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Transalpine Run 2023 – der zweite, der finale Streich einer langen Reise

Der Vorlauf

Der erste und bisher einzige Start beim Transalpine Run ist lange her – 2016. Gefühlt ein anderes Leben, gelebt ein anderes Leben. Viel Wasser ist in dieser Zeit dem Fluss hinunter geflossen – und bekanntlich steigt man nie in den selben Fluss zweimal: Privat, Beruf und im Laufsport
Es ist nicht mehr das Leben von so vielen Jahren. Damals war der TAR für mich Neuland: Ein Etappenlauf, Trailrunning in den Alpen, alpine Landschaften, Höhenmeter ohne Ende und ein Wettkampf der mich zum damaligen Zeitpunkt überfordert hatte. Mit viel Willen und einem guten Partner, dem lieben Andy, konnte ich den Transalpine Run damals finishen, aber ich war auf diese Belastung im Grunde genommen nur unzureichend vorbereitet.
Die Grundschnelligkeit von 2016 ist nun nicht mehr vorhanden, aber die langen Kanten laufen sich viel leichter als früher, der Bewegungsapparat kommt mittlerweile damit spürbar besser klar, die Uphills wurden schneller und fallen mir leichter, die Bewegungen im Gelände sind sicherer, der Kopf kommt mit Herausforderungen besser klar. Gleichzeitig ist aber auch der unbeugsame Wille, um jeden Preis zu finishen, in diesem Ausmaß nicht mehr vorhanden.

Aufbruch am Vormittag
Vor dem Aufbruch ins Abenteuer

Flo, mein anderer lieber Laufpartner und sehr guter Freund, wollte mit mir schon lange eine Alpenüberquerung wagen, dachte dabei aber viel mehr an eine selbst organisierte Fastpacking-Tour. Ich wollte jedoch zuerst mit ihm im Rahmen einer organsierten Veranstaltung, eines Schonraumes mit Unterstützung, dieses Sehnsuchtsgebirge so vieler Menschen überqueren, um zu erkennen, was für uns beide machbar ist, wo die Stärken und Schwächen des jeweiligen in diesem Gelände liegen, um Distanzen und Höhenmeter besser einschätzen zu können, bevor wir das Eigenprojekt angehen.
Das Vorhaben hatten wir zum ersten Mal in 2021 besprochen, allerdings bald feststellen müssen, dass 2022 sich zeitlich nicht anbietet – und nun ist es soweit.

Unterkünfte

Mit der Umstellung der Route auf ein neues Konzept forderte PlanB, der Veranstalter des TAR, die Teilnehmer mehr als 2016. Kurz nach der Anmeldung Ende des letzten Jahres begann ich die Suche nach geeigneten Unterkünften.

Folgende Vorgaben waren wichtig:
– Nähe zum Start-Ziel-Gelände
– Frühstück


Eigentlich sollte diese Aufgabe nicht unlösbar sein, allerdings konnten die einschlägigen Hotelplattformen nicht in allen Orten etwas anbieten und wenn doch, dann brauchte man sich über hohe, sehr hohe und unverschämte Preise nicht wundern. So konnte ich nur für 5 der 8 Übernachtungen eine Unterkunft finden, weshalb ich Google Maps öffnete und alle Gasthöfe, Pensionen, Ferienwohnungen, Hotels auf der Karte suchte und kontaktierte – mühselig, aber letztendlich erfolgreich (mit Ausnahme des letzten Tages).
Die erste Übernachtung in Lech am Arlberg stornierten wir kurz vor dem TAR wieder, weil der Entschluss im Raum stand, im Dachzelt und Auto am Startort zu übernachten – finanziell mehr als lohnend.

Alle gebuchten Unterkünfte waren gut bis extrem gut (mit welcher Freude denke ich an die Villa Waldkönigin in St. Valentin auf der Haide mit ihrem Wellnessbereich, Service und Frühstück zurück), mit Ausnahme der in Scuol in der Schweiz. Zu diesem Preis war das dort Gebotene sehr dürftig…
Am Zielort stand uns nur eine sehr hübsche und preiswerte Unterkunft im Nachbarort zur Verfügung – 3 km entfernt.
Warum ist dies relevant? Man kommt müde und geschlaucht nach einer Etappe an, will schnell in die Unterkunft, duschen und umziehen, dann geht es zur Abendveranstaltung und zum Abendessen und danach wieder zurück zur Unterkunft. Lange Wege fallen aus Zeit- und Energiegründen also raus.

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass die Preise für Hotels, Essen, Getränke (auch im Supermarkt) in Österreich und der Schweiz höher liegen, als bei uns in Deutschland (einmal Orte wie München ausgeklammert) und diese Woche somit nichts für den schmalen Taler ist. Eine realistische Größenordnung mit etwas Puffer für eine Woche mit allen Kosten läuft Richtung 2000€ pro Person. Also einer Summe, welche für mich – und wahrscheinlich auch für etliche andere auch – viel Geld ist.

Ausrüstung

Folgende Pflichtausrüstung sieht der Veranstalter vor:

PRO TEILNEHMER:

  • Geschlossene Trailschuhe mit Profilsohle
  • Wasserdichte Jacke
  • Langes Oberteil oder Armlinge
  • Lange Hose oder Beinlinge
  • Handschuhe und Mütze/“Schlauchtuch“
  • Spikes (nur angekündigte Etappen)
  • Faltbecher für Getränke auf der Strecke
  • Wasserbehälter für 1 Liter Flüssigkeit
  • Personalausweis
  • Beschriftung der Lebensmittel-Verpackungen
  • Stirnlampe (nur angekündigte Etappen)

PRO TEAM:

  • Mobiltelefon + gespeicherte Notfallnummer
  • Streckenkarte – gedruckt oder auf der Navigationsuhr
    Erste Hilfe Set

Wie sollte man mit diesen Vorgaben umgehen? Hier hilft einem die langjährige Erfahrung definitiv weiter, denn zu wissen, bei welchem Wetter welche Bekleidung für einen persönlich sinnvoll ist, kann nicht von außen beantwortet werden. Zu beachten ist, dass es pro 100 Höhenmeter im Aufstieg mindestens 0,65°C kühler wird, d.h. dass es selbst bei Sonnenschein und spätsommerlichen Temperaturen im Tal dann beim überqueren der Scharten auf 2600 bis 3000 Meter deutlich kühler sein kann. Zudem pfeift in diesen Lagen fast immer der Wind.
Wer auf Nummer sicher gehen will, packt immer eine Tight und einen Midlayer ein, aber (so lange kein Unfall passiert und man zum Stillstand kommt) in der Bewegung und bei gutem Wetter reichen oft Armlinge und kurze Hose aus.
Wie gesagt: es hängt stark vom Wetter und dem persönlichen Temperaturempfinden ab.
ABER bei privaten Überquerungen, bei denen keine medizinische Crew sehr schnell zur Verfügung steht, würde ich eine wärmere Bekleidung als Lebensversicherung einpacken.
Der eine Liter Flüssigkeit kann bei warmen Temperaturen zu wenig sein, d.h. eine dritte Softflask im Rucksack kann mehr als hilfreich sein (in Abhängigkeit vom Schweißverlust und Trinkverhalten), denn man sollte sich nicht immer auf die Minimalausstattung verlassen (deswegen heißt es auch Minimal!). Als hilfreich haben sich für viele auch Salztabletten oder Isotabletten herausgestellt, denn bei starkem Flüssigkeitsverlust über Stunden ist reiner Wasserkonsum aus verschiedenen Gründen keine Lösung und die Isogetränke an den VP’s sind oft recht dünn angemischt.
Zur Navigation machten wir uns überhaupt keine großen Sorgen, denn PlanB betreibt einen mehr als hohen Aufwand, um eine sehr gute Markierung zu realisieren. GPX-Track auf der Uhr reicht vollkommen aus, wurde aber von uns auch nicht gebraucht.
Das einzige Problem: Bei vielen Mobilfunkanbietern ist die Schweiz (an zwei Etappen) nicht inklusive, d.h. man bucht entweder Kontingente hinzu oder stellt das Handy in den Flugmodus. Dann kommen allerdings keine SMS des Veranstalters durch,..

1. Etappe: Lech am Arlberg nach St. Anton am Arlberg

  • Startzeit: 08:00
  • Gesamt Kilometer: 33,2 km
  • Gesamt Höhenmeter im Aufstieg: 2004 HM
  • Höchster Punkt: 2420 M

Nach einer Nacht im Kofferraum des Vans bzw. im Dachzelt erwachen wir am Rande von Lech im Dunkeln. Eindeutig ist es gestern zu spät geworden und die Nachtruhe zu kurz.
Wir parken das Auto in aller Schnelle um, weil wir einen kostenfreien Parkplatz mitten im Ort gefunden haben – so sparen wir uns den Dauerparkplatz (den wir bezahlt haben) 5 km außerhalb des Ortes und den man nur mit einem Bus kurz vor Start verlasen kann, was zu einer Hektik führen würde (das ist leider nicht gut gelöst). Das Frühstück fällt kurz und knapp aus: Ein wenig Gebäck und einen Kaffee.

Auf dem Weg zum Start, bzw. zur Abgabe der Reisetaschen (nur am allerersten Tag nötig; im Folgenden transportiert PlanB die Taschen in die Hotels und holt sie am Morgen auch wieder ab) fällt auf, wie viele Teilnehmer es zum Start der Woche sind. Neben den Teams für die ganze Woche (wovon es im Lauf der Woche leider auch weniger werden), den Einzelstartern (neu – und eigentlich gegen das gewohnte Konzept, wenn dies nicht das einmalige Veranstaltungskonzept in Zukunft beschädigt…) und dem Run2 (Team über die ersten beiden Tage).

Nach einer kleinen Einlaufphase, die immer wieder von Stopps an Engstellen unterbrochen wurde, geht es hinauf zum höchsten Punkt des Tages. Die Strecke ist am ersten Tag nicht besonders technisch, die Höhenmeter überschaubar (auch wenn es 200 mehr sind, als angegeben – aber vor dem letzten Tag gibt der Renndirektor auch zu, dass Höhenmeter und Distanzen für ihn nur Näherungswerte sind) und die Wege an etlichen Stellen breit. Dies ist bei der Größe des Teilnehmerfeldes auch nötig und verhindert trotzdem nicht den Stau und die Hektik an den VP’s. Dies wird erst ab dem dritten Tag besser und ruhiger.

Ein tägliches Highlight ist für uns, dass wir immer wieder mit Andy (meinem Laufpartner für die schwierigen Projekte und Teampartner von 2016) und seiner lieben Freundin Phine am Start stehen und immer wieder auf den Strecken von Phines Mama überrascht und strahlend begrüßt werden. Jeder von uns muss diese Strecke aus eigener Kraft laufen, aber das heißt nicht, dass wir nicht Menschen um uns haben, die sich für uns freuen, mit uns leiden, uns aufmuntern und mit uns feiern. Danke für die gemeinsame Zeit!

Wir kamen heute hoch hinaus, erlebten eine wunderschöne Berglandschaft, aber dieses sehr alpine Gefühl der folgenden Tage stellt sich noch nicht vollständig ein. So rollen wir nach 6,5 Stunden weit hinten in der Altersklasse (Master Men – eine sehr charmante Bezeichnung) im Ziel ein und legen uns bei strahlendem Sonnenschein und großer Wärme entspannt in den Finisherbereich, denn an jedem Tag baut das Team im Zielbereich Stühle, Pavillons mit Getränken und Verpflegung + irgendeinem Schmankerl auf – Klasse!!! So freut man sich wirklich jedesmal auf die Ankunft. Später am Abend erfolgt das immer wiederkehrende Ritual aus Abendessen, Siegerehrung, Streckenbriefing und dem Highlight: den Bildern des Tages und dem Video des Tages!!!

2. Etappe: St. Anton am Arlberg nach Ischgl

  • Startzeit: 08:00
  • Gesamt Kilometer: 29,9 km
  • Gesamt Höhenmeter im Aufstieg: 1455 HM
  • Höchster Punkt: 2650 M

Hier zeigten sich schon die Probleme und Herausforderungen der kommenden Tage. Welche? Meine Fähigkeiten im wirklich technischen Downhill im Vergleich zu Flo (der schon seit vielen Jahren, viel Zeit in den Alpen verbracht hat) und die Neigung zu Gewitter. Der heutige Tag stand zwar noch unter den Vorzeichen Sonnenschein, Sonnenbrand und großer Wärme, allerdings wurde der zweite Anstieg der Strecke gestrichen, um dem drohenden Nachmittagsgewitter zu entgehen (-1km und -600HM und auf einer komplett anderen Strecke gelegt. Der lange Weg auf einem Schotterweg in ein einsames Tal hinein liegt nicht jedem, kommt aber Flo und mir mit unserer Laufstärke entgegen (wir trainieren letztendlich so gut wie ausschließlich im laufbaren Gelände und das merkt man die ganze Woche über immer und immer wieder an verschiedenen Aspekten). Hinten im Tal passieren wir eine Weide mit schottischen Hochlandrindern, die in einer baumfreien, grasbewachsenen Landschaft leben dürfen. Wasserfälle, Bachläufe und eine langsam ansteigende Höhe lassen uns den Wechsel in der alpinen Landschaft prächtiger erleben. Zuletzt geht es ins steinige, vegetationslose Gelände über und hinauf zur Scharte – willkommen im sehr alpinen!

Noch immer ist viel auf der Strecke und an den VP’s los – Geduld ist gefragt. Die Uphills laufen bei mir mittlerweile viel besser als in früheren Jahren und so geht der Anstieg zur Scharte erstaunlich gleichmäßig über die Bühne. Es wird einmal das Marschtempo angeschlagen und dann wird dieses gleichbleibend und ohne Stopp durchgezogen – für den Kopf sehr gut.

Der Downhill zur Hütte erfordert immer mal wieder die Hände und ist zum ersten Mal technisch. Eigentlich traumhaft, aber im dichten Teilnehmerfeld merkt man sehr schnell, wenn man zu schnell oder langsam ist. Muss man mögen, wird nicht die ganze Woche so bleiben, baut aber Stress auf (vor allem, wenn man zu langsam ist und obwohl der Hintermann evtl. gar nicht drängeln will).

Den VP2 nutzt Flo für eine kleine Challenge mit einem Helfer: Wieviel Cola kann der Helfer im per Kanne in den Mund gießen – eine klebrige Angelegenheit, sinnbefreit, kindisch, mehr als lustig und genau deshalb so wichtig: wie schafft man so eine Woche, wenn man nicht vollständig durchtrainiert ist? Mit Freude und Begeisterung an der Sache! Meiner Meinung nach, muss man nicht immer der Beste in seinem Tun sein – aber man sollte versuchen sein Tun mit so viel Freude und Begeisterung, wie es eben möglich ist, zu begleiten.
Der Zieleinlauf gestaltet sich kurzweilig, weil wir immer wieder symphytische Menschen kennenlernen, mit ihnen ins Gespräch kommen und die Etappen meistens so gebaut sind, dass die Kilometer hintenraus einfacher zu laufen sind. So klingen die Etappen gemütlich aus.
In Ischgl gibt es am Abend kein Buffet, sondern wir erhalten eine Liste mit teilnehmen Restaurants und einem Gutschein und können uns selbst einen Ort aussuchen – definitiv entspannter, aber so geht auch ein Teil des Gemeinschaftsgefühls verloren (für diesen Verlust sorgen auch die im Vergleich zu 2016 fehlenden Massenquartiere – das Camp). So gehen wir zu fünft in einem gehobenen ****Hotel essen, erleben guten Service, einen gut aufgelegten und aufmerksamen Kellner, einen Flo, der sich für 1€ aus dem Automaten die Pantoffeln des Hotels zieht (diese wird er im Lauf der Woche auch außer Haus am Abend immer und immer wieder tragen…) und richtig gutes Essen.

3. Etappe: Ischgl nach Galtür

  • Startzeit: 08:00
  • Gesamt Kilometer: 43,5 km
  • Gesamt Höhenmeter im Aufstieg: 2846 HM
  • Höchster Punkt: 2680 M

Glück gehabt! Die heutige Etappe kann wie ursprünglich geplant durchgeführt werden. Keine Streckenänderung. Das sie am Ende wieder einmal 1 km länger und 300 HM mehr betragen hat, sehen wir dem Renndirektor nach – zu gut sind seine Routen angesichts all der Herausforderungen, vor denen er bei der Planung steht (für eine kleine Gruppe oder nur zwei Leuten etwas zu planen, ist eine Sache, für knapp 1000 Leute bei einer Veranstaltung mit Haftung eine andere).

Der erste Anstieg wird zu einer endlosen Karawane auf einem Single-Trail. Keiner kann überholen, keiner will abreisen lassen. So steigen wir, aufgereiht wie an einer Perlenkette, zum ersten Gipfelkreuz steil hinauf. Es geht durch Wälder, Wälder mit niedrigeren Bäumen, Latschen und zu guter Letzt über Wiesen zum Kreuz. Heute ist der erste Anstieg nicht der längste, nicht der höchste Punkt auf der ersten Hälfte erreicht. Wir sehen kurz unterhalb des Gipfels den Rettungshubschrauber landen und einen Teilnehmer ausfliegen…
So etwas möchte ich nicht erleben müssen, denke ich mir in diesem Moment – nicht ahnend, dass ich drei Tage später meinen Glücksbringer aufs Äußerste strapazieren werde.

Der Downhill fällt kurz aus, weil wir uns anschließend entlang der Kante an der Waldgrenze, bzw. knapp unterhalb dieser, entlang arbeiten. Die Strecke ist mehr oder weniger flach, aber sehr schwer zu laufen. Das Tempo bleibt langsam und Flo setzt sich, wie an den ersten beiden Tagen, immer mal wieder nach vorne ab und wartet an einem geeigneten Punkt auf mich. Dies ist eine Strategie die gut funktioniert und zum Frieden im Team beiträgt. Ein durch einen Hangrutsch beschädigter Weg stellt noch einmal eine kurze Herausforderung da (zumindest für Menschen wie mich, die ihre Höhenangst noch nicht zu 100% abgelegt haben). Dann kommt der steile, verwurzelte Downhill hinunter ins Tal – und ich muss feststellen, dass meine Oberschenkel heute nicht wollen, nicht hinunter rennen und die Sprünge hinab abfedern möchten. Ich muss Flo erneut ziehen lassen.

Der anschließende Anstieg geht zuerst auf der Abstiegsroute vom gestrigen Tag hinauf. Die Sonne brennt wieder auf die Leiber hinab und ich bin froh, meinen Jimmy Hut auf dem Kopf zu haben. Hier zeigt sich aber, dass ich in den nicht besonders technischen Anstiegen genauso schnell aufsteigen kann, wie mein lieber Teampartner. Es geht hinauf und hinauf, vorbei an der Abzweigung vom gestrigen Tag und dann auf einer ewig langen Schotterstraße leicht ansteigend Richtung VP2. Wir passieren zahlreiche Verbauungen oberhalb von Galtür (ja, der Ort liegt gleich unterhalb von uns und es führt ein Wanderweg hinab – wir wollen aber weiter zur Scharte hinauf) und stehen dann vor der eigentlichen Herausforderung des Tages.
Hinter dem VP geht es steil hinauf, nur durch einen steinigen Bergpfad zu erreichen. Willkommen in den Alpen!

Auf dem Weg zum VP2

Auf einem schmalen Steig geht es entlang der Kante hinauf – das sind die Momente, in denen man merkt, dass eine Veranstaltung in den Alpen etwas anderes sein kann, als sie beispielsweise im Bayerwald, meinem Wohnzimmer, je sein wird. Augen zu und durch. Ich arbeite mich mit einer inneren Anspannung hinauf und erreiche den höchsten Punkt des Tages – Zufriedenheit macht sich breit.

Vor uns breitet sich ein Teil des Verwall aus…
Eine menschenleere, baumlose, von Bächen durchzogene Landschaft die gefühlt am Ende der Welt liegt. Der Downhill hinab ist technisch vom Feinsten. Über loses Geröll steil hinab rutschen etliche leicht aus und sitzen auf dem Popo (ich wollte es auch einmal ausprobieren, ist aber gar nicht so spannend, muss man nicht machen). Über Steinplatten balancieren, springen, Weg suchen, liegt auch nicht jedem – es wird ein langer Tag von fast 9,5 Stunden.
Aber es wird irgendwann flacher und wir können im Wechsel von langsamen Laufen und Gehen uns in Richtung der Schutzhütte vorarbeiten und wieder Zeit gut machen. Es ist definitiv eine der beeindruckendsten Landschaften, die ich kennenlernen durfte und ich bereue keinen Moment davon, aber ich merke auch, dass dies nicht meine Landschaft ist, nicht meine Natur. Hier bin ich nur Gast und nicht Zuhause. Mein Herz habe ich für eine andere Ausprägung der Natur verloren – und werde ihm nächstes Jahr wieder folgen.

Nach der Hütte, die malerisch gelegen ist, wird der Weg leicht bis sehr leicht. Wir haben zwar noch einige Kilometer bis zum Ziel, biegen aber nun auf einen abfallenden Schotterweg ein und laufen ihn flüssig und zügig durch das enge Tal. Vor uns niemand, hinter uns niemand – eine innere Ruhe kehrt ein und ich fühle mich zum ersten Mal seit dem Start in Lech völlig zufrieden.
An einer kleinen Alm gönnen wir uns als reguläre Gäste ein schnelles Bier, bevor wir den letzten Abschnitt des Tages angehen – ja, so viel Zeit muss sein.
Gute fünf Kilometer vor Galtür geht es auf die Straße und dort zwei Kilometer hinab – nicht schön, aber effizient. Von dort rein in den letzten Downhill, entlang der Stadtgrenze und durch die Hauptstraße unter dem Klatschen vieler Cafébesucher ins Ziel.

4. Etappe: Galtür nach Klosters

  • Startzeit: 06:00
  • Gesamt Kilometer: 41 km
  • Gesamt Höhenmeter im Aufstieg: 1763 HM
  • Höchster Punkt: 2750 M

Von Österreich , von Tirol, in die Schweiz – das war geplant und das wurde auch gelaufen. ABER beim Streckenbriefing am Vorabend mussten wir erfahren, dass wieder Gewitter für den Nachmittag angekündigt waren, was dem Renndirektor wieder keine Wahl ließ, als eine Alternativroute auszupacken (vermutlich wurden im Vorfeld des TAR schon verschiedene Alternativen für jeden Tag überlegt und durchdacht).
Drei Elemente waren dabei elementar:
– Startzeitpunkt auf 6:00 vorgezogen
– ein schneller erster Streckenabschnitt auf der Straße mit einem zügigen Cut-Off an VP 1
– kein zweiter großer Anstieg, der die langsameren Läufer am Nachmittag in höhere Lage zwingt

Diese Entscheidung ist nicht bei allen Startern auf Gegenliebe gestoßen, ist aber aus Sicht des Veranstalters im Hinblick auf die Haftungsfrage mehr als verständlich – und tatsächlich sollte am zügigen Cut-Off auch keiner scheitern.

Im Dunkeln, mit Stirnlampen bewaffnet, liefen wir die ersten Kilometer auf bzw. neben der Silvretta Hochalpenstraße. Flo und ich versuchten so viel, wie irgendwie möglich zu laufen, d.h. wir rutschten im Teilnehmerfeld weiter nach vorne, was im späteren Verlauf des Tages zur Folge hatte, dass wir im technischen Gelände häufig überholt wurden – aber einen Tod muss man immer sterben. Kilometer um Kilometer verstrichen und die gefühlt schnell einsetzende Dämmerung gab den Silvretta Stausee frei – nur würdigten wir ihn keines zweiten Blickes. Zu sehr waren wir fokussiert, zu sehr im Wettkampfmodus. VP1 bei ca. 13km wurde schnell mitgenommen und dann ging es die nächsten 7 km hinauf zur Scharte und damit zum Grenzübergang. Zuerst steinig mit vereinzelter Vegetation, manchmal am Hang entlang, aber nie besonders schwer.

Ab kurz vor VP2 bei km 19 ging es aber alpin über Geröll und steil hinauf, über Steinplatten hinweg und zuletzt sehr ausgesetzt entlang von Kanten. Mit großer Anspannung und Kraftanstrengung war es geschafft, für heute ist der Drops gelutscht.
Ein ganz großes Kompliment gilt auch dem Renndirektor! JEDEN Tag stand er auf dem höchsten Punkt der Strecke, feuerte an, klatschte ab, Stunde um Stunde.

Übergang Österreich-Schweiz

Vor uns tat sich Mordor aus Der Herr der Ringe auf. Der Schottensee umrahmt von hohen Bergen, ohne jegliche Vegetation, in der Ferne der letzte Gegenanstieg des Tages, der Abstieg vor unserer Nase. Nun folgte der schwierigste Downhill der Woche, Mehr als steil ging es auf losem Untergrund hinunter. Immer und immer wieder rutschten Läufer aus. PlanB brachte zusätzlich Seile als Unterstützung im Abstieg an, die dankend angenommen wurden. Ein Kilometer im Abstieg dauerte auf einmal 30 Minuten. Es ging danach über schier endlose Steinplatten, in denen sich manch einer verstieg – hier wurde offensichtlich, wer sich im alpinen Gelände sicher bewegen kann und wer nicht.
Geschafft, angekommen in der Senke. Wir versuchen zu laufen, aber es geht mehr schlecht als recht – egal, nur wieder etwas Weg machen.

Nach dem Gegenanstieg kamen wir auf einen oft vermatschten Wiesen-Steine-Pfad, der über eine Alm führte. Das Tempo blieb niedrig, wir kamen nur schleppend voran und wurden oft überholt. Ich hänge zu diesem Zeitpunkt dem Flo spürbar hinterher – die Oberschenkel sind noch nicht ganz locker,
Irgendwann erreichen wir die kleine Almhütte und damit einen befahrbaren Schotterweg – geschafft! Nun geht es einige Kilometer durch ein liebliches Tal auf einfachen Wegen – es rollt wieder. Wir sind halt doch mehr Kinder des Flachlandes, als der Berge – egal was wir uns so sehr wünschen. Schlappin wird erreicht, ein Bergdorf mit fast schon musealem Charakter, welches anscheinend komplett auf touristische Angebote setzt.

Im welligen Gelände nähern wir uns nun Klosters, schlagen am Rande des Ortes noch einmal aufwärts einen Haken (das liebt nicht jeder…) und erreichen nach knapp 8 Stunden das Ziel bei Sonnenschein auf einer blauen Sportbahn.
Wir liegen da, trinken unser Bier, essen Pommes und freuen uns, dass heute alles ohne Unfälle und Unstimmigkeiten geklappt hat.

Freibier im Ziel
Freibier im Ziel

5. Etappe: Klosters nach Scuol ABGESAGT – Scuol nach Motta Naluns Berg

  • Startzeit: 06:00 bzw. 15:00
  • Gesamt Kilometer: 15,7 + 7,4 km
  • Gesamt Höhenmeter im Aufstieg: 444 + 964 HM
  • Höchster Punkt: 2142 M

Am Vorabend hielt der Renndirektor noch an der längsten Etappe der Woche, dem Ultra über 48 km (mindestens – eher mehr) fest. Allerdings beschlich uns da schon ein ungutes Gefühl. Zu wahrscheinlich war ein Gewitter, als das die Austragung planmäßig laufen würde. Der Start wurde auf 6 Uhr vorgezogen und wir standen also brav um 4 Uhr auf – und wurden noch beim Frühstück vom starken Donner überrascht. Jetzt war klar, dass wir nicht starten würden, zumindest nicht auf einer Route mit einer über 2700 Meter hochgelegenen Scharte. Flo und ich studierten in der Karte die Optionen, nur um festzustellen, dass es keine unterhalb von 2000 Metern gibt…
Kurz darauf kam eine SMS des Veranstalters, dass wir uns zur Startzeit in der Halle einfinden sollten, um das weitere Vorgehen erläutert zu bekommen – die Konsequenz war nun klar.
Die Etappe wurde abgesagt, wir wurden gebeten mit dem Zug nach Scuol zu fahren und falls es auf die Schnelle möglich ist, wird es Nachmittags einen Bergsprint vom eigentlichen Zielort aus geben.
Und nun?

Haltet uns nicht für verrückt, aber das war uns zu wenig.
Wir rannten sofort zum ersten Zug, kauften die Karte im Zug per App (war schwieriger als gedacht), stiegen schon bei Guarda aus und machten uns aufwärts zur Originalstrecke. Mehr wandernd als laufend legten wir die letzten gut 15 km (alles schon im Tal und ohne Risiko) der eigentlichen Etappe entspannt zurück, sahen, dass die Etappe schon markiert war, kauften Essen und Bier im Supermarkt ein, genossen zuerst den Sonnenschein und später den Regen, wurden von drei anderen Läufern überholt, die die gleiche Idee hatten (wenn es mehrere tun, kann es nicht verrückt sein), wurden von einer älteren Dame angesprochen, ob wir die alten Wanderstöcke ihres verstorbenen Mannes benötigen können (skurril) und legten letztendlich einen Zielsprint über die beeindruckend hochgelegene Brücke zum Veranstaltungsgelände ein – unter Jubel des PlanB-Teams, welches gerade aufbaute. Und was soll ich sagen? Auf einmal war der Oberschenkel vollständig belastbar und funktionierte klasse! Und so sollte es auch bis zum Ende der Woche bleiben!

Der Bergsprint startete pünktlich und hektisch. Auf einmal begannen die Leute wieder zu drängeln und zu schneiden – Ruhe bewahren. Flo und ich entschieden uns bei diesem Vertical K auf Stöcke zu verzichten. Mit dieser Entscheidung waren wir relativ alleine und wir verloren damit auch Druck im Aufstieg, aber gewannen dafür Leichtigkeit und Freiheit. Wie das? Es kostet im dichten Gedränge, in der langen Schlange im Aufstieg viel Konzentration und Erfahrung, um sie richtig, nützlich und für andere ungefährlich einzusetzen – und nicht wenige haben damit ihre Probleme. Es war die richtige Entscheidung und ohne übermäßige Verausgabung kamen wir oben in der Kälte an. Schnell rein in den warmen Midlayer und das frische Shirt und dann ab zum Abendessen auf der Bergstation. Das ist eigentlich eine klasse Idee, aber durchgeschwitzt und damit irgendwann fröstelnd finde ich das für mich nicht optimal. Egal, geschafft ist geschafft.

6. Etappe: Scuol nach St. Valentin auf der Haide

  • Startzeit: 07:00
  • Gesamt Kilometer: 34,9 km
  • Gesamt Höhenmeter im Aufstieg: 2381 HM
  • Höchster Punkt: 2975 M

Die Schlechtwetternachrichten wollten und wollten nicht abreisen. Am Vorabend war schon ersichtlich, dass es in höheren Lagen zu Gewittern kommen kann – der Kommentar des Streckenchefs: Vielleicht gewittert es, vielleicht auch nicht, langsam ist es mir scheißegal
Ehrlich, direkt und genau mein Ding!
Die Startzeit wird auf 7:00 vorgezogen, der höchste Punkt (sogar vom ganzen Rennen!) beibehalten, die Strecke im zweiten Teil verändert, der zweite Anstieg auf über 2800 gestrichen und die Strecke leicht verlängert – ich hätte sogar verstanden, wenn er die Ultraetappe vom Vortag hätte nachholen wollen.

Schon in Scuol ging es in den Anstieg – und der hörte nicht mehr auf. VP1 ist bei einer Hütte, welche direkt auf dem Weg nach oben liegt und die nicht mit dem Auto versorgt werden kann, d.h. jeder bekam nur eine Flask mit Wasser, und weiter ging es. Ganze 1800 HM am Stück bis hinauf auf fast 3000 Meter (die Zugspitze ist ein paar Meter niedriger als unser Übergang) führte uns der Weg. Zuerst durch den Wald, immer wieder in Serpentinen über die Hinterlassenschaften einer Moräne, vorbei an Latschen und Wiesen, und zuletzt über nacktes Gestein. Technisch schwer ist der Aufstieg diesmal nicht. Es kommen zwar immer mal wieder kleine Felder von Steinplatten und losem Geröll, aber im Grunde genommen ist der Aufstieg nur eine Frage der Kraft und noch viel mehr des Willens. Etwas erstaunt sind Flo und ich, dass Andy und Phine im Anstieg fast direkt hinter uns sind, weil wir zügig und ohne überholt zu werden aufwärts marschieren und nie das Gefühl haben langsam zu sein (es tut gut, dass die Uphills mittlerweile nicht mehr meine Achillesferse sind) – klasse Leistung und meinen größten Respekt!

Irgendwann kommen wir oben an. Cut-Offs interessieren uns schon länger nicht mehr, sie sind trotz aller Ängste und Verschärfungen für nur mittelprächtige Läufer, wie wir es leider (?) sind, kein Problem beim TAR. Wie immer werden wir mit hinaufgeschleppten Kuhglocken und Jubel vom Streckenchef und der Medi-Crew empfangen. Im Wind ist es aber kalt (kurze Hosen haben wir alle, aber ich habe sogar noch einen Midlayer vorsorglich angezogen und bin damit eher die Ausnahme). Wie kalt? Wahrscheinlich etwas über Null – genau kann ich es nicht sagen. Die Nichtläufer tragen auf jeden Fall sehr dicke und warme Jacken.

Dieses Mal ist es auch keine enge und kleine Scharte, sondern eher eine nach hinten abfallende Hochfläche und so können wir erstaunlich einfach abwärts laufen. In der Ferne erkennen wir eine Landschaft, die an die schottisches Highlands erinnert und einen sehr einsamen Eindruck vermittelt. Vorfreude kommt auf und ich versuche meine Aufmerksamkeit mehr auf Flo zu richten, weil er seit gestern mit der Wade Probleme hat. Kurzum sie scheint ihm sehr stark zu schmerzen. Ich versuche ihm gut zuzureden, ihn nicht zu stressen. Könnte zwar schneller laufen – zum ersten Mal in dieser Woche – lass ihn jetzt aber nicht alleine. Es klappt, wir bewegen uns weiter und weiter.

Und dann passiert es…
Ich habe einen Läufer hinter mir. Er ist schneller als ich, weil er sich sicherer zwischen den Steinen im Downhill bewegen kann. Er drängelt nicht, sondern ist geduldig. Ich bin unaufmerksam.
Kopfüber fliege ich über einen halben Meter hohen Stein, an dem ich hängen geblieben bin. Drehe mich im Flug. Spüre mit den Barthaaren noch einen Fels, Schlage auf und rutsche etwas am Hang hinunter. Höre von einer Frau erschrockene Rufe und bekomme von dem Läufer die Hand gereicht. Ich stehe auf, stehe wieder auf dem Weg. Schaue mich an. Finger und rechter Unterarm blutig, das rechte Knie… Ich weiß nicht so genau, es blutet ordentlich, ist dreckig. Aber alles ist dran, ich spüre keinen Schmerz und kann alles bewegen. Mein kleiner Schutzengel war im richtigen Moment zur Stelle.

Einer von uns beiden hat aufgepasst und war zur Stelle – der andere nicht…

Flo hat davon nichts mitbekommen und ist weitergelaufen – herrlich. Ich fange an zu laufen, es geht. Den Downhill lege ich nun vorsichtiger zurück, aber will nicht gehen.
Und dann stehen wir in dieser Wiesen- und Weidenlandschaft, laufen durch viele Bäche (nasse Füße sind in dieser Woche unvermeidlich), wasche mich mit dem Wasser etwas, leicht wellig, aber mit der Tendenz nach unten. Die Sonne kommt hervor und irgendwann taucht VP2 auf. Ein paar Blicke ernte ich für mein Äußeres, aber mittlerweile sehe ich wieder halbwegs zivilisiert aus.

Wir steigen noch einmal leicht auf und laufen auf einem schmalen, festen und guten Pfad direkt am Hang entlang – der Ausblick ist genial. So liebe ich das Laufen. In der Natur, mit einer Leichtigkeit und mit der Möglichkeit im Hier und Jetzt aufzugehen.
Dem Pfad folgen wir jedoch nicht bis hinunter an den See, sondern steigen irgendwann weiter auf, wandern über eine grasbewachsene Hochfläche zu einer Bergbahnstation und gehen dann in einen 700 HM langen Downhill. Bis zum Downhill war Flo nun arg strapaziert. Es gab immer wieder einen Wechsel von Gehen und Laufen und man sieht ihm seine Schmerzen mehr als deutlich an. Ich versuche keinen Stress aufkommen zu lassen, bin einfach nur froh, dass wir hier sein können.
ABER: das er mir an der Bergbahnstation, dem VP3, meinen Hotdog nicht gönnen wollte, weil er ins Ziel will…
Ach schön wars. Dann? Wir sind gelaufen, was das Zeug hielt. Also ich. Flo ist im Downhill normalerweise massiv schneller, heute war es aber meine Chance. Zweimal halte ich unterwegs an, lass ihn weiterlaufen, binde erst den einen, dann den anderen Schuh, weil die Schnürsenkel offen waren (die ganze Woche über ist dies nicht passiert und dann im schnellen Downhill gleich zweimal…). Hole ihn ein. Wurzeln, Wiesen, Schotter, leicht und schwer, wechselt sich ständig ab. Wir laufen und laufen immer weiter Richtung Tal. Die letzten zwei Kilometer entlang des Sees und durch den Ort sind flach. Mein Jagdinstinkt ist geweckt und ich schnappe mir einen nach dem anderen – Flo ist nun durch und hängt sich einfach an mich. Der letzte kleine Hubbel hinauf und der Zielbogen ist sichtbar. Direkt daneben unsere Villa Waldkönigin (Boutique-Hotel) in voller Pracht (das beste Hotel der ganzen Woche mit einem erstklassigen Frühstück). Hinein ins Zielareal unter sonnendurchfluteten Bäumen und Willkommen in Bella Italia (das Gewitter tobt derweil in allen anderen Tälern um uns herum, nur nicht bei uns).

Was bleibt von dieser Etappe? Heute waren Leichtigkeit und Gefahr so dicht beieinander, wie ich es fast noch nie beim Laufen erlebt habe. Passiert ist zum Glück nur sehr wenig. Ein dickes und etwas blaues Knie die nächsten Tage, welches mich aber beim Laufen nicht wirklich einschränkte. Ein paar Schürfwunden, die schnell wieder heilen. Alles nicht tragisch. Aber wenn ich den Kopf einen Zentimeter tiefer gehalten hätte…
Dafür entschädigte mich die Etappe mit einem Gelände, indem ich mich wohl gefühlt habe, indem ich laufen konnte. Es ging hoch hinauf, aber es waren eher leichte Bergwanderwege. Sky-Races in den Alpen werden nicht mehr mein Ding werden.

7. Etappe: St. Valentin auf der Haide nach Prad am Stilfserjoch

  • Startzeit: 08:00
  • Gesamt Kilometer: 36,2 km
  • Gesamt Höhenmeter im Aufstieg: 1711 HM
  • Höchster Punkt: 2450 M

Eine Etappe, die wie geplant stattfinden soll! Start um 8:00. Höhenmeter wie angedacht (also mehr) – nur während des Laufes stellt sich heraus, dass direkt nach dem Start die Routenführung keinen Schnörkel macht, also gut 3km kürzer ist – auch egal.
Es sollte die laufbarste, die schnellste aller Etappen sein – trotz Regen, Matsch und einem Gipfel.

Nie wurde es technisch, erinnerte mehr an einen Waldlauf im Bayerischen Wald. So ging der noch regenfreie Aufstieg zu Beginn sehr locker von der Hand und endete bei leichtem Nebel auf einer Alm – und was sehen wir? Ein Dino steht vor uns, winkt, und drückt uns Bierdosen (mit Alkohol) in die Hand…
Nein, wir hatten nichts geraucht, genommen, getrunken, Wahnvorstellungen oder ähnlichen lustigen und weniger lustigen Dingen. PlanB hat Rucksäcke voller Bier hier hoch geschafft, jemanden in ein sehr großes Kostüm gesteckt und Bier verteilen lassen – da haben wir, als aufmerksame Gäste, nicht Nein gesagt.
Der grasbewachsene Hang war im Downhill dann schnell erledigt (mit den ersten unangenehmen Mitläufern in dieser Woche) – obwohl Flo wieder mit seiner Wade zu kämpfen hatte. Er biss im jeden Downhill die Zähne zusammen und lief. Hut ab.

Der Gegenanstieg brachte uns dann endgültig in den Regen und in den Matsch. Ab hier wurde alles flacher und wurden ein ums andere Mal überholt – konnten die Mitläufer aber nicht zuordnen… Die ganze Woche über bewegten wir uns im Teilnehmerfeld immer mit den gleichen Mitstreitern. Einmal waren wir vorne, dann sie. Man sah sich aber immer mal wieder. Heute aber neue Gesichter (was wir zu diesem Zeitpunkt nicht wussten, war, dass wir diese Etappe spürbar weiter vorne im Teilnehmerfeld beenden sollten).

Der Regen sollte aber nicht ewig anhalten. Bei Kilometer 27 ging unsere Reise in einem wunderbar flowigen Trail, mit weichen, fast ebenen Waldboden, über. Hier konnte Flo wieder gut laufen und wir wurden schneller und schneller. Folgten dem künstlich angelegenen Wasserlauf neben uns und wurden bei gut 30km in einen freundlich hellen, perfekt zu laufenden Downhill auf etwas sandigem Boden entlassen. Feuer frei. Kurve um Kurve ballerten wir hinunter. Meine Oberschenkel waren seit dem Vortag wie ausgewechselt, kein Vergleich zum Anfang des TAR. Wir überholten und überholten und wurden direkt in Prad ausgespuckt. Gut 2km noch flach zum Ziel, zur Westernstadt und rein in den Läuferhimmel – und auf zum krönenden Abschluss:
Sekt aus unseren Laufschuhen


Euer Thorsten

Gruppenfoto am Ziel
Geschafft und glücklich – jeder hatte sein Päckchen zu tragen und jeder hat es gemeistert