuland für mich: Mein erster echter Etappenlauf, echtes Trailrunning in den hochalpinen Zonen der Alpen, schier unendliche Höhenmeter und eine Veranstaltung, die mich zum damaligen Zeitpunkt schlichtweg überfordert hatte. Mit unbändigem Willen und an der Seite meines großartigen Laufpartners und lieben Freundes Andy konnte ich den Transalpine Run damals zwar finishen – rückblickend war ich auf diese physische und mentale Extrembelastung im Grunde genommen jedoch unzureichend vorbereitet.
Die reine Grundschnelligkeit von 2016 mag heute vielleicht nicht mehr in den Beinen stecken, aber die extrem langen Kanten laufen sich inzwischen spürbar leichter. Mein Bewegungsapparat kommt mit den stundenlangen Belastungen heute bedeutend besser klar, die Uphills sind flüssiger und fallen mir leichter, meine Schritte im technischen Gelände setzen sich viel sicherer, und der Kopf hat gelernt, gelassen mit unvorhergesehenen Herausforderungen umzugehen. Gleichzeitig ist aber auch dieser sture, unbeugsame Wille, um absolut jeden Preis finishen zu müssen, in diesem extremen Ausmaß gewichen – Platz gemacht für eine tiefere Lauffreude und ehrliche Dankbarkeit für jeden schmerzfreien Schritt in der Natur.

Vor dem Aufbruch ins Abenteuer: Von der Vision zur gemeinsamen Startlinie
Mein anderer lieber Laufpartner und sehr guter Freund Flo trug schon seit langer Zeit den Wunsch in sich, gemeinsam mit mir eine Alpenüberquerung zu wagen. In seinen Gedanken schwebte ihm dabei vor allem eine völlig selbst organisierte Fastpacking-Tour vor – mit leichtem Gepäck von Hütte zu Hütte. Ich hatte dazu jedoch eine andere Haltung: Ich wollte eine solche Transalp zuerst im Rahmen einer organisierten Veranstaltung angehen. Für mich stellte der TAR eine Art geschützten Schonraum mit verlässlicher Infrastruktur und Support dar. Ein ideales Testfeld, um herauszufinden, was für uns beide in diesem extremen Terrain realistisch machbar ist, wo die individuellen Stärken und Schwächen im hochalpinen Gelände liegen und wie wir Distanzen sowie Höhenmeter am Berg realistisch einschätzen können, bevor wir uns an ein autarkes Eigenprojekt wagen.
Dieses Vorhaben hatten wir zum ersten Mal bereits im Jahr 2021 gemeinsam besprochen, allerdings bald feststellen müssen, dass 2022 sich zeitlich nicht anbietet – und nun ist es soweit.
Was ist der Transalpine Run? – Die Magie der alpinen Etappen-Königsklasse
Der Transalpine Run (TAR) gilt völlig zu Recht als eines der legendärsten, aber auch unerbittlichsten Etappenrennen in der weltweiten Trailrunning-Szene. Die Grundidee hinter diesem Event ist ebenso simpel wie gewaltig: Die Alpen aus eigener Muskelkraft zu Fuß zu überqueren. In der Regel treten die Läuferinnen und Läufer dabei in Zweierteams an – ein einzigartiges Konzept, das den TAR von fast allen anderen Ultra-Events unterscheidet. Auf den schmalen Pfaden und ausgesetzten Graten entscheiden nicht nur Physis und Ausdauer, sondern vor allem blinder Teamgeist, gegenseitiges Vertrauen, Empathie und das unablässige Zusprechen über Schmerz, Blasen und tiefste mentale Erschöpfung hinweg.
Innerhalb von sieben Tagen gilt es, eine gewaltige Distanz von rund 250 bis 300 Kilometern und heftige 15.000 Höhenmeter im Auf- und Abstieg zu bezwingen. Die Streckenführung wechselt von Jahr zu Jahr und führt die Athletinnen und Athleten über spektakuläre Single-Trails, technisch hochanspruchsvolle Pässe und durch einsame, malerische Hochtäler. Je nach Austragung quert der TAR unterschiedliche Länderkulissen: Führt die klassische Nord-Süd-Route wie bei meiner Premiere im Jahr 2016 noch von Deutschland über Österreich bis nach Italien, so führte uns der Kurs bei der Auflage 2023 von Österreich über die Schweizer Alpen bis zum südtiroler Zieleinlauf in Italien.
Wer hier in Prad oder den jeweiligen Zielorten den letzten Bogen durchläuft und finisht, bezwingt nicht nur gigantische Massive, sondern wächst sportlich – und vor allem persönlich – weit über sich selbst hinaus.
Seit 2005 ein Maßstab: Der Transalpine Run wurde 2005 ins Leben gerufen und prägte das alpine Etappen-Trailrunning maßgeblich. Das ursprüngliche Reglement sah aus Sicherheitsgründen die reine Zweier-Teamkonstellation (Herren, Damen, Mixed, Master & Senior Master) vor, damit Läufer in Notfallsituationen im hochalpinen Gelände nie auf sich allein gestellt sind. Mittlerweile wird das Feld auf ausgewählten Etappen durch Einzelstarter-Kategorien ergänzt.
Anforderung & Cut-Offs: Das Absolvieren von durchschnittlich 35 bis 45 Kilometern sowie 2.000 Höhenmetern pro Tag erfordert ein striktes Regenerations- und Verpflegungsmanagement zwischen den Etappen. Die Veranstalter setzen enge Zeitlimits (Cut-Off-Zeiten) an den Verpflegungspunkten, um die Sicherheit des Feldes bei Wetterumstürzen im hochalpinen Terrain zu garantieren.
Die Unterkünfte: Eine organisatorische Herkulesaufgabe am Berg
Mit der Umstellung der Route auf das moderne Etappenkonzept forderte PlanB, der erfahrene Veranstalter des Transalpine Run (TAR), die Teilnehmerinnen und Teilnehmer organisatorisch weit mehr als noch bei meiner Erstteilnahme im Jahr 2016. Kurz nach der erfolgreichen Anmeldung Ende des letzten Jahres begann für mich bereits die intensive und zeitaufwendige Suche nach geeigneten Unterkünften für die gesamte Laufwoche.
Beim Festlegen der Übernachtungen gab es zwei essenzielle, absolut unverzichtbare Vorgaben:
- Direkte Nähe zum Start- und Zielgelände: Nach 30 bis 45 absolvierten Kilometern und bis zu 2.800 Höhenmetern im hochalpinen Terrain kommt man völlig erschöpft und körperlich geschlaucht an. Der Tagesablauf ist denkbar eng getaktet: Ankommen, zügig in die Unterkunft gelangen, duschen, frische Kleidung anziehen, zur täglichen Abendveranstaltung samt Pasta-Party und Briefing für den Folgetag aufbrechen, Abendessen genießen und zügig zurück ins Bett. Lange Transferwege oder komplizierte Anfahrten fallen aus Zeit- und Energiegründen schlichtweg aus.
- Zuverlässiges, reichhaltiges Frühstück: Ein energie- und kohlenhydratreiches Frühstück zu sportlerfreundlichen Uhrzeiten bildet die Grundlage, um die täglichen Belastungen im hochalpinen Gelände überhaupt schadlos zu überstehen.
Eigentlich sollte eine solche Buchung im Zeitalter digitaler Buchungsplattformen keine unlösbare Aufgabe darstellen. Die Realität in den touristisch hochfrequentierten Alpentälern sah jedoch ernüchternd aus: Die einschlägigen Hotelportale konnten in etlichen Etappenorten schlichtweg keine freien Kapazitäten anbieten. Und dort, wo Unterkünfte verfügbar waren, schlug einem eine unverschämte, extrem überzogene Preisgestaltung entgegen. Auf regulärem Weg ließen sich so lediglich 5 der insgesamt 8 benötigten Übernachtungen sichern.
Um das Logistik-Debakel zu lösen, blieb nur die echte Handarbeit: Ich öffnete Google Maps, suchte systematisch alle verzeichneten Gasthöfe, Pensionen, Ferienwohnungen und Hotels entlang der Route manuell heraus und kontaktierte sie einzeln per E-Mail oder Telefon. Ein extrem mühseliger und zeitintensiver Weg, der letztendlich aber – mit Ausnahme der Zielunterkunft am letzten Tag – von Erfolg gekrönt war.
Die für die erste Übernachtung gebuchte Unterkunft im mondänen Lech am Arlberg stornierten wir kurz vor dem Startschuss wieder. Wir trafen die spontane Entscheidung, die Nacht direkt am Startort im Dachzelt auf dem Auto zu verbringen – ein unkompliziertes Open-Air-Abenteuer, das sich finanziell mehr als gelohnt hat.
Die verbleibenden gebuchten Unterkünfte erwiesen sich durchweg als gut bis herausragend. Allen voran die wunderschöne Villa Waldkönigin in St. Valentin auf der Haide: Mit ihrem großzügigen Wellnessbereich zur Muskelregeneration, dem exzellenten Service und einem erstklassigen Frühstück stach sie als absolutes Highlight hervor. Eine deutliche Ausnahme bildete lediglich die Unterkunft im Schweizer Engadin in Scuol: Das dort Gebotene stand in einem extrem dürftigen Verhältnis zu den aufgerufenen Schweizer Preisen…
Am finalen Zielort stand uns schlussendlich nur eine sehr hübsche und preiswerte Unterkunft im Nachbarort zur Verfügung – rund 3 Kilometer vom Zielbereich entfernt. Eine Distanz, die am letzten Tag nach dem Zieleinlauf dank des geschafften Finishes glücklicherweise zu verschmerzen war.
Grundsätzlich gilt für ein solches Mehrtages-Projekt: Die Preisstruktur für Hotels, Gastronomie und Verpflegung (selbst im gewöhnlichen Supermarkt) liegt in Österreich und ganz besonders in der Schweiz spürbar über dem deutschen Niveau. Eine solche Laufwoche ist definitiv nichts für den schmalen Taler. Eine kalkulatorisch ehrliche Größenordnung inklusive Startgebühren, Anreise, Unterkünften, Verpflegung und Logistik-Puffer läuft unweigerlich in Richtung 2.000 € pro Person – eine stattliche Summe, die auch für mich viel Geld bedeutet und eine entsprechende Vorausschau verlangt.
Unterkunfts-Logistik & Regenerationsfenster: Bei alpinen Etappenrennen wie dem Transalpine Run ist die Lage der Unterkunft ein entscheidender Performance-Faktor. Kurze Wege zwischen Zielbereich, Dusche, Medaillen-Ceremony/Briefing und Bett maximieren das tägliche Regenerationsfenster (Parasympathikus-Aktivierung, Beinhochlagerung, Schlafqualität).
Kostenstruktur & Schweizer Franken (CHF): Der Grenzübertritt in die Schweiz (Scuol/Engadin) erhöht die Nebenkosten durch Wechselkursaufschläge und das allgemein hohe Schweizer Preisniveau drastisch. Frühzeitige Direktbuchungen bei privaten Pensionen oder die Nutzung von Support-Fahrzeugen mit Camping-Ausrüstung (z. B. Dachzelt) bieten wirksame Stellschrauben zur Budgetoptimierung.





Die Ausrüstung: Mehr als man erwartet, weniger als man benötigt
Wenn man sich auf ein sieben-Etappen-Abenteuer über die Alpen begibt, wird der Rucksack zum treuesten Begleiter und gleichzeitig zur größten Quelle ständiger Abwägung. Das Regelwerk des Veranstalters (PlanB) sieht eine klare, kompromisslose Pflichtausrüstung vor, um die Grundsicherheit aller Athletinnen und Athleten im hochalpinen Raum zu gewährleisten:
Pflichtausrüstung laut Reglement
🏃➡️PRO TEILNEHMER:
- Geschlossene Trailschuhe mit Profilsohle
- Wasserdichte Jacke
- Langes Oberteil oder Armlinge
- Lange Hose oder Beinlinge
- Handschuhe und Mütze/“Schlauchtuch“
- Spikes (nur angekündigte Etappen)
- Faltbecher für Getränke auf der Strecke
- Wasserbehälter für 1 Liter Flüssigkeit
- Personalausweis
- Beschriftung der Lebensmittel-Verpackungen
- Stirnlampe (nur angekündigte Etappen)
🏃➡️🏃➡️PRO TEAM:
- Mobiltelefon + gespeicherte Notfallnummer
- Streckenkarte – gedruckt oder auf der Navigationsuhr
Erste Hilfe Set
Wie soll man als erfahrener Trailrunner mit diesen Vorgaben umgehen? An dieser Stelle hilft einem die langjährige Erfahrung auf den langen Kanten definitiv weiter – denn die Frage, bei welchem Wetter welche Bekleidung für einen persönlich am besten funktioniert, kann von keiner Reglement-Tabelle der Welt beantwortet werden.
Ein entscheidender physikalischer Grundsatz darf in den Bergen nie vergessen werden: Pro 100 Höhenmeter im Aufstieg kühlt die Lufttemperatur um durchschnittlich mindestens 0,65°C ab. Das bedeutet in der Praxis: Selbst wenn im Tal bei spätsommerlichen 20°C T-Shirt-Wetter herrscht, kann die Temperatur beim Überqueren hochalpiner Scharten auf 2.600 bis 3.000 Metern Höhe schnell in den einstelligen Bereich oder nahe den Gefrierpunkt fallen. Hinzu kommt der sogenannte Windchill-Effekt – auf ungeschützten Graten pfeift der Wind fast immer unerbittlich.
Wer auf Nummer sicher gehen will, packt im Zweifel immer eine lange Tight und einen isolierenden Midlayer in die Laufweste. Solange keine Verletzung passiert und man in flüssiger Bewegung bleibt, reichen bei gutem Wetter phasenweise Armlinge und eine kurze Hose völlig aus. Bei privaten Fastpacking- oder Transalp-Unternehmungen ohne engmaschiges medizinisches Support-Netz gilt jedoch der eiserne Grundsatz: Ein warmes Kleidungsstück mehr im Rucksack ist die eigene Lebensversicherung!
Auch das geforderte Flüssigkeitsvolumen von einem Liter ist bei warmen Temperaturen schnell aufgebraucht. Eine dritte Softflask im Rucksack zu transportieren, erweist sich je nach persönlichem Schweißverlust als echter Segen. Als essenziell haben sich zudem Elektrolyt- und Salztabletten erwiesen: Bei stundenlangem Schitzen führt der reine Konsum von Leitungswasser zu einer gefährlichen Verdünnung des Natriumspiegels im Blut, und die Isogetränke an den offiziellen Verpflegungspunkten sind aus Magenverträglichkeitsgründen oft sehr dünn angemischt.
Was die Orientierung betrifft: PlanB betreibt auf den Strecken einen extrem hohen Aufwand mit Kreidespray und Flatterband. Der auf der Sportuhr mitgeführte GPX-Track diente lediglich als Beruhigung im Hintergrund. Ein tückisches Nadelöhr offenbarte sich jedoch beim Mobilfunk: Auf den Schweizer Etappen (u. a. rund um Scuol) ist das Daten-Roaming bei vielen deutschen Mobilfunkanbietern nicht im Standard-EU-Tarif enthalten. Ohne Vorab-Buchung von Roaming-Pässen oder das Herunterladen von Offline-Karten steht man im Ernstfall ohne Netzverbindung da!
Die prophylaktische oder akute Einnahme von frei verkäuflichen Schmerzmitteln (wie Ibuprofen, Diclofenac oder Aspirin) vor oder während extremer Belastungen birgt gravierende gesundheitliche Gefahren:
• Nierenschädigung & Entgiftungsstörung: Unter hoher körperlicher Beanspruchung und Flüssigkeitsverlust schränkt der Körper die Nierendurchblutung ein. Schmerzmittel hemmen die Synthese von Prostaglandinen, die für die Nierendurchblutung essenziell sind. Dies kann akut zu einem schweren Nierenversagen führen.
• Magen-Darm-Traktschäden: NSAR (Nichtsteroidale Antirheumatika) greifen die Magenschleimhaut an. In Kombination mit der verringerten Magen-Darm-Durchblutung beim Ultrasport erhöht sich das Risiko für schwere Magenkrämpfe, Magengeschwüre und gastrointestinale Blutungen drastisch.
• Unterdrückung von körpereigenen Warnsignalen: Der Schmerz ist ein lebenswichtiges Alarmsystem. Wer ihn chemisch unterdrückt, riskiert unbemerkt schwere Überlastungsschäden an Sehnen, Bändern, Gelenken und der Muskulatur (bis hin zur Rhabdomyolyse).
Fazit: Schmerzmittel sind keine Leistungserbringer oder Hilfsmittel für das Finish, sondern erhöhen das Komplikationsrisiko bei Ausdauerbelastungen extrem.











1. Etappe: Lech am Arlberg nach St. Anton am Arlberg
Der Morgen vor dem Startschuss: Dachzelt-Pragmatismus und leise Nervosität
Nach einer kurzen, fast schon kargen Nacht im Kofferraum unseres Vans beziehungsweise im Dachzelt erwachten wir am Rand von Lech am Arlberg mitten in der tiefen alpine Dunkelheit. Der gestrige Abend war unweigerlich viel zu spät geworden, und die erhoffte Nachtruhe fiel entsprechend knapp aus.
Noch vor dem ersten Tageslicht parkten wir unser Fahrzeug in aller Eile um: Mitten im Ort hatten wir glücklicherweise einen gebührenfreien Parkplatz ausfindig gemacht. Damit sparten wir uns den offiziell zugewiesenen Dauerparkplatz, der gut 5 Kilometer außerhalb lag und nur über einen frühen Shuttlebus erreichbar gewesen wäre – ein logistisches Nadelöhr des Veranstalters, das kurz vor dem Start unweigerlich zu unnötiger Hektik geführt hätte. Unser Frühstück gestaltete sich dementsprechend pragmatisch und minimalistisch: Ein wenig Gebäck auf die Hand und ein Becher heißer Kaffee, um die Lebensgeister zu wecken.
Anschließend folgte die finale Packroutine. Rucksack-Check, Softflasks auffüllen, Riegel verstauen. Alles sitzt. Ready? Ja. Eine leise, aber deutliche Nervosität stieg spürbar in uns auf. An der Abgabestelle für die Reisetaschen zeigte sich sogleich die beeindruckende logistische Maschinerie von PlanB: Zwar herrschte angesichts der enormen Menschenmenge reges Treiben, doch die Taschenabwicklung verlief extrem routiniert. Diese Gepäckabgabe ist ohnehin nur am allerersten Tag notwendig – an den Folgetagen übernimmt der Veranstalter den nahtlosen Koffer-Transport direkt von Hotel zu Hotel.




Auf dem Weg zum Startbogen fiel auf, wie viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich zum Auftakt dieser Laufwoche versammelt hatten. Neben den klassischen Zweierteams für die gesamte Distanz mischten sich auch zahlreiche Einzelstarter – ein neu eingeführtes Format, das zwar Flexibilität bietet, aber keineswegs das bewährte Kernkonzept der reinen Team-Transalp beschädigen sollte – sowie die Teilnehmer des „Run2“, die lediglich die ersten beiden Etappen gemeinsam mit uns absolvierten.
Der Arlberg (1.793 m ü. N.N.) bildet seit jeher die natürliche und geologische Grenze zwischen Vorarlberg und Tirol sowie die Europäische Hauptwasserscheide zwischen Rhein und Donau. Bereits im Spätmittelalter galt der Saumpfad über den Pass als extrem beschwerlich und gefahrvoll. Erst der Bau der Arlbergstraße Ende des 19. Jahrhunderts und der spätere Eisenbahntunnel machten das Massiv winterfest zugänglich. Die Trails der 1. Etappe queren historische Saumpfade und Riffkalk-Formation der Nördlichen Kalkalpen.



Auf dem Trail: Von Engpässen, ungenauen Höhenmetern und wertvoller Begleitung
Nach dem Startschuss um 08:00 Uhr ging es zunächst über eine kleine Einlaufphase aus Lech hinaus. Das massive Läuferfeld führte an schmalen Engstellen und Brücken immer wieder zu unvermeidbaren Stopps und Stockungen. Nach diesem zähen Auftakt schwenkte die Route schließlich in den langen Aufstieg zum höchsten Punkt des Tages auf 2.420 Metern Höhe ein.
Streckentechnisch zeigte sich die 1. Etappe von einer sehr zugänglichen Seite: Das Terrain war keineswegs extrem technisch, und die Höhenmeter blieben im verträglichen Rahmen – selbst wenn meine Sportuhr am Ende gut 200 Höhenmeter mehr aufzeichnete als im offiziellen Streckenprofil angegeben. Vor dem letzten Tag gab der Renndirektor mit einem Schmunzeln schließlich zu, dass Distanzen und Höhenmeterangaben für ihn ohnehin eher als „schätzende Näherungswerte“ zu verstehen seien!



Die Wege blieben an etlichen Abschnitten breit genug, um flüssig zu laufen. Dennoch ließ sich das Gedrängel und die Hektik an den ersten Verpflegungspunkten (VPs) bei dieser Feldgröße kaum vermeiden. Ein Phänomen, das sich erst ab dem dritten Tag spürbar entspannen und in ruhigere Bahnen lenken sollte.
Ein tägliches, tief berührendes Highlight für uns war das Wiedersehen an der Startlinie: Immer wieder standen wir Seite an Seite mit Andy – meinem bewährten Laufpartner für die ganz schweren Projekte und Teampartner beim TAR 2016 – und seiner lieben Freundin Phine. Unterwegs wurden wir auf den Streckenabschnitten strahlend und voller Herzlichkeit von Phines Mama überrascht und angefeuert.





Eines wurde an diesem Tag wieder einmal überdeutlich: Jeder von uns muss diese gigantische Strecke aus eigener Muskelkraft laufen, aber das bedeutet keineswegs, dass wir allein auf weiter Flur sind. Menschen um sich zu haben, die ehrlich mitfühlen, einen in schweren Momenten aufmuntern, sich mitfreuen und am Ende gemeinsam feiern, ist das größte Geschenk. Danke für diese wertvolle gemeinsame Zeit!
(Einer unserer Begleiter auf der Tour: Der fränkische Gebirgsweg-Teddy war natürlich auch mit von der Partie!😉)
Infrastruktur im Zielbereich: Um die unmittelbare Erholung nach der physischen Belastung einzuleiten, baut das Logistik-Team im Zielort (wie hier in St. Anton) ein eigenständiges Village auf. Liegestühle, schattenspendende Pavillons, elektrolytreiche Regenerationsgetränke sowie regionale Kulinarik-Schmankerl sorgen direkt nach dem Zielleinlauf für eine rasche Senkung des Cortisolspiegels und die Aktivierung des Parasympathikus.





Der Zieleinlauf in St. Anton: Sonne, Schmankerl und entspanntes Ankommen
Die Landschaft des ersten Tages war ohne Zweifel wunderschön: Wir kamen hoch hinaus und genossen traumhafte Ausblicke über die Arlberg-Region. Das kompromisslose, extrem hochalpine Gefühl der kommenden Tage stellte sich jedoch auf den breit angelegten Wegen noch nicht ganz ein.


So rollten wir nach genau 06:38:20 Stunden im hinteren Drittel unserer Altersklasse (Master Men – eine ungemein charmante Bezeichnung) glücklich im Zielgelände von St. Anton am Arlberg ein. Bei strahlendem Sonnenschein und spätsommerlicher Wärme legten wir uns vollkommen entspannt in den Finisherbereich. Das Team von PlanB baut an jedem Tag eine fantastische Erholungszone mit Liegestühlen, schattigen Pavillons, kühlen Getränken und Verpflegung samt lokaler Schmankerl auf – ein echter Genuss, der die Vorfreude auf das tägliche Ankommen riesengroß macht. Später am Abend folgte noch das obligatorische Briefing für die anstehende 2. Etappe nach Ischgl…



STRAVA
2. Etappe: St. Anton am Arlberg nach Ischgl
Anpassungen, Gewittergefahr und die Stärken der Flachland-Kilometer
Der zweite Tag offenbarte bereits sehr früh jene spezifischen Herausforderungen und Dynamiken, die uns über die gesamte Woche begleiten sollten. Auf der einen Seite standen meine persönlichen Fähigkeiten im extrem technischen Downhill im direkten Vergleich zu Flo: Flo verbringt seit vielen Jahren unzählige Stunden in den Alpen und bewegt sich im verblockten Felsgelände mit beneidenswerter Leichtigkeit. Auf der anderen Seite forderte uns das hochalpine Sommerwetter mit seiner ständigen Neigung zu plötzlichen, heftigen Nachmittagsgewittern heraus.
Der Tag stand wettertechnisch zwar zunächst noch unter besten Vorzeichen – strahlender Sonnenschein, drohender Sonnenbrand und große Sommerhitze begleiteten den Morgen. Dennoch traf die Rennleitung eine weise und vorausschauende Entscheidung: Der zweite große Anstieg der Tagesroute wurde ersatzlos gestrichen, um das gesamte Läuferfeld vor den aufziehenden, gefährlichen Nachmittagsgewittern auf den exponierten Graten zu schützen. Das bedeutete für uns konkret rund einen Kilometer weniger Distanz, knapp 600 Höhenmeter weniger im Aufstieg und das Ausweichen auf eine völlig abgeänderte Ausweichroute.







Der lange, flache Weg auf Schotter tief in ein einsames Tal hinein liegt beileibe nicht jedem Trailläufer, kam Flo und mir mit unserer spezifischen Laufstärke jedoch extrem entgegen. Wir trainieren zu Hause letztendlich fast ausschließlich im gut laufbaren Gelände – und diesen feinen Unterschied merkt man die gesamte Woche über immer und immer wieder in den flachen Verbindungsstücken.
Hinten im Tal passierten wir schließlich eine weitläufige Weide mit schottischen Hochlandrindern, die in dieser baumfreien, saftig grasbewachsenen Landschaft völlig ungestört leben dürfen. Vorbeirauschende Wasserfälle, kristallklare Bachläufe und die langsam ansteigende Höhe ließen uns den stetigen Wechsel der alpinen Landschaftsformen ungemein prächtig erleben. Schließlich ging die Vegetation schlagartig zurück, das Terrain wandelte sich in rohes, steiniges Gelände und führte uns steil hinauf zur eigentlichen Scharte auf 2.650 Metern Höhe – willkommen im echten, rauen Hochgebirge!

Gefahr im Hochgebirge: Hochland-Sommertage mit hoher Einstrahlung führen in den Alpentälern zu starker Konvektion. Feuchtwarme Luftmassen steigen an den Gebirgshängen auf und bilden oft schlagartig türmende Kumulonimbus-Wolken. Auf ungeschützten Kammlagen oberhalb der Baumgrenze (2.000 m) besteht bei Blitzeinschlägen direkte Lebensgefahr.
Routen-Anpassung: Streckenkürzungen durch den Veranstalter (wie das Streichen von 600 HM) dienen der Evakuierung des Feldes aus den exponierten Scharten, bevor die kritische Auslösetemperatur am Nachmittag erreicht wird.
Pacing im Uphill, technischer Downhill & die Cola-Challenge am VP2
Noch immer herrschte auf der Ausweichstrecke und an den Verpflegungspunkten dichtes Gedrängel – Geduld war weiterhin oberste Pflicht. Was mir persönlich jedoch enormes Selbstvertrauen schenkte: Die Uphills liefen bei mir inzwischen spürbar besser als in all den früheren Jahren! Der steile Anstieg hinauf zur Scharte ging erstaunlich gleichmäßig über die Bühne. Sobald das eigene Marschtempo einmal angeschlagen war, wurde dieses kompromisslos, ohne zeitraubende Stopps und in stetigem Rhythmus durchgezogen – für den Kopf eine unschätzbare mentale Stütze.



Der anschließende Downhill hinab zur Hütte forderte dagegen zum ersten Mal echten Körpereinsatz und greifende Hände im Fels. Ein traumhafter, aber technisch extrem anspruchsvoller Trail! Im dichten Teilnehmerfeld merkt man allerdings rasch, welche Dynamik entsteht, wenn man minimal zu schnell oder zu langsam unterwegs ist. Das muss man mögen; es baut unweigerlich Druck und Stress auf – vor allem dann, wenn man sich selbst als langsamer empfindet und der Hintermann dicht auffährt, selbst wenn dieser vielleicht gar nicht drängeln möchte.
Am Verpflegungspunkt 2 (VP2) sorgte Flo dann für die herrliche Erheiterung des Tages: Er forderte einen der Helfer zu einer spontanen Challenge heraus! Die Frage lautete: Wie viel Liter gekühlte Cola kann der Helfer ihm per Kanne ohne Unterlass direkt in den offenen Mund gießen? Eine absolut klebrige Angelegenheit, völlig sinnbefreit, kindisch, aber schlichtweg unbezahlbar lustig! Genau das ist der Schlüssel: Wie übersteht man eine solche Extremwoche, wenn man vielleicht nicht voll durchtrainiert ist wie ein Profi? Mit purer Lauffreude, Humor und echter Begeisterung für die Sache! Man muss im Leben nicht immer der Beste sein – aber man sollte versuchen, sein Tun mit so viel Freude wie nur irgend möglich zu begleiten!




Das Paznaun: Die 2. Etappe verbindet das Stanzer Tal (St. Anton) über hochalpine Jöcher der Verwallgruppe mit dem Paznauntal (Ischgl). Geologisch geprägt wird die Region vom ostalpinen Kristallin (Gneis und Glimmerschiefer).
Downhill-Anforderungen: Die Abstiege ins Paznauntal führen über verblockte Hangschutt-Muren und feuchte Gras-Scharte. Das erfordert eine reaktionsschnelle Fußgelenksarbeit und Schuhwerk mit weicher, griffiger Gummimischung (Vibram Megagrip), um Aufprallkräfte wirksam abzufangen.
Der Ausklang in Ischgl: Hotel-Gutscheine, Hausschuhe und gehobene Gastronomie
Der letzte Abschnitt des Zieleinlaufs nach Ischgl gestaltete sich extrem kurzweilig. Unterwegs lernten wir immer wieder unheimlich sympathische Menschen kennen, kamen ins Plaudern und stellten fest, dass die Etappen hinten raus meist so angelegt sind, dass sich die verbleibenden Kilometer auf flachen Wegen flüssig und entspannt laufen lassen.
In Ischgl wartete am Abend ein organisatorisches Novum auf uns: Anstelle des gewohnten zentralen Buffets in einer Halle erhielten wir eine Liste mit teilnehmenden Restaurants sowie Gutscheine, sodass wir uns unser Restaurant frei aussuchen konnten. Einerseits war das deutlich entspannter; andererseits ging dadurch aber auch ein Stück weit das vertraute Gemeinschaftsgefühl verloren – ein Verlust, der auch durch das Fehlen der früher üblichen Massenquartiere (dem legendären TAR-Camp von 2016) spürbar wurde.
Wir machten das Beste daraus und gingen schlussendlich zu fünft in einem gehobenen 4-Sterne-Hotel essen. Wir erlebten exzellenten Service, einen großartig aufgelegten und aufmerksamen Kellner sowie herausragendes Essen. Unvergessliches Highlight des Abends: Flo, der sich für genau 1 € aus dem Hotelautomaten ein Paar weiße Hotel-Frottierpantoffeln zog – und diese bequemen Schlappen im Laufe der gesamten restlichen Woche abends bei allen Ausflügen außer Haus mit voller Stolz tragen sollte!







STRAVA
3. Etappe: Ischgl nach Galtür
Der erste Aufstieg: Die endlose Karawane, Schartenwege und der Rettungshubschrauber
Glück gehabt! Die heutige Etappe kann wie ursprünglich geplant durchgeführt werden – keine Streckenänderungen oder witterungsbedingten Absagen! Dass der Kurs am Ende wieder einmal rund einen Kilometer länger ausfiel und gut 300 Höhenmeter mehr aufwies als im Höhenprofil ausgewiesen, sehen wir dem Renndirektor gern nach. Seine Streckenführungen sind angesichts der gewaltigen organisatorischen und haftungsrechtlichen Herausforderungen – es macht eben einen gewaltigen Unterschied, ob man für zwei Leute ein privates Abenteuer plant oder für knapp 1.000 Athletinnen und Athleten die Verantwortung trägt – schlichtweg großartig!
Pünktlich um 08:00 Uhr erfolgte der Startschuss in Ischgl. Der erste lange Anstieg entwickelte sich rasch zu einer schier endlosen Karawane auf einem schmalen Single-Trail. Keiner konnte überholen, keiner wollte den Anschluss abreisen lassen. So stiegen wir, aufgereiht wie an einer Perlenkette, dem ersten Gipfelkreuz entgegen. Die Landschaft wandelte sich mit jedem gewonnenen Höhenmeter: Erst ging es durch schattige Bergwälder, dann durch lichteres Krüppelholz mit Latschenkiefern und schließlich über alpine Matten hinauf zum Grat.
Der erste Anstieg war heute zwar nicht der längste der Etappe, bildete aber bereits eine echte Hürde. Kurz unterhalb des Gipfels wurden wir Zeuge einer ernüchternden Szene: Der Rettungshubschrauber landete auf einem schmalen Sporn, um einen verunglückten Teilnehmer auszufliegen… So etwas möchte ich nicht erleben müssen, ging es mir in diesem Moment durch den Kopf – ahnungslos, dass ich nur drei Tage später meinen eigenen Schutzengel aufs Äußerste strapazieren sollte!







Flugrettung in der Höhe: Medizinische Notfälle oder Sturzverletzungen in unwegsamen, hochalpinen Scharten erfordern den Einsatz von Rettungshubschraubern mit Winden- oder Tau-Systemen (z. B. Christophorus oder Libelle). Die dünne Höhenluft verringert den Auftrieb der Rotoren, was Anflüge an steilen Felswänden extrem anspruchsvoll macht.
Team-Sicherheit beim TAR: Das Mitführen der obligatorischen Erste-Hilfe-Ausrüstung (Rettungsdecke, Notfall-Pfeife, Verbandsmaterial) sowie des aufgeladenen Mobiltelefons mit abgespeicherter Notfallnummer der Rennleitung ist die Grundvoraussetzung, um bis zum Eintreffen der Bergwacht Ersthilfe leisten zu können.
Schmale Steige, Oberschenkel-Krise und der brennende Aufstieg zum VP2
Der anschließende Downhill fiel eher kurz aus, da wir uns im Folgenden entlang der Kante direkt an bzw. knapp unterhalb der Waldgrenze entlangarbeiteten. Die Strecke war hier im Grunde flach, aber extrem schwer zu laufen. Das Tempo blieb langsam, und Flo setzte sich – genau wie an den ersten beiden Tagen – immer wieder leicht nach vorne ab, um an geeigneten Punkten geduldig auf mich zu warten. Diese Team-Strategie funktionierte hervorragend und trug maßgeblich zum Frieden und der harmonischen Stimmung im Team bei.
Ein durch einen frischen Hangrutsch beschädigter Weg stellte noch einmal eine kurze mentale Herausforderung dar – zumindest für Menschen wie mich, die ihre Höhenangst noch nicht zu 100 % abgelegt haben. Dann folgte der steile, von Wurzeln durchzogene Downhill hinunter ins Tal. Hier musste ich bitter feststellen, dass meine Oberschenkel heute streikten: Sie wollten schlichtweg nicht bergab rennen oder die harten Sprünge nach unten abfedern. Ich musste Flo erneut ziehen lassen.


Die Landschaft um uns herum war ein absoluter Traum! Der anschließende Aufstieg führte uns zunächst auf der Gegenroute der gestrigen Etappe bergauf. Die Spätsommersonne brannte unerbittlich auf die Körper herunter, und ich war überglücklich, meinen vertrauten Jimmy-Hut auf dem Kopf zu tragen. In diesen moderaten, nicht zu technischen Uphills zeigte sich jedoch meine Stärke: Ich konnte exakt dasselbe Tempo steigen wie mein Teampartner Flo.
Es ging höher und höher, vorbei an der gestrigen Abzweigung und schließlich auf eine ewig lange Schotterstraße, die sanft ansteigend in Richtung VP2 führte. Wir passierten mächtige Lawinen- und Wildbachverbauungen oberhalb von Galtür – das Dorf lag direkt unter uns, und ein Wanderweg hätte auf direktem Weg hinabgeführt. Doch unser Weg verlangte nach der echten Herausforderung: Weiter hinauf zur hochalpinen Scharte!
Hinter dem Verpflegungspunkt ging es sofort steil zur Sache: Nur ein schmaler, steiniger Bergpfad wand sich nach oben. Willkommen in den echten Alpen!


Schutzbauwerke oberhalb von Galtür: Das Paznauntal – insbesondere der Ort Galtür – besitzt eine tragische Lawinenhistorie. Die Hänge oberhalb der Ortschaft sind heute großflächig mit Schneebrücken, Verwehungzäunen und massiven Auffangdämmen aus Stahl und Beton gesichert. Diese technologischen Verbauungen verhindern das Abreißen von Schneebrettern im Winter und schützen die Steilmontanwälder vor Hangrutschungen bei Starkregen im Sommer.
Die raue Wildnis des Verwall
Auf einem schmalen Steig arbeiteten wir uns direkt an der Kante hoch. Das sind jene Momente, in denen man tief im Inneren spürt, dass ein Etappenrennen in den Alpen eine völlig andere Dimension besitzt, als es Wettkämpfe im Bayerischen Wald – meinem geliebten Wohnzimmer – jemals sein können. Augen zu und durch! Mit einer gewissen inneren Anspannung arbeitete ich mich Schritt für Schritt hoch und erreichte schließlich den höchsten Punkt des Tages auf 2.680 Metern Höhe – ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit machte sich breit!
Vor uns breitete sich die raue Hochgebirgslandschaft der Verwallgruppe aus: Eine menschenleere, baumlose, von rauschenden Gletscherbächen durchzogene Kulisse, die sich anfühlte, als läge sie am absolut hinteren Ende der Welt.







Der Downhill hinab war technisch vom Feinsten! Über steiles, loses Geröll rutschten etliche Läufer unfreiwillig aus und landeten auf dem Allerwertesten. Ich wollte das Rutschen auch einmal ausprobieren, stellte aber schnell fest: Gar nicht so spannend, muss man wahrlich nicht öfter machen! Das anschließende Balancieren und Springen über glatte Steinplatten auf der Suche nach dem besten Weg lag ebenfalls nicht jedem – es entwickelte sich zu einem langen, extrem fordernden Tag von knapp 9,5 Stunden Bruttdauer.
Doch irgendwann flachte das Terrain ab. Im stetigen Wechsel aus langsamen Traben und zügigem Gehen arbeiteten wir uns zur Schutzhütte vor und machten wieder Zeit gut. Landschaftlich gehörte dieser Abschnitt ohne Zweifel zum Beeindruckendsten, was ich jemals kennenlernen durfte, und ich bereue keinen einzigen Moment davon. Aber mir wurde in diesem Augenblick auch klar: Dies ist nicht meine Landschaft, nicht meine Natur. Hier oben bin ich nur zu Gast und nicht zu Hause. Mein Herz habe ich an eine andere Ausprägung der Natur verloren – und diesem Ruf werde ich im nächsten Jahr wieder folgen!
Nach der malerisch gelegenen Hütte wurde der Pfad spürbar einfacher. Wir bogen auf einen sanft abfallenden Schotterweg ein und liefen ihn zügig und flüssig durch das enge Tal hinab. Vor uns niemand, hinter uns niemand – eine tiefe innere Ruhe kehrte ein, und ich fühlte mich zum ersten Mal seit dem Startschuss in Lech völlig zufrieden.
An einer kleinen Alm gaben wir uns schließlich als reguläre Einkehrgäste ein schnelles, wohlverdientes Bier – ja, so viel Zeit muss auf einem solchen Abenteuer einfach sein!
Gute fünf Kilometer vor Galtür mündete der Trail auf die Fahrstraße, der wir für zwei Kilometer bergab folgten – nicht schön, aber ungemein effizient. Von dort bogen wir in den letzten Ziel-Downhill ein, liefen entlang der Ortsgrenze und steuerten durch die Hauptstraße unter dem begeisterten Klatschen zahlreicher Café-Besucher dem Zielstrich entgegen.
Die Verwallgruppe erstreckt sich zwischen dem Stanzertal, Montafon und Paznaun. Geologisch gehört die Verwallgruppe zum silikatischen Ostalpin (metamorphe Schiefer, Paragneise und Amphabolite). Charakteristisch für dieses Massiv sind ausgedehnte, frostverwitterte Blockhalden, alpine Schwemmland-Böden (Schotterfluren) sowie karge, hochalpine Karseen. Die technische Belastung für Laufschuhe (Sohlenabrieb) ist auf den scharfkantigen Gneisplatten extrem hoch.











STRAVA
4. Etappe: Galtür nach Klosters
Frühstart im Stirnlampenlicht
Von Österreich, von Tirol, hinüber in die Schweiz – das war der ursprüngliche Plan, und das wurde an diesem Tag auch gelaufen! Doch beim gewohnten Streckenbriefing am Vorabend im Etappenort verhießen die meteorologischen Prognosen nichts Gutes: Für den Nachmittag waren im Grenzgebiet erneut schwere alpine Gewitter angekündigt. Dem Renndirektor blieb aus Sicherheitsgründen keine andere Wahl, als eine vorbereitete Ausweichroute aus der Tasche zu ziehen – vermutlich existieren in der Schublade des TAR-Veranstalters für fast jeden Etappentag durchdachte Alternativkonzepte für Extremsituationen.


Drei Eckpfeiler prägten diesen angepassten Notfallplan:
- Extremer Frühstart: Die Startzeit wurde rigoros auf 06:00 Uhr morgens in die tiefe Dunkelheit vorgezogen.
- Tempo auf den ersten Kilometern: Ein extrem schneller, asphaltierter Auftaktabschnitt auf der Straße mit einem zügig angesetzten Cut-Off am Verpflegungspunkt 1 (VP1).
- Sicherheitsentscheidung im Hochgebirge: Das Eliminieren eines zweiten großen Anstiegs auf der Schweizer Seite, um die langsameren Läuferinnen und Läufer am Nachmittag nicht in exponierte, hochalpine Lagen zu zwingen.
Diese Entscheidung stieß im Teilnehmerfeld keineswegs bei allen Starterinnen und Startern auf Gegenliebe, ist aber aus der Sicht des Veranstalters bezüglich Haftung und alpine Sicherheit mehr als verständlich – und an dem zügig gesetzten Cut-Off sollte am Ende tatsächlich niemand scheitern.

Ausgerüstet mit brennenden Stirnlampen liefen wir um 06:00 Uhr im dunklen Morden die ersten Kilometer auf und neben der Silvretta-Hochalpenstraße. Flo und ich versuchten, so viel Strecke wie nur irgend möglich im laufenden Schritt zurückzulegen. Das hatte zur Folge, dass wir uns im Läuferfeld zunächst ungewohnt weit nach vorne arbeiteten. Dumm nur: Im späteren, extrem technischen Terrain wurden wir dementsprechend wieder von flinkeren Downhillern überholt – aber „einen Tod“ muss man im Trailsport bekanntlich immer sterben!
Kilometer um Kilometer verstrich im gleichmäßigen Rhythmus. Die schnell einsetzende Morgendämmerung gab schließlich die Spiegelung des Silvretta-Stausees frei. Doch wir würdigten das Panoramamotiv keines zweiten Blickes: Zu sehr waren wir fokussiert, zu tief steckten wir im reinen Wettkampfmodus. VP1 bei Kilometer 13 nahmen wir im Vorbeilaufen mit und bogen direkt in den gut 7 Kilometer langen Anstieg hinauf zur Scharte und damit zum Grenzübergang ein. Der Pfad stieg zunächst über steinigen Grund mit spärlicher Vegetation sanft bergan, schlängelte sich am Steilhang entlang, blieb aber lauftechnisch gut beherrschbar.



Das Schlappiner Joch (2.202 m ü. N.N.) bildet den natürlichen Grenzpass zwischen der österreichischen Montafon-Region (Vorarlberg) und dem Schweizer Prättigau (Kanton Graubünden). Bereits im Spätmittelalter dienten diese hochalpinen Pässe den Walisern als Handels- und Saumwege für den Austausch von Vieh, Salz und Wein. Geologisch markiert der Pass den Übergang vom kristallinen Silvretta-Massiv in die metamorphen, dunklen Bündnerschiefer-Zonen der Schweizer Zentralalpen.
Der Grenzübertritt am Schlappiner Joch nach „Mordor“
Ab Kilometer 19, kurz vor dem Verpflegungspunkt 2, wandelte sich der Charakter der Strecke schlagartig. Das Gelände wurde gnadenlos alpin: Über steiles Geröll, glatte Steinplatten und zuletzt direkt auf ausgesetzten Grat-Kanten arbeiteten wir uns mit maximaler Körperspannung nach oben. Mit gewaltiger Kraftanstrengung erreichten wir schließlich die Passhöhe auf 2.750 Metern Höhe – für den Anstieg war der Drops für heute gelutscht!
An dieser Stelle gebührt dem Renndirektor ein riesiges Kompliment: An wirklich JEDEM einzelnen Etappentag stand er selbst am allerhöchsten Punkt der Strecke, klatchte die Athleten ab und feuerte das Feld Stunde um Stunde unermüdlich an!



Auf der Schweizer Seite blickten wir in eine Kulisse, die direkt aus Tolkien’s Der Herr der Ringe stammen könnte: Vor uns tat sich das düstere, kahle „Mordor“ auf. Der eisige Schottensee lag eingebettet zwischen schroffen, baumlosen Felsriesen; im Hintergrund zeichnete sich bereits der letzte kurze Gegenanstieg des Tages ab, während direkt vor unseren Laufschuhen der steile Abgrund gähnte.
Nun folgte der ohne Zweifel schwierigste und gefährlichste Downhill der gesamten Woche! Über extrem steilen, losen Untergrund ging es bergab. Immer und immer wieder verloren Läufer den Halt und rutschten ab. PlanB hatte an den kritischsten Schlüsselstellen vorsorglich Seile zur Selbstsicherung angebracht, die von uns dankend gegriffen wurden. Ein einziger Kilometer im Abstieg dauerte plötzlich über 30 Minuten!
Darunter erstreckten sich schier endlose, glatte Steinplatten, auf denen sich manch einer im Feld komplett verstieg – an dieser Stelle wurde offenbart, wer sich im hochalpinen Terrain wirklich sicher bewegen kann und wer nicht. Als wir schlussendlich die Talsohle erreichten, versuchten wir wieder ein flüssiges Lauftempo aufzunehmen, doch die Oberschenkel meuterten – es ging mehr schlecht als recht vorwärts. Doch das war völlig egal, Hauptsache wieder Meter machen!
Die Hänge auf der Schweizer Nordseite des Schlappiner Jochs bestehen überwiegend aus Bündnerschiefer (Tongehalt mit feinen Kalk-Einlagerungen). Dieses feingeschichtete Sedimentgestein neigt durch Frostsprengung zu extremer Schuttbildung. Bei Trockenheit wirken die plattigen Schieferkeile wie lose Kugellager unter den Sohlen; bei Nässe verwandelt sich die oberste Bodenschicht in eine schmierige Seifenbahn, die absolute Trittsicherheit und Schuhe mit tiefem Profil erfordert.



Über die Alm nach Schlappin: Die Stärke auf den Flachstücken und das Finish in Klosters
Nach dem kurzen Gegenanstieg mündete die Route auf einen tief vermatschten Wiesen-Stein-Pfad, der quer über eine hochalpine Alm führte. Unser Tempo blieb denkbar niedrig; wir kamen nur schleppend voran und wurden scharenweise von technisch versierten Läufern überholt. Ich hing in dieser Phase spürbar hinter Flo zurück – meine Oberschenkel waren vom steilen Schutt-Downhill noch völlig dicht.
Irgendwann erreichten wir eine kleine Almhütte und bogen endlich auf einen gut befahrbaren Schotterweg ein – geschafft! Nun ging es über einige Kilometer durch ein liebliches Tal auf einfachen, breiten Wegen bergab. Und sofort rollte es wieder! An dieser Stelle wurde uns erneut schmunzelnd klar: Wir sind halt doch viel mehr Kinder des Flachlandes als der felsigen Hochgebirge – ganz egal, was wir uns in unseren kühnsten Träumen auch wünschen mögen!














Schließlich erreichten wir Schlappin – ein malerisches Bergdorf mit fast schon musealem Charakter, das vollständig auf ruhigen Naturtourismus setzt. Im welligen Terrain näherten wir uns Schritt für Schritt dem Etappenziel Klosters. Direkt am Ortsrand schlug der Kurs noch einmal einen fiesen Haken bergauf – ein klassischer Veranstalter-Kniff, den nach 40 Kilometern wahrlich nicht jeder Läufer liebt…
Nach knapp 8 Stunden erreichten wir schließlich unter strahlendem Schweizer Sonnenschein das Ziel auf einer leuchtend blauen Sportanlage in Klosters. Wir ließen uns erschöpft ins Gras fallen, tranken unser kühles Zielbier, aßen frische Pommes und freuten uns von Herzen darüber, dass an diesem fordernden Tag alles ohne Unfälle oder Unstimmigkeiten geklappt hatte.
Grenzübertritt Schweiz: Da die Schweiz nicht zur EU gehört, greift das kostenlose EU-Datenroaming vieler deutscher Mobilfunkanbieter nicht. Das Herunterladen der Offline-Tracks auf der Sportuhr vor dem Start schützt vor Ort vor Orientierungsverlusten.
Grip auf Schiefer: Trail-Schuhe wie der Hoka Mafate Speed 3 erwiesen sich auf den feuchten Schiefer- und Granitplatten am Schottensee dank der Vibram-Megagrip-Mischung als echte Lebensversicherung.

STRAVA
5. Etappe: Klosters nach Scuol ABGESAGT – Scuol nach Motta Naluns Berg
Morgen-Gewitter, Hallen-Briefing und die Absage der Königsetappe
Am Vorabend hielt der Renndirektor beim Streckenbriefing noch optimistisch an der längsten und königlichsten Etappe der gesamten Woche fest – einem Ultralauf über mindestens 48 Kilometer (eher mehr!) quer über die Schweizer Zentralalpen. Allerdings beschlich uns schon beim Verlassen des Saals ein ungutes Gefühl. Zu wahrscheinlich war das aufziehende Unwetter, als dass die Austragung über exponierte Hochgebirgspässe wirklich planmäßig und sicher ablaufen könnte.
Der Start wurde vorsorglich auf 06:00 Uhr morgens vorgezogen. Wir standen also brav um 04:00 Uhr auf, streiften die Laufkleidung über – und wurden noch während des ersten Schlucks Kaffees beim Frühstück vom dumpfen, bedrohlichen Grollen eines schweren Gewitters überrascht. In diesem Moment war glasklar: Wir würden heute nicht starten, zumindest keinesfalls auf einer Route, die uns über eine mehr als 2.700 Meter hoch gelegene Scharte zwingen würde. Flo und ich studierten aufmerksam die digitale Karte nach Ausweichoptionen im Talbereich, nur um ernüchternd festzustellen, dass es schlichtweg keine fahrbaren oder laufbaren Alternativen unterhalb von 2.000 Metern Höhe gab…
Wenig später traf die offizielle SMS des Veranstalters ein: Alle Teams sollten sich zur ursprünglichen Startzeit in der Gemeindehalle einfinden, um das weitere Vorgehen erklärt zu bekommen. Die Konsequenz war unvermeidbar: Die reguläre Königsetappe nach Scuol wurde aus Sicherheitsgründen ersatzlos abgesagt! Wir wurden gebeten, mit dem öffentlichen Zug durch das Engadin nach Scuol zu reisen. Falls es das Wetter nachmittags auf die Schnelle zulassen sollte, würde stattdessen ein spontaner, verkürzter Bergsprint von Scuol hinauf zur Bergstation organisiert werden.



Gewitterfronten in den Zentralalpen: Frühsommerliche und spätsommerliche Kaltfronten, die über den Hauptalpenkamm ziehen, erzeugen in tiefen Tälern wie dem Prättigau und Unterengadin extrem schnelle Druckunterschiede. Bei Kaltfrontgewittern besteht oberhalb der Baumgrenze (2.000 m) akute Lebensgefahr durch Blitzschlag, Sturzböen und schlagartigen Temperatursturz (Hypothermie-Risiko). Das Absagen von Etappen mit hochgelegenen Scharten ist für Trail-Veranstalter die einzig verantwortungsvolle Sicherheitsentscheidung.
Der inoffizielle Gegenentwurf: Eigeninitiative auf den markierten Trails
Haltet uns bitte für verrückt, aber die reine Zugfahrt war uns definitiv zu wenig! Wir wollten uns den gelaufenen Tag nicht einfach ersatzlos streichen lassen. Wir rannten sofort zum ersten Zug, kauften die Fahrkarten mühsam per Smartphone-App (was im Schweizer Mobilfunknetz schwieriger war als gedacht!), stiegen spontan schon in Guarda aus und machten uns zu Fuß aufwärts in Richtung der originalen Streckenführung!
Mehr wandergängig als im Rennschritt legten wir die letzten gut 15 Kilometer der eigentlichen Tagesetappe vollkommen entspannt zurück – völlig risikofrei unten im Talbereich. Unterwegs sahen wir erstaunt, dass die Wege vom Streckenteam bereits perfekt markiert worden waren. Wir kauften in einem kleinen Supermarkt Proviant und ein kühles Bier, genossen erst strahlenden Sonnenschein und wenig später einen erfrischenden Regenschauer.
Unterwegs wurden wir von drei anderen Läufern überholt, die exakt dieselbe Idee gehabt hatten – wenn es mehrere tun, kann es schließlich gar nicht so verrückt sein! Ein kurioser Höhepunkt: Eine ältere Schweizer Dame sprach uns am Wegesrand voller Empathie an, ob wir nicht die alten Wanderstöcke ihres verstorbenen Mannes gebrauchen könnten…
Schließlich legten wir einen munteren Zielsprint über die beeindruckend hochgelegene Brücke direkt hinein ins Veranstaltungsgelände von Scuol hin – unter dem begeisterten Jubel des PlanB-Teams, das gerade erst die Zielbögen aufbaute! Und was soll ich sagen? Auf einmal waren meine Oberschenkel wieder vollständig belastbar und funktionierten schmerzfrei und klasse! Ein Befreiungsschlag, der bis zum Ende der gesamten Woche anhalten sollte!




Das Unterengadin: Scuol liegt im rauen Tal des Inn (En) auf 1.250 m ü. M. Geologisch bildet das Engadiner Fenster eine tektonische Schichtlücke, in der tiefere penninische Schiefer- und Bündnerschiefer-Einheiten freigelegt sind. Der Inn hat sich hier tief in die Felsformationen gegraben und spektakuläre, tiefe Schluchten geformt, die von kühnen historischen Bogenbrücken überspannt werden.
STRAVA
Der Bergsprint (Vertical K): Purismus ohne Stöcke
Um Punkt 15:00 Uhr startete schließlich der offizielle Bergsprint von Scuol hinauf zur Bergstation Motta Naluns: 7,35 Kilometer bei knackigen +964 Höhenmetern! Der Start gestaltete sich gewohnt hektisch. Auf einmal begannen die Athleten auf den schmalen Pfaden wieder zu drängeln, zu schneiden und Ellbogen auszufahren – hier hieß es: Ruhe bewahren!
Flo und ich trafen für diesen reinen Vertikallauf eine ganz bewusste Entscheidung: Wir verzichteten komplett auf Trailrunning-Stöcke! Mit dieser Wahl waren wir im Feld zwar relativ alleine unterwegs und verloren im steilen Aufstieg vielleicht etwas Druck, gewannen dafür aber enorme Leichtigkeit, Bewegungsfreiheit und mentale Entlastung. Denn im dichten Gedrängel einer langen Läuferschlange erfordert der korrekte, sichere Einsatz von Stöcken viel Konzentration und Umsicht, um andere nicht zu gefährden – ein Problem, mit dem keineswegs wenige Läufer zu kämpfen hatten!





Es war für uns genau die richtige Entscheidung! Ohne übermäßige Verausgabung arbeiteten wir uns konstant nach oben und erreichten nach 01:15:16 Stunden glücklich die eisige Kälte der Bergstation auf 2.142 Metern Höhe. Oben hieß es: Blitzschnell rein in den warmen Midlayer sowie das frische Wechsellaufshirt und ab zum gemeinsamen Abendessen direkt in der Bergstation. Das Essen am Berg ist eigentlich eine fantastische Idee, doch durchgeschwitzt und im kühlen Wind fröstelnd war das für mich persönlich nicht ganz optimal. Aber ganz egal: Geschafft ist geschafft!
STRAVA
6. Etappe: Scuol nach St. Valentin auf der Haide
Der unendliche Uphill: 1.800 Höhenmeter am Stück
Die Schlechtwetternachrichten wollten und wollten in diesen Tagen einfach nicht abreißen. Schon am Vorabend beim Streckenbriefing war absehbar, dass es in den höheren Lagen der Grenzregion erneut zu schweren Gewittern kommen könnte. Unvergessen bleibt der trockene Kommentar des Streckenchefs auf der Bühne: „Vielleicht gewittert es, vielleicht auch nicht – langsam ist es mir scheißegal!“ Ehrlich, direkt und genau mein Ding!
Die Startzeit wurde sicherheitshalber auf 07:00 Uhr morgens vorgezogen. Der höchste Punkt der gesamten Woche – die beeindruckende Rasass Spitze auf knapp 3.000 Metern Höhe, die sogar noch ein paar Meter höher aufragt als die Zugspitze – wurde beibehalten. Der zweite Teil der Etappe wurde jedoch abgeändert: Der zweite geplante Riesenanstieg auf über 2.800 Meter wurde gestrichen und die Strecke im Talbereich leicht verlängert. Ehrlich gesagt hätte ich es sogar vollkommen verstanden, wenn der Renndirektor versucht hätte, die Tags zuvor abgesagte Ultraetappe nachzuholen.



Schon direkt hinter den ersten Häusern von Scuol schwenkte die Route in den Aufstieg ein – und dieser nahm gefühlt überhaupt kein Ende mehr! Der erste Verpflegungspunkt (VP1) lag an einer Hütte direkt am Steilhang, die unmöglich per Auto versorgt werden kann. Die Helfer hatten alles mühsam hochgetragen, weshalb jeder Läufer streng rationiert nur eine einzige Flask mit Frischwasser aufgefüllt bekam, ehe es sofort weiterging.
Ganze 1.800 Höhenmeter am Stück führte uns der Weg hinauf auf fast 3.000 Meter über Meereshöhe! Zuerst ging es durch schattige Bergwälder, in schier endlosen Serpentinen über die steinigen Hinterlassenschaften einer prähistorischen Moräne, vorbei an Latschenkiefern und alpinen Wiesen, bis schlussendlich nur noch nacktes, rohes Gestein übrig blieb. Technisch extrem schwer war der Aufstieg diesmal zwar nicht – es warteten zwar immer wieder kleine Felder aus glatten Steinplatten und losem Geröll, aber im Grunde genommen war dieser Gigant von einem Anstieg vor allem eine reine Frage der physischen Kraft und noch viel mehr des unbeugsamen Willens.
Sowohl Flo als auch ich waren ehrlich erstaunt, als wir im steilen Hang feststellten, dass Andy und Phine im Anstieg fast direkt hinter uns lagen. Wir marschierten extrem zügig und ohne ein einziges Mal überholt zu werden bergauf – und hatten zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, langsam zu sein. Es tat unheimlich gut zu spüren, dass die langen Uphills mittlerweile definitiv nicht mehr meine Achillesferse darstellen. Eine Bärenleistung von Andy und Phine – meinen allergrößten Respekt dafür!
Die Sesvenna-Gruppe liegt auf der Grenze zwischen dem Schweizer Unterengadin und dem Vinschgau in Südtirol. Geologisch bildet die Region ein komplexes Übergangsgebiet zwischen dem penninischen Bündnerschiefer und dem Hauptdolomit der Ostalpen. Die Moränenrücken oberhalb von Scuol zeugen von den eiszeitlichen Inngletschern. Der Aufstieg zur Rasass Spitze (2.975 m) führt durch hochalpin verwitterten Schutt, Frostmusterböden und verkarstete Kalk-Sedimente, die extrem trocken und durchlässig sind.

Auf dem Dach des TAR: Der Sturz ins Ungewisse
Irgendwann erreichten wir stolz den Gipfel. Das Thema Cut-Offs interessierte uns schon seit Tagen nicht mehr wirklich – trotz aller Ängste und Reglement-Verschärfungen stellten die Zeitlimits selbst für mittelprächtige Läufer, wie wir es nun einmal leider (oder zum Glück?) sind, kein echtes Problem beim TAR dar.
Wie auf jeder Etappe wurden wir oben mit weit hörbarem Kuhglockengeläut und lautem Jubel vom Renndirektor und der Medizin-Crew empfangen. Im pfeifenden Wind war es auf knapp 3.000 Metern Höhe eiskalt. Zwar trugen wir alle kurze Hosen, aber ich hatte mir vorsorglich einen isolierenden Midlayer übergezogen und war damit im Feld fast schon die Ausnahme. Wie kalt es genau war? Wahrscheinlich knapp über dem Gefrierpunkt – das Organisationsteam an der Scharte trug auf jeden Fall dicke, schwere Daunenjacken.
Auf der Südtiroler Seite öffnete sich keine steile Scharte, sondern eine weitläufige, sanft nach hinten abfallende Hochfläche. Wir konnten erstaunlich flüssig und leicht abwärts laufen. In der Ferne erstreckte sich eine Landschaft, die stark an die rauen schottischen Highlands erinnerte und einen tief einsamen Eindruck vermittelte. Echte Vorfreude kam auf! Ich versuchte, meine Aufmerksamkeit vermehrt auf Flo zu richten: Seit gestern geplagt von akuten Wadenproblemen, schien er starke Schmerzen zu haben. Ich redete ihm gut zu und versuchte, jeglichen Druck herauszunehmen. Ich hätte zwar – zum ersten Mal in dieser Woche – spürbar schneller laufen können, aber ich ließ meinen Laufpartner natürlich keinesfalls alleine. Wir arbeiteten uns Schritt für Schritt gemeinsam weiter.
Und dann passierte es…


Ich hatte einen Läufer direkt hinter mir. Er war im technischen Downhill schneller als ich, da er sich zwischen den Steinen gewandter bewegte. Er drängelte keineswegs, sondern wartete geduldig auf eine breitere Stelle. Ich war für einen kurzen Wimpernschlag unaufmerksam.
Kopfüber flog ich über einen halben Meter hohen Stein, an dem ich hängen geblieben war! Ich drehte mich noch im Flug um die eigene Achse. Ich spürte mit den Barthaaren haarscharf den rauen Fels, schlug hart auf dem Boden auf und rutschte ein Stück den Schotterhang hinunter! Ich hörte erschrockene Schrei einer Läuferin und bekam sogleich vom nachfolgenden Läufer die Hand gereicht, um aufzustehen. Ich stand wieder auf dem Pfad, schüttelte mich und schaute an mir herab: Die Finger und der rechte Unterarm waren blutig, das rechte Knie aufgeschürft, verschmutzt und ordentlich am bluten. Aber alles war noch dran, ich spürte keinen stechenden Schmerz und konnte jedes Gelenk frei bewegen. Mein kleiner Schutzengel war exakt im richtigen Moment zur Stelle gewesen! Einer von uns beiden hatte aufgepasst – der andere war kurz unkonzentriert gewesen…
Flo hatte von meinem Sturz weiter vorne gar nichts mitbekommen und war einfach weitergelaufen – herrlich! Ich fing wieder an zu traben, und es ging überraschend gut. Den weiteren Downhill legte ich zwar etwas vorsichtiger zurück, wollte aber keinesfalls ins Gehen verfallen.



Durch das Sesvenna-Hochtal: Bäche, der Hotdog-Konflikt & die Jagd am Reschensee
Wenig später standen wir mitten in dieser traumhaften Wiesen- und Weidenlandschaft. Wir querten unzählige Gebirgsbäche (nasse Füße waren in dieser Woche ohnehin unvermeidlich), und ich nutzte das eisige Wasser direkt, um mir den Dreck und das Blut etwas von Arm und Knie zu waschen. Das Terrain verlief leicht wellig, aber stetig bergab. Die Sonne kam hinter den Wolken hervor, und schließlich tauchte VP2 auf. Für mein ramponiertes Äußeres erntete ich ein paar besorgte Blicke der Helfer, sah aber nach der Bachtal-Wäsche zumindest wieder halbwegs zivilisiert aus.
Wir stiegen noch einmal leicht bergan und liefen anschließend auf einem schmalen, festen Pfad direkt am Steilhang entlang – der Ausblick auf die Südtiroler Bergwelt war schlichtweg genial! Genau so liebe ich das Laufen: Mitten in der unberührten Natur, mit einer tiefen Leichtigkeit und der wunderbaren Möglichkeit, völlig im Hier und Jetzt aufzugehen.
Dem Hangkanten-Pfad folgten wir jedoch nicht ganz hinunter bis ins Tal, sondern stiegen noch einmal leicht auf, wanderten über eine grasbewachsene Hochfläche zu einer Bergbahnstation (VP3) und steuerten von dort in den finalen, 700 Höhenmeter langen Downhill. Bis zu dieser Bergstation war Flo extrem strapaziert. Es gab einen ständigen Wechsel aus mühsamem Gehen und kurzem Anlaufen, und man sah ihm die Schmerzen in der Wade mehr als deutlich an. Ich versuchte, keinerlei Hektik oder Stress aufkommen zu lassen, sondern war einfach nur tief dankbar, dass wir gemeinsam hier oben unterwegs sein konnten.
Aber eine kleine Anekdote bleibt unvergessen: DASS er mir an der Bergbahnstation beim VP3 meinen ersehnten Hotdog nicht gönnen wollte, weil er einfach nur so schnell wie möglich ins Ziel wollte… Ach, schön war’s trotzdem!
Und dann? Wir liefen, was das Zeug hielt – zumindest ich! Flo ist im steilen Downhill normalerweise massiv schneller als ich, aber heute war meine Chance gekommen. Zweimal musste ich unterwegs stoppen und Flo ziehen lassen, um erst den einen, dann den anderen Schuh neu zu schnüren, weil sich die Senkel gelöst hatten (die gesamte Woche über war das kein einziges Mal passiert, und dann gleich zweimal im schnellen Abstieg!).
Ich holte ihn wieder ein. Wurzeln, weiche Wiesen, grober Schotter, einfache und schwere Abschnitte wechselten sich ständig ab. Wir liefen und liefen immer weiter dem Tal entgegen. Die letzten zwei Kilometer entlang des Reschensees und durch die Straßen von St. Valentin verliefen flach. Mein Jagdinstinkt war endgültig geweckt: Ich schnappte mir auf den letzten Metern einen Läufer nach dem anderen – Flo war völlig durch und hängte sich stoisch an meinen Windschatten.
Noch ein letzter kleiner Hügel hinauf, und der Zielbogen wurde sichtbar! Direkt daneben thronte in voller Pracht unsere gebuchte Villa Waldkönigin – ein fantastisches Boutique-Hotel und die unangefochten beste Unterkunft der gesamten Woche mit einem erstklassigen Frühstück. Hinein ins sonnendurchflutete Zielareal unter schattigen Bäumen und Willkommen in Bella Italia (während um uns herum in all den anderen Alpentälern Unwetter tobten, schien bei uns die Sonne!).
St. Valentin auf der Haide (1.472 m): Das Etappenziel liegt auf der Passhöhe des Reschenpasses zwischen dem Reschensee und dem Haidersee im Obervinschgau. Die Region ist historisch eng mit der Handelsroute Via Claudia Augusta verbunden. Der finale Downhill von der Haideralm führt über steile Waldschneisen direkt an die Uferpromenade, von wo aus sich bei klarer Sicht der Blick auf den glitzernden Ortler-Gletscher (3.905 m) öffnet.



Rückblick auf Tag 6: Leichtigkeit, Gefahr und die Erkenntnis der eigenen Natur
Was bleibt von dieser 6. Etappe hängen? Heute lagen Leichtigkeit und akute Gefahr so dicht beieinander, wie ich es in all meinen Jahren beim Laufen fast noch nie erlebt habe. Passiert ist zum Glück denkbar wenig: Ein geschwollenes, leicht blaues Knie für die nächsten Tage, das mich beim Laufen aber glücklicherweise nicht wirklich einschränkte, sowie ein paar Schürfwunden am Arm, die rasch wieder heilen sollten. Alles nicht tragisch! Aber wenn ich den Kopf beim Sturz nur einen einzigen Zentimeter tiefer gehalten hätte…

Dafür entschädigte mich diese Etappe mit einem Gelände, in dem ich mich von der ersten Sekunde an pudelwohl gefühlt habe – ein Terrain, in dem ich flüssig laufen konnte. Es ging zwar extrem hoch hinaus, aber es waren überwiegend gut laufbare Bergwanderwege. Eines ist mir nach diesem Tag jedoch endgültig klar geworden: Reine, extrem technische Sky-Races in den hochalpinen Felswänden der Alpen werden definitiv nicht mehr mein Ding werden!




STRAVA
7. Etappe: St. Valentin auf der Haide nach Prad am Stilfserjoch
Der Auftakt ins Finale: Waldlauf-Romantik, Bierschänke im Nebel & der leidende Flo
Eine Etappe, die endlich einmal genau wie geplant stattfinden sollte! Pünktlicher Start um 08:00 Uhr morgens in St. Valentin auf der Haide. Die Höhenmeter fielen wie gewohnt etwas üppiger aus als im Faltblatt ausgewiesen – doch direkt nach dem Startschuss stellte sich heraus, dass die Rennleitung die Schleife im Ort gestrichen hatte, was die Distanz spontan um gut 3 Kilometer verkürzte. Aber ganz ehrlich: An Tag 7 war uns das mehr als egal!
Es sollte die am flüssigsten laufbare, schnellste und unkomplizierteste aller sieben Etappen werden – trotz Regenschauern, tiefem Matsch und einer weiteren Gipfelüberquerung. Zu keinem Zeitpunkt wurde das Terrain wirklich extrem technisch; stellenweise erinnerte die Streckenführung eher an einen flotten Waldlauf im Bayerischen Wald. Der noch völlig regenfreie Aufstieg zu Beginn ging erstaunlich locker von der Hand.
Schließlich erreichten wir bei aufziehendem, leichten Nebel eine hochgelegene Almwoche – und trauten unseren Augen kaum: Mitten in der Einsamkeit stand ein lebensgroßer, winkender T-Rex-Dinosaurier, der uns freudestrahlend kühle Bierdosen (mit echtem Alkohol!) direkt in die Hände drückte!
Nein, wir hatten weder halluzinogene Substanzen konsumiert, noch litten wir unter klassischen Höhen-Wahnvorstellungen! Das Team von PlanB hatte tatsächlich säckeweise Bierdosen hier hochgeschleppt, ein Teammitglied in ein riesiges aufblasbares Kostüm gesteckt und eine alpine Freiluft-Bar eröffnet. Als aufmerksame, dankbare Gäste sagten wir natürlich keinesfalls Nein zu dieser Erfrischung!
Der grasbewachsene Hang war im anschließenden Downhill schnell vernichtet – allerdings machten sich unschöne, unruhige Dynamiken bei einigen Mitläufern bemerkbar. Zudem hatte mein Teampartner Flo wieder massiv mit seiner schmerzenden Wade zu kämpfen. Doch er biss in jedem einzelnen Gefälle unbarmherzig die Zähne zusammen und lief stoisch weiter. Meinen tiefsten Hut ab vor dieser Leistung!
Das Trockental des Vinschgaus: Der Vinschgau im Haupttal der Etsch gehört durch die Abschirmung der Ortler-Gruppe und Ötztaler Alpen zu den niederschlagsärmsten Tälern der Ostalpen.
Historische Waale: Um die ertragreichen Hangwiesen und Obsthaine zu bewässern, legten die Bauern ab dem 12. Jahrhundert ein hunderte Kilometer hohes System aus künstlichen Wasserkanälen (Waale) an. Die begleitenden Kontrollpfade (Waalwege) bieten heute durch ihren weichen, fast ebenen Waldboden und ihr sanftes Gefälle ideale Laufbedingungen im Trailrunning.

Durch den Matsch ins Tal der Etsch: Flowtrails, Wasserläufe & der Jagdrausch
Der anschließende Gegenanstieg katapultierte uns schlagartig mitten hinein in strömenden Regen und aufgeweichten Matsch. Ab hier wurde das Profil spürbar flacher. Wir wurden ein ums andere Mal von Läufergruppen überholt, die wir überhaupt nicht zuordnen konnten… Die gesamte Woche über bewegten wir uns im Feld immer mit exakt denselben Mitstreitern – mal lagen sie vorne, mal wir. Doch heute tauchten plötzlich völlig neue Gesichter auf! Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnten: Wir befanden uns durch unser zügiges Pacing spürbar weiter vorne im Gesamtfeld als an den Tagen zuvor!
Der Regenschauer hielt zum Glück nicht ewig an. Bei Kilometer 27 ging unsere Reise schlagartig in einen traumhaft flowigen Trail mit weichem, völlig ebenem Waldboden über. Hier konnte auch Flo wieder voll anlaufen, und wir wurden Schritt für Schritt schneller! Wir folgten plätschernden, künstlich angelegten Wasserläufen (den historischen Vinschgauer Waalwegen) direkt an der Hangkante und wurden bei Kilometer 30 schlussendlich in einen strahlend hellen, perfekt zu laufenden Downhill auf feinem, sandigem Untergrund entlassen.
Jetzt hieß es: Feuer frei! Kurve um Kurve ballerten wir im Rausch der Geschwindigkeit den Hang hinunter. Meine Oberschenkel waren seit dem gestrigen Tag wie ausgewechselt – kein Vergleich mehr zu den schmerzvollen Krisen am Anfang dieser Woche! Wir überholten Läufer um Läufer und wurden am Talboden direkt in den Ortsrand von Prad ausgespuckt.
Noch gut 2 Kilometer flaches Terrain lagen vor uns. Mein Jagdinstinkt war endgültig geweckt! Ich holte mir einen Mitläufer nach dem anderen – Flo war nun völlig durch und hängte sich einfach stoisch an meinen Windschatten. Wir passierten die Kulisse der Prader Westernstadt, bogen um die letzte Ecke und stürmten hinein in den Zielkanal, direkt in den Läuferhimmel!
Nach 226 Kilometern und über 13.000 Höhenmetern überquerten wir jubelnd und überwältigt den finalen Zielbogen! Und dort wartete auch schon das meisterhafte Ritual zum gekrönten Abschluss einer unvergesslichen Woche: Wir gossen uns sprudelnden Sekt direkt in unsere ausgetretenen Laufschuhe und tranken auf das geschaffte Lebensabenteuer!




Das Etappenziel Prad am Stilfser Joch (915 m): Am Fuße der gewaltigen Kehrenstraße zum Stilfser Joch schließt der Transalpine Run die Alpenüberquerung ab.
Physische Regeneration nach 226 km: Das plötzliche Fehlen der täglichen Dauerbelastung erfordert eine kontrollierte Erholungsphase (Cool-Down, Elektrolytausgleich, ausreichende Eiweißzufuhr von 1,5–2,0 g/kg Körpergewicht zur Reparatur von Muskelmikrotraumata). Die Aktion😉 des „Schuh-Sekt-Trinkens“ zelebriert dabei vor allem den mentalen Befreiungsschlag nach 7 Tagen Ausnahmezustand.


STRAVA
Fazit: Die Essenz von Laufend-Glücklich – Wenn der Weg zur Heimat wird
Der Transalpine Run 2023 war weit mehr als nur die Summe aus 226,46 Kilometern und über 13.000 überwundenen Höhenmetern. Er markierte den emotionalen und sportlichen Schlussstrich unter eine jahrelange Reise, die 2016 mit Respekt, Unwissenheit und spürbarer Überforderung begonnen hatte. Wenn man Jahre später gereift, physisch belastbarer und mit einer tieferen gelasseneren Grundhaltung an dieselbe Startlinie zurückkehrt, wird der Wandel sichtbar: Die Jagd nach reinen Zielzeiten tritt in den Hintergrund, Platz machend für ein unbezahlbares Gefühl von Dankbarkeit.
Genau diese Haltung ist der Kern und der Puls von Laufend-Glücklich. Es geht nicht darum, in jedem verblockten Downhill der Schnellste zu sein oder unbarmherzig gegen den eigenen Körper anzukämpfen. Es geht darum, die Natur in ihrer vollen Ehrlichkeit zu spüren – vom glühenden Sonnenschein im Paznauntal über das peitschende Unwetter im Engadin bis hin zum sanften Flow der Vinschgauer Waalwege. Es geht um das tiefe Privileg, aus eigener Muskelkraft hochalpine Pässe zu überschreiten, die geologischen Schichten unserer Erde Schritt für Schritt zu lesen und am Ende den Moment mit Menschen zu teilen, die diese Leidenschaft bedingungslos mitfühlen.
Gleichzeitig hat diese epische Woche über die Alpenkämme auch die eigenen Grenzen aufgezeigt: Während das Herz in den rauen Felswänden der Sesvenna-Gruppe nur ein dankbarer Gast ist, schlägt es in den heimischen Buchenwäldern, auf den fränkischen Trails und entlang vertrauter Flussläufe als echtes Zuhause.
Der Transalpine Run 2023 hat gezeigt: Das größte Glück auf den Pfaden dieser Welt liegt nicht im Bezwingen eines Gipfels, sondern im Bewusstsein, jeden einzelnen Schritt mit Lauffreude, Empathie und voller Hingabe erlebt zu haben. Eine Erkenntnis, die als Kompass über das Ziel in Prad hinausstrahlt – hinein in alle kommenden Abenteuer auf Laufend-Glücklich.de!
Euer Thorsten
📌 Morgenspaziergang: Dieser Beitrag ist Teil der vielfältigen Aktivitäten rund um den Morgenspaziergang. Eine Gesamtübersicht aller unserer Ausflüge und Touren findest du hier: ☛ Morgenspaziergang
📌 TSV Katzwang 05 ULTRASPORT: Dieser Beitrag ist Teil der vielfältigen Aktivitäten rund um die Ultrasportabteilung. Eine Gesamtübersicht aller unserer Ausflüge und Touren findest du hier: ☛ TSV Katzwang 05 ULTRASPORT


