Ist es nun schon drei Jahre her? Offensichtlich ja, aber wo ist die Zeit geblieben? Am 22. Oktober im Jahr 2022 fiel der Startschuss für das Projekt Fränkischer Gebirgsweg als Trailrunning Erlebnis. Eigentlich trifft das Wort Projekt diese Art des Unterfangens nicht richtig. Es geht nicht darum, mit einer sportlich-ambitionierten Zielrichtung den Weg zu meistern, nicht darum sklavisch eine Ansammlung von Punkten abzuarbeiten. Die eigentliche Freude liegt in der gemeinsamen Bewegung in der Natur, in der gemeinsamen Zeit mit sehr guten Freunden, in den Erlebnissen und Momenten die gesammelt werden, in den gemeinsam gelacht, gekämpft, diskutiert wird – es geht auch um die Menschen. Nun geht es auf den letzten Abschnitt der Reise, das letzte Wochenende auf diesem Wanderweg – und die Vorfreude ist riesig! Die nächsten Ideen befinden sich im Köpfchen, aber erstmal zum zweitägigen Schlussakkord.
Die irren flämmchen allerwege sind erloschen
Ein jäher donner hat die hohe saat gedroschen
Der surm der nacht zerspaltet das geäst im forste
Er stört der eber lager und der geier horste.
Der strenge könig sprengt aus seinem wolkenschlosse
Er folgt auf goldgeschirrtem pferd mit grossem trosse
Der falschen gattin die sich tummelt in den wettern
Und preisgegeben ist den zügellosen rettern.
Oft glaubt er mit der rauhen faust sie zu versichern
Doch sie entwindet sich mit einem leisen kichern –
Bis er sie festet.. zwischen seines gürtels spangen
Und dem genick des pferdes ist sie quer gefangen.
Bezwungen schluchzend regt sie ihre blanken zähne
Und schüttelt zürnend ihre aufgelöste mähne
Um ihre nackten glieder spült der schiefe regen
Ihr kalter busen sieht gefasst der haft entgegen.
„Gewitter“ von Stefan George
Etappe 7: Arzberg nach Zell im Fichtelgebirge
- Samstag, 15. November 2025
- 57,5 km + 1300 HM
- 8 h 42 min
Es fehlt jemand – wird schmerzlich vermisst: der liebe Flo. Aufgrund verschiedenster Gegebenheiten starten Hansi und ich, angereist mit dem frühestmöglichen Zug aus Nürnberg, nur zu zweit auf die vorletzte Etappe unseres nun seit drei Jahren laufenden Projekts: Fränkischer Gebirgsweg. Uns ist auch klar, dass wir mit den „schweren“ Rucksäcken nicht schnell sein werden und wir ohne Mittagspause uns stetig vorwärts bewegen müssen. Immerhin ist es trocken, nicht kalt und damit ein fast perfektes Herbstwetter.


Arzberg, der heutige Startpunkt, scheint eine wohlhabende Vergangenheit (einschließlich einer von Alexander von Humboldt gegründeten Bergschule, der als Oberbergmeister von 1792 bis 1796 den Eisenerzbergbau der Region betreut hatte, bevor das im 19. Jhd. entdeckte Kaolinvorkommen für die Porzellanherstellung genutzt wurde) gehabt zu haben, denn immer wieder erblicken wir Jugendstilvillen, die nun renoviert werden müssten oder gar nicht mehr bewohnt werden. Einen Eindruck den wir im Lauf des Tages im Landkreis Wunsiedel, an der Grenze Oberfrankens zur Oberpfalz und Tschechien, immer wieder haben werden. Schade – die Menschen sind freundlich, die Landschaft sehr schön und das Bier lecker 😉 Wir lassen die Burganlage mir Wehrmauern und Pulverturm links liegen und starten ohne Umschweife. Auf leicht zu laufenden Wegen kommen wir die ersten Stunden sehr schnell vorwärts und freuen uns über eine zeitige Ankunft im Zielgasthof. Durch Wälder und kleine Ortschaften führen immer feste Wege und die An- und Abstiege sind sehr einfach. Vor allem das unter Naturschutz stehende Egertal entpuppt sich als kleines Schmuckstück mit mehreren Stauseen zur Stromerzeugung, welches wir genussvoll passieren. Feste Granitsteine im Flussbett, ein breiter Strom, Mischwälder an beiden Hängen und trotz der Wasserkraftwerke kaum menschliche Eingriffe – definitiv ein Höhepunkt des Tages. Hier führen auch viele Radwege von regionaler und überregionaler Bedeutung hindurch – nur offene Einkehrmöglichkeiten sind Samstag nicht zu realisieren. Grundsätzlich ist die Gastronomie eine Achillesverse des heutigen (und sogar morgigen) Tages – vieles hat geschlossen, grundsätzlich geschlossen. In der Natur ist es dafür umso ruhiger. Wenn wir nur zwischendrin ein kühles Helles bekommen könnten…













Nach gut vier Stunden erreichen wir den höchsten Punkt des Tages mit dem 1954 eingeweihten Aussichtsturm Schönburgwarte auf dem Großen Kornberg, der ganz untypisch für die Berge der Region nicht mit großen Blockmeeren oder Felstürmen ausgestattet ist. Der Gipfel selbst ist nicht zu besteigen, weil der ehemalige Aufklärungsturm der Bundeswehr nun vom Frauenhofer IIS genutzt wird. Wir steigen hoch und genießen unter windigen Bedingungen die Fernsicht (ringsum sind am Geländer die Hinweise auf die umliegenden Berge angebraucht – genial). Den nicht weit davon entfernten Hirschstein mit seiner Ruine einer Felsenburg können wir aber besteigen und tun dies auch – ein Traum. Bisher fühlt sich alles so leicht und locker an, dass wir mit uns völlig im Reinen sind, bis wir Kirchenlamitz am Rande passieren. Ab diesem Zeitpunkt werden die Wege trailiger, die Anstiege nicht steil aber zäher und wir kommen deutlich langsamer vorwärts. Wir erreichen bei einsetzendem Nieselregen und langsam untergehender Sonne das Granitlabyrinth in Epprechtstein (der Granit ist zum Beispiel am Reichstagsgebäude oder Schloss Nymphenburg verwendet worden – heutzutage sind viele Steinbrüche aber aufgelassen und renaturiert) mit dem daneben relativ neu errichtetem Infohaus. Flaschen auffüllen, Labyrinth besichtigen und weiter geht es. Die Zeit rinnt uns etwas unter den Fingern davon. Ich habe immer noch die Hoffnung, dass ich keine Stirnlampe auspacken muss, was sich in den nächsten Stunden in Luft auflösen wird. Es wird schnell dunkel, die Wege herausfordernder und der Wald stockfinster und plötzlich merken wir im Downhill am Großen Waldstein, einem 877 m hohem Berg, dass wir den Gipfel mit dem Bärenfang und dem Waldsteinhaus knapp verpasst haben und seit einigen Minuten auf dem Schottwerg zügig abwärts laufen. Nicht mehr zu ändern. Wir drehen jetzt nicht mehr um, weil uns das wahrscheinlich eine halbe Stunde kosten würde, die Fernsicht in der Dunkelheit nicht gegeben ist und wir auch nicht einkehren können. Hansi und ich haben immer noch sehr gute Laune, allerdings freuen wir uns über das Ziel immer mehr. Ohne wirkliche Pause, ohne Mittagessen wird es anstrengender. Kurz vor Zell im Fichtelgebirge passieren wir das letzte Highlight des Tages in der Dunkelheit: die Saalequelle, welche eingefasst und hübsch präpariert ist.







Hansis Uhr verabschiedet sich ohne Vorwarnung mit leerem Akku, unsere Schnürsenkel gehen auf, der Magen beginnt zu knurren und es wird kalt. Kurz darauf erreichen wir den Gasthof glücklich und keinen Moment zu früh. Warme Küche gibt es am heutigen Tag nur bis ca. 19:00 – wir schauen auf die Uhr: 17:45.
Also ab unter die Dusche (das erste Bier muss warten) und dann ab in den Gastraum. Flo, angereist mit Flixbus und einem 12 Kilometer langen Lauf, stößt punktgenau zu uns, um mit uns den Abend ausklingen zu lassen und auf die Schlussetappe zu gehen. Leckeres Essen, gute Biere, sehr gute Gespräche und der Abend wird lang.



Etappe 8: Zell im Fichtelgebirge nach Blankenstein – die Schlussetappe
- Sonntag, 16. November 2025
- 47,7 km + 750 HM
- 9 h 23 min
Aufgrund verschiedener Umstände läuft die heutige Etappe nicht immer zu 100% auf dem originalen Wanderweg – ein Umstand, den wir am Vorabend besprochen haben und der für uns alle vernünftig ist.
So früh wie möglich sitzen wir am Frühstückstisch, essen so viel wie geht und brechen schnellstmöglich auf. Wir wissen, dass wir mit dem Zug vom Zielort nach Hause im günstigen Fall noch 3,5 Stunden brauchen, wenn wir nicht völlig trödeln. Wir wissen auch, dass wir aus verschiedensten Gründen heute nicht sehr schnell sein werden. Also auf zur Schlussetappe.






Wir passieren den langgestreckten Bergrücken namens Haidberg, der geologischen schon zur Münchberger Gneismasse gehört, bevor wir den erstaunlich großen Ort Münchberg (mehr als 10.000 Einwohner) erreichen. Wir schlängeln uns durch die Stadt, entdecken zufällig die Zweigstelle des Finanzamtes (Hansi liebt so etwas) und steigen auf den Rohrbühl mit seinem markanten Aussichtsturm (leider geschlossen). Nach Münchberg laufen wir stetig und gar nicht so langsam auf sehr einfachen Wegen bei Sonnenschein. Das Licht im herbstlichen Wald, das Licht über den herbstlichen Feldern ist traumhaft schön. Wir sind zu dritt unterwegs und alles läuft, wie geplant – wir sind glücklich. Bis Selbitz (und der gleichnamige Fluss – gehörte lange Zeit den Burggrafen von Nürnberg) passieren wir immer wieder eine liebliche Kulturlandschaft und verlassen das Granit haltige Fichtelgebirge um in den Schiefer haltigen Frankenwald zu gelangen (an den Gebäuden vielerorts auch erkennbar). Dort kehren wir zur Mittagszeit ein und stärken uns für die zweite Hälfte (wir sind die einzigen Gäste und damit verstärkt sich der Eindruck von der Gastro vom gestrigen Tag wieder). Gestern Abend hatte sich zusätzlich an einer meiner zwei Softflasks das Beisventil verabschiedet, weshalb ich heute nur noch einen halben Liter Wasser dabei habe – eine Herausforderung bis wir einen Friedhof mit Leitungswasser finden, aber kein Grund zu jammern: im Rucksack ausgelaufene Gels eines gewissen Herrn H. sind definitiv weniger unterhaltsam.







Es wird wieder zeitig dunkel und wir erreichen die sogenannte Hölle (einem Ort und einem gleichnamigen Tal – hier befinden wir uns nicht mehr auf dem FGW!) mit dem letzten Sonnenlicht. Wir nehmen Tempo raus, kaufen uns je ein Wegbier, verlassen den eigentlichen Weg und spazieren erstmal durch das Höllental Richtung bayerisch-thüringische Grenze. Es hat sich gelohnt! Das Tal ist erstaunlich eng, wieder naturbelassen (die ursprüngliche Bahntrasse ist noch erkennbar, aber die Gleise sind gänzlich zurückgebaut und das Tal den Wanderern und der Natur überlassen) und führt uns auf den letzten Kilometern Richtung Ziel. Hier diskutieren Hansi und ich so leidenschaftlich, dass Flo uns irgendwann einbremsen muss – die Zeit drängt.
Bei Blechschmidtenhammer in Bayern, direkt an der Grenze, kaufen Flo und ich in der Gaststätte, keine Gäste dort, die ersten Getränke für die Heimfahrt ein, schicken Hansi schon einmal auf direktem Weg zum Endpunkt und holen ihn im Schlussspurt ein. Wir überqueren die Grenze nach Thüringen, um zur Zielskulptur in Blankenstein, dem Treffpunkt der Weitwanderwege Fränkischer Gebirgsweg, Frankenweg, Kammweg und Rennsteig zu gelangen. Wir umarmen uns und sind happy. Nach drei Jahren ist es vollbracht.
Dafür danke ich euch. Es war mir eine Ehre und ein Vergnügen mit euch unterwegs gewesen zu sein.









Auf den letzten Metern zum Bahnhof passieren wir zufällig einen Wanderstützpunkt (wahrscheinlich gibt es ihn wegen des Rennsteigs, welcher sehr beliebt ist), wechseln ein paar Worte und nehmen uns lokales und leckeres Bier mit. Somit geht der Tag nicht nur zufrieden, müde und glücklich, sondern auch gut verköstigt zu Ende.
Euer Thorsten


