1. Seenländer Ultratrail – eine Veranstaltung mit mehr Tiefs als Höhen

Vorgeplänkel

146km und 1700 Höhenmeter hören sich für mich nach einem gut laufbaren Ultratrail an. Das ganze Ende April und im Fränkischen Seenland, also bei mir ums Eck. Passt! Anmeldung geht ganz fix und bald sind 37 Starter zusammen, die diese Premiere mitmachen wollen!
Fünf Teilnehmer kenn ich auch persönlich, d.h. ich freue mich auf eine familiäre Laufrunde mit vielen netten Menschen – was auch so kommen sollte und mich über die Strecke tragen wird…
Es ist eine Premiere – ich beschwere mich deshalb nicht, dass die Cut-Offs erst eine Woche vor Start bekanntgegeben werden, dass der GPX Track nicht selbst erstellt wurde und einen falschen Start-Zielort angibt (den kann ich schließlich selbst noch in Komoot überarbeiten), dass es keine Informationen zum Charakter der Strecke gibt usw. Aber was gar nicht geht, ist eine reine Bekanntgabe dieser Dinge nur über Facebook. Ich nutze diese Plattform ausgiebig, finde aber, dass dies sich nicht gehört und etliche Läufer ausschließt. Es kann nicht so schwer sein, einen Newsletter zu verschicken.
Im Vorfeld hatte ich Teile der Strecke zufällig bei Trainingsläufen schon geschnitten und war von ihrer Schönheit nicht ganz überzeugt – aber vielleicht waren es nur die falschen Abschnitte, schließlich reden wir von einem offiziellen Fernwanderweg, auf dem wir laufen und der gut beworben wird (Spoiler: Der Touristikverband hat ihr keinen guten Job gemacht)
Die Start und Ziellocation überrascht mich am Freitag positiv! Alles findet im Strandhotel Seehof bei Langlau am Brombachsee statt. Einem 4* Superior Hotel mit einem äußerst freundlichen und angenehmen Personal und einem hilfsbereiten Hotelmanager. Das Briefing gerät kurzweilig und unterhaltsam und alle Starter werden namentlich einzeln aufgerufen! Der Veranstalter Michael scheint ein netter und symphatischer Mensch zu sein – und ich wünsche ihm für die kommenden Austragungen alles Gute (nur leider ohne mich)!
Das der Start auf Grund des Vogelschutzbundes um eine Stunde auf 7 Uhr verschoben wird – geschenkt. Pünktlich geht es auf die Strecke (nur hat niemand registriert, welche Läufer überhaupt gestartet sind, was später dazu führt, dass 2 Läufer gesucht werden, die gar nicht aufgebrochen sind).

Alles am Abend vorher für Morgens vorbereitet (bis auf die Regenhose…)

Die Strecke

Was soll ich dazu sagen? Eines Fernwanderweges eigentlich undwürdig! Ich liebe Wandern und ich laufe Wanderwege oft im Training, aber so etwas hatte ich bisher noch nicht oft.
Es gibt einige richtig schöne Passagen, wie zum Beispiel Spalt, die Wehrmauer bei Ornbau, das Schnittlinger Loch und die wenigen Singletrails unterwegs, ABER der Anteil an endlosen Waldautobahnen durch Forste (der Nürnberger wird dies als Steckerlaswald bezeichnen) ist ermüdend, die namensgebenden Seen werden nur gestreift und nicht wirlich eingebunden, Asphaltkilometer zu hauf und einige Passagen direkt auf Straßen. Auch wenn hierfür das Orgateam nichts kann, weil sie den Seenländer so nutzen, wie er ist, muss ich dem ganzen für eine erneute Austragung eine Absage erteilen. Abgesehen vom Mozart100 habe ich noch keinen Ultratrail gelaufen oder gesehen, der eine solch monotone Streckenführung hat – und ich gebe dem Michael recht: es gibt im fränkischen Seenland sehr viele schöne Ecken; nur eben nicht unbedingt auf dem Seenländer.

CP 4 und 5 waren der gleiche Punkt beim Wasserturm (auch hier war kurz vorher verlaufen möglich, weil der Hinweis auf die Extraschlaufe über den Historischen Eisenhammer gefehlt hat…)
Aussichtsfelsen kurz nach Pleinfeld – das Wetter zeigte sich noch von seiner schönen Seit

Die Markierungen

Mag sein, dass der Tourstikverband diese Strecke bewirbt und nicht in der Lage ist, sie zu beschildern, denn an einigen Stellen fehlen die Schilder schlicht und einfach. Sie sind nicht einfach nur schwer zu sehen, sie sind einfach nicht da! Hier hilft meinen zwei Mitstreitern und mir mein Oregon mit Track ungemein weiter.
ABER der Veranstalter hat meiner Meinung nach die Aufgabe, die Strecke abzufahren, dies zu prüfen und dann die Teilnehmer im Vorfeld darauf hinzuweisen. Dann kann jeder Starter sein Handheld mitnehmen und dieses Problem lösen. Wieso ich so hart bin? Die meisten Läufer geben auf, weil sie im Unwetter (und das war ein ordentliches) völlig orientierungslos über Wiesen und Felder, durch Täler und über Straßen stolpern, sich mehrfach! verlaufen, in Bushaltestellen verkriechen und mit Kreislaufproblemen und unterkühlt aussteigen. Alle Läufer die ich an diesem Wochende sehe und mit denen ich spreche, sind mehrfach vom Weg abgekommen, nehmen Umwege in Kauf und müssen sich letztendlich mit den Elektrogeräten behelfen, so fern sie welche dabei haben. (Glücklich ist der, welcher eine ordentliche Powerbank einstecken hat)
Richtungspfeile auf den Schildern sind auf Grund der Farbe von den meisten Teilnehmern nur schwer zu erkennen und führen öfters zu Verwirrungen, aber davon lassen wir uns nicht aus der Fassung bringen.

Die Checkpoints

Wie angekündigt und erwartet, beschränken sich die Checkpoints auf das Nötigste: Wasser, Cola, Limo, Schokolade, hartgekochte Eier und Salzkekse. Warum aber gibt es in der Nacht (nachdem das Unwetter ja angekündigt war) an keinem einzigen Punkt etwas warmes? Egal was! Bis auf einen Punkt, sind alle mitten im Freien ohne Unterstand – und dieser Eine ist ein Kuhstall mit Bewohnern. Das hat schon etwas! Auf Heuballen legen wir unsere Sachen ab, ziehen warme und trockene Klamotten an und hoffen inständig auf besseres Wetter. Die Helfer sind an jedem dieser Punkte spitze und müssen ausdrücklich gelobt werden!!!

Checkpoint mit Dropbagstation im Kuhstall 🙂

Das Wetter

Die Hälfte der Strecke trocken und leicht bewölkt bei bis zu 16°C ist spitze! Aber das schwere Unwetter am späten Nachmittag und frühen Abend lässt über 10 Teilneher aussteigen und weniger als 20 ankommen. Die Regenjacken werden langsam undicht, das Wasser dringt ein, alle zittern, manche Teilnehmer verlaufen sich im Unwetter, fangen an, über Rettungsdecken nachzudenken usw. Zum ersten Mal in meinem Läuferleben will ich vorzeitig abbrechen. Ich rufe vom Kuhstall aus, meine Frau an, verzweifelt, weil ich stark zittere, mein Körper nicht mehr warm wird, ob sie mich am nächsten CP bei 103km abholen kann. Meinen zwei Mitstreitern Tom und Marcus ist es zu verdanken, dass ich doch noch drann bleibe und das „Taxi“ wieder abbestelle. Uns Dreien ist klar, dass ein zweiter starker Regenguss, auch für uns den Rennabbruch bedeutet und uns körperlich überfordertet. Wir hoffen inständig das Beste und haben die restliche Nacht Glück, dass es mit 4°C und Wind nur verdammt kalt geworden ist, aber trocken bleibt. Wir frieren zwar an jedem CP, aber das ist angesichts der Situation schon jammern auf hohem Niveau.

Das Trio

Von Anfang an bildet sich mit Marcus und Tom ein Trio heraus, weil wir alle das gleiche Zeitziel haben. Ja, die Leistungsunterschiede sind da, aber es kommt der Punkt, wo keiner den anderen mehr zurücklassen möchte. Marcus hat tagsüber mit seinem Knie bedenken und läuft langsamer. Ich erleide Nachmittags einen Migräneanfall. Toms Motivation ist in der Nacht in einem gefühlt endlosen Wald am Ende und ich kriege auf den letzten 20km kaum noch die Beine hoch und wir wandern deshalb sehr viel. Uns ist das egal – zu dritt quetschen wir uns durch eine Drehtür in die Hotellobby (das Ziel!) und lassen uns auf den gleichen Rang schreiben. Vielen Dank ihr Zwei!!!

S… Regen

Der Rennverlauf

Einfach ausgedrückt? 90km rollt es gut und flüssig und 56km lang ist es zäh. Woran merkt man, dass einem die ewig schlechte Markierung nervt? Man wandert Nachts auf einer Straße zum nächsten Ort, weil der Wanderweg nicht auffindbar ist – mehrfach. Andere Läufer trifft man nach der Hälfte der Strecke außerhalb der CP’s nicht mehr – abgesehen von einem Pärchen, welches wir an den CP’s immer wieder sehen und 20km vor dem Ziel überholen, weil es sich im Wald verläuft (während wir auf einer großen Straße marschieren und von Autofahrern die Lichthupe erhalten, weil… Ihr wisst schon warum). Die junge Läuferin dieses Pärchens sollte auch die einzige Teilnehmerin bleiben, die überhaupt finisht! Glückwunsch zu dieser Leistung Daniela! Auch wenn du beim Zieleinlauf in der Lobby von den Strapazen sehr gezeichnet aussiehst, diesen Erfolg kann dir keiner nehmen. Kurz vor Spalt im Hellen treffen wir auf unseren guten Läuferkollegen Gerhard, der einen Trainingslauf veranstaltet, um die Läufer auf der Strecke anzufeuern (vielen Dank für die guten Worte!). Kurzerhand läuft er mit unserem Trio zurück nach Spalt und bewahrt uns vor weiteren Umwegen. Die Ultraläuferszene ist schon etwas besonderes.
Der schnellste Läufer soll planmäßig nach ca. 13h finishen – 16 Stunden werden es bei ihm jedoch. Daneben schauen unsere 22,5h gar nicht mehr so schlecht aus. Im Grunde genommen kommen fast alle Läufer zwischen 16 und 23h herein, was ein erstaunlich kleines Zeitfenster für eine solche Veranstaltung ist; es scheint jedoch ein Indiz dafür zu sein, dass alle Läufer trainiert und erfahren sind und unter besseren äußeren Bedingungen mehr drin ist.

Ausrüstung

Die Hoka Speedgoat 2 waren für die Strecke mir fast zu hart. Entweder ich nutze nächstes Mal wieder die Hoka Mafatee oder ich würde eine solche Strecke gleich in Straßenlaufschuhen auf mich nehmen (trailig war es nur ganz selten). Die Fußsohlen hatten mir gegen Ende der Nacht deutlich stärker geschmerzt, als ich es zum Beispiel bei den 100 Meilen in Istrien erlebt habe.

Wärmere Klamotten im Dropbag und eine Regenhose im Rucksack wären wichtig gewesen und hätten das Leiden reduziert – mein Fehler.
Das Garmin Oregon war Gold wert! Die Powerbank wird aber gebraucht. Ob eine Garmin Fenix mit Kartendarstellung da ausreicht, wage ich zu bezweifeln. Wurmnavigation alleine, wie bei allen anderen Uhren, wäre aber nicht gut gegangen.
Die Silva Trail Speed 3 mit dem extra großen Akku leuchtete die ganze Nacht auch auf stärkerer Stufe ohne Murren und hatte noch immer genug Saft für eine ganze weitere Nacht – defintiv beim nächsten Mal wieder im Rucksack.

Fazit

Menschlich waren alle spitze und es war eine Freude mit ihnen Zeit zu verbringen. Die Veranstaltung selber hat jedoch noch Verbesserungsbedarf, was aber kein Hindernis ist, weil der Veranstalter Michael und sein Team motiviert sind und viel Erfahrung als Teilnehmer von Wettkämpfen haben. Auch die Location mit dem Hotel ist perfekt. Die Strecke ist jedoch der eigentliche Knackpunkt und diese kann nicht geändert werden. Ich würde deshalb dort nicht mehr starten (aber sehr wahrscheinlich bei einem anderen Lauf von Michael!)

Weitere Bilder von der Veranstaltung auf meinem Nikon Image Space Konto

Strava: 1. Seenländer Ultratrail

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