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Komoot und sein Kartenmaterial

„Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.“

— Friedrich Nietzsche in „Götzen-Dämmerung“ (1888)

Das Versagen des Vektors: Wenn der digitale Pfad im Nichts endet

Jetzt hat es mich erwischt! Lange hat es gedauert. Oft wäre es möglich gewesen, wahrscheinlich gewesen. Komoot hat mich in die Irre geführt! Mein Lieblingstool für die Planungen von Wanderungen und Läufen hat einen markierten Wanderweg in seinen Karten, der überhaupt nicht mehr dort verläuft – und deshalb ernsthaft in die Irre führen kann. Aber wie konnte es mir zum Verhängnis werden?

Ich lief bei Freunden in einer mir unbekannten Gegend und hatte vorab mit Komoot eine Tour geplant, die vollständig auf markierten Wanderwegen liegen sollte. Ein unkomplizierter Lauf sollte es werden, eine entspannte Runde durch fremde Wälder und Täler. Also am Samstag Morgen los und alles hatte gepasst, bis die Markierungen immer spärlicher wurden und beschädigt waren. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches – wer viel auf Nebenstrecken unterwegs ist, kennt das verblasste Rot oder Blau an den Stammen althergebrachter Fichten. Also ging es mit der geplanten Route auf der GPS-Uhr weiter, bis die Markierung einmal gar nicht mehr sichtbar war. Auch kein Problem, weil der Pfad noch erkennbar war und dies öfters einmal passieren kann, bis ich den Bach laut Karte über eine Brücke überqueren sollte – und diese nicht vorhanden war und die andere Seite mit Brennnesseln zugewachsen war.

Quervergleich mit dem Handy. Ich bin richtig. Ein paar Schritte zurück. OK, hier ist die Fläche freier, ich springe rüber und schlängle mich entlang eines Rinnsals zurück auf den Track – so der Plan. Also Anlauf genommen und über den Bach gesprungen. Platsch. Bis über den Knöchel stand ich nun im Matsch. Auch gut, das werde ich überleben. Also vorsichtig weiter, während ich immer wieder einsank. Nicht gut. Also in zwei Richtungen kurz bewegt, um einen Weg durch die Brennnesseln zu findem (ich stehe schließlich nur ca. 5-10 Meter neben dem Track) und zu schauen, wie ich hier weiter rauskomme und den Track finde. Schwupp sank ich bis zum Knie mit einem Bein ein. Beim Versuch es wieder herauszuziehen, sank das zweite Bein genauso weit ein. Nun ging praktisch nichts mehr – ich stand in einem Niedermoor.

Die Füße konnte ich nicht mehr ernsthaft anziehen, also durchatmen, auf die Arme abstützen, Gewicht verteilen und die Füße langsam anheben. Erst einen auf einen dicken Ast am Boden stellen, dann den anderen. Nun rein in den Bach steigen und von dort wieder auf die feste Seite steigen.

Infobox: Geologie – Entstehung und Gefahr von Niedermooren

Hydrologie & Bodenbeschaffenheit: Im Gegensatz zu regengespeisten Hochmooren entstehen Niedermoore durch den ständigen Einfluss von Grundwasser, quelligen Hangaustritten oder verlandenden Fliessgewässern. Das organische Material (Torf) bleibt unter Wasserabschluss unvollständig zersetzt.
Physik der Einsinkgefahr: Die scheinbar feste Oberfläche aus Binsen, Seggen oder Schilf verbirgt oft wassergesättigte, nicht tragfähige Torfschichten. Tritt man durch diese Pflanzendecke, verliert der Untergrund augenblicklich jegliche Scherfestigkeit. Vakuumkräfte erschweren das Herausziehen der Beine beträchtlich – ruhiges Gewichtsverteilen auf größere Auflageflächen ist die einzige Rettungsmethode.

Zwischen OpenStreetMap und Realität: Die Tücken digitaler Kartographie

Wie aber kommt es überhaupt dazu, dass eine etablierte Outdoor-Plattform wie Komoot einen Pfad anzeigt, der vor Ort längst in einem Moor oder einem dichten Verhau geendet hat?

Infobox: Technik – Datenbasis & OSM-Kartenfehler bei Komoot

OpenStreetMap (OSM) als Fundament: Komoot nutzt als Primärquelle das weltweite Community-Kartenwerk OpenStreetMap. Wird ein Wanderweg offiziell aufgelassen, die Brücke demontiert oder der Weg durch Naturschutzmaßnahmen zurückgebaut, bleibt das Attribut (highway=path) oft jahrelang in den Geodaten bestehen, wenn kein Mapper den Fehler korrigiert.
Der Routing-Algorithmus: Routenplaner bevorzugen markierte Wanderwege gegenüber Forststraßen. Fehlen aktuelle Begehungsdaten, führt der Algorithmus den Nutzer starr über nicht mehr existierende Infrastruktur.

In solchen Momenten merkt man schnell, dass die beste Technik kein Ersatz für gesundes Menschenverstand und Aufmerksamkeit ist. Auf langen Kanten, wie ich sie etwa in der Vorbereitung auf den JUNUT geschildert habe, kann ein Navigationsfehler nicht nur nasse Füße, sondern veritablen zeitlichen Mehraufwand bedeuten.

Erkenntnis und Lehrgeld: Schuhe putzen und weiterlaufen

Was soll ich sagen? Jetzt weiß ich, wie ein solcher Untergrund aussehen kann. In Zukunft nicht mehr über Bäche hüpfen? Ist aus praktischen Gründen ausgeschlossen. Auf Komoot verzichten? Dafür ist das Tool zu hilfreich, zu oft eine wunderbare Unterstützung. Was daraus lernen? Im Zweifelsfall lieber früher als später umdrehen.

Wer viel auf Wegen unterwegs ist – ob bei extremen Vorhaben wie den Vorbereitungen zum JUNUT (nachzulesen beispielsweise im Beitrag: JUNUT 239 – Das falsche Ziel, das richtige Ziel) oder auf heimischen Pfaden des Fränkischen Albvereins –, wird immer wieder vor ungeplante Aufgaben gestellt. Am Ende zählt das bewusste Naturerleben, die Dankbarkeit für den funktionierenden Körper und die Gelassenheit, aus einer Matschlandung mit lächelndem Gesicht hervorzugehen.

So und nun muss ich die Schuhe endlich putzen.

Euer Thorsten

📌 Equipment-Guide: Dieser Beitrag ist Teil der Übersichtsseite Equipment-Guides & Praxistests. Eine Gesamtübersicht aller Testberichte, Ausrüstungs-Guides und Erfahrungsberichte findest du auf der zentralen Seite: Equipment-Guides & Praxistests: Ehrliches Feedback aus dem Gelände

STRAVA

3 Kommentare

  1. […] Der Rangau Ostweg ist der Wanderweg Nr. 24 des Fränkischen Albvereins und startet im Westen von Schwabach, der Goldschlägerstadt, an der Alten Linde, um sich dann am Rande des Rangau (ein mittlerweile eher touristisch geprägter Begriff einer Landschaft westlich von Nürnberg/Fürth, der aber einen historischen Ursprung beim Deutschherrenorden und seinem ehemaligen regionalen Verwaltungssitz in Ellingen hat) Richtung Höchstadt a. d. Aisch zu schlängeln. Die drei Kilometer zum Start kann ich selbst laufen und die eigentlichen 65 km und 600 HM sollten kein Problem sein. Das der Weg am Ende eher 1300 HM hatte, verbuche ich mal als „Messtoleranz“ (ich sage nur Online-Tourenportale, wie z.B. Komoot). […]

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