Auf einen Blick:
- Datum: Freitag, 23. April 2021
- Strecke: 62,7 km
- Höhenmeter: +705 hm
- Dauer: 8 Std. 33 Min.
- Begleitung: Flo & Hansi (Läufer), Mareike (Support & Verpflegung)
- Charakter: Zufalls-Ultralauf per Kompasspeilung (170° Südost), Zielpunkt-Romantik in Titting, verdammt viel Sonnenschein und fränkisches Ritter- & Gutmann-Bier.
„Bier ist der überzeugendste Beweis dafür, dass Gott den Menschen liebt und ihn glücklich sehen will.“
Benjamin Franklin
Die Idee: 8 Stunden nach Kompass – wohin die Flasche zeigt!
Man nehme eine leere Flasche eurer Wahl, drehe sie einmal kräftig auf dem Tisch und laufe anschließend ohne Wenn und Aber genau acht Stunden in die ermittelte Richtung – eine so simple wie verrückte Idee!
Um am Ende der acht Stunden nicht irgendwo im Nirgendwo zu stranden, ist ein verlässlicher Support-Pkw (leider) unumgänglich. Liebenswerterweise erklärte sich meine Mareike sofort dazu bereit, das Begleitfahrzeug zu steuern und uns auf der zweiten Streckenhälfte einzusammeln. Mit im Gepäck: frisch gekochte kanarische Salzkartoffeln – eine herrliche Ultraläufer-Nahrung, die ich beim Transgrancanaria (TGC) kennen und lieben gelernt habe.
Im Vorfeld hatten wir besprochen, dass wir uns auf gut laufbare Wege beschränken und schmale Trails oder unwegsame Rückewege ausblenden würden, um ordentlich Strecke zu machen. Die Peilung sollte schließlich exakt eingehalten werden!
Der Flaschendrehlauf ist eine originelle, unkonventionelle Form des Orientierungs- und Ausdauerlaufsports, bei der das reine Zufallsprinzip die klassische Streckenplanung ersetzt. Im Gegensatz zu vorgegebenen Wettkampfstrecken oder akribisch geplanten Longruns steht kein fixes Ziel fest, sondern lediglich ein zeitlicher Rahmen (z. B. 8 Stunden) sowie eine kompromisslos einzuhaltende Kompasspeilung.
- Das Prinzip: Am Startpunkt bestimmt das Drehen einer Flasche (oder ein digitaler Kompass-Zufallsgenerator) die exakte Marschrichtung in Grad (0° bis 360°). Die Läuferinnen und Läufer sind gefordert, dieser Peillinie möglichst exakt zu folgen – ungeachtet dessen, welche Landschaften, Forstabschnitte oder Orte auf diesem Vektor liegen.
- Die mentale & sportliche Herausforderung: Da die Route nicht nach Laufkomfort gewählt wird, konfrontiert das Format die Aktiven oft mit zähen Abschnitten, unwegsamen Forstwegen oder spontanen Hindernissen, was hohe mentale Flexibilität und Improvisation verlangt.
- Logistik & Ziel-Charme: Ein solches Abenteuer lebt von einem verlässlichen Support-Team. Da das Etappenende erst im Tagesverlauf entsteht, begleitet ein Support-Fahrzeug die Läufer. Der Reiz liegt im Unbekannten: Der Zufall führt oft an unerwartete historische oder kulinarische Orte, die auf keiner normalen Trainingskarte aufgetaucht wären.

Der Start: Die Weinflasche entscheidet
Pünktlich um 8 Uhr morgens steht unser Trio, der Morgenspaziergang, vor Flos Haus und bewundert die aufgeworfene Flaschensammlung. Nun gilt es, das richtige Werkzeug für unser Schicksal zu wählen: Eine Weinflasche fränkischer Herkunft und eine Sunnto 9 Baro sollen uns heute den Weg weisen.
Bei so vielen theoretischen Himmelsrichtungen drehe ich ausgerechnet eine südöstliche Richtung von exakt 170°. Begeisterung sieht im ersten Moment anders aus… Aber gut: Ein Mann, ein Wort! Und wenigstens spielt das Wetter von der ersten Minute an perfekt mit.
Die ersten Stunden: Bekannte Pfade und zähe Abschnitte
Im Grunde laufen wir auf den ersten Kilometern direkt an unserem Zuhause vorbei und folgen über zwei bis drei Stunden Wegen, die wir alle in- und auswendig kennen. Dazu kommen viel zu viele Waldwege, die eben alles andere als gut laufbar sind, sowie Forstabschnitte, die vielleicht vieles sind – aber definitiv weder schön noch spektakulär.
Der Stimmung tut das zu Beginn absolut nicht gut. Doch langsam arbeiten wir uns auf Abschnitte vor, die wir nicht schon etliche Male unter den Laufschuhen gehabt haben. Ich bin heilfroh, dass meine muskulären Probleme nicht durchschlagen, spüre aber den Trainingsrückstand zu meinen Freunden recht deutlich. Nach einigen Diskussionen im Team vermeiden wir ab sofort die kleinen, unwegsamen Waldpfade und bleiben auf den besseren Strecken. Wir brauchen schließlich endlich flüssigere Wege!

Das Auftanken in Geyern: Eiskaltes Bergwasser
Nach fünf Stunden telefoniere ich zum ersten Mal mit Mareike. Sie verspricht, in etwa einer Stunde bei uns zu sein. Geyern heißt unser ausgemachter Treffpunkt – ein Ort, der Flos Laune schlagartig und gewaltig hebt, da er verbindende Erinnerungen damit verknüpft.
Inzwischen steigen die Temperaturen immer weiter an, und am blauen Himmel ist nicht die kleinste Wolke zu sehen. Es wird warm, sehr warm, und unser Wasservorrat neigt sich bedenklich dem Ende zu. In Geyern sprechen wir einen älteren Herrn direkt an, ob wir unsere Softflasks an einer herrlichen Quelle mit frischem Bergwasser auf seinem Grundstück auffüllen dürfen. Was für ein Genuss! Verdammt kalt, glasklar und einfach nur genial.

Kurs auf die Brauereien: Von Nennslingen nach Titting
Etwas früher als Mareike treffen wir in Geyern an der BayWa ein. Wir holen uns erst einmal ein gutes Bier im Supermarkt und setzen uns entspannt auf den Parkplatz. Sechs Stunden sind wir nun schon unterwegs und das Etappenende ist spürbar nahe.
Gemeinsam mit Mareike quatschen wir, machen Witze und stellen überrascht fest: Wenn wir die Laufrichtung jetzt nur ganz leicht abwandeln, kommen wir über Nennslingen (mit seinem berühmten Ritterbier) direkt weiter nach Titting zum Gutmann! Mit diesem genialen Ziel vor Augen fühlen sich die verbleibenden 15 Kilometer überhaupt nicht mehr wie eine Last an. Als zweiter Treffpunkt wird die Brauerei Nennslingen vereinbart, und wir starten auf die nächsten fünf Kilometer.
Die Wege werden mit jedem Schritt schöner, und Hansi und ich werden zusehends ausgelassener. Die Stimmung dreht von Kilometer zu Kilometer vollkommen ins Euphorische. In Nennslingen angekommen, kaufen wir direkt bei der Brauerei einen Kasten Bier sowie drei Weizengläser, setzen uns auf die Steinbänke am kleinen Kirchvorplatz und genießen das Licht und den Moment. Das kühle Weizen tut unglaublich gut und auf einmal fühlt sich alles absolut richtig an. Nach gut 15 Minuten Pause geht es weiter.

Das Finale durchs Anlautertal: Ein emotionaler Abschied
Was nun folgt, hatten wir im Vorfeld in keiner Weise geahnt: Durch das Anlautertal schlängelt sich ein absolut genialer Weg! Die Landschaft wechselt schlagartig ihr Gesicht und präsentiert stolz die trockenen Magerrasen und baumlosen Hänge, die man sonst oft tief im Altmühltal findet. Wir steigen auf einen Höhenzug auf, blicken unter uns auf das Band der Anlauter und laufen wie neugeboren dem Tagesziel entgegen: Willkommen im Landkreis Eichstätt! Jetzt ist die Welt wieder vollkommen in Ordnung.
Warum Titting für uns alle so wichtig und emotional ist? Das ist eine lange Geschichte, deren Kurzform etwa so lautet: Flos Vater hat seinerzeit geholfen, das Gutmann-Weizen in Nürnberg bekannt zu machen (vorher gab es das dort schlichtweg nicht käuflich zu erwerben – heute kaum noch zu glauben!). Er war mit der Brauerfamilie sehr eng befreundet und verbrachte unzählige Tage mit seinen Kindern hier. Leider ist er vor nicht einmal zwei Wochen vor seinen Schöpfer getreten.
Fast könnte man glauben, dass Helmut, sein Vater, heute Morgen die Weinflasche beim Drehen bewusst genau so abgestoppt hatte, dass wir hier herauskommen mussten.
Zu unser aller riesigen Freude kommt plötzlich der alte Fritz Gutmann mit zwei seiner Kinder um die Ecke und Flo spricht ihn an. Ein langes, feines Gespräch später bringt einer seiner Söhne als kleines, persönliches Geschenk einen Kasten Gutmann-Weizen vorbei.
📌 Infobox: Die Zielregion – Das Anlautertal & Titting
- Landschaftsraum: Das Anlautertal erstreckt sich im Naturpark Altmühltal und gilt als eine der idyllischsten und ruhigsten Flusslandschaften Südfrankens.
- Geologie & Natur: Charakteristisch für den Landkreis Eichstätt sind die mageren Trockenrasenhänge, baumlosen Jura-Hochflächen und hellen Kalkfelsen, die einen faszinierenden Kontrast zu den dichten Nadelwäldern des Umlands bilden.
- Brautradition in Titting: Der Markt Titting ist eng mit der Brauerei Gutmann verbunden, die im historischen Wasserschloss ansässig ist. Die Brauerei ist weit über die Grenzen des Altmühltals hinaus für ihre traditionelle Weizenbier-Spezialität bekannt.

Dankbarkeit und Resümee
Am Ziel angekommen, wird die Heimfahrt zu einem unglaublichen Vergnügen. Niemand von uns ist mehr wegen der zähen ersten drei Stunden unglücklich. Alles hat sich gefügt und ein unerwartetes, dafür umso schöneres Ende gefunden.
Vielen Dank für diese unbezahlbaren Momente!
Euer Thorsten
PS: Weil es für uns ein solch unvergessliches Erlebnis war, wiederholten wir die Aktion Flaschendrehlauf im hübschen Wien – Link 😁


