„Auf Reisen gleichen wir einem Film, der belichtet wird. Entwickeln wird ihn die Erinnerung.“
— Max Frisch
Flusslaufen – eine Reise
Man sagt ja, so ein Flusslauf hat verdammt viel Ähnlichkeit mit dem echten Leben: Es gibt eine Geburt (die Quelle), ein bisschen Dahingeplätschere und irgendwann das große Finale (die Mündung). Klingt tiefgründig? Finden wir auch. Der Philosoph Hermann Hesse hat in seinem Buch Siddhartha seitenweise über die Weisheit des Flusses schwadroniert. Aber mal ehrlich: Geht es in einer Laufgruppe aus fünf gestandenen Männern genauso philosophisch zu, wenn sie die Laufschuhe schnüren?
Die kurze Antwort: Nö. Absolut nicht.
Für mich bedeutet das Flusslaufen weit mehr als stumpfes Kilometerfressen. Es ist eine ganz eigene Philosophie der Fortbewegung. Man sucht den Ursprung, spürt dem Werden eines Gewässers nach und begleitet seinen Weg durch Landschaften, historische Kulturräume und kleine Orte. Im direkten Vergleich wirkt die Schwäbische Rezat aus der reinen Läufer- und Trail-Perspektive übrigens deutlich naturbelassener, grüner und abwechslungsreicher zu laufen als manche streckenweise von Schienen begleiteten Abschnitte anderer Flussläufe.
Quelle & Verlauf: Die Schwäbische Rezat entspringt auf der Fränkischen Alb bei Dettenheim auf etwa 470 m ü. N.N. Sie verläuft auf rund 33 Kilometern Länge in nördliche Richtung durch Weißenburg, Ellingen und Pleinfeld.
Zusammenfluss zur Rednitz: Bei Georgensgmünd vereinigt sie sich feierlich mit der von Westen kommenden Fränkischen Rezat zur Rednitz. Während ihr Gefälle im Oberlauf durch jurassische Sedimente geprägt ist, schneidet sich der Unterlauf tief in den mittelfränkischen Burgsandstein ein.

Die fünf Jungs von der Tanke – oder so ähnlich
Statt reichhaltiger Philosophie ist so ein kollektiver Langstreckenlauf wohl eher die sportlichste Variante eines klassischen Kaffeekränzchens. Nur eben ohne Kaffee und Kuchen, dafür mit fünf lustigen Recken in atmungsaktivem Polyester. Unser Plan an diesem beschaulichen Samstag im Dezember: Von Schwabach aus gemütlich mit dem Zug nach Treuchtlingen zuckeln, dort die restliche Truppe einsammeln (von denen man manche vorher noch nie gesehen hat – was beim Laufen nach den ersten fünf Minuten ohnehin egal ist) und dann schlanke 37,2 Kilometer zurückreisen.
Karl der Große & das Kanalprojekt: Im Jahr 793 versuchte Karl der Große, durch den Bau eines rund 3 km langen Kanals bei Treuchtlingen/Weißenburg die Einzugsgebiete von Rhein/Main (Schwäbische Rezat) und Donau (Altmühl) zu verbinden.
Ingenieurstechnische Hürden: Aufgrund von extremen Regenfällen, nachrutschenden Grubenhängen im tückischen Moränen- und Lössboden sowie fehlender Fördertechnik scheiterte das Unterfangen historisch. Die gut erhaltenen Erdwälle und Sohlenreste gelten heute als herausragendes Baddenkmal frühmittelalterlicher Ingenieurskunst.

Auf dem Plan stand die Erkundung der kleinen Schwäbischen Rezat. Wir wollten dem Flusslauf folgen. Betonung auf wollten.
Zuerst lief noch alles nach Drehbuch. Wir passierten die Überreste des Karlsgrabens. Das war der historische Versuch von Karl dem Großen, einen Main-Donau-Kanal zu buddeln. Spoiler: Karl hatte damals weder GPS noch Bagger, weshalb das Projekt im Schlamm versank. Ein Schicksal, das wir glücklicherweise nicht teilen mussten.
Schon kurz darauf streiften wir das barocke Barock-Ensemble von Ellingen. Das imposante Deutschordensschloss erinnert daran, wie stark der Orden über Jahrhunderte die Kulturlandschaft geprägt hat.
Zentrum des Deutschen Ordens: Das Deutschordensschloss Ellingen war von 1216 bis 1809 der Hauptsitz der Ballei Franken. Diese Provinz galt als die wohlhabendste und einflussreichste Ballei des gesamten Ritterordens.
Architektur: Die heutige prachtvolle Barockanlage entstand vor allem im 18. Jahrhundert unter Baumeistern wie Franz Joseph Roth und prägt bis heute das Stadtbild an der Schwäbischen Rezat.

Als wir dann endlich auf die Schwäbische Rezat stießen, wurde uns schnell klar, dass Flüsse im Winter eine ganz eigene Vorstellung von „Wegen“ haben. Wo eigentlich ein Pfad sein sollte, war… nun ja, viel Natur und wenig Halt.
Aber hey, wer braucht schon asphaltierte Radwege, wenn man stattdessen 3 Stunden und 56 Minuten lang ununterbrochen quatschen, lachen und sich gegenseitig die neuesten Anekdoten um die Ohren hauen kann? Am Ende standen stolze 225 Höhenmeter und ein dickes Grinsen auf den Gesichtern der fünf Recken. Wer braucht schon Kaffee und Kuchen an einer gedeckten Tafel, wenn man das Kaffeekränzchen direkt im Laufschritt erledigen kann? Denn wie heißt es so schön: Das Ende von einem Lauf ist schließlich nur der Anfang der Regeneration für den nächsten!

Zusammenfluss & Ausblick: Von Georgensgmünd bis nach Bamberg
Und wo führt das Ganze hin? Natürlich nach Georgensgmünd! Genau dort, wo die Schwäbische Rezat auf ihre etwas längere Schwester, die Fränkische Rezat, trifft, machen die beiden Ernst. Statt als gemütliche Plauderbäche weiterzufließen, fusionieren sie dort feierlich zur Rednitz.
Für uns hieß das: Ein kurzer bewundernder Blick auf das frisch gebackene Flüsschen und weiter ging es im Sauseschritt zum Bahnhof. Aber das fränkische Wasser-Abenteuer ist hier noch lange nicht vorbei! Wer auf der Landkarte weiter nach Norden schielt, sieht das große Finale: In Fürth schnappt sich die Rednitz die aus Nürnberg kommende Pegnitz, woraufhin die beiden – quasi als flüssiges Upgrade – zur Regnitz verschmelzen. Diese rauscht dann stolz weiter, bis sie im wunderschönen Bamberg ihr großes Ende findet und sich endgültig in den Main stürzt. Aber so weit wollten wir heute gar nicht laufen – schließlich wartete unser ganz eigenes, heimisches Ziel!
Euer Thorsten
📌 Flusslaufen: Dieser Beitrag ist Teil des Projekts Flusslaufen – Laufend die Welt entdecken. Eine Gesamtübersicht aller „Reisen“ findest du auf der zentralen Seite: ☛ Flusslaufen: Von der Quelle bis zur Mündung
📌 Morgenspaziergang: Dieser Beitrag ist Teil der vielfältigen Aktivitäten rund um den Morgenspaziergang. Eine Gesamtübersicht aller unserer Ausflüge und Touren findest du hier: ☛ Morgenspaziergang


