„Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen. Das Wandern lässt uns die Dinge mit anderen Augen sehen.“
— Theodor Fontane
Aufbruch in Happurg: Zwischen Herbstluft und stillem Aufstieg
Es gibt Tage, da sucht man nicht die großen Höhenmeter oder die rasende Geschwindigkeit, sondern schlicht die klare Herbstluft, innere Ruhe und den Raum zum Nachdenken. Der 31. Oktober war genau so ein Tag. Die dritte Etappe unserer TCT-Serie führte mich nach Happurg. 12 Kilometer frische Luft, ein grauer, kühler Himmel und ein Weg, der die Schrecken der Geschichte mit den Hoffnungen der Gegenwart verbindet.
Der Startpunkt war der S-Bahnhof in Happurg. Kaum waren die Schritte auf dem Asphalt verstummt, ging es rasch bergauf. Vorbei am örtlichen Kriegerdenkmal führt der Weg direkt auf den historisch aufgeladenen Gedenkweg, der an den Todesmarsch vom April 1945 erinnert.
Der Stollen F: Wenn ein Ort des Leids zum Raum des Lebens wird
Das Aufsteigen durch den schattigen Hangwald fordert hier kurz die Trittsicherheit. Über feuchtes Buchenlaub und felsdurchsetzte Steige geht es hinauf zum Stollen F. Wenn man vor den stummen, dunklen Zeugen der Vergangenheit steht, schleicht sich augenblicklich eine Beklemmung in die Brust. Es ist ein Ort des Innehaltens, der unwillkürlich Fragen nach der menschlichen Gedankenwelt und der sinnlos grausamen Natur jener dunklen Jahre aufwirft.
Doch die Geschichte hat hier einen bemerkenswerten Wandel erfahren: Ein Teil des Stollens ist inzwischen verfüllt, während andere Bereiche gezielt als geschützte Habitate für Fledermäuse umgestaltet wurden. Dieser Gedanke berührte mich tief: Ein Ort, der einst für Tod, Zwangsarbeit und Zerstörung stand, dient heute dem Schutz und Erhalt des Lebens.
Wer hier in der Gegend auf historischen Pfaden wandern möchte, dem empfehle ich auch einen Blick auf den Gedenksteinweg Schwanstetten oder den Radweg Mühlen & Industrie.
Untertage-Verlagerung „Dogger“: Ab 1944 mussten Tausende Zwangsarbeiter und Häftlinge des KZ-Außenlagers Hersbruck (KZ Flossenbürg) im eiszeitlichen Sandstein- und Kalkmassiv bei Happurg ein riesiges System unterirdischer Stollen für die kriegswichtige Flugmotorenproduktion voraushauen. Tausende Menschen verloren bei der Zwangsarbeit ihr Leben.
Vom Ort des Leids zum Lebensraum: Der als „Stollen F“ bekannte Eingangsbereich ist heute ein stummes Mahnmal. Teile des Stollenkomplexes wurden im Laufe der Jahre sicherheitsbedingt verfüllt oder versiegelt. Einzelne Abschnitte wurden gezieht so umgestaltet, dass sie als feuchtkühles, geschütztes Fledermaushabitat dienen – wodurch ein historisch dunkler Ort heute dem Naturschutz und dem Erhalt von Leben gewidmet ist.


Abstieg zum Happurger Stausee: Lichtblick der Energiewende
Beim Verlassen des Waldes öffnete sich die Kulisse und die Route führte flach und einfach am Ufer des Happurger Stausees entlang. Der Blick auf den Wasserspiegel strahlt eine wohltuende Ruhe aus.
Nach dem beklemmenden Moment am Stollen war der Anblick der Baumaßnahmen am Stausee, die für das oberhalb gelegene und in Reaktivierung befindliche Pumpspeicherwerk durchgeführt werden, ein echter Lichtblick. Dass dieses wichtige Bauwerk der regionalen Energiewende nun wieder in Betrieb genommen wird, stimmt zuversichtlich und lenkt den Blick wieder nach vorne.


Das Pumpspeicherkraftwerk Happurg: Die 1955 bis 1958 errichtete Anlage bildet ein zentrales Element der regionalen Energieversorgung. Sie nutzt das natürliche Höhengefälle von rund 209 Metern zwischen dem Unterbecken (Happurger Stausee, 364 m ü. NHN) und dem künstlich angelegten Oberbecken auf der Hochfläche des Deckersbergs (573 m ü. NHN).
Funktionsweise & Geologie: In Zeiten hoher Stromnachfrage stürzen bis zu 1,8 Millionen Kubikmeter Wasser aus dem Oberbecken durch tonnenschwere Druckschächte im Bergmassiv hinab zu den Turbinen im Kraftwerk am Seeufer. Bei Stromüberschuss wird das Wasser wieder hinaufgepumpt. Der Untergrund des Deckersbergs besteht aus Schichten des Weißen und Braunen Jura (Malm/Dogger).
Nachdem Risse im Beckenboden des Oberbeckens im Jahr 2011 zum vorübergehenden Stillstand führten, dient die umfassende Sanierung und Wiederinbetriebnahme der Anlage als wichtiger Baustein für Netzstabilität und Energiewende.
Über die Hügel nach Hersbruck: Verdiente Einkehr im Bürgerbräu
Auf einfachen Feldwegen ging es über einen sanften Hügel hinüber in Richtung Hersbruck. Der Weg verlief durch den südlichen Teil der Stadt direkt zum traditionellen Bräuhaus. Nach 12 kühlen Herbstkilometern tat die Wärme drinnen unglaublich gut. Bei fränkischen Gerichten und einer Auswahl der Hersbrucker Brauerei direkt vom Fass ließ sich die Wanderung wunderbar reflektieren.



Aufgrund von Gleissperrungen am Bahnhof Hersbruck (rechts der Pegnitz) führte mich der Schlussabschnitt durch den herbstlichen Wiesengrund hinüber zum Bahnhof Hersbruck (links der Pegnitz). Im gut gefüllten Regionalexpress ging es schließlich zufrieden zurück nach Nürnberg.
Ein einfacher, aber inhaltlich extrem dichter Tag!
Euer Thorsten
📌 T.C. Trubachtaler: Dieser Beitrag ist Teil der vielfältigen Aktivitäten rund um den T.C. Trubachtaler e.V. und seiner Hütte in Oed. Eine Gesamtübersicht aller unserer Ausflüge und Touren findest du hier: ☛ TCT

Outdooractive
Damit du den genauen Streckenverlauf jederzeit im Blick behältst und die Orientierung auf den verzweigten Pfaden vereinfacht wird, findest du nachfolgend die interaktive Karte von Outdooractive. Hier kannst du das Höhenprofil im Detail analysieren, einzelne Wegpunkte betrachten oder den GPX-Track direkt für deine eigene Sportuhr und Smartphone-App herunterladen.

