Vorwort
- Samstag, 17. Dezember 2022
- 37,2 km + 225 HM
- 3 h 56 min
„Auf Reisen gleichen wir einem Film, der belichtet wird.
Entwickeln wird ihn die Erinnerung.“
Max Frisch
Flusslaufen – eine Reise
Man sagt ja, so ein Flusslauf hat verdammt viel Ähnlichkeit mit dem echten Leben: Es gibt eine Geburt (die Quelle), ein bisschen Dahingeplätschere und irgendwann das große Finale (die Mündung). Klingt tiefgründig? Finden wir auch. Der Philosoph Hermann Hesse hat in seinem Buch Siddhartha seitenweise über die Weisheit des Flusses schwadroniert. Aber mal ehrlich: Geht es in einer Laufgruppe aus fünf gestandenen Männern genauso philosophisch zu, wenn sie die Laufschuhe schnüren?
Die kurze Antwort: Nö. Absolut nicht.

Stattdessen ist so ein kollektiver Langstreckenlauf wohl eher die sportlichste Variante eines klassischen Kaffeekränzchens. Nur eben ohne Kaffee und Kuchen, dafür mit fünf lustigen Recken in atmungsaktivem Polyester. Unser Plan an diesem beschaulichen Samstag im Dezember: Von Schwabach aus gemütlich mit dem Zug nach Treuchtlingen zuckeln, dort die restliche Truppe einsammeln (von denen man manche vorher noch nie gesehen hat – was beim Laufen nach den ersten fünf Minuten ohnehin egal ist) und dann schlanke 37,2 Kilometer zurückreisen.

Auf dem Plan stand die Erkundung der kleinen Schwäbischen Rezat. Wir wollten dem Flusslauf folgen. Betonung auf wollten.
Zuerst lief noch alles nach Drehbuch. Wir passierten die Überreste des Karlsgrabens. Das war der historische Versuch von Karl dem Großen, einen Main-Donau-Kanal zu buddeln. Spoiler: Karl hatte damals weder GPS noch Bagger, weshalb das Projekt im Schlamm versank. Ein Schicksal, das wir glücklicherweise nicht teilen mussten. Als wir dann endlich auf die Schwäbische Rezat stießen, wurde uns schnell klar, dass Flüsse im Winter eine ganz eigene Vorstellung von „Wegen“ haben. Wo eigentlich ein Pfad sein sollte, war… nun ja, viel Natur und wenig Halt.

Aber hey, wer braucht schon asphaltierte Radwege, wenn man stattdessen 3 Stunden und 56 Minuten lang ununterbrochen quatschen, lachen und sich gegenseitig die neuesten Anekdoten um die Ohren hauen kann? Am Ende standen stolze 225 Höhenmeter und ein dickes Grinsen auf den Gesichtern der fünf Recken. Wer braucht schon Kaffee und Kuchen an einer gedeckten Tafel, wenn man das Kaffeekränzchen direkt im Laufschritt erledigen kann? Denn wie heißt es so schön: Das Ende von einem Lauf ist schließlich nur der Anfang der Regeneration für den nächsten!

Und wo führt das Ganze hin? Natürlich nach Georgensgmünd! Genau dort, wo die Schwäbische Rezat auf ihre etwas längere Schwester, die Fränkische Rezat, trifft, machen die beiden Ernst. Statt als gemütliche Plauderbäche weiterzufließen, fusionieren sie dort feierlich zur Rednitz. Für uns hieß das: Ein kurzer bewundernder Blick auf das frisch gebackene Flüsschen und weiter ging es im Sauseschritt zum Bahnhof. Aber das fränkische Wasser-Abenteuer ist hier noch lange nicht vorbei! Wer auf der Landkarte weiter nach Norden schielt, sieht das große Finale: In Fürth schnappt sich die Rednitz die aus Nürnberg kommende Pegnitz, woraufhin die beiden – quasi als flüssiges Upgrade – zur Regnitz verschmelzen. Diese rauscht dann stolz weiter, bis sie im wunderschönen Bamberg ihr großes Ende findet und sich endgültig in den Main stürzt. Aber so weit wollten wir heute gar nicht laufen – schließlich wartete unser ganz eigenes, heimisches Ziel!
Euer Thorsten


