„Unsere Wünsche sind Vorgefühle der Fähigkeiten, die in uns liegen, Vorboten desjenigen, was wir zu leisten imstande sein werden.“
— Johann Wolfgang von Goethe
Die Vorgeschichte
Alte, vergessene Pfade und historische Steige in einem Nationalpark, die in keinen modernen Flyern mehr beworben werden, aber unter bestimmten Bedingungen noch begangen werden dürfen? Schon seit geraumer Zeit reizte mich der selten begangene und langsam zuwachsende Grenzsteig nahe des Lusens im Nationalpark Bayerischer Wald.
Warum ich ihn nicht schon viel früher erkundet habe? Ganz einfach: Er gehört zu den unmarkierten Wegen des Nationalparks und unterliegt einer strengen Kernzonen-Regelung. Das Betreten ist exklusiv im Zeitraum vom 15. Juli bis zum 15. November erlaubt. Den Rest des Jahres genießt die Natur hier absoluten Vorrang – und dieser Naturschutzgedanke ist mir extrem wichtig! Ich liebe diese selten gewordenen, wilden Wälder. Wenn wir sie auch in Zukunft erleben möchten, müssen wir uns schlichtweg an die Regeln halten.
Zusätzlich stellt die Streckenlogistik von Mauth bis Bayerisch Eisenstein eine echte Herausforderung dar: Eine Punkt-zu-Punkt-Tour auf dieser Distanz ist mit dem öffentlichen Nahverkehr schlicht nicht machbar.
Der 1970 gegründete Nationalpark Bayerischer Wald ist der älteste Nationalpark Deutschlands. Zusammen mit dem angrenzenden tschechischen Nationalpark Šumava bildet er das größte zusammenhängende Waldgebiet Mitteleuropas. Zum Schutz störempfindlicher Tierarten wie dem Auerhuhn gilt in den Kernzonen vom 16. November bis 14. Juli ein striktes Wegegebot auf markierte Routen. Erst ab Mitte Juli dürfen historische, unmarkierte Pfade im Einklang mit den Bestimmungen begangen werden.

Planung, Logistik und die beste Begleitung
Wanderkarten und Komoot helfen bei einem solchen Vorhaben nur bedingt weiter, da sie keinen Aufschluss über den tatsächlichen Wegzustand oder etwaige Verhaue geben. Klar war für uns von Anfang an: Wir schlagen uns keinesfalls weglose Schneisen durch den Urwald oder hinterlassen eine Spur der Verwüstung, nur um starr den alten Grenzsteinen zu folgen. Über Komoot plante ich schließlich eine Testroute von rund 55 Kilometern und 1.700 Höhenmetern mit einigen Abschnitten auf dem Steig – eine Planung, die allerdings noch reichlich Fragezeichen enthielt.
Für Projekte mit ungewissem Ausgang ist Andy mein allerliebster Mitstreiter. Er zögerte keine Sekunde. Wir ergänzen uns auf solchen Endurance-Touren physisch wie psychisch perfekt und können uns blind aufeinander verlassen.
Da die Anfahrt gut drei Stunden dauert und wir vor Ort zwischen Start- und Zielpunkt noch eine Stunde Fahrzeit überbrücken mussten, reisten wir entspannt am Freitag an. Mein Auto parkten wir direkt im Zielort Eisenstein, während wir eine günstige Ferienwohnung nahe des Startpunkts in Mauth bezogen. So sparten wir uns das weckermäßige Grauen um 3 Uhr morgens und genossen stattdessen einen ruhigen Vorbereitungsabend mit Schwarzbier vom Fass und guten Gesprächen.
In dicht bewaldeten Kernzonen und tief eingeschnittenen Kältern gerät die Satellitennavigation regelmäßig an ihre Grenzen. Bei langen Unternehmungen ohne Netzversorgung empfiehlt sich das Abspeichern von Offline-Kartenmaterial auf GPS-Sportuhren und Smartphones. Ein rechtzeitiges Aktivieren des Energiesparmodus für das Satellitentracking sowie die Mitnahme einer kompakten Powerbank garantieren Orientierungssicherheit über viele Stunden.

Aufbruch in den schönsten Wald Deutschlands
Nach einem ausgiebigen Frühstück starteten wir kurz vor 8 Uhr morgens. Über den Goldsteig ging es zunächst hinauf zum Lusen. Über Wurzeln, Steine und den Tummelplatz arbeiteten wir uns hoch zum Gipfelkreuz auf dem gewaltigen, gelb gefleckten Blockmeer. Der Lusen ist der wohl eindrucksvollste Berg des Nationalparks – der Sage nach erschaffen vom Teufel persönlich. Das Wetter zeigte sich schwül, doch die angedrohten Sommergewitter blieben glücklicherweise erst einmal aus.
Der Lusen (1.373 m) ist berühmt für seinen weithin sichtbaren summit-Blockhaufen aus riesigen Granitquader-Gesteinen. Diese geologische Formation entstand während der Eiszeiten durch intensive Frostsprengung. Die gelb-grünliche Färbung der Felsen beruht auf dem Bewuchs durch die seltene Landkartenflechte (Rhizocarpon geographicum), die ein wichtiger Indikator für extrem reine Luftqualität ist.






Auf der Rückseite stiegen wir über holpriges Blockwerk ab und bogen auf den Grenzsteig ein. Schmale Pfade schlängelten sich durch schier endlose Heidelbeersträucher und freie Wiesenflächen. Ein stetiges, leichtes Auf und Ab führte uns über uns völlig unbekannte Kuppen wie den Plattenhausriegel. Wir trafen zwar auf etwas mehr Wanderer als erwartet, genossen aber die faszinierende Stille dieser offenen Kammlandschaft. Der Pfad war zwar schmal und technisch schwer laufbar, aber landschaftlich ein absoluter Traum.



Routenänderung: Wenn der Pfad den Weg vorgibt
Nach einigen Kilometern merkten wir beiläufig, dass uns der schmale Trail unmerklich vom eigentlichen Grenzsteig weglenkte und direkt in Richtung Rachel steuerte. Der ursprüngliche Grenzpfad schien an dieser Stelle vollkommen zugewachsen zu sein. Ein Umkehren und Suchen kam für uns nicht infrage – wir folgten dem Fluss des Weges durch die Heidelbeermeere.
Der Große Rachel ist der höchste Berg im Nationalpark Bayerischer Wald. Unterhalb des Felsgipfels liegt die steil abfallende Rachelseewand mit dem dunklen Karsee. Das nahe gelegene Waldschmidthaus dient seit Ende des 19. Jahrhunderts als wichtiger Stützpunkt für Wanderer. Aufgrund grundlegender Sanierungs- und Umbauarbeiten ist die Schank- und Übernachtungsstätte auf unbestimmte Zeit geschlossen.








Der Pfad spuckte uns schließlich kurz vor dem Aufstieg zum Großen Rachel wieder aus. Damit stand fest: Wir würden unerwartet den zweiten großen Gipfel des Nationalparks mitnehmen! Ich fühlte mich erstaunlich kraftvoll und bestens gelaunt – mein beruflicher Tapetenwechsel zeigte offenbar bereits eine sehr positive Wirkung auf den Geist. Ein kleiner Haken an der Sache: Für die ersten 25 Kilometer hatten wir viereinhalb Stunden benötigt. Ursprünglich hatten wir für die gesamte Tour knapp neun Stunden kalkuliert…

Da das Waldschmidthaus unterhalb des Rachelgipfels geschlossen war und wir nicht extra zur Racheldiensthütte absteigen wollten, disponierten wir um. Wir blieben auf dem Goldsteig in Richtung Falkenstein.
Der Große Falkenstein bietet einen der weitreichendsten Blicke über den Zwieseler Winkel. Das historische Schutzhaus auf dem Gipfelplateau wird von der Sektion Zwiesel des Bayerischen Wald-Vereins betreut. Nach umfassenden Neubauarbeiten bietet die Unterkunft moderne Schlafplätze für Etappenwanderer auf dem Goldsteig.







Wassernotstand und der Endspurt zum Schutzhaus
Der Abschnitt kurz nach dem Rachel erwies sich als alpin, ausgesetzt und wunderbar uneben – ein Traumweg, der von Eintreffenden selten am Stück begangen wird. Doch die schwüle Hitze forderte ihren Tribut: Unsere jeweils zwei Liter Flüssigkeit neigten sich bedrohlich dem Ende zu.
Die Uhren tickten, und das Schutzhaus am Falkenstein hatte regulär nur bis 17 Uhr geöffnet. Wir mussten Tempo machen. Als sich bei mir ein heftiger Wadenkrampf meldete, schluckte ich kurzerhand vier Salztabletten, massierte die Stelle durch und lief weiter. An einem klaren Gebirgsbach trank ich direkt aus der Strömung – Andy blieb zwar skeptisch, aber mein Magen steckte das Quellwasser klaglos weg.




Da sich der Weg endlos zog, nutzten wir ein seltenes Netzfenster auf der Höhe, um beim Falkenstein-Schutzhaus anzurufen. Das Wunder geschah: Wir erreichten tatsächlich jemanden, und da Übernachtungsgäste vor Ort waren, blieb die Bewirtung etwas länger geöffnet! Der enorme Druck wich schlagartig von uns.
Um 17:20 Uhr kamen wir nach einem kräftezehrenden Schlussanstieg auf der Schutzhausterrasse an. Die Druckbetankung mit zwei Weizenbieren (eines davon alkoholfrei) und einem großen Stück Käse-Johannisbeer-Kuchen erweckte meine Lebensgeister augenblicklich wieder.




Finale über den Falkenstein nach Bayerisch Eisenstein
Nachdem wir nun ungeplant alle drei großen Tausender-Gipfel des Nationalparks (Lusen, Rachel, Falkenstein) überschritten hatten, schusterten wir uns eine kurze Abstiegsvariante nach Eisenstein zusammen. Über das Zwieselerwaldhaus und breite, gut belaufbare Forstwege zogen wir die letzten Laufschritte durch den Abendwald hinab in den Zielort.



Am Ende standen unglaubliche 62 Kilometer und 2.080 Höhenmeter auf unseren Uhren – fast drei Stunden länger als gedacht. Der Grenzsteig hat sich uns auf ganzer Länge verwehrt, doch der Goldsteig entschädigte uns mit purem Trail-Genuss. Anders als gedacht, aber ein unbezahlbares Abenteuer im wilden Bayerischen Wald!
Euer Thorsten
📌 Regions-Guide: Dieser Beitrag ist Teil des Regions-Guides Bayerischer Wald. Eine Gesamtübersicht aller Berichte, Etappen und Routen findest du auf der zentralen Hub-Seite: Link


