„Dem ist das Gehen leicht, der die Grenzen seines Landes nicht als Fessel begreift, sondern als Einladung, jeden Fußbreit Erde mit eigenen Schritten zu messen.“
— Friedrich Nietzsche
Die Idee: Mathematik, Geometrie und ein Radius im Ausnahmezustand
Für eine gar nicht so kurze Zeit galt in Bayern eine behördliche Einschränkung des zugelassenen Bewegungsradius auf exakt 15 km rund um den eigenen Wohnort beziehungsweise die jeweilige Heimatgemeinde. Ist das eigentlich wenig? In Zeiten von Autos, Highspeed-Zügen und Verkehrsflugzeugen wirkt ein solcher Radius auf den ersten Blick verschwindend gering. Doch was passiert, wenn man diese Distanz ganz aus eigener Kraft zu Fuß bewältigen möchte? Dann lautet die Antwort schlichtweg: Definitiv Nein!
Um den erlaubten Bewegungskorridor maximal auszurechnen und sportlich zu nutzen, sollte der äußere Kreisumfang ausreichend Auslauf bieten. Ich gebe unumwunden zu, dass ich die mathematische Kreisformel für den Umfang (2 x π x r) erst noch einmal kurz im Kopf auffrischen oder nachschlagen musste: Bei einem Radius von 15 km ergibt sich ein theoretischer Kreisumfang von rein rechnerisch rund 94,25 km.
Mein treuer Laufpartner Flo übernahm akribisch die digitale Feinplanung über Komoot und zauberte einen absolut brauchbaren, realistischen Kreis auf den Bildschirm. Die fertige GPX-Datei konnte ich anschließend völlig problemlos auf meine GPS-Laufuhr sowie auf das Handheld-Gerät ziehen. An dieser Stelle noch einmal ein riesiges Dankeschön an Flo für die akribische Vorarbeit!
Ursprünglich hatten wir die Durchführung für einen Samstag gut 1,5 Wochen früher ins Auge gefasst. Aus verschiedenen organisatorischen Gründen zerschlug sich dieser Termin jedoch wieder. Flo brachte daraufhin kurzerhand einen meiner freien Tage unter der Woche ins Gespräch, und so fiel unsere Wahl schließlich auf Dienstag, den 9. Februar 2021. Zu diesem Zeitpunkt konnte allerdings noch keiner von uns beiden ahnen, dass uns exakt an diesem Tag seit vielen Jahren zum ersten Mal wieder ein richtiger, kompromissloser Lehrbuch-Winter mit nächtlichen, zweistelligen Minusgraden und gewaltigen Schneemengen erwarten sollte.
Rechtlicher Rahmen: Im Winter 2021 galt in bayerischen Corona-Hotspots mit einer 7-Tage-Inzidenz über 200 eine Beschränkung des Bewegungsradius auf 15 km um die Gemeindegrenze für touristische Ausflüge und Tagesausflüge.
Zeitfenster & Ausgangssperre: Zusätzlich begrenzte die landesweit verhängte nächtliche Ausgangssperre zwischen 21:00 Uhr abends und 05:00 Uhr morgens das Zeitfenster. Ein Ultralauf-Projekt von fast 100 km Länge musste daher präzise gestoppt werden, um exakt nach 05:00 Uhr zu starten und vor 21:00 Uhr wieder sicher im Zielort einzutreffen.
Tag X: Aufbruch in der Eiskammer Roth
Um exakt 4:00 Uhr morgens reißt uns der schrille Ton des Weckers unbarmherzig aus dem Schlaf. Jetzt heißt es: Schnell anziehen! Zum Glück hatte ich am Vorabend bereits sämtliche Bekleidungsschichten, Laufwesten und Ausrüstungsgegenstände akribisch vorbereitet und geordnet bereitgelegt. Nach einem schnellen, energiereichen Frühstück holt mich Flo kurz nach 5:00 Uhr mit dem Auto ab. Die damals geltende nächtliche Ausgangssperre schränkte jegliche Bewegung streng auf das Zeitfenster zwischen 5:00 und 21:00 Uhr ein – Fehlversuche oder Trödeleien durfte es also nicht geben.
In Roth angekommen, liegt der dunkle P+R-Parkplatz direkt am Bahnhof völlig einsam, verstummt und tiefverschneit im Scheinwerferlicht. Die schneidende Kälte von weit unter -10°C zwingt uns ohne Umschweife zum Loslaufen; langes Zögern oder Händewaschen auf dem Parkplatz ist schlicht unmöglich. Ohne zeitraubende Umwege verlassen wir den Start- und Zielort Roth und streben zielgerichtet nach Nordosten in die tief verschneiten Wälder des Lorenzer Reichswalds.
Unzählige Kilometer verbringen wir in den ersten Morgenstunden mit gemeinsamen Podcastaufnahmen für unseren Audio-Kanal, beobachten fasziniert den rosa-orange leuchtenden Sonnenaufgang über den gefrorenen Wipfeln und kämpfen uns Schritt für Schritt durch viel Schnee – und noch viel mehr Schnee. Ja, das ist unsere ganz persönliche, verrückte Laufroute!
Naturraum Reichswald: Der südlich der Pegnitz gelegene Lorenzer Reichswald bildet zusammen mit dem Sebalder Reichswald die grüne Lunge der Metropolregion Nürnberg. Geologisch dominiert der Sandsteinkeuper mit eiszeitlichen Flugsanden und Kiefernbeständen.
Winterliche Trail-Bedingungen: Die flachen Forst- und Wanderwege bieten bei Pulverschnee hervorragenden Halt, verlangen bei Verwehungen oder vereisten Waldspuren jedoch dauerhafte Stabilisierungsarbeit der Fuß- und Wadenmuskulatur.

Vom Reichswald über den Schmausenbuck zur Nürnberger Burg
Den Markt Feucht passieren wir im Laufe des Vormittags noch in erstaunlich gutem, frischem Zustand. Von dort aus verläuft die geplante Linie weiter gen Nordwesten. Am Schmausenbuck vorbei steuern wir auf einen herrlich schmalen, verträumten Trail zu, der sich fast unbemerkt mitten zwischen den Wohnhäusern hindurch schlängelt – eine versteckte Oase mitten im bebauten Gebiet! So arbeiten wir uns Schritt für Schritt nach Nürnberg hinein und laufen schließlich auf historischem Pflaster bergauf direkt zur mächtigen Nürnberger Kaiserburg.
Mittelalterliches Machtzentrum: Die Nürnberger Burg zählt zu den bedeutendsten Kaiserpfalzen des Mittelalters. Sie liegt erhaben auf einem Felsrücken aus Nürnberger Burgsandstein hoch über der Altstadt.
Aussichtspunkt & Verbindung: Für Läufer bietet der Freiung-Aussichtspunkt auf der Burg einen unvergleichlichen Panoramablick über die gesamte Nürnberger Altstadt, die Pegnitzauen und das weitläufige Becken des Rednitztals.

Oben angekommen auf der Freiung der Burg (das Bufftuch ordnungsgemäß als Mund-Nasen-Schutz weit über die Nase hochgezogen), genießen wir kurzzeitig den fantastischen Ausblick über die verschneite Dächerlandschaft. Wir werfen einen Blick auf jenen stimmungsvollen Ort, an dem einst Flos Hochzeit stattfand, und halten für wenige Augenblicke inne.
Doch die eisigen Böen und die ersten Anzeichen von durchdringender Kälte zwingen uns rasch wieder zum Aufbruch. Von den Burgmauern geht es hinab in Richtung Nürnberger Westen. Hier traben wir direkt durch das urbane Stadtgebiet – vorbei an dicht aneinander gereihten, fahrenden Autos und spürbar schlechter City-Luft. Dieser Kontrast zur Stille des Reichswalds könnte kaum gewaltiger sein!
Die monotone Asphalttretereier ändert sich erst wieder in der Fürther Südstadt, als wir direkt an der Wohnung meiner Eltern vorbeikommen. Ein riesiges Dankeschön an dieser Stelle für die rasche Versorgung mit frischem Trinkwasser – diese unkomplizierte Hilfe hat enorm dazu beigetragen, dass wir an diesem Tag nirgendwo in Geschäften einkaufen oder Kontakte suchen mussten!

Aufstieg zur Alten Veste und der schwere Weg durch den Südwesthang
Rauf zur geschichtsträchtigen Alten Veste bei Zirndorf legen wir das allererste Mal ein längeres Streckenstück im zügigen Marschschritt zurück. Der steile Anstieg im tiefen Schnee fordert seinen Tribut, doch der Blick auf das Display zeigt: Über die Hälfte der Gesamtdistanz von fast 100 Kilometern liegt nun bereits hinter uns!
Historischer Schauplatz: Im Spätsommer 1632 stand die Alte Veste im Zentrum der verheerenden Schlacht zwischen den kaiserlichen Truppen Wallensteins und dem schwedischen König Gustav II. Adolf.
Aussichtsturm & Geländeprofil: Der heutige Aussichtsturm auf dem bewaldeten Hainberg bildet eine prägnante Landmarke im Landkreis Fürth. Die Anstiege über die bewaldeten Ränge verlangen Trailläufern knackige Höhenmeter ab.
Oben am Turm der Alten Veste nutzen wir die geschützte Gelegenheit für einen dringenden Sockenwechsel, das Umpacken der Laufwesten und eine kurze Verpflegungspause. Doch die stehende Kälte kriecht binnen Minuten unbarmherzig unter die Funktionskleidung und zwingt uns erneut zu einem sehr schnellen Weiterlaufen.
Nun erreichen wir wieder vertrauteres, gewohnteres Gefilde auf dem Weg nach und durch den Markt Roßtal sowie hinüber nach Rohr. Ab hier steht uns meine fantastische Frau Mareike mit dem Support-Auto zur Seite! Sie erwartet uns mit dampfender, warmer Suppe und allen erdenklichen Kalt- und Warmgetränken – in dieser eisigen Phase des Tages ein unschätzbarer Luxus!
Langsam geht die Sonne hinter den schneebedeckten Feldern unter. Genau auf Höhe von Bechhofen erreicht uns beide schließlich ein massives, dunkles Tief:
- Flos Notlage: Flo kann seine Finger vor fortgeschrittener Kälte kaum noch koordinieren und kriegt seine zitternde Hand kaum mehr in den Handschuh hinein.
- Thorstens Krise: Ich hadere extrem mit einer kurzfristigen Routenumplanung und verliere völlig die Geduld. Das führt dazu, dass ich mit den dicken Fäustlingen meinen Riegel nicht mehr aus dem Rucksack bekomme, ihn entnervt ausziehen muss, eiskalte Finger bekomme, mir dabei der Verpackungsmüll auf den schneebedeckten Boden fällt und ich anschließend auch noch meine Stirnlampe verliere.
Meine Laune ist am absoluten Tiefpunkt angelangt, und ich verliere zeitweise fast den Anschluss an Flo. Zu diesem Zeitpunkt übernimmt Flo bedingungslos die Führung und zieht mich mit eisernem Willen durch den stockfinsteren Wald. Eigentlich laufen wir hier auf einem herrlich geschwungenen Trail, aber ehrlich gesagt: In diesem Moment ist mir der schönste Trail der Welt völlig egal!

Das Aurachtal, der finale Endspurt & das Belohnungs-Bier
Erst auf dem Aurach-Wanderweg kurz vor den Toren von Roth hellt sich meine gedrückte Stimmung wieder spürbar auf, und das Schritttempo wird automatisch wieder höher. Der Körper spürt die nahende Heimat! Durch Roth hindurch bin ich wieder vollkommen da.
Schließlich erreichen wir nach 96,6 Kilometern und knapp 14 Stunden Beinarbeit im tiefen Winter wieder den Ausgangspunkt am Bahnhof Roth. Am Bahnsteig gibt es das wohlverdiente, eiskalte Belohnungs-Corona-Bier – was für ein symbolträchtiger Abschluss für diesen verrückten Tag!
Manchmal muss man verrückte Dinge eben einfach nur ohne langes Zögern umsetzen!
Euer Thorsten
📌 Morgenspaziergang: Dieser Beitrag ist Teil der vielfältigen Aktivitäten rund um den Morgenspaziergang. Eine Gesamtübersicht aller unserer Ausflüge und Touren findest du hier: ☛ Morgenspaziergang

