Auf einen Blick:
- Datum: Samstag, 11. September 2021
- Strecke: ca. 33 km (Ausstieg hinter VP2)
- Höhenmeter: +1.378 HM
- Dauer: 4 Std. 55 Min.
- Status: DNF (Did Not Finish / Vernunft-Abbruch)
- Charakter: Hitzerennen, steile Anstiege, Landschaftskulisse rund um den Stausee und Motovun
Nun fallen leise die Blüten ab,
Und die jungen Früchte schwellen.
Lächelnd steigt der Frühling ins Grab
Und tritt dem Sommer die Herrschaft ab,
Dem starken, braunen Gesellen.
König Sommer bereist sein Land
Bis an die fernsten Grenzen,
Die Ähren küssen ihm das Gewand,
Er segnet sie alle mit reicher Hand,
Wie stolz sie nun stehen und glänzen.
Es ist eine Pracht unterm neuen Herrn,
Ein sattes Genügen, Genießen,
Und jedes fühlt sich im innersten Kern
So reich und tüchtig. Der Tod ist so fern,
Und des Lebens Quellen fließen.
König Sommer auf rotem Roß
Hält auf der Mittagsheide,
Müdigkeit ihn überfloß,
Er träumt von einem weißen Schloß
Und einem König in weißem Kleide.
"König Sommer" - Gustav Falke
📌 Das Event – Istria 100 & meine History
- Event-Kategorie: Der 100 Miles of Istria (Istria 100) ist Kroatiens größtes Trailrunning-Event und Teil internationaler Ultra-Rennserien. Er bietet Strecken von 168 km bis 20 km (Red, Blue, Green, Yellow Course).
- Persönliche Historie: Die Trails durch Istrien sind mir keineswegs fremd. Ich kenne die Faszination und Härte dieses Rennens aus eigener Erfahrung, da ich in meiner Laufkarriere sowohl den Green Course als auch die Königsdistanz, den fordernden Red Course, schon jeweils einmal erfolgreich gelaufen bin – 2016 Green und 2018 Red😁
Wenn die Hitze das Kommando übernimmt
Es gibt solche und solche Tage im Läuferleben. Und heute ist definitiv einer jener Tage, die absolut nicht nach Plan verlaufen.
Schon vor dem Start war klar: Es wird heiß. Bis zu 27 °C im Schatten waren vorhergesagt – wobei die Formel auf dem Trail schlicht lautet: Wer den Schatten findet, darf ihn behalten! Ich habe mich eigentlich vorbildlich vorbereitet: brav und viel getrunken (und zwar keineswegs nur reines Wasser), reichlich Sonnencreme aufgetragen und eine ordentliche Kopfbedeckung aufgesetzt. Nutzt nur alles nichts, wenn der Motor von innen heraus kollabiert.
Druck auf den Ohren & Warnsignale hinter Motovun
Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen heizte sich der Körper mit jedem Kilometer unerbittlich weiter auf. Schon nach dem ersten Verpflegungspunkt am Stausee Butoniga war zu spüren, wie aggressiv die Sonne brannte. Auf dem Weg zum zweiten VP hinter der malerischen Kulisse von Motovun setzten die Probleme dann richtig ein: Druck auf den Ohren, eine leichte Orientierungslosigkeit und – noch viel schlimmer – eine massive Übelkeit, sobald ich nur einen Schluck trinken wollte.
Dabei lagen die meisten Höhenmeter eigentlich schon hinter mir. Die Strecke wäre ab jetzt flüssiger und einfacher zu laufen gewesen. Doch die verbleibenden Höhenmeter hätte ich in der immer noch drückenden Hitze fast vollständig auf dem Weg zu VP3 bewältigen müssen.

📌 Landschaft & Historie – Stausee Butoniga & Motovun
- Stausee Butoniga (Jezero Butoniga): 1988 erbauter künstlicher Stausee im Herzen Istriens. Er bildet das zentrale Trinkwasserreservoir der gesamten Halbinsel. Die freien Kanten und schattlosen Wege rund um das Wasserbecken verwandeln den Abschnitt bei Sommertemperaturen in einen regelrechten Backofen.
- Historisches Juwel Motovun: Eine weltberühmte, mittelalterliche Festungsstadt, die spektakulär auf einem 277 Meter hohen Steilhügel über dem Mirna-Tal thront. Geprägt von einer Venetianischen Stadtmauer aus dem 13. und 14. Jahrhundert und bekannt als Zentrum der istrierten Trüffelzucht. Der Anstieg über hunderte steile Pflasterstufen hinauf in den Ort brennt bei Hitze brutal in den Oberschenkeln.
Der Schatten der Vergangenheit: TGC-Erinnerungen
In solchen Momenten schaltet sich der Kopf ein. Mir hängt noch immer das damalige Finish beim Transgrancanaria (TGC) tief im Gedächtnis – inklusive Wasservergiftung, temporärem Hörverlust und Sehstörungen im Zielbereich. Damals hatte ich den Wettkampf zwar irgendwie über die Ziellinie gewandert, aber um welchen Preis? Mit welchem unverantwortlichen Risiko?
Wäre es hier möglich gewesen, das Ding im Zeitlimit irgendwie ins Ziel zu wandern? Wahrscheinlich schon. Aber will ich das? Definitiv nein!
Ich habe meiner Frau versprochen, immer auf mich aufzupassen – und dieses Versprechen schließt selbstverständlich auch den Sport mit ein. Finisher-Medaillen sind wertlos, wenn man dafür seine Gesundheit aufs Spiel setzt.
📌 Medizinischer Faktencheck – Hitze, Dehydratation & Wasservergiftung
- Wärmestau & Überhitzung: Bei hohen Außentemperaturen (über 27 °C in direkter Sonne) stoßen die Kühlmechanismen des Körpers an ihre Grenzen. Die Kerntemperatur steigt, Puls und Blutdruck geraten außer Kontrolle, Orientierungslosigkeit droht.
- Hyponatriämie (Wasservergiftung): Wer bei starker Hitze extrem viel pures Wasser ohne ausreichende Elektrolyte (insb. Natrium) trinkt, verdünnt den Natriumspiegel im Blut. Die Folge sind Zellschwellungen, Schwindel, Sehstörungen, Hörverlust und im schlimmsten Fall ein Kollaps. Ein Warnsignal ist plötzliche Übelkeit beim Trinken.
Abschied aus Istrien & Danke an die Helfer
Heute sage ich diesem wunderschönen Ultratrail in Istrien vorzeitig Auf Wiedersehen. Ich habe mich direkt beim Orga-Team ordnungsgemäß abgemeldet, damit niemand im Feld nach mir suchen muss.
Auch wenn das Rennen für mich früher zu Ende war als erhofft: Ein riesiges Dankeschön geht an all die freundlichen, lieben Helferinnen und Helfer an den VPs und an der Strecke!
Euer Thorsten


